Gehörs­ver­let­zung – und die ver­blei­ben­den Mög­lich­kei­ten zur Äuße­rung

Nach dem all­ge­mei­nen Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät muss ein Betei­lig­ter die nach Lage der Sache gege­be­nen pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen, um eine Kor­rek­tur der gel­tend gemach­ten Grund­rechts­ver­let­zung zu erwir­ken oder eine Grund­rechts­ver­let­zung zu ver­hin­dern 1.

Gehörs­ver­let­zung – und die ver­blei­ben­den Mög­lich­kei­ten zur Äuße­rung

Die­se Wür­di­gung ent­spricht dem in § 295 ZPO zum Aus­druck kom­men­den Rechts­ge­dan­ken, nach des­sen Inhalt eine Par­tei eine Gehörs­ver­let­zung nicht mehr rügen kann, wenn sie die ihr nach Erken­nen des Ver­sto­ßes ver­blie­be­ne Mög­lich­keit zu einer Äuße­rung nicht genutzt hat 2.

So lag es auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Das Erst­ge­richt hat die Klä­ge­rin durch schrift­li­che Ver­fü­gun­gen vom 04.01.und 8.02.2017 dar­über unter­rich­tet, dass ihre Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on nun­mehr "bestrit­ten" sei. Die­sen Hin­weis hat das Erst­ge­richt in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23.05.2017 erneu­ert. Die wie­der­hol­ten inhalts­glei­chen Mit­tei­lun­gen for­der­ten eine Reak­ti­on der Klä­ge­rin gera­de­zu her­aus. Die Klä­ge­rin muss­te den Hin­wei­sen, selbst wenn sie den Schrift­satz des Beklag­ten vom 15.11.2016 nicht erhal­ten hat­te, ent­neh­men, dass sich die Zwei­fel an ihrer Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on aus einem "Bestrei­ten" und mit­hin einer schrift­sätz­li­chen Erklä­rung des Beklag­ten erga­ben. Die Klä­ge­rin hat die Mög­lich­keit, sich über das Vor­brin­gen des Beklag­ten zu ver­ge­wis­sern, weder auf die schrift­li­chen Erklä­run­gen noch auf die münd­li­che Erläu­te­rung in der Ver­hand­lung genutzt 3. Bei die­ser Sach­la­ge ist die Klä­ge­rin, wel­che meh­re­re gericht­li­che Hin­wei­se gänz­lich unbe­ach­tet ließ, nach dem all­ge­mei­nen Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät mit der Gehörs­rü­ge aus­ge­schlos­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. März 2019 – IX ZR 147/​18

  1. BVerfGE 73, 322, 325; 77, 381, 401; 81, 22, 27; 86, 15, 22; 95, 163, 171; BGH, Beschlüs­se vom 08.11.1994 – XI ZR 35/​94, NJW 1995, 403; vom 15.07.2015 – IV ZB 10/​15, VersR 2016, 137; vom 17.03.2016 – IX ZR 211/​14, NJW-RR 2016, 699 Rn. 4; vom 26.09.2017 – VI ZR 81/​17, NJW-RR 2018, 404 Rn. 8[]
  2. BGH, Beschluss vom 06.05.2010 – IX ZB 225/​09, WM 2010, 1722 Rn. 7; Urteil vom 09.02.2011 – VIII ZR 285/​09, WuM 2011, 178 Rn. 10; Beschluss vom 26.09.2017, aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 08.11.1994, aaO[]