Der gezogene Weisheitszahn

Die Aufklärung darüber, dass es im Zusammenhang mit der Extraktion eines Weissheitszahns zu einer Nervschädigung mit der Folge des Ausfalls der Geschmackswahrnehmung und der Sensibilität kommen kann, erfasst auch die Möglichkeit eines dauerhaften Ausfalls. Eines ausdrücklichen Hinweises hierauf bedarf es nicht, wenn sich nicht aus sonstigen Umständen für den Patienten der Eindruck ergeben kann, es komme nur ein vorübergehender Ausfall in Betracht.

Der gezogene Weisheitszahn

Eine ordnungsgemäße Aufklärung und damit wirksame Einwilligung des Patienten in die Behandlung hat der Arzt zu beweisen1. Dabei dürfen an den dem Arzt obliegenden Beweis der ordnungsgemäßen Aufklärung des Patienten keine unbillig hohen Anforderungen gestellt werden. Die ständige Übung und Handhabung der Aufklärung von Patienten kann ein wichtiges Indiz für eine Aufklärung des Patienten auch im Einzelfall darstellen2. Besteht einiger Anhalt für die schriftsätzlich vorgetragene Sachdarstellung des Arztes über eine Aufklärung, sind zudem die Parteien zu ihrem jeweiligen Vorbringen mündlich zumindest gem. § 141 ZPO anzuhören3. Sofern einiger Beweis für ein gewissenhaftes Aufklärungsgespräch erbracht ist, sollte dem Arzt im Zweifel geglaubt werden, dass die Aufklärung auch im Einzelfall in der gebotenen Weise geschehen ist4.

Der Patient muss „im Großen und Ganzen“ wissen, worin er einwilligt. Er muss über die Art des Eingriffs und seine nicht ganz außerhalb der Wahrscheinlichkeit liegenden Risiken informiert werden, soweit diese sich für einen medizinischen Laien aus der Art des Eingriffs nicht ohnehin ergeben und für seine Entschließung von Bedeutung sein können. Dazu genügt es, dass der Patient ein allgemeines Bild von der Schwere und Richtung des Risikospektrums erhält5. Die Aufklärung soll nicht medizinisches Detailwissen vermitteln, sondern dem Patienten eine ergebnisbezogene Entscheidungsgrundlage seiner Kompetenz zur Selbstbestimmung geben. Die Risiken müssen deshalb nicht medizinisch exakt und in allen denkbaren Erscheinungsformen mitgeteilt werden; es genügt, wenn die Stoßrichtung der Risiken zutreffend dargestellt wird6.

Im vorliegenden Fall hatte der Zahnarzt seinen Patienten am hinterleuchteten Röntgenbild die zu entfernenden Zähne gezeigt und sodann anhand des Bildes bei Oberkieferextraktionen darauf hingewiesen, dass die Kieferhöhle eröffnet werden könne. Bei Unterkieferextraktionen hatte er den Verlauf von zwei Nerven nachgezeichnet und erklärt, der an der Wange laufende Nerv sei für das Gefühl im Zahnfleisch, in den Lippen und an den Zähnen verantwortlich. Der andere Nerv verlaufe innen und sei für das Gefühl und den Geschmackssinn der Zunge verantwortlich. Beide Nerven könnten bei der Extraktion geschädigt werden. Schließlich könne es zu Blutungen, Entzündungen und Schwellungen kommen.

Das Oberlandesgericht Karlsruhe hielt diese Belehrung für ausreichend.

Eines ausdrücklichen Hinweises, dass der Ausfall der Geschmackswahrnehmung bzw. der Sensibilität auch dauerhaft sein könne, bedurfte es hingegen nicht. Die Benennung der jeweiligen Versorgungsgebiete einschließlich der Funktion der möglicherweise durch Schädigung betroffenen Nerven versetzte die Patientin ohne weiteres in die Lage, die Stoßrichtung der Risiken zu erfassen und ggfls. weitere und/oder vertiefende Fragen an den Zahnarzt zu stellen. Sie musste davon ausgehen, dass unter Umständen Geschmack und Sensibilität beeinträchtigt sind und – je nach Grad der Beschädigung – auch vollständig und dauerhaft ausfallen. Es bestand für die Patientin angesichts der Informationen durch den Zahnarzt kein Anlass, sich einer bei der Schädigung des Nervus lingualis durch Leitungsanästhesie vergleichbaren Erwartungshaltung, die Beeinträchtigung sei nur vorübergehender Natur, hinzugeben. Soweit im Übrigen in der Rechtsprechung der Hinweis auf „Nervschädigungen“ teilweise als nicht ausreichend erachtet wurde, um den Patienten ein zutreffendes Bild über die Risiken des Eingriffs zu vermitteln, war im Unterschied zum Streitfall ersichtlich entweder der konkret betroffene Nerv7, oder ebenfalls zumindest das Versorgungsgebiet des Nervens und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Funktion8nicht benannt worden. Auch der Entscheidung des OLG Koblenz vom 22.08.20129 lag die abweichende Fallgestaltung zugrunde, dass dem bloßen Hinweis auf eine mögliche Nervschädigung im Rahmen einer Implantatversorgung keine ergänzende Erläuterung gefolgt war.

Oberlandesgericht Karlsruhe, Urteil vom 3. Juli 2013 – 7 U 143/12

  1. vgl. nur: BGH, NJW 1992, 2354[]
  2. vgl. BGH, VersR 1992, 237 m.w.N.; NJW 1986, 2885[]
  3. OLGR Koblenz 2008, 178, OLGR München 2003, 423; OLGR Saarbrücken 2000, 296[]
  4. BGH, NJW 1985, 1399[]
  5. BGH NJW 1992, 2351[]
  6. BGH NJW 2000, 1784; Geiß/Greiner, Arzthaftpflichtrecht, 4. Aufl., Teil C Rdnr. 85 m.w.N.[]
  7. bspw. zum Risiko der Peroneusverletzung vgl. OLG Koblenz, VersR 2008, 690[]
  8. bspw. die dauerhafte Lähmung im Versorgungsgebiet vgl. OLG Nürnberg NJW-RR 2004, 1543; OLG Naumburg, Urteil vom 21.02.2007 – 1 U 33/06[]
  9. OLG Koblenz, Urteil vom 22.08.2012 – 5 U 496/12, MDR 2012, 1286[]