Geran­gel zwi­schen zwei Hun­den – und das Fehl­ver­hal­ten des Hun­de­hal­ters

Kommt es zu einem Geran­gel zwi­schen zwei Hun­den, in des­sen Rah­men der Hal­ter des einen Hun­des von dem ande­ren Hund gebis­sen wird, so ist die typi­sche Tier­ge­fahr des Hun­des des Geschä­dig­ten bei der Scha­dens­ent­ste­hung adäquat mit­ur­säch­lich gewor­den. Dies muss sich der Geschä­dig­te ent­spre­chend § 254 Abs. 1, § 833 Satz 1 BGB min­dernd auf sei­nen Anspruch aus § 833 Satz 1 BGB anrech­nen las­sen.

Geran­gel zwi­schen zwei Hun­den – und das Fehl­ver­hal­ten des Hun­de­hal­ters

Eine Anspruchs­min­de­rung wegen mit­wir­ken­der Tier­ge­fahr ist aller­dings dem Sinn­ge­halt des § 840 Abs. 3 BGB ent­spre­chend aus­ge­schlos­sen, wenn der Hal­ter des schä­di­gen­den Hun­des dem Geschä­dig­ten auch gemäß § 823 Abs. 1 BGB zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ging der Klä­ger ging am 16.07.2011 gegen 22:00 Uhr auf dem Weg zur Haupt­stra­ße an dem Grund­stück der Beklag­ten vor­bei. Er führ­te sei­nen Hund, einen Labra­dor-Misch­ling, ange­leint bei Fuß, wobei die Hun­de­lei­ne um sein lin­kes Hand­ge­lenk gewi­ckelt war. Auf dem Grund­stück der Beklag­ten befand sich deren Hund, ein Gol­den Retrie­ver. Die­ser zwäng­te sich durch die etwa einen Meter hohe Hecke, durch die das Grund­stück von dem Weg abge­grenzt war, und rann­te auf den Klä­ger und des­sen Hund zu. Es kam zu einem Geran­gel und einem Kampf zwi­schen den Hun­den, wobei der Hund der Beklag­ten immer wie­der am Klä­ger hoch­sprang. Zwi­schen den Hun­den ste­hend und mit der sein Hand­ge­lenk umwi­ckeln­den Lei­ne war der Klä­ger in sei­ner Abwehr ein­ge­schränkt und konn­te sich nicht befrei­en. In die­ser Situa­ti­on wur­de er von dem Hund der Beklag­ten gebis­sen. Er trug blu­ten­de Wun­den davon.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Erfurt hat dem Klä­ger Schmer­zens­geld in Höhe von 2.000 € sowie Ersatz des mate­ri­el­len Scha­dens in Höhe von 1.560, 10 € wegen Beschä­di­gung der Klei­dung und der Bril­le des Klä­gers zuge­spro­chen und die Kla­ge im Übri­gen abge­wie­sen 1. Auf die Beru­fung der Beklag­ten, mit der die­se das Urteil des Land­ge­richts inso­weit ange­grif­fen hat, als sie zur Zah­lung von mehr als 880, 05 € ver­ur­teilt wor­den ist, hat das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt das Urteil des Land­ge­richts abge­än­dert und die Beklag­te zur Zah­lung von 2.660, 10 € ver­ur­teilt, wobei es das Schmer­zens­geld auf einen Betrag von 1.100 € redu­zier­te 2. Im Übri­gen hat es die Beru­fun­gen bei­der Par­tei­en zurück­ge­wie­sen. Auf die vom Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on der Beklag­ten hat nun der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt in Jena zurück­ver­wie­sen:

Die Beklag­te wen­det sich mit Erfolg gegen die Beur­tei­lung des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts, dass sich der Klä­ger im Rah­men der Tier­hal­ter­haf­tung der Beklag­ten die von sei­nem Hund aus­ge­hen­de Tier­ge­fahr nicht ana­log § 254 Abs. 1 BGB anrech­nen las­sen müs­se. Das ange­foch­te­ne Urteil begeg­net aller­dings auch inso­weit durch­grei­fen­den Beden­ken, als ledig­lich eine Haf­tung der Beklag­ten als Tier­hal­te­rin nach § 833 Satz 1 BGB ange­nom­men, nicht aber der Fra­ge einer ver­schul­dens­ab­hän­gi­gen Haf­tung nach § 823 BGB nach­ge­gan­gen wor­den ist. Soll­ten deren Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sein, wozu die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen nach­zu­ho­len sein wer­den, käme der von dem Labra­dor-Misch­ling des Klä­gers aus­ge­hen­den Tier­ge­fahr kei­ne Bedeu­tung zu (§ 840 Abs. 3 BGB), so dass die Beklag­te im Ergeb­nis eben­falls in vol­lem Umfang haf­ten wür­de.

Zutref­fend ist das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, dass die Beklag­te (jeden­falls) gemäß § 833 Satz 1 BGB dem Grun­de nach für den Scha­den ein­zu­ste­hen hat, der dar­aus ent­stan­den ist, dass ihr Gol­den Retrie­ver den Klä­ger gebis­sen hat. Hin­ge­gen hält die Annah­me des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts, der Klä­ger müs­se sich im Rah­men der Haf­tung der Beklag­ten gemäß § 833 Satz 1 BGB die von sei­nem Hund aus­ge­hen­de Tier­ge­fahr nicht ana­log § 254 BGB scha­dens­min­dernd anrech­nen las­sen, recht­li­cher Nach­prü­fung nicht stand.

Ist für die Ent­ste­hung eines Scha­dens auch die Tier­ge­fahr des eige­nen Tie­res des Geschä­dig­ten mit­ur­säch­lich, so muss sich der Geschä­dig­te dies ent­spre­chend § 254 Abs. 1, § 833 Satz 1 BGB min­dernd auf sei­nen Anspruch aus § 833 Satz 1 BGB anrech­nen las­sen 3. Vor­aus­set­zung ist, dass die typi­sche Tier­ge­fahr des Tie­res des Geschä­dig­ten bei der Scha­dens­ent­ste­hung adäquat mit­ur­säch­lich gewor­den ist 4. Eine typi­sche Tier­ge­fahr äußert sich nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs in einem der tie­ri­schen Natur ent­spre­chen­den unbe­re­chen­ba­ren und selb­stän­di­gen Ver­hal­ten 5. An der Ver­wirk­li­chung der Tier­ge­fahr fehlt es ins­be­son­de­re dann, wenn kei­ner­lei eige­ne Ener­gie des Tie­res an dem Gesche­hen betei­ligt ist 6 oder wenn das Tier ledig­lich der Lei­tung und dem Wil­len eines Men­schen folgt 7. Dem­ge­gen­über kön­nen bereits von einem Tier aus­ge­hen­de und auf ein ande­res Tier ein­wir­ken­de Rei­ze eine für einen Scha­den mit­ur­säch­li­che Tier­ge­fahr dar­stel­len 8.

Für die ent­spre­chend § 254 Abs. 1 BGB vor­zu­neh­men­de Abwä­gung der Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­ge der bei­den Tier­hal­ter kommt es sodann dar­auf an, mit wel­chem Gewicht kon­kret sich das in den Tie­ren jeweils ver­kör­per­te Gefah­ren­po­ten­ti­al in der Schä­di­gung mani­fes­tiert hat 9.

Die Fest­stel­lun­gen des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts tra­gen des­sen recht­li­che Beur­tei­lung, die Tier­ge­fahr des Labra­dor-Misch­lings stel­le kei­nen dem Klä­ger zure­chen­ba­ren Ver­ur­sa­chungs­bei­trag für die Scha­dens­ent­ste­hung dar, nicht.

Dabei kann dahin­ste­hen, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen es das rein pas­si­ve Ver­hal­ten eines Tie­res aus­schlie­ßen wür­de, von einer bei der Ent­ste­hung des Scha­dens mit­wir­ken­den Tier­ge­fahr aus­zu­ge­hen. Denn in der Situa­ti­on, in der der Klä­ger von dem Hund der Beklag­ten gebis­sen wur­de, beschränk­te sich die Rol­le des Hun­des des Klä­gers ent­ge­gen der Annah­me des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts nicht dar­auf, ein an der Lei­ne geführ­ter Hund zu sein. Viel­mehr fand nach den Fest­stel­lun­gen des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts ein Geran­gel und ein Kampf zwi­schen den Hun­den statt, von dem sich der zwi­schen den Hun­den ste­hen­de Klä­ger nicht ent­fer­nen konn­te, und in des­sen Ver­lauf er von dem Hund der Beklag­ten gebis­sen wur­de. Das Geran­gel war eine Inter­ak­ti­on zwi­schen den bei­den Hun­den, die ihrer tie­ri­schen Natur ent­spre­chend auf­ein­an­der ein­ge­wirkt haben, bis es schließ­lich zu der Schä­di­gung des Klä­gers kam. Damit hat sich in der Biss­ver­let­zung die von bei­den Hun­den aus­ge­hen­de Tier­ge­fahr adäquat mit­ur­säch­lich ver­wirk­licht. Für die Begrün­dung der Mit­haf­tung des Klä­gers als sol­cher ist nicht von Bedeu­tung, was Aus­lö­ser des Geran­gels war und wel­cher der bei­den Hun­de in dem Gesche­hen eine über- oder unter­ge­ord­ne­te Rol­le ein­nahm. Die­se Umstän­de kön­nen aller­dings bei der Bil­dung der Haf­tungs­quo­ten von Bedeu­tung sein 10.

Eine bei der Ent­ste­hung des Scha­dens mit­wir­ken­de Tier­ge­fahr des Labra­dor-Misch­lings dürf­te aller­dings dann nicht anspruchs­min­dernd berück­sich­tigt wer­den, wenn die Beklag­te dem Klä­ger nicht nur gemäß § 833 Satz 1 BGB, son­dern auch gemäß § 823 Abs. 1 BGB zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet wäre. Denn gegen­über der Ver­schul­dens­haf­tung aus § 823 BGB käme der Tier­ge­fahr des Hun­des des Klä­gers dem Sinn­ge­halt des § 840 Abs. 3 BGB ent­spre­chend kei­ne Bedeu­tung zu 11. Die Tat­sa­che, dass es dem Gol­den Retrie­ver der Beklag­ten gelun­gen ist, sich durch die Hecke zu zwän­gen, legt die Fra­ge nahe, ob die Beklag­te fahr­läs­sig die Gesund­heit des Klä­gers ver­letzt hat, indem sie den (Fuß­gän­ger)Ver­kehr vor ihrem Grund­stück nicht hin­rei­chend vor den von ihrem Hund aus­ge­hen­den Gefah­ren geschützt hat. Im Rah­men ihrer Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht hat die Beklag­te durch eine aus­rei­chen­de Beauf­sich­ti­gung oder eine aus­rei­chend siche­re Ein­zäu­nung ihres Grund­stücks dafür zu sor­gen, dass ihr Hund nicht ent­wei­chen kann 12. Anders als das Land­ge­richt, das der Auf­fas­sung des Klä­gers fol­gend von einer Pflicht­ver­let­zung der Beklag­ten aus­ge­gan­gen ist, ist das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt die­ser Fra­ge nicht wei­ter nach­ge­gan­gen. Sie ist aber vor­ran­gig zu klä­ren, da sich gege­be­nen­falls eine anspruchs­min­dern­de Anrech­nung der Tier­ge­fahr ver­bie­ten wür­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 31. Mai 2016 – VI ZR 465/​15

  1. LG Erfurt, Urtiel vom 09.09.2014 – 8 O 1517/​11[]
  2. Thü­rO­LG, Urteil vom 16.07.2015 – 1 U 625/​14[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.03.1985 – VI ZR 1/​84, VersR 1985, 665, 666 mwN; vom 27.10.2015 – VI ZR 23/​15, VersR 2016, 60 Rn. 26[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.07.1976 – VI ZR 177/​75, VersR 1976, 1090, 1091, inso­weit in BGHZ 67, 129 nicht abge­druckt; vom 20.12 2005 – VI ZR 225/​04, VersR 2006, 416 Rn. 7; vom 27.01.2015 – VI ZR 467/​13, VersR 2015, 592 Rn. 12[]
  5. vgl. grund­le­gend BGH, Urteil vom 06.07.1976 – VI ZR 177/​75, aaO sowie Urtei­le vom 20.12 2005 – VI ZR 225/​04, aaO; vom 25.03.2014 – VI ZR 372/​13, VersR 2014, 640 Rn. 5; vom 27.01.2015 – VI ZR 467/​13, aaO, jeweils mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 25.03.2014 – VI ZR 372/​13, aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 20.12 2005 – VI ZR 225/​04, aaO mwN[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 06.07.1976 – VI ZR 177/​75, aaO für den von läu­fi­gen Hün­din­nen aus­ge­hen­den Duft[]
  9. BGH, Urteil vom 05.03.1985 – VI ZR 1/​84, aaO, 666; OLG Hamm, VersR 1996, 115, 116[]
  10. vgl. OLG Hamm, VersR 1996, 115, 116; OLG Frank­furt, NJW-RR 2007, 748, 749; OLG Koblenz, BeckRS 2014, 00768[]
  11. BGH, Urteil vom 27.10.2015 – VI ZR 23/​15, aaO Rn. 26 mwN[]
  12. BGH, Urtei­le vom 27.10.2015 – VI ZR 23/​15, aaO Rn. 9; vom 28.04.1992 – VI ZR 314/​91, VersR 1992, 844[]