Fris­ten notie­ren und über­prü­fen

Ein Rechts­an­walt hat auch die kor­rek­te Notie­rung der Begrün­dungs­frist zu prü­fen, wenn ihm die Hand­ak­te zur Wah­rung der Beschwer­de­frist vor­ge­legt wird1.

Fris­ten notie­ren und über­prü­fen

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist beim Streit um Kin­des­un­ter­halt Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beschwer­de­be­grün­dungs­frist bean­tragt und die Beschwer­de begrün­det wor­den. Das Beschwer­de­ge­richt hat die Beschwer­de als unzu­läs­sig ver­wor­fen und die begehr­te Wie­der­ein­set­zung ver­sagt2. Dage­gen rich­tet sich die Rechts­be­schwer­de der Antrags­geg­ne­rin­nen.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Rechts­be­schwer­de nach § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG in Ver­bin­dung mit §§ 574 Abs. 1 Nr. 1, 522 Abs. 1 Satz 4, 238 Abs. 2 Satz 1 ZPO statt­haft. Sie ist jedoch nicht zuläs­sig, weil die hier maß­geb­li­chen Rechts­fra­gen durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs geklärt sind und das Beschwer­de­ge­richt hier­nach zutref­fend ent­schie­den hat. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 574 Abs. 2 ZPO lie­gen des­halb nicht vor.

Wei­ter­hin ist die Beschwer­de nicht frist­ge­recht begrün­det wor­den. Nach § 117 Abs. 1 Satz 1 FamFG war die Beschwer­de in der hier vor­lie­gen­den Fami­li­en­streit­sa­che (§§ 112 Nr. 1, 231 Abs. 1 Nr. 1 FamFG) zu begrün­den. Die Frist zur Begrün­dung beträgt zwei Mona­te und beginnt mit der schrift­li­chen Bekannt­ga­be des Beschlus­ses, spä­tes­tens nach Ablauf von fünf Mona­ten nach Erlass des Beschlus­ses (§ 117 Abs. 1 Satz 3 FamFG). Da die Begrün­dung erst am 16. Mai 2011 beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ging, war die – bis zum 26. April 2011 (Diens­tag nach Ostern) wäh­ren­de – Frist ver­stri­chen.

Zu Recht hat das Beru­fungs­ge­richt den Antrags­geg­ne­rin­nen die begehr­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand ver­sagt. Die Antrags­geg­ne­rin­nen haben die Begrün­dungs­frist nicht unver­schul­det ver­säumt (§ 117 Abs. 5 FamFG i.V.m. § 233 ZPO). Ihre Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te trifft an der Frist­ver­säum­nis ein Ver­schul­den, das die Antrags­geg­ne­rin­nen sich nach § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen müs­sen.

Zunächst hat es zwar die Büro­an­ge­stell­te der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ver­säumt, die Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist im Fris­ten­ka­len­der ein­zu­tra­gen; sie hat statt­des­sen ledig­lich eine Vor­frist ver­merkt. Da die Akte der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ohne Kenn­zeich­nung als Frist­sa­che vor­ge­legt wur­de, konn­te die­se nicht ohne wei­te­res erken­nen, dass die Bear­bei­tung frist­ge­bun­den war. Auf die­sem Büro­ver­se­hen beruht die Frist­ver­säum­nis indes­sen nicht allein, wor­auf das Beschwer­de­ge­richt ent­schei­dend abge­stellt hat.

Aller­dings war die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te nicht ver­pflich­tet, die Akte in engem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der Vor­la­ge dar­auf zu über­prü­fen, ob eine Frist ein­ge­tra­gen war und deren Ablauf bevor­stand. Die an die Sorg­falt des Anwalts zu stel­len­den Anfor­de­run­gen wür­den über­spannt, wenn man von ihm ver­lan­gen wür­de, den Frist­ab­lauf oder die Erle­di­gung von Frist­no­tie­run­gen stets auch dann selbst zu prü­fen, wenn ihm die Sache – wie hier – ohne Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lung vor­ge­legt wird oder ohne dass Anhalts­punk­te dafür bestehen, die zur Frist­wah­rung getrof­fe­nen Maß­nah­men könn­ten ver­sagt haben3. Dar­aus folgt jedoch nicht, dass der Anwalt die Akte ohne zeit­li­che Ein­schrän­kung unbe­ach­tet bei sei­nem Zutrag lie­gen las­sen darf.

Zwar bestand nach der vor­ste­hen­den Recht­spre­chung für die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te kein Anlass, sich in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der Vor­la­ge der Akten deren – anschei­nend nicht frist­ge­bun­de­ner – Bear­bei­tung zu wid­men. Die Sorg­falt eines Rechts­an­walts erfor­dert es aber, sich auch in Sachen, die ihm als nicht frist­ge­bun­den vor­ge­legt wer­den, in ange­mes­se­ner Zeit durch einen Blick in die Akten wenigs­tens davon zu über­zeu­gen, um was es sich han­delt und wie lan­ge er sich mit der Bear­bei­tung Zeit las­sen kann. Auch in sol­chen Fäl­len darf der Anwalt die ihm vor­ge­leg­ten Akten jeden­falls nicht eine Woche lang gänz­lich unbe­ach­tet las­sen4. Ob die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te bereits nach die­sen Maß­stä­ben ein Ver­schul­den an der Frist­ver­säum­nis trifft, obwohl hier in den betref­fen­den Zeit­raum zwei Fei­er­ta­ge fie­len, kann indes­sen dahin­ste­hen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat ein Rechts­an­walt den Ablauf von Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­fris­ten immer dann eigen­ver­ant­wort­lich zu prü­fen, wenn ihm die Akten im Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lung, ins­be­son­de­re zu deren Bear­bei­tung, vor­ge­legt wer­den5. In die­sem Fall muss der Rechts­an­walt stets auch alle wei­te­ren uner­le­dig­ten Fris­ten ein­schließ­lich ihrer Notie­rung in den Hand­ak­ten prü­fen. Für die Beschwer­de­be­grün­dungs­frist nach § 117 Abs. 1 Satz 3 FamFG ist ihm dies bei der Frist­vor­la­ge zur Wah­rung der Beschwer­de­frist mög­lich.

Wäre die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te die­ser Ver­pflich­tung nach­ge­kom­men, hät­te sie bei Fer­ti­gung der Beschwer­de­schrift vom 21. März 2011 ohne wei­te­res fest­stel­len kön­nen, dass auf dem Vor­blatt der Hand­ak­te eine Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist nicht ver­merkt war. Dies hät­te der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten Anlass zu einer Über­prü­fung der Notie­rung im Fris­ten­ka­len­der geben müs­sen, durch die das Ver­säum­nis der Büro­an­ge­stell­ten unschwer fest­zu­stel­len und zu kor­ri­gie­ren gewe­sen wäre. In die­sem Fall hät­te die Beschwer­de­be­grün­dungs­frist gewahrt wer­den kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Novem­ber 2011 – XII ZB 317/​11

  1. im Anschluss an die BGH-Beschlüs­se vom 11.02.2004 XII ZB 263/​03Fam­RZ 2004, 696; und vom 19.10.2011 – XII ZB 250/​11
  2. OLG Bran­den­burg, vom 23.05.2011 – 10 UF 102/​11
  3. BGH, Beschlüs­se vom 12.12.2007 – XII ZB 69/​07Fam­RZ 2008, 503 Rn. 12; vom 25.11.1998 – XII ZB 204/​96Fam­RZ 1999, 649, 650 f.; BGH Beschluss vom 05.02.2003 – VIII ZB 115/​02NJW 2003, 1815
  4. BGH Beschluss vom 03.11.1997 – VI ZB 47/​97NJW 1998, 461 und vom 29.03.2011 – VI ZB 25/​10NJW 2011, 1600 Rn. 9
  5. BGH, Beschlüs­se vom 11.02.2004 – XII ZB 263/​03Fam­RZ 2004, 696 und vom 01.12.2004 – XII ZB 164/​03Fam­RZ 2005, 435, 436 jeweils mwN; zuletzt BGH, Beschluss vom 19.10.2011 – XII ZB 250/​11