Der wegen Zah­lungs­ver­zug gekün­dig­te Han­dy­ver­trag – und der Scha­dens­er­satz

Nach Ansicht des Amts­ge­richts Tem­pel­hof-Kreuz­berg hat ein Mobil­funk­an­bie­ter, nach­dem er einen für eine bestimm­te Lauf­zeit abge­schlos­se­nen Mobil­funk­ver­trag vor­zei­tig wegen Nicht­zah­lung der offe­nen Rech­nun­gen gekün­digt hat, einen Scha­dens­er­satz­an­spruch für die ihm ent­ge­hen­den wei­te­ren Zah­lun­gen nur in Höhe von 50% der aus­ste­hen­den Monats­ge­büh­ren.

Der wegen Zah­lungs­ver­zug gekün­dig­te Han­dy­ver­trag – und der Scha­dens­er­satz

Der Mobil­funk­an­bie­ter hat­te über ein Inkas­so­un­ter­neh­men zunächst im Mahn­ver­fah­ren neben den noch offe­nen Rech­nungs­be­trä­gen für die Ver­gan­gen­heit auch Scha­dens­er­satz für die Dau­er der ursprüng­li­chen Rest­lauf­zeit des Ver­tra­ges in Höhe der ver­ein­bar­ten monat­li­chen Net­to­ba­sis­be­trä­ge abzüg­lich der Net­to­por­to­kos­ten und eines wei­te­ren gering­fü­gi­gen Betra­ges gel­tend gemacht. Im strei­ti­gen Ver­fah­ren ging es auf­grund von Zah­lun­gen der Beklag­ten zuletzt nur noch um die Höhe des Scha­dens­er­sat­zes.

Nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts kön­ne der Anbie­ter nicht den gesam­ten Net­to­ba­sis­be­trag für die fik­ti­ve Rest­lauf­zeit ver­lan­gen; viel­mehr müs­se ein erheb­li­cher Abzug für soge­nann­te erspar­te Auf­wen­dun­gen des Anbie­ters erfol­gen, der mit 50 % zu schät­zen sei. Die Höhe die­ses Abzu­ges las­se sich aus den von der Bun­des­netz­agen­tur regu­lier­ten Ter­mi­nie­rungs­ent­gel­ten und den unter­schied­li­chen Prei­sen für die ver­schie­de­nen Leis­tungs­an­ge­bo­te des Anbie­ters (Gesamt­flat­rate, Flat­rate in bestimm­te Net­ze etc.) her­lei­ten.

Nach § 252 BGB hat die Kun­din der Mobil­funk­pro­vi­de­rin den ent­gan­ge­nen Gewinn zu erset­zen. Die­ser bemisst sich nach den ver­ein­bar­ten monat­li­chen Ent­gel­ten abzüg­lich der erspar­ten Auf­wen­dun­gen der Mobil­funk­pro­vi­de­rin 1.

Von dem sich hier­nach erge­ben­den Gesamt­scha­den ist im Wege rich­ter­li­cher Schät­zung gemäß § 287 ZPO ein Abzug von 50 % wegen der durch das Mobil­funk­un­ter­neh­men erspar­ten Auf­wen­dun­gen vor­zu­neh­men.

Denn beim gekün­dig­ten Mobil­funk­ver­trag zum Pau­schal­ta­rif muss sich der Anbie­ter erspar­te Ter­mi­nie­rungs­ent­gel­te auf die Scha­dens­er­satz­for­de­rung anrech­nen las­sen 2.

Jeder Unter­neh­mer, wel­cher sei­ne Leis­tun­gen nicht mehr erbrin­gen kann muss sich auf den Ver­trags­preis grund­sätz­lich die beson­de­ren Auf­wen­dun­gen, wel­che die Durch­füh­rung des Ver­tra­ges ver­ur­sacht hät­te, anrech­nen las­sen 3. Um den Scha­dens­er­satz­an­spruch schlüs­sig dar­zu­le­gen, muss der Scha­dens­er­satz­be­rech­tig­te sei­ne Kal­ku­la­ti­on offen legen und die beson­de­ren Auf­wen­dun­gen benen­nen 4.

Das Amts­ge­richt Bad Urach hat 5 über­zeu­gend dar­ge­legt, dass auch bei einer minu­ten­mä­ßig begrenz­ten Frei­sprech­zeit ein Scha­den in Höhe von 50 % der Monats­pau­scha­le ange­mes­sen ist. Als Anknüp­fungs­punkt dien­te ihm eine über­schlä­gi­ge Berech­nung der von der Bun­des­netz­agen­tur regu­lier­ten Ter­mi­nie­rungs­ent­gel­te. In ähn­li­cher Wei­se erwägt das Amts­ge­richt Stutt­gart 6 eine Schät­zung in Höhe von 50 % der monat­li­chen Pau­scha­len aus einem Ver­gleich mit der in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ande­rer Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter nie­der­ge­leg­ten Berech­nung des Kün­di­gungs­scha­dens, ver­wirft die­se jedoch man­gels Anga­ben der dor­ti­gen Anspruchs­stel­le­rin und erkennt ohne Vor­trag zu den erspar­ten Auf­wen­dun­gen kei­ner­lei Scha­dens­er­satz zu.

Das Amts­ge­richt hält es jedoch mit dem AG Bad Urach für gerecht­fer­tigt, von den greif­ba­ren publi­zier­ten Daten des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ters auf die nicht offen geleg­ten kal­ku­la­to­ri­schen Grund­la­gen zu schlie­ßen, um der Klä­ge­rin trotz ihres man­gel­haf­ten Vor­tra­ges nicht jeden Scha­dens­aus­gleich zu ver­sa­gen 7.

Aus den Preis­lis­ten der Pro­vi­de­rin ergibt sich, dass die hier gewähl­te Kom­plett­flat mit der Mög­lich­keit des unbe­grenz­ten Tele­fo­nie­ren in alle deut­schen Net­ze mehr als das Dop­pel­te einer Flat­rate kos­tet, mit wel­cher der Kun­de unbe­grenzt ins deut­sche V Mobil­funk­netz und Fest­netz tele­fo­nie­ren kann. Man­gels ande­rer Anhalts­punk­te ist davon aus­zu­ge­hen, dass dem äuße­ren Kos­ten­ver­hält­nis bei glei­cher Gewinn­mar­ge für die Anbie­te­rin auch eine ent­spre­chen­de inter­ne Kos­ten­kal­ku­la­ti­on zu Grun­de liegt. Dies recht­fer­tigt die Schät­zung des Min­dest­scha­dens mit 50 % des berech­ne­ten monat­li­chen Pau­schal­prei­ses 8.

Nicht über­zeu­gend ist dage­gen für das Amts­ge­richt Tem­pel­hof-Kreuz­berg die Ent­schei­dung des Land­ge­richts Ber­lin vom 13.12.2012 9. Ohne nähe­re Begrün­dung über­nimmt das Land­ge­richt Ber­lin den Vor­trag der dort kla­gen­den Tele­fon­an­bie­te­rin, wonach bei Weg­fall des Ver­tra­ges kei­ne Erspar­nis­se bei der War­tung oder Netz­ka­pa­zi­tä­ten ein­trä­ten. Dabei lässt die Ent­schei­dung nicht erken­nen, ob es sich bei den streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­trä­gen um All­net­flats oder gar Fest­netz­ver­trä­ge han­del­te, sodass Fest­stel­lun­gen zu den Ter­mi­nie­rungs­ent­gel­ten nicht mög­lich sind. Auch eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den unter­schied­li­chen Pro­dukt­prei­sen bei ver­schie­de­nen Flats fehlt.

Das­sel­be gilt für den Beschluss des LG Cott­bus vom 19.02.2014 10 und das Urteil des AG Reck­ling­hau­sen vom 06.08.2014 11. Letz­te­res ent­hält aller­dings eine inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den o.g. Über­le­gun­gen, welch letz­te­re hier jedoch für über­zeu­gen­der erach­tet wer­den. Dies zum einen, weil auch in der Reck­ling­häu­ser Ent­schei­dung die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ter­mi­nie­rungs­ent­gel­ten fehlt. Zum ande­ren weil der Preis­un­ter­schied der ver­schie­de­nen Pau­schal­an­ge­bo­te (Flats) hier­bei unbe­rück­sich­tigt bleibt. Es ist schlicht nicht nach­voll­zieh­bar, dass die Anbie­ter Preis­un­ter­schie­de von bis zu 200% für ver­schie­de­ne Leis­tungs­um­fän­ge ohne jede Anbin­dung an ihren Auf­wand vor­se­hen. Soweit das Amts­ge­richt bei ander­wei­ti­ger Ent­schei­dung eine all­ge­mei­ne Ver­trags­brü­chig­keit befürch­tet, ist dem schon des­halb nicht zu fol­gen, weil der Tele­fon­kun­de nach der Kün­di­gung kei­ne Leis­tun­gen mehr erhält. Er erhält kei­nes­falls nur eine Redu­zie­rung der Ver­trags­kos­ten um 50 %, son­dern erbringt sei­ner­seits 50 % ohne Gegen­leis­tung. Dar­aus kann kein attrak­ti­ves Rabat­tie­rungs­mo­dell ent­ste­hen.

Zu dem sich erge­ben­den Betrag ist noch ein Abzug für erspar­tes Por­to und Ver­pa­ckung in Höhe von 1, 00 € monat­lich zu berech­nen.

Amts­ge­richt Tem­pel­hof ‑Kreuz­berg, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 – 23 C 120/​14

  1. BGHZ 95, 39 ff[]
  2. AG Bad Urach, Urteil vom 29.11.2013 – 1 C 440/​13[]
  3. BGH NJW 1989, 1669[]
  4. Palandt-Grü­ne­berg, 73. Auf­la­ge 2014, Rz. 30 zu § 281 BGB[]
  5. AG Bad Urach, a.a.O[]
  6. AG Stutt­gart, Urteil vom 03.07.2014 – 1 C 1490/​14[]
  7. AG Bad Urach, a.a.O. unter Ver­weis auf BGH NJW-RR 1982, 202[]
  8. so auch AG Tem­pel­hof – Kreuz­berg Urtei­le vom 27.11.2012 – 24 C 152/​11; und vom 05.09.2012 – 24 C 107/​12, m.w.Nw.[]
  9. LG Ber­lin vom 13.12.2012 – 19 O 429/​11[]
  10. LG Cott­bus, Beschluss vom 19.02.2014 – 1 S 143/​13[]
  11. AG Reck­ling­hau­sen, Urteil vom 06.08.2014 – 51 C 159/​14[]