Die Kos­ten der Scha­dens­er­mitt­lung und Scha­dens­ab­wick­lung

Der Bun­des­ge­richts­hof1 geht in jahr­zehn­te­lan­ger stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass ein Geschä­dig­ter sei­nen bei der Scha­dens­er­mitt­lung und außer­ge­richt­li­chen Abwick­lung sei­nes Scha­dens­er­satz­an­spruchs anfal­len­den Arbeits- und Zeit­auf­wand, auch wenn er hier­für beson­de­res Per­so­nal ein­setzt oder die Tätig­kei­ten extern erle­di­gen lässt, bei einer am Schutz­zweck der Haf­tungs­norm sowie an Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen und Prak­ti­ka­bi­li­tät ori­en­tier­ten Wer­tung selbst zu tra­gen hat, sofern der im Ein­zel­fall erfor­der­li­che Auf­wand die im Rah­men des Übli­chen typi­scher­wei­se zu erbrin­gen­de Mühe­wal­tung nicht über­schrei­tet2.

Die Kos­ten der Scha­dens­er­mitt­lung und Scha­dens­ab­wick­lung

Die­ser Recht­spre­chung hat sich auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ange­schlos­sen3.

Die­se höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung, die unab­hän­gig von der Häu­fig­keit der Scha­dens­fäl­le und/​oder einer zumin­dest kal­ku­la­to­ri­schen Zuord­nungs­mög­lich­keit des Auf­wan­des zu den ein­zel­nen Scha­dens­fäl­len ange­wandt4 und genau­so für den par­al­lel gela­ger­ten Fall einer pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tung prak­ti­ziert wor­den ist5, hat bis in die Gegen­wart Bestand6. Sie wird auch in der ober­ge­richt­li­chen Spruch­pra­xis durch­gän­gig befolgt7.

Ande­res folgt auch nicht dar­aus, dass im Lau­fe der Zeit immer wie­der ein­mal ver­ein­zel­te Stim­men im Schrift­tum die genann­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs als ver­fehlt oder als durch angeb­li­che gemein­schafts­recht­li­che Vor­ga­ben über­holt ange­grif­fen haben.

Eine sol­che Bedeu­tung ergibt sich ins­be­son­de­re nicht aus der bereits nach ihrem per­so­nel­len Gel­tungs­be­reich nicht ein­schlä­gi­gen Richt­li­nie 2011/​7/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.02.2011 zur Bekämp­fung von Zah­lungs­ver­zug im Geschäfts­ver­kehr8, und zwar auch nicht aus der in Art. 6 die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen pau­scha­lier­ten Ent­schä­di­gung für ver­zugs­be­ding­te „Bei­trei­bungs­kos­ten” und/​oder deren in § 288 Abs. 5 und 6 BGB erfolg­ter Umset­zung in das natio­na­le deut­sche Recht. Denn dass der deut­sche Gesetz­ge­ber das in der Zah­lungs­ver­zugs­richt­li­nie (vgl. Art. 1 Abs. 1, 2, Art. 2 Nr. 1 der Richt­li­nie) kon­zi­pier­te Ent­schä­di­gungs­prin­zip, wie es in den Erwä­gungs­grün­den 19 und 20 beschrie­ben ist, gemäß Art. 12 Abs. 3 der Richt­li­nie über­schie­ßend auch zu Las­ten von Ver­brau­chern in das von mög­li­cher­wei­se abwei­chen­den Grund­sät­zen gepräg­te natio­na­le Recht umset­zen und damit zugleich bei Ent­gelt­for­de­run­gen den Ersatz von Ver­zugs­schä­den (§ 280 Abs. 1, 2, §§ 286, 288 Abs. 4 BGB) in sei­ner Bemes­sung von den sonst im Scha­dens­er­satz­recht gel­ten­den Zurech­nungs­kri­te­ri­en abkop­peln woll­te, kann sowohl auf­grund des kla­ren Wort­lauts von § 288 Abs. 5 Satz 1, Abs. 6 Satz 4 BGB als auch nach der inso­weit nicht min­der kla­ren Geset­zes­be­grün­dung9 für aus­ge­schlos­sen erach­tet wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2016 – VIII ZR 239/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 28.10.2015 – III ZR 36/​15
  2. BGH, Urtei­le vom 09.03.1976 – VI ZR 98/​75, BGHZ 66, 112, 114 f.; vom 31.05.1976 – II ZR 133/​74, WM 1976, 816 unter 2 a; vom 06.11.1979 – VI ZR 254/​77, BGHZ 75, 230, 231 f.; vom 26.02.1980 – VI ZR 53/​79, BGHZ 76, 216, 218; vom 24.11.1995 – V ZR 88/​95, BGHZ 131, 220, 225; vom 08.11.1994 – VI ZR 3/​94, BGHZ 127, 348, 352
  3. BAG, Urteil vom 23.01.1992 – 8 AZR 246/​91
  4. BGH, Urtei­le vom 09.03.1976 – VI ZR 98/​75, aaO S. 117; vom 06.11.1979 – VI ZR 254/​77, aaO S. 232 ff.
  5. BGH, Urtei­le vom 09.03.1976 – VI ZR 98/​75, aaO S. 115; vom 06.11.1979 – VI ZR 254/​77, aaO S. 232; eben­so etwa auch BVerwG, NVwZ 2005, 466, 467
  6. z.B. BGH, Urtei­le vom 17.09.2009 – Xa ZR 40/​08, WM 2009, 2398 Rn. 13; vom 08.05.2012 – VI ZR 37/​11, NJW 2012, 2267 Rn. 7, 10; Beschlüs­se vom 07.05.2014 – V ZB 102/​13, NJW 2014, 2347 Rn. 6; vom 13.11.2014 – VII ZB 46/​12, NJW 2015, 633 Rn.20 ff.
  7. z.B. OLG Mün­chen, Urteil vom 28.07.2011 – 29 U 634/​11 54 ff.; OLG Ham­burg, NJW 2015, 85, 86; OLG Koblenz, Urteil vom 30.06.2016 – 2 U 615/​15 97
  8. ABl. L 48 S. 1; Zah­lungs­ver­zugs­richt­li­nie
  9. BT-Drs. 18/​1309, S.19 f.