Gerichts­stands­be­stim­mung und die Zustän­dig­keit nach der Brüs­sel-I-Ver­ord­nung

§ 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO fin­det Anwen­dung, wenn hin­sicht­lich eines Antrags­geg­ners im Inland ledig­lich ein beson­de­rer Gerichts­stand nach uni­ons­recht­li­chen Zustän­dig­keits­be­stim­mun­gen begrün­det ist und die ande­ren Antrags­geg­ner ihren all­ge­mei­nen Gerichts­stand im Inland haben. Ergibt sich der Gerichts­stand eines Antrags­geg­ners aus einer abschlie­ßen­den Zustän­dig­keits­be­stim­mung der Brüs­sel-I-Ver­ord­nung, ist das Aus­wahler­mes­sen des Gerichts im Ver­fah­ren nach § 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO ein­ge­schränkt.

Gerichts­stands­be­stim­mung und die Zustän­dig­keit nach der Brüs­sel-I-Ver­ord­nung

Im vor­lie­gend beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­gen Gerichts­stands­be­stim­mungs­ver­fah­ren lagen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Zustän­dig­keits­be­stim­mung gemäß § 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO vor:

Die Antrags­geg­ne­rin­nen kön­nen als Streit­ge­nos­sen im Sin­ne des § 60 ZPO ver­klagt wer­den. Die Norm beruht weit­ge­hend auf Zweck­mä­ßig­keits­er­wä­gun­gen und ist des­halb grund­sätz­lich weit aus­zu­le­gen. Dies gestat­tet es, auch ohne Iden­ti­tät oder Gleich­heit des tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grun­des der gel­tend zu machen­den Ansprü­che Streit­ge­nos­sen­schaft anzu­neh­men, wenn die­se Ansprü­che in einem inne­ren sach­li­chen Zusam­men­hang ste­hen, der sie ihrem Wesen nach als gleich­ar­tig erschei­nen lässt [1]. Ein sol­cher Zusam­men­hang ist auch im Streit­fall gege­ben. Er ergibt sich dar­aus, dass die Antrag­stel­le­rin die Antrags­geg­ne­rin­nen auf Ersatz der­sel­ben Schä­den in Anspruch nimmt, die ihr im Zusam­men­hang mit der als ein­heit­li­chen Lebens­sach­ver­halt zu beur­tei­len­den Ver­mö­gens­an­la­ge ent­stan­den sind. Dabei ist uner­heb­lich, ob die Ansprü­che gegen die Antrags­geg­ne­rin­nen auf unter­schied­li­che Ver­trä­ge gestützt wer­den, die ihrer­seits nicht in unmit­tel­ba­rem recht­li­chen Zusam­men­hang ste­hen [2].

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren haben die Antrags­geg­ne­rin­nen zu 1 und zu 2 einer­seits und die Antrags­geg­ne­rin zu 3 ande­rer­seits ver­schie­de­ne all­ge­mei­ne Gerichts­stän­de. Wäh­rend die Antrags­geg­ne­rin­nen zu 1 und zu 2 ihren all­ge­mei­nen Gerichts­stand im Bezirk des Land­ge­richts Mün­chen I haben, hat die Antrags­geg­ne­rin zu 3 kei­nen all­ge­mei­nen inlän­di­schen Gerichts­stand. Zudem besteht für die Antrags­geg­ne­rin­nen kein gemein­schaft­li­cher beson­de­rer Gerichts­stand.

Dem Antrag steht nicht ent­ge­gen, dass die Antrags­geg­ne­rin zu 3 im Inland kei­nen all­ge­mei­nen Gerichts­stand hat. Für die in Irland ansäs­si­ge Antrags­geg­ne­rin zu 3 ist ein Gerichts­stand nach Art. 15 Abs. 1 Buchst. c, Art. 16 Abs. 1 Brüs­sel-I-VO am nach Art. 59 Abs. 1 Brüs­sel-I-VO in Ver­bin­dung mit § 7 BGB zu bestim­men­den Wohn­sitz der Antrag­stel­le­rin und damit beim Land­ge­richt Stutt­gart begrün­det.

Bei dem beab­sich­tig­ten Rechts­streit um den obli­ga­to­ri­schen Finan­zie­rungs­ver­trag, den die Antrag­stel­le­rin als Bestand­teil der Ver­mö­gens­an­la­ge mit der Antrags­geg­ne­rin zu 3 geschlos­sen hat, han­delt es sich um eine Ver­brau­cher­sa­che im Sin­ne von Art. 15 Abs. 1 Brüs­sel-I-VO.

Die­ser Begriff ist auto­nom zu bestim­men. Dabei ist eine enge Aus­le­gung gebo­ten, weil die dar­an anknüp­fen­de Zustän­dig­keits­re­gel eine Aus­nah­me von dem in Art. 2 Abs. 1 Brüs­sel-I-VO nor­mier­ten Grund­satz der Zustän­dig­keit des Gerichts am Wohn­sitz des Beklag­ten dar­stellt [3]. Die Ver­brau­cher­ei­gen­schaft ist nach der objek­ti­ven Stel­lung der betrof­fe­nen Per­son im Rah­men des kon­kre­ten Ver­trags­ver­hält­nis­ses in Ver­bin­dung mit des­sen Natur und Ziel­set­zung zu bestim­men [4].

Nach die­sen Grund­sät­zen ist das zugrun­de­lie­gen­de Geschäft im Hin­blick dar­auf, dass es sich vor­lie­gend um eine Ver­mö­gens­an­la­ge zu pri­va­ten Zwe­cken han­delt, als Ver­brau­cher­sa­che anzu­se­hen. Uner­heb­lich ist inso­weit, dass die kon­kre­te Form der Ver­mö­gens­an­la­ge als Betei­li­gung an einer Kom­man­dit­ge­sell­schaft aus­ge­stal­tet ist. Der Abschluss eines Dar­le­hens­ver­tra­ges ist dann von Art. 15 Abs. 1 Buchst. c Brüs­sel-I-VO erfasst, wenn der mit der Kre­dit­auf­nah­me ver­folg­te Zweck nicht mit der gewerb­li­chen oder beruf­li­chen Tätig­keit des Dar­le­hens­neh­mers zusam­men­hängt [5]. Dies ist bei dem allein der Finan­zie­rung der Betei­li­gung an dem Medi­en­fonds zur pri­va­ten Ver­mö­gens­an­la­ge die­nen­den Dar­le­hen der Fall [6].

Die Anwend­bar­keit des Art. 16 Abs. 1 Brüs­sel-I-VO, der in sei­ner zwei­ten Alter­na­ti­ve nicht nur die inter­na­tio­na­le, son­dern auch die ört­li­che Zustän­dig­keit regelt, schließt zudem einen Rück­griff auf Art. 6 Nr. 1 Brüs­sel-I-VO aus, sodass auch hier­aus kein gemein­sa­mer Gerichts­stand für die Antrags­geg­ne­rin­nen abge­lei­tet wer­den kann.

Die Zustän­dig­keit für Ver­brau­cher­sa­chen ist in Kapi­tel II, Abschnitt 4 der Brüs­sel-I-Ver­ord­nung abschlie­ßend gere­gelt. Inso­weit hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zu den in Kapi­tel II, Abschnitt 5 gere­gel­ten Zustän­dig­kei­ten für indi­vi­du­el­le Arbeits­ver­trä­ge ent­schie­den, dass die dar­in auf­ge­führ­ten Bestim­mun­gen abschlie­ßen­den Cha­rak­ter haben und jeden Rück­griff auf Art. 6 Nr. 1 der Ver­ord­nung ver­bie­ten [7]. Ent­spre­chen­des gilt für die in Kapi­tel II, Abschnitt 4 der Brüs­sel-I-Ver­ord­nung gere­gel­ten Zustän­dig­keit bei Ver­brau­cher­sa­chen [8].

§ 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO ist auch in Fäl­len anzu­wen­den, in denen hin­sicht­lich eines Antrags­geg­ners im Inland ledig­lich ein beson­de­rer Gerichts­stand nach den uni­ons­recht­li­chen Zustän­dig­keits­be­stim­mun­gen begrün­det ist und die ande­ren Antrags­geg­ner ihren all­ge­mei­nen Gerichts­stand im Inland haben [9]. Danach ist der Anwen­dungs­be­reich des § 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO hier eröff­net.

Als zustän­di­ges Gericht kom­men das Land­ge­richt Mün­chen I und das Land­ge­richt Stutt­gart in Betracht.

Das dem Gericht bei der Bestim­mung des zustän­di­gen Gerich­tes nach § 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO ein­ge­räum­te Aus­wahler­mes­sen ist jedoch inso­weit ein­ge­schränkt, als der in Art. 16 Abs. 1 Brüs­sel-I-Ver­ord­nung sta­tu­ier­te Gerichts­stand am Wohn­sitz des Ver­brau­chers Vor­rang genießt [10]. Die sich aus dem euro­päi­schen Zivil­ver­fah­rens­recht erge­ben­de abschlie­ßen­de Zustän­dig­keits­re­gel kann im Rah­men des Bestim­mungs­ver­fah­rens nach § 36 Abs. 1 Nr. 3 ZPO – anders als die im natio­na­len Pro­zess­recht gere­gel­ten aus­schließ­li­chen Zustän­dig­kei­ten – nicht über­wun­den wer­den, weil ansons­ten der durch den euro­päi­schen Gesetz­ge­ber im inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keits­recht getrof­fe­ne Inter­es­sen­aus­gleich beein­träch­tigt wür­de. Als zustän­di­ges Gericht ist daher das Land­ge­richt Stutt­gart zu bestim­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Mai 2013 – X ARZ 65/​13

  1. BGH, Beschluss vom 03.05.2011 – X ARZ 101/​11, NJW-RR 2011, 1137 Rn. 18; BGH, Beschluss vom 23.05.1990 – I ARZ 186/​90, MDR 1991, 222 f. = NJW-RR 1991, 381[]
  2. BGH, Beschluss vom 03.05.2011 – X ARZ 101/​11, NJW-RR 2011, 1137 Rn. 18[]
  3. EuGH, Urteil vom 20.01.2005 – C‑464/​01, Slg. I‑2005, 439 Rn. 31, 32, 43 – Gruber/​BayWa AG[]
  4. EuGH, Urteil vom 03.07.1997 – C‑269/​95, Slg. I1997, 3767 Rn. 16 Ben­in­ca­sa; BGH, Urteil vom 28.02.2012 – XI ZR 9/​11, WM 2012, 747 Rn. 28[]
  5. EuGH, Urteil vom 20.01.2005 – C‑464/​01, Slg. I‑2005, 439 Rn. 39f. – Gruber/​BayWa AG; BGH, Urteil vom 28.02.2012 – XI ZR 9/​11, WM 2012, 747 Rn. 27 ff.[]
  6. vgl. auch Kropholler/​v. Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 15 EuGV­VO Rn.20[]
  7. EuGH, Urteil vom 22.05.2008 – C‑462/​06, Slg. I‑2008, 3965 = EuZW 2008, 369 Gla­x­os­mit­h­kli­ne[]
  8. Kropholler/​v. Hein, aaO, Art. 16 Rn. 1; Lei­ble in Rau­scher, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 2. Aufl., Art. 6 Rn. 2; Corneloup/​Althammer in Simons/​Hausmann, Brüs­sel IVer­ord­nung, 2012, Art. 6 Rn. 41[]
  9. BGH, Beschluss vom 19.03.1987 – I ARZ 903/​86, NJW 1988, 646; Roth in Stein-Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 36 Rn. 25; Haus­mann in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 36 Rn. 39; Lan­ge in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 4. Aufl., § 36 Rn. 6[]
  10. Stau­din­ger in Rau­scher, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 2. Aufl., Einl. Rn. 27; Lei­ble, ebd., Art. 16 Rn. 1; Wag­ner, WM 2003, 116; s. auch KG VersR 2007, 1007, 1008 zu Art. 9 Brüs­sel-I-VO[]