Das Emp­fangs­be­kennt­nis und der Fris­ten­ka­len­der des Rechts­an­walts

Der Rechts­an­walt darf das Emp­fangs­be­kennt­nis nur unter­zeich­nen und zurück­ge­ben, wenn sicher­ge­stellt ist, dass in den Hand­ak­ten die Rechts­mit­tel­frist fest­ge­hal­ten und ver­merkt ist, dass die Frist im Fris­ten­ka­len­der notiert wor­den ist. Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof in einem aktu­el­len Beschluss noch­mals bestä­tigt.

Das Emp­fangs­be­kennt­nis und der Fris­ten­ka­len­der des Rechts­an­walts

Orga­ni­sa­ti­on vs. Ein­zel­wei­sung

Von die­sem Grund­satz – zuerst die Fris­ten­no­tie­rung, dann erst die Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses – soll­te auch nicht durch eine Ein­zel­wei­sung des Anwalts abge­wi­chen wer­den, wie die aktu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs zeigt:

Zwar trifft zu, dass es auf die all­ge­mei­nen orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­keh­run­gen in einer Rechts­an­walts­kanz­lei für die Fris­t­wah­rung nicht ent­schei­dend ankommt, wenn der Rechts­an­walt von ihnen abweicht und statt­des­sen eine genaue Anwei­sung für den kon­kre­ten Fall erteilt, deren Befol­gung die Fris­t­wah­rung sicher­ge­stellt hät­te [1]. Jedoch kann eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung den Rechts­an­walt dann nicht von einer unzu­rei­chen­den Büro­or­ga­ni­sa­ti­on ent­las­ten, wenn die­se die bestehen­de Orga­ni­sa­ti­on nicht außer Kraft setzt, son­dern sich dar­in ein­fügt und nur ein­zel­ne Ele­men­te ersetzt, wäh­rend ande­re ihre Bedeu­tung behal­ten, die bestimmt sind, der Frist­ver­säum­nis ent­ge­gen­zu­wir­ken, die­ses infol­ge eines Orga­ni­sa­ti­ons­man­gels aber nicht bewir­ken [2]. Im Fal­le der Zustel­lung eines Schrift­stücks an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei nach § 174 ZPO kommt es für den Frist­be­ginn dar­auf an, wann der Rechts­an­walt das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net hat. Dem­entspre­chend muss­te auch dem anwalt­li­chen Ver­tre­ter der Klä­ge­rin bekannt sein, dass nicht der Ein­gangs­stem­pel, son­dern allein das Datum, unter dem das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net wor­den war, für den Beginn der Rechts­mit­tel­frist maß­ge­bend ist [3]. Die Anfer­ti­gung eines Ver­merks über das Datum der Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses ist auch dann not­wen­dig, wenn die Anwei­sung besteht, eine mit einem Ein­gangs­stem­pel ver­se­he­ne Urteils­aus­fer­ti­gung zu den Hand­ak­ten zu neh­men, denn ein sol­cher Stem­pel besagt für den Zeit­punkt der Zustel­lung nichts. Es besteht die Gefahr, dass das Datum des Ein­gangs­stem­pels nicht mit dem allein maß­geb­li­chen Datum über­ein­stimmt, unter dem der Anwalt das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net hat. Wird ein so wich­ti­ger Vor­gang wie die Notie­rung einer Rechts­mit­tel­frist nur münd­lich ver­mit­telt, müs­sen in der Rechts­an­walts­kanz­lei aus­rei­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen dafür getrof­fen sein, dass der münd­li­che Hin­weis ord­nungs­ge­mäß umge­setzt wird. Um zu gewähr­leis­ten, dass ein sol­cher Ver­merk ange­fer­tigt wird und das maß­ge­ben­de Datum zutref­fend wie­der­gibt, darf der Rechts­an­walt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs das Emp­fangs­be­kennt­nis über eine Urteils­zu­stel­lung nur unter­zeich­nen und zurück­ge­ben, wenn sicher­ge­stellt ist, dass in den Hand­ak­ten die Rechts­mit­tel­frist fest­ge­hal­ten und ver­merkt ist, dass die Frist im Fris­ten­ka­len­der notiert wor­den ist (BGH, Beschlüs­se vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, aaO; vom 26.03.1996 – VI ZB 1/​96 und VI ZR 2/​96, NJW 1996, 1900, 1901; und vom 30.11.1994 – XII ZB 197/​94, BGHR ZPO § 233 – Emp­fangs­be­kennt­nis 1 m.w.N.)).

Die­se Sorg­falts­an­for­de­run­gen erfüll­te, so der BGH in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den, die in der Kanz­lei des Rechts­an­walts der Klä­ge­rin geüb­te Fris­ten­kon­trol­le nicht. Das Emp­fangs­be­kennt­nis wur­de viel­mehr am 24. Juni 2009 unter­zeich­net und an das Land­ge­richt zurück­ge­ge­ben, wo es am 26. Juni 2009 ein­ging, ohne die Notie­rung der Rechts­mit­tel­frist, die erst am 26. Juni 2009 erfolg­te, sicher­zu­stel­len. Ob und ggf. auf wel­che Wei­se im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin die Aus­füh­rung münd­lich erteil­ter Anwei­sun­gen kon­trol­liert wur­de, ist nicht dar­ge­legt. Der all­ge­mei­ne Vor­trag, die Arbei­ten der Büro­fach­an­ge­stell­ten wür­den stich­pro­ben­ar­tig kon­trol­liert, reicht hier­für nicht aus. Es fehlt jeder Vor­trag dazu, in wel­cher Wei­se in dem Anwalts­bü­ro die Notie­rung von Fris­ten kon­trol­liert wird. Die­ses Feh­len jeder Siche­rung bedeu­tet einen ent­schei­den­den Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel (vgl. BGH, Beschlüs­se vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, aaO; und vom 10.10.1991 – VII ZB 4/​91, NJW 1992, 574)). Ein Anlass, in beson­de­rer Wei­se sicher­zu­stel­len, dass die kon­kre­te Fris­tein­tra­gung rich­tig erfolg­te, bestand im Übri­gen auf­grund der mit der aus­drück­li­chen Anwei­sung des Rechts­an­walts vom übli­chen Ablauf abwei­chen­den Hand­ha­bung.

Das (der Par­tei gemaß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­de) Ver­säum­nis des anwalt­li­chen Ver­tre­ters der Klä­ge­rin war für die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist auch ursäch­lich, so der BGH wei­ter. Wäre das Emp­fangs­be­kennt­nis an das Land­ge­richt erst nach Anfer­ti­gung des Ver­merks über das Datum der Unter­zeich­nung und Fest­hal­tung der Rechts­mit­tel­frist in den Hand­ak­ten und im Fris­ten­ka­len­der zurück­ge­sandt wor­den, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Beru­fung recht­zei­tig ein­ge­legt wor­den wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Janu­ar 2010 – VI ZB 64/​09

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 25.06.2009 – V ZB 191/​08, NJW 2009, 3036; vom 23.10.2003 – V ZB 28/​03, NJW 2004, 367, 369; vom 06.07.2000 – VII ZB 4/​00, NJW 2000, 2823). In einem sol­chen Fall ist für die Frist­ver­säum­nis nicht die Büro­or­ga­ni­sa­ti­on, son­dern der Feh­ler des Mit­ar­bei­ters ursäch­lich, weil ein Rechts­an­walt grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en darf, dass die einem zuver­läs­si­gen Mit­ar­bei­ter erteil­te Ein­zel­an­wei­sung befolgt wird (BGH, Beschluss vom 22.06.2004 – VI ZB 10/​04, NJW-RR 2004, 1361, 1362 und vom 04.11.2003 – VI ZB 50/​03, NJW 2004, 688, 689; BGH, Beschlüs­se vom 13.09.2006 – XII ZB 103/​06, NJW-RR 2007, 127, 128[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.06.2009 – V ZB 191/​08, aaO, Rn. 9; und vom 23.10.2003 – V ZB 28/​03, aaO).

    Ein­gangs­da­tum vs. Zustel­lungs­da­tum

    Zur Bestim­mung des Beginns einer Rechts­mit­tel­frist ist es erfor­der­lich, das dafür maß­geb­li­che Datum der Urteils­zu­stel­lung in einer jeden Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Wei­se zu ermit­teln und fest­zu­hal­ten ((vgl. BGH, Beschluss vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, VersR 2003, 1459, 1460 m.w.N.[]

  3. BGH, Beschluss vom 16.04.1996 – VI ZR 362/​95, NJW 1996, 1968, 1969; BGH, Beschluss vom 13.03.1991 – XII ZB 22/​91, VersR 1992, 118, 119). Des­halb bedarf es eines beson­de­ren Ver­merks in den Hand­ak­ten, wann die Zustel­lung des Urteils erfolgt ist. Die­sen Ver­merk ver­mag der Ein­gangs­stem­pel des Anwalts­bü­ros auf dem zuge­stell­ten Urteil nicht zu erset­zen, weil er nur den Ein­gang des Doku­ments in der Kanz­lei bestä­tigt, nicht jedoch die für eine Zustel­lung gemäß § 174 ZPO erfor­der­li­che und für den Frist­be­ginn maß­geb­li­che Ent­ge­gen­nah­me durch den Rechts­an­walt ((vgl. BGH, Beschluss vom 16.04.1996 – VI ZR 362/​95, aaO[]