Der doch noch nicht ver­wirk­te Zah­lungs­ti­tel

Der Gläu­bi­ger ver­wirkt einen rechts­kräf­tig aus­ge­ur­teil­ten Zah­lungs­an­spruch nicht allein dadurch, dass er über einen Zeit­raum von 13 Jah­ren kei­nen Voll­stre­ckungs­ver­such unter­nimmt.

Der doch noch nicht ver­wirk­te Zah­lungs­ti­tel

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist der Rechts­ge­dan­ke der Ver­wir­kung, der auch im Miet- und Pacht­recht gilt, ein Unter­fall der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung auf­grund wider­sprüch­li­chen Ver­hal­tens. Danach ist ein Recht ver­wirkt, wenn der Berech­tig­te es län­ge­re Zeit hin­durch nicht gel­tend gemacht und der Ver­pflich­te­te sich dar­auf ein­ge­rich­tet hat und nach dem gesam­ten Ver­hal­ten des Berech­tig­ten dar­auf ein­rich­ten durf­te, dass die­ser das Recht auch in Zukunft nicht gel­tend machen wer­de. Die Annah­me einer Ver­wir­kung setzt somit neben dem Zeit­ab­lauf das Vor­lie­gen beson­de­rer, ein sol­ches Ver­trau­en des Ver­pflich­te­ten begrün­den­der Umstän­de vor­aus. Ob eine Ver­wir­kung vor­liegt, rich­tet sich letzt­lich nach den vom Tatrich­ter fest­zu­stel­len­den und zu wür­di­gen­den Umstän­den des Ein­zel­fal­les 1.

Ob der Ablauf von 13 Jah­ren, wäh­rend derer die Titel nicht voll­streckt wur­den, eine aus­rei­chend lan­ge Zeit­span­ne dar­stellt, bei der eine Anspruchs­ver­wir­kung grund­sätz­lich in Betracht kommt, kann im Ergeb­nis eben­so dahin­ste­hen wie die Fra­ge, ob der Schuld­ner eine Ver­trau­ens­dis­po­si­ti­on getrof­fen hat, indem er die Bele­ge, die nach sei­nem Vor­brin­gen bereits im Jahr 1997 durch sei­nen Steu­er­be­ra­ter ver­nich­tet wor­den waren, nicht von der Bank repro­du­zie­ren ließ, bevor sie dort gelöscht wur­den.

Denn jeden­falls kann nicht der Annah­me gefolgt wer­den, der Schuld­ner habe sich nach den gesam­ten Umstän­den dar­auf ein­rich­ten dür­fen, dass die Gläu­bi­ge­rin ihre Rech­te aus den Titeln nicht mehr gel­tend machen wer­de.

Bei dem Rechts­ge­dan­ken der Ver­wir­kung kommt es in ers­ter Linie auf das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten an. Mit der Ver­wir­kung soll die illoy­al ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung von Rech­ten gegen­über dem Ver­pflich­te­ten aus­ge­schlos­sen wer­den. Dabei ist das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten nach objek­ti­ven Gesichts­punk­ten zu beur­tei­len. Maß­ge­bend ist inso­weit, ob bei objek­ti­ver Beur­tei­lung der Ver­pflich­te­te dem Ver­hal­ten des Berech­tig­ten ent­neh­men durf­te, dass die­ser sein Recht nicht mehr gel­tend machen wol­le, ob er sich also dar­auf ein­rich­ten durf­te, dass er mit einer Rechts­aus­übung durch den Berech­tig­ten nicht mehr zu rech­nen brau­che 2.

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs müs­sen daher zu dem rei­nen Zeit­ab­lauf beson­de­re, auf dem Ver­hal­ten des Berech­tig­ten beru­hen­de Umstän­de hin­zu­tre­ten, die das Ver­trau­en des Ver­pflich­te­ten recht­fer­ti­gen, der Berech­tig­te wer­de sei­nen Anspruch nicht mehr gel­tend machen 3. Der Ver­trau­ens­tat­be­stand kann nicht durch blo­ßen Zeit­ab­lauf geschaf­fen wer­den 4.

Hin­zu kommt, dass es sich hier um titu­lier­te Ansprü­che han­delt. Lässt ein Gläu­bi­ger sei­nen Anspruch durch Gerichts­ur­teil titu­lie­ren, gibt er bereits dadurch zu erken­nen, dass er die For­de­rung durch­set­zen will und sich dazu eines Weges bedient, der ihm dies grund­sätz­lich für die Dau­er von 30 Jah­ren ermög­licht. Bei die­ser Aus­gangs­la­ge liegt die Annah­me, ein anschlie­ßen­des Ruhen der Ange­le­gen­heit kön­ne bedeu­ten, der Gläu­bi­ger wol­le den Anspruch end­gül­tig nicht mehr durch­set­zen, umso fer­ner.

Abge­se­hen davon ist der Schuld­ner nach etwai­ger Erfül­lung der Schuld kei­nes­wegs schutz­los. Er kann nicht nur eine Quit­tung bean­spru­chen (§ 368 BGB), son­dern auch den Titel selbst vom Gläu­bi­ger her­aus ver­lan­gen (§ 371 BGB ana­log).

Nach den von den Vor­in­stan­zen getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen liegt in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ein ver­trau­ens­be­grün­den­des Ver­hal­ten der Gläu­bi­ge­rin nicht vor. Nach den Annah­men des Ober­lan­des­ge­richts war die Ange­le­gen­heit bei der Gläu­bi­ge­rin außer Kon­trol­le gera­ten und des­halb 13 Jah­re lang unbe­ach­tet geblie­ben. Das ist kein Umstand, aus dem ein Schuld­ner das Ver­trau­en grün­den darf, ein titu­lier­ter Rechts­an­spruch sol­le nicht mehr durch­ge­setzt wer­den.

Im Übri­gen ist das Ober­lan­des­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, dass der Schuld­ner sei­ne Bele­ge mit der Erwä­gung ver­nich­te­te bzw. die vom Steu­er­be­ra­ter vor­zei­tig ver­nich­te­ten Bele­ge nicht repro­du­zie­ren ließ, dass die­se wegen Ablauf der steu­er­li­chen Auf­be­wah­rungs­fris­ten nicht mehr benö­tigt wür­den. Mit­hin beruht sei­ne Ver­trau­ens­dis­po­si­ti­on nicht auf Umstän­den aus der Sphä­re der Gläu­bi­ge­rin.

Damit fehlt es ins­ge­samt an einem für die Ver­wir­kung erfor­der­li­chen Umstands­mo­ment.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Okto­ber 2013 – XII ZR 59/​12

  1. BGH, Urtei­le vom 17.11.2010 – XII ZR 124/​09, NJW 2011, 445; und vom 27.01.2010 – XII ZR 22/​07, NZM 2010, 240 Rn. 32 mwN[]
  2. BGHZ 25, 47, 52 = NJW 1957, 1358; RGZ 155, 152[]
  3. BGHZ 105, 290, 298 = NJW 1989, 836; BGH Urtei­le vom 18.01.2001 – VII ZR 416/​99, NJW 2001, 1649; vom 14.11.2002 – VII ZR 23/​02, NJW 2003, 824 und vom 30.10.2009 – V ZR 42/​09, NJW 2010, 1074[]
  4. BGH Urtei­le BGHZ 43, 289, 292 = NJW 1965, 1532; vom 20.12.1968 – V ZR 97/​65WM 1969, 182; vom 29.02.1984 – VIII ZR 310/​82, NJW 1984, 1684 vom 27.03.2001 – VI ZR 12/​00NZV 2001, 464, 466 und vom 14.11.2002 – VII ZR 23/​02, NJW 2003, 824 juris Rn. 9[]