Die an das Amts­ge­richt gefax­te Beru­fung – und die gemein­sa­me Post­an­nah­me­stel­le von Amts- und Land­ge­richt

Die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist vom Revi­si­ons­ge­richt zu über­prü­fen. Denn ein gül­ti­ges und rechts­wirk­sa­mes Ver­fah­ren vor dem Revi­si­ons­ge­richt ist nur mög­lich, solan­ge das Ver­fah­ren noch nicht rechts­kräf­tig been­det ist. Das setzt vor­aus, dass das erst­in­stanz­li­che Urteil durch eine zuläs­si­ge Beru­fung ange­grif­fen wor­den und damit nicht in Rechts­kraft erwach­sen ist 1.

Die an das Amts­ge­richt gefax­te Beru­fung – und die gemein­sa­me Post­an­nah­me­stel­le von Amts- und Land­ge­richt

Ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz ist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­ge­gan­gen, wenn er in des­sen tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt gelangt ist 2.

Ein auf dem Tele­fax­ge­rät eines ande­ren Gerichts ein­ge­gan­ge­ner Schrift­satz ist danach erst dann bei dem zustän­di­gen Gericht ein­ge­gan­gen, wenn der Schrift­satz nach Wei­ter­lei­tung durch das zunächst ange­gan­ge­ne Gericht tat­säch­lich in die Ver­fü­gungs­ge­walt des zustän­di­gen Gerichts gelangt ist.

Dies gilt auch dann, wenn wie hier der Schrift­satz zwar an das zustän­di­ge Gericht adres­siert, aber per Tele­fax irr­tüm­lich an ein ande­res Gericht über­mit­telt wor­den ist 3.

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat das Beru­fungs­ge­richt kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, ob nach die­sen Grund­sät­zen die per Tele­fax an den Anschluss des Amts­ge­richts gesand­te Beru­fung recht­zei­tig bei dem Land­ge­richt Koblenz als zustän­di­gem Beru­fungs­ge­richt (§ 72 Abs. 1 Satz 1 GVG) ein­ge­gan­gen ist. Dar­auf kommt es jedoch für die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit der Beru­fung an, da das mit Brief­post ver­sand­te Exem­plar der Beru­fungs­schrift erst nach Ablauf der Beru­fungs­frist an das Beru­fungs­ge­richt gelangt ist.

Das Tele­fax, das die Beru­fungs­schrift ent­hielt, ist nach dem Ein­gangs­stem­pel des Amts­ge­richts und dem Ein­gangs­ver­merk der Geschäfts­stel­le einer Beru­fungs­kam­mer zwar am Frei­tag, dem letz­ten Tag der Beru­fungs­frist, bei dem Amts­ge­richt ein­ge­gan­gen, jedoch erst am Diens­tag der dar­auf­fol­gen­den Woche auf der Geschäfts­stel­le der Beru­fungs­kam­mer ange­langt.

Im vor­lie­gen­den Fall steht auch nicht fest, dass das Amts­ge­richt und das Land­ge­richt Koblenz unab­hän­gig von den unter­schied­li­chen Tele­fax­num­mern eine gemein­sa­me Fax­an­nah­me­stel­le betrie­ben haben. Das lässt sich auch nicht aus der Exis­tenz einer gemein­sa­men Annah­me­stel­le für die Brief­post schlie­ßen.

Wenn durch Orga­ni­sa­ti­ons­ver­fü­gung der Lei­ter betrof­fe­ner Gerich­te die unter unter­schied­li­chen Tele­fax­num­mern erreich­ba­ren Tele­fax­ge­rä­te der betei­lig­ten Gerich­te zu einer gemein­sa­men Fax­an­nah­me­stel­le ver­bun­den sind, gelangt ein per Tele­fax über­mit­tel­ter Schrift­satz auch dann in die Ver­fü­gungs­ge­walt des Gerichts, an das er adres­siert ist, wenn für die Über­mitt­lung die Tele­fax­num­mer eines der ande­ren in die gemein­sa­me Fax­an­nah­me­stel­le ein­be­zo­ge­nen Gerich­te gewählt wor­den ist 4. Denn inso­weit gilt eine sol­che gemein­sa­me Fax­an­nah­me­stel­le als Geschäfts­stel­le aller ange­schlos­se­nen Gerich­te 5. Ob die­se Vor­aus­set­zung vor­lie­gend erfüllt ist, hat das Beru­fungs­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht fest­ge­stellt.

Der Ein­wand des Klä­gers, es bestehe eine gemein­sa­me Post­ein­gangs­stel­le für das Amts­ge­richt und das Land­ge­richt in Koblenz, ist uner­heb­lich. Denn die Jus­tiz­ver­wal­tung ist nicht gehal­ten, den Ein­gang der Brief­post und von Tele­fax­schrei­ben ein­heit­lich zu regeln. Danach wäre auch bei Exis­tenz einer gemein­sa­men Ein­lauf­stel­le für die Brief­post das Tele­fax des Klä­gers aus­schließ­lich in die Ver­fü­gungs­ge­walt des unzu­stän­di­gen Amts­ge­richts gelangt, wenn zwar eine gemein­sa­me Post­ein­gangs­stel­le bestün­de, aber nicht zugleich gemein­sa­me Tele­fax­an­schlüs­se ein­ge­rich­tet wor­den wären 6.

Im vor­lie­gen­den Fall ergibt sich auch aus der nicht unter­schrie­be­nen Ver­fü­gung vom 22.03.2016 nicht, dass die Beru­fungs­schrift recht­zei­tig bei dem Beru­fungs­ge­richt ein­ge­gan­gen ist. Ins­be­son­de­re kommt die­ser Ver­fü­gung nicht die Beweis­kraft einer öffent­li­chen Urkun­de nach § 418 Abs. 1 ZPO zu, da sie ersicht­lich nur zur Erleich­te­rung des inter­nen Dienst­be­triebs bestimmt war 7. Zwar ist in Zif­fer 1 der Ver­fü­gung von einem Ein­gang der Beru­fung am 11.03.2016 die Rede. In den Zif­fern 2 bis 4 sind jedoch meh­re­re ande­re Arbeits­schrit­te beschrie­ben sowie jeweils mit einem Erle­di­gungs­ver­merk ver­se­hen wor­den, in Zif­fer 5 ist das Ende der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist und in Zif­fer 6 eine Wie­der­vor­la­ge notiert. Danach war die­se Ver­fü­gung ins­ge­samt ledig­lich als Gedan­ken­stüt­ze für den Dienst­be­trieb gedacht und besaß als sol­che nicht die Funk­ti­on, den tat­säch­li­chen Zeit­punkt des Ein­gangs der Beru­fungs­schrift zu doku­men­tie­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. März 2019 – XI ZR 95/​17

  1. BGH, Urtei­le vom 26.06.1952 – IV ZR 36/​52, BGHZ 6, 369, 370; vom 30.09.1987 IVb ZR 86/​86, BGHZ 102, 37, 38; vom 11.10.2000 – VIII ZR 321/​99, WM 2001, 45, 46; und vom 08.04.2004 – III ZR 20/​03, NJW-RR 2004, 851[]
  2. vgl. hier­zu BVerfG, NJW 2005, 3346 f.; BGH, Beschlüs­se vom 09.10.2007 – XI ZB 4/​07, NJW 2008, 667 Rn. 8; und vom 06.06.2018 – IV ZB 10/​17, VersR 2018, 1342 Rn. 10[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 23.05.2012 – IV ZB 2/​12, NJW-RR 2012, 1461 Rn. 9; und vom 27.10.2016 – III ZR 417/​15 8[]
  4. BGH, Beschluss vom 23.04.2013 – VI ZB 27/​12, NJW-RR 2013, 830 Rn. 12[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 23.05.2012 – IV ZB 2/​12, NJW-RR 2012, 1461 Rn. 10 f.; und vom 27.10.2016 – III ZR 417/​15 5 ff.[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 27.10.2016 – III ZR 417/​15 8[]
  7. vgl. dazu RGZ 105, 255, 258; Wieczorek/​Schütze/​Ahrens, ZPO, 4. Aufl., § 418 Rn. 4; Preuß in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 10. Aufl., § 418 Rn. 3[]