Der "Mus­ter­pro­zess" vor dem BGH – und die Aus­set­zung des Ver­fah­rens

Ein Gericht kann einen bei ihm anhän­gi­gen Zivil­pro­zess gegen den Wil­len der Par­tei­en nicht ana­log § 148 ZPO bis zur Ent­schei­dung eines beim Bun­des­ge­richts­hof in einer Par­al­lel­sa­che anhän­gi­gen Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­rens aus­set­zen.

Der "Mus­ter­pro­zess" vor dem BGH – und die Aus­set­zung des Ver­fah­rens

Die Aus­set­zung lässt sich nicht unmit­tel­bar auf § 148 ZPO stüt­zen, weil die Vor­schrift vor­aus­setzt, dass die im ande­ren Rechts­streit zu tref­fen­de Ent­schei­dung die hier anste­hen­de recht­lich beein­flus­sen kann 1. Die Mög­lich­keit einer ledig­lich tat­säch­li­chen Beein­flus­sung genügt dafür nicht.

Aber auch eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 148 ZPO schei­det aus. Dabei kann offen blei­ben, ob nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 2, die eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 148 ZPO im Grund­satz ablehnt, eine Aus­set­zung aus­nahms­wei­se dann erfol­gen darf, wenn – was hier zwei­fel­haft erscheint – die Zahl der bei dem Gericht anhän­gi­gen Ver­fah­ren eine Gren­ze erreicht, bei der eine ange­mes­se­ne Bewäl­ti­gung schlecht­hin nicht mehr mög­lich ist 3.

Die ana­lo­ge Anwen­dung des § 148 ZPO schei­det hier jeden­falls schon des­halb aus, weil in dem in Bezug genom­me­nen "Mus­ter­ver­fah­ren" die Revi­si­on vom Beru­fungs­ge­richt nicht zuge­las­sen wor­den ist. Im Ver­fah­ren über die dage­gen gerich­te­te Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird zunächst geprüft, ob Revi­si­ons­zu­las­sungs­grün­de im Sin­ne des § 543 ZPO vor­lie­gen. Jeden­falls für den Fall der Zurück­wei­sung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de kann des­halb mit einer Klä­rung von für das aus­ge­setz­te Ver­fah­ren bedeut­sa­men Rechts­fra­gen nicht gerech­net wer­den.

Die Beklag­ten ver­hal­ten sich auch nicht treu­wid­rig, wenn sie aus öko­no­mi­schen Grün­den nur in einem aus­ge­wähl­ten Ver­fah­ren gegen die Aus­set­zungs­ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts vor­ge­hen. Die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung ermög­licht es den Beklag­ten, ande­re aus glei­chem Grun­de aus­ge­setz­te Par­al­lel­ver­fah­ren unge­ach­tet der Unan­fecht­bar­keit der dor­ti­gen Aus­set­zungs­be­schlüs­se wie­der auf­zu­ru­fen 4. Einer geson­der­ten Anfech­tung jener Aus­set­zungs­ent­schei­dun­gen, wel­che zusätz­li­che Kos­ten ver­ur­sacht hät­te, bedarf es des­halb nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. April 2015 – IV ZB 28/​14

  1. BGH, Beschlüs­se vom 28.02.2012 – VIII ZB 54/​11, NJW-RR 2012, 575 Rn. 6; vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, BGHZ 162, 373, 375[]
  2. BGH, Beschluss vom 25.01.2006 – IV ZB 36/​03 2; BGH, Beschlüs­se vom 08.04.2014 – XI ZB 40/​11, NJW-RR 2014, 758 Rn. 15; vom 28.02.2012 – VIII ZB 54/​11, NJW-RR 2012, 575 Rn. 7; vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, BGHZ 162, 373, 376[]
  3. vgl. dazu BGH, Beschlüs­se vom 28.02.2012 – VIII ZB 54/​11, NJW-RR 2012, 575 Rn. 8; vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, BGHZ 162, 373, 377[]
  4. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 08.04.2014 – XI ZB 40/​11, NJW-RR 2014, 758 Rn. 10 m.w.N.[]