Gericht­li­che Hin­weis­pflich­ten im Anwalts­pro­zess

Gemäß § 139 ZPO hat das Gericht auf einen Gesichts­punkt, den eine Par­tei erkenn­bar über­se­hen hat, sowie auf Beden­ken, die die hin­sicht­lich der von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­den Punk­te bestehen, vor einer Ent­schei­dung hin­zu­wei­sen und Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Die­se Hin­weis­pflicht des Gerichts besteht auch im Anwalts­pro­zess, sie besteht auch gegen­über der anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Rechts­la­ge ersicht­lich falsch beur­teilt.

Gericht­li­che Hin­weis­pflich­ten im Anwalts­pro­zess

Gemäß § 139 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 ZPO hat das Gericht auf einen Gesichts­punkt, den eine Par­tei erkenn­bar über­se­hen hat, vor einer Ent­schei­dung hin­zu­wei­sen und Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Nach Absatz 3 hat das Gericht fer­ner auf Beden­ken auf­merk­sam zu machen, die hin­sicht­lich der von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­den Punk­te bestehen. Die­se gericht­li­chen Hin­weis­pflich­ten die­nen der Ver­mei­dung von Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen und kon­kre­ti­sie­ren den Anspruch der Par­tei­en auf recht­li­ches Gehör [1].

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat das Beru­fungs­ge­richt den Klä­ger nicht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es Beden­ken hin­sicht­lich der Zuläs­sig­keit der Kla­ge unter dem Gesichts­punkt der feh­len­den Exis­tenz der Beklag­ten hat. Es hat den Klä­ger­ver­tre­ter in der münd­li­chen Ver­hand­lung ledig­lich gefragt, wer in dem Rechts­streit Beklag­ter sein sol­le. Ein Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts auf § 110b Abs. 2 VAG ist nicht erfolgt. Hier­nach kön­nen Ansprü­che aus dem im Inland über eine Nie­der­las­sung betrie­be­nen Ver­si­che­rungs­ge­schäft der bei Lloyd’s ver­ei­nig­ten Ein­zel­ver­si­che­rer nur durch und gegen den Haupt­be­voll­mäch­tig­ten gericht­lich gel­tend gemacht wer­den. Eine Kla­ge gegen Lloyd’s als Ver­si­che­rer ist man­gels Exis­tenz die­ser Par­tei unzu­läs­sig.

Der erfor­der­li­che Hin­weis an den Klä­ger auf die feh­len­de Exis­tenz der von ihm bis­her in Anspruch genom­me­nen Beklag­ten sowie auf die gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaft des Haupt­be­voll­mäch­tig­ten ent­fiel auch nicht des­halb, weil der Klä­ger anwalt­lich ver­tre­ten war. Die Hin­weis­pflicht besteht auch gegen­über der anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Rechts­la­ge ersicht­lich falsch beur­teilt [2].

Die für die Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen des bür­ger­li­chen Rechts ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze sind auf die Aus­le­gung von Pro­zess­er­klä­run­gen ent­spre­chend anwend­bar. Es ist daher ana­log § 133 BGB nicht an dem buch­stäb­li­chen Sinn des in der Par­tei­er­klä­rung gewähl­ten Aus­drucks zu haf­ten, son­dern der in der Erklä­rung ver­kör­per­te Wil­le anhand der erkenn­ba­ren Umstän­de zu ermit­teln [3]. Bei der Aus­le­gung ist von dem Grund­satz aus­zu­ge­hen, dass im Zwei­fel das­je­ni­ge gewollt ist, was nach den Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und der recht ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge ent­spricht [4]. Bei unrich­ti­ger oder mehr­deu­ti­ger Par­tei­be­zeich­nung ist grund­sätz­lich der­je­ni­ge als Par­tei anzu­se­hen, der erkenn­bar durch die Par­tei­be­zeich­nung getrof­fen wer­den soll [5].

Im vor­lie­gen­den Fall bedeu­te­te dies für den Bun­des­ge­richts­hof: Das Beru­fungs­ge­richt wäre ange­sichts der erkenn­ba­ren Unsi­cher­heit des Klä­ger­ver­tre­ters bezüg­lich der zu ver­kla­gen­den Par­tei im Rah­men sei­ner Hin­weis­pflicht ver­pflich­tet gewe­sen, unmiss­ver­ständ­lich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Wei­ter­ver­fol­gung einer Kla­ge gegen den „Lloyd’s“ man­gels Exis­tenz einer der­ar­ti­gen Par­tei unzu­läs­sig ist [6]. Bloß all­ge­mei­ne und pau­scha­le Hin­wei­se sind dem­ge­gen­über nicht aus­rei­chend [7]. Das Gericht durf­te sich daher nicht mit der schlich­ten Fra­ge an den Klä­ger­ver­tre­ter zufrie­den geben, wer Beklag­ter des Rechts­streits sei, ohne klar­zu­stel­len, wel­che Rechts­fol­gen sich aus der Anga­be des Klä­ger­ver­tre­ters erge­ben.

Der Hin­weis­pflicht des Beru­fungs­ge­richts stand auch nicht ent­ge­gen, dass die Beklag­te bereits erst­in­stanz­lich auf ihre feh­len­de Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on und die Rege­lung des § 110b Abs. 2 VAG hin­ge­wie­sen hat. Der Klä­ger hat­te hier­auf reagiert und vor­sorg­lich den Antrag auf Berich­ti­gung des Pas­siv­ru­brums gestellt. Das Land­ge­richt hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung aller­dings kei­ne Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit der Kla­ge in der bis­her erho­be­nen Form erho­ben. Auch im Urteil des Land­ge­richts ist die Fra­ge der Zuläs­sig­keit der Kla­ge nicht wei­ter pro­ble­ma­ti­siert wor­den, son­dern die­se als unbe­grün­det abge­wie­sen wor­den. Der Klä­ger durf­te daher davon aus­ge­hen, dass sei­ne gegen „Lloyd’s“ gerich­te­te Kla­ge zuläs­sig ist.

Beur­teilt das Beru­fungs­ge­richt dem­ge­gen­über abwei­chend vom erst­in­stanz­li­chen Urteil eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge anders, so muss es die Par­tei hier­auf hin­wei­sen [8]. Das gilt auch für von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­de Punk­te, für die § 139 Abs. 3 ZPO aus­drück­lich eine Hin­weis­pflicht vor­sieht [9]. Auch auf eine abwei­chend von der Vor­in­stanz vor­ge­nom­me­ne Beur­tei­lung des Beru­fungs­ge­richts hin­sicht­lich der Zuläs­sig­keit der Kla­ge muss mit­hin hin­ge­wie­sen wer­den [10]. An einem der­art unmiss­ver­ständ­li­chen Hin­weis fehlt es hier. Solan­ge das Beru­fungs­ge­richt den Klä­ger nicht aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass es abwei­chend von der Vor­in­stanz die gegen den Lloyd’s gerich­te­te Kla­ge als unzu­läs­sig erach­tet, weil der Haupt­be­voll­mäch­tig­te als gesetz­li­cher Pro­zess­stand­schaf­ter gemäß § 110b Abs. 2 Satz 1 VAG ver­klagt wer­den müs­se, durf­te der Klä­ger dar­auf ver­trau­en, dass sei­ne Kla­ge in der bis­her erho­be­nen Form zuläs­sig ist.

Der Gehörsver­stoß ist auch ent­schei­dungs­er­heb­lich. Der Klä­ger hat vor­ge­tra­gen, dass sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter bei einem ent­spre­chen­den Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts dar­auf, dass die Kla­ge aus­drück­lich gegen den Haupt­be­voll­mäch­tig­ten als Pro­zess­stand­schaf­ter für die bei Lloyd’s ver­ei­nig­ten Ein­zel­ver­si­che­rer gerich­tet wer­den müs­se, eine ent­spre­chen­de Pro­zess­er­klä­rung abge­ge­ben hät­te. Auf die­ser Grund­la­ge wird das Beru­fungs­ge­richt sodann nach einer ent­spre­chen­den Pro­zess­er­klä­rung zu beur­tei­len haben, ob ledig­lich von einer Par­tei­be­rich­ti­gung aus­zu­ge­hen ist, weil sich bereits durch Aus­le­gung bzw. Umdeu­tung ergibt, dass die gegen den Lloyd’s gerich­te­te Kla­ge tat­säch­lich gegen Haupt­be­voll­mäch­tig­ten gemäß § 110b Abs. 2 Satz 1 VAG gerich­tet war [11], oder ob ein Fall der Par­tei­än­de­rung vor­liegt [12].

  1. BGH, Beschluss vom 15.03.2006 IV ZR 32/​05, VersR 2007, 225 unter 1[]
  2. BGH, Urtei­le vom 27.10.1994 VII ZR 217/​93, BGHZ 127, 254, 260; vom 04.07.1989 XI ZR 45/​88, BGHR ZPO § 139 Abs. 1 Anwalts­pro­zess 3[]
  3. BGH, Beschluss vom 14.02.2001 XII ZB 192/​99, FamRZ 2001, 1703 unter II 1[]
  4. BGH, Urteil vom 10.03.1994 IX ZR 152/​93, NJW 1994, 1537 unter II 2 b; Beschluss vom 08.10.1991 XI ZB 6/​91, NJW 1992, 243 unter 1[]
  5. Zöller/​Vollkommer, ZPO 29. Aufl. vor § 50 Rn. 7[]
  6. vgl. § 110b Abs. 2 VAG[]
  7. BGH, Urteil vom 27.10.1994 VII ZR 217/​93, BGHZ 127, 254, 260[]
  8. BGH, Beschluss vom 15.03.2006 IV ZR 32/​05, VersR 2007, 225 unter 1; BGH, Beschluss vom 23.04.2009 IX ZR 95/​06, NJW-RR 2010, 70 Rn. 5 f.[]
  9. BGH, Beschluss aaO[]
  10. BGH, Urteil vom 23.04.2009 aaO Rn. 5[]
  11. zur Aus­le­gung vgl. BGH, Beschluss vom 14.02.2001 XII ZB 192/​99, FamRZ 2001, 1703 unter II 1; Urteil vom 10.03.1994 IX ZR 152/​93, NJW 1994, 1537 unter II 2 b; zur Umdeu­tung BGH, Beschluss vom 07.12.2010 VIII ZB 14/​10, NJW 2011, 1292 unter II 2 a; Urteil vom 06.12.2000 XII ZR 219/​98, NJW 2001, 1217 unter 4[]
  12. zur Abgren­zung vgl. Zöller/​Vollkommer, ZPO 29. Aufl. vor § 50 Rn. 13[]