Insol­venz­an­fech­tung von Schuld­ner­zah­lun­gen auf ein Kon­so­li­die­rungs­dar­le­hen

Mit den Vor­aus­set­zun­gen der Insol­venz­an­fech­tung von Zah­lun­gen des Schuld­ners auf ein Kon­so­li­die­rungs­dar­le­hen (§§ 129,133 Insol­venz­ord­nung) hat­te sich aktu­ell das Kam­mer­ge­richt in Ber­lin zu befas­sen:

Insol­venz­an­fech­tung von Schuld­ner­zah­lun­gen auf ein Kon­so­li­die­rungs­dar­le­hen

Nach § 133 Abs. 1 InsO ist eine Rechts­hand­lung, die der Schuld­ner in den letz­ten zehn Jah­ren vor dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem Antrag mit dem Vor­satz, sei­ne Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen, vor­ge­nom­men hat, anfecht­bar, wenn der ande­re Teil zur Zeit der Hand­lung den Vor­satz des Schuld­ners kann­te. Die­se Kennt­nis wird ver­mu­tet, wenn der ande­re Teil wuss­te, dass die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners droh­te und dass die Hand­lung die Gläu­bi­ger benach­tei­lig­te.

Objek­ti­ve Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung

Durch die Zah­lun­gen der Schuld­ne­rin an die Gläu­bi­ge­rin sind die Insol­venz­gläu­bi­ger objek­tiv benach­tei­ligt wor­den.

Eine Benach­tei­li­gung im Sin­ne von § 133 InsO liegt vor, wenn die Befrie­di­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger ver­kürzt (ver­min­dert), ver­ei­telt, erschwert, gefähr­det oder ver­zö­gert wird. Es muss also fest­ge­stellt wer­den, dass sich die Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger im Fal­le des Unter­blei­bens der ange­foch­te­nen Hand­lung güns­ti­ger gestal­tet 1. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier vor, weil durch die Zah­lun­gen an die Gläu­bi­ge­rin das Aktiv­ver­mö­gen der Schuld­ne­rin ver­kürzt und inso­weit der Zugriff der Gläu­bi­ger auf ihr Ver­mö­gen ver­ei­telt wor­den ist 2.

Benach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners

Die Schuld­ne­rin han­del­te bei Vor­nah­me der Zah­lun­gen mit dem Vor­satz, ihre Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen.

Benach­tei­li­gungs­vor­satz liegt vor, wenn der Schuld­ner bei Vor­nah­me der Rechts­hand­lung die Benach­tei­li­gung der Gläu­bi­ger gewollt oder sie jeden­falls als mut­maß­li­che Fol­ge sei­nes Han­delns erkannt und gebil­ligt hat, sei es auch als sogar uner­wünsch­te Neben­fol­ge eines ande­ren erstreb­ten Vor­teils 3. Gewährt der Schuld­ner dem Anfech­tungs­geg­ner eine kon­gru­en­te Deckung, also nur das, wor­auf die­ser Anspruch hat­te, sind an den Nach­weis des Benach­tei­li­gungs­vor­sat­zes zwar erhöh­te Anfor­de­run­gen zu stel­len. In einem sol­chen Fall will der Schuld­ner in der Regel nur sei­ne Ver­bind­lich­kei­ten beglei­chen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat der Schuld­ner die ange­foch­te­ne Rechts­hand­lung jedoch dann mit Benach­tei­li­gungs­vor­satz vor­ge­nom­men, wenn er zur Zeit ihrer Wirk­sam­keit (§ 140 InsO) zah­lungs­un­fä­hig war 4.

Zah­lungs­un­fä­hig­keit

Die Schuld­ne­rin war im Zeit­punkt der Zah­lun­gen zah­lungs­un­fä­hig.

Zah­lungs­un­fä­hig ist ein Schuld­ner, der nicht in der Lage ist, die fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len. Zah­lungs­un­fä­hig­keit ist in der Regel anzu­neh­men, wenn der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat (§ 17 Abs. 2 InsO).

Vor­lie­gend hat­te die Schuld­ne­rin bereits vor der ers­ten Zah­lung ihre Zah­lun­gen ein­ge­stellt, weil sie nicht in der Lage war, die fäl­li­gen Ver­bind­lich­kei­ten zu beglei­chen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist von einer Zah­lungs­un­fä­hig­keit aus­zu­ge­hen, wenn eine inner­halb von drei Wochen nicht zu besei­ti­gen­de Liqui­di­täts­lü­cke des Schuld­ners wenigs­tens 10 % sei­ner fäl­li­gen Gesamt­ver­bind­lich­kei­ten aus­macht 5. Die­se Vor­aus­set­zun­gen waren nach der dar­ge­leg­ten gerin­gen Deckungs­quo­te bereits im April 2006 gege­ben.

Eine ein­mal ein­ge­tre­te­ne Zah­lungs­ein­stel­lung kann nur dadurch besei­tigt wer­den, dass der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ins­ge­samt wie­der auf­nimmt 6. Das war hier nicht der Fall.

Kennt­nis des Gläu­bi­gers vom Benach­tei­li­gungs­vor­satz

Eine Anfech­tung wegen vor­sätz­li­cher Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung nach § 133 Abs. 1 InsO setzt wei­ter vor­aus, dass der Anfech­tungs­geg­ner zur Zeit der ange­foch­te­nen Hand­lung den Vor­satz des Schuld­ners, sei­ne Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen, kann­te. Die­se Kennt­nis wird nach § 133 Abs. 1 Satz 2 InsO ver­mu­tet, wenn der Anfech­tungs­geg­ner wuss­te, dass die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners droh­te und dass die jewei­li­ge Hand­lung die Gläu­bi­ger benach­tei­lig­te.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs reicht es für die Ver­mu­tung der Kennt­nis vom Benach­tei­li­gungs­vor­satz aus, wenn der Anfech­tungs­geg­ner Umstän­de kennt, aus denen bei zutref­fen­der recht­li­cher Bewer­tung die (dro­hen­de) Zah­lungs­un­fä­hig­keit zwei­fels­frei folgt 7. Die Kennt­nis von der dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit ist in der Regel anzu­neh­men, wenn die Ver­bind­lich­kei­ten des Schuld­ners bei dem spä­te­ren Anfech­tungs­geg­ner über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg stän­dig in beträcht­li­chem Umfang nicht aus­ge­gli­chen wer­den und jenem den Umstän­den nach bekannt ist, dass es noch wei­te­re Gläu­bi­ger mit unge­deck­ten Ansprü­chen gibt 8.

Die inso­weit dar­le­gungs- und beweis­be­las­te­te Gläu­bi­ge­rin 9 hat die Ver­mu­tung der Kennt­nis vom Benach­tei­li­gungs­vor­satz nicht aus­rei­chend wider­legt. Hier­für lässt sich aus der behaup­te­ten Dar­le­hens­zu­sa­ge über 300.000,00 € durch die Mut­ter­ge­sell­schaft nichts her­lei­ten. Denn die Gläu­bi­ge­rin hat nichts dazu vor­ge­tra­gen, wie sicher die behaup­te­te Zusa­ge war und in wel­chem Zeit­rah­men dies hät­te umge­setzt wer­den sol­len.

Soweit dar­auf abge­stellt wird, dass ernst­haf­te Sanie­rungs­ver­su­che gegen eine Kennt­nis der Gläu­bi­ge­rin von einem Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gungs­vor­satz spre­chen wür­den, ist dem nicht zu fol­gen. Zwar kann ein sach­ge­rech­ter Sanie­rungs­ver­such die unmit­tel­ba­re Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung aus­schlie­ßen. Dies gilt aber nur dann, wenn der Sanie­rungs­ver­such zwar – für den Schuld­ner erkenn­bar – mit Risi­ken behaf­tet ist, die Bemü­hun­gen um eine Ret­tung des Unter­neh­mens jedoch ganz im Vor­der­grund ste­hen und auf Grund kon­kret benenn­ba­rer Umstän­de eine posi­ti­ve Pro­gno­se nach­voll­zieh­bar und ver­tret­bar erscheint 10. Regel­mä­ßig ist ein in sich schlüs­si­ges, auf den Ein­zel­fall bezo­ge­nes Sanie­rungs­kon­zept vor­aus­zu­set­zen, dass jeden­falls in den Anfän­gen schon in die Tat umge­setzt und infol­ge­des­sen auf der Sei­te des Schuld­ners zur Zeit der Rechts­hand­lung ernst­haf­te und begrün­de­te Aus­sicht auf Erfolg in über­schau­ba­rer Zeit zu recht­fer­ti­gen geeig­net ist 11. Sol­che Ver­su­che zur Sanie­rung zur Zeit der Rechts­hand­lung im Dezem­ber 2006 sind hier nicht behaup­tet.

Kam­mer­ge­richt, Urteil vom 21. Janu­ar 2013 – 8 U 155/​11

  1. Uhlen­bruck, Insol­venz­ord­nung, 2010, § 129 InsO, Rdnr. 91[]
  2. vgl. BGH Urteil vom 23.09.2010 – IX ZR 212/​09, ZIP 2010, 2009, Tz.19[]
  3. std. Recht­spre­chung des BGH: BGH Urteil vom 13.04.2006 – IX ZR 158/​05, NJW 2006,2701; BGH Urteil vom 19.04.2007 – IX ZR 59/​06, NJW 2007,2325; BGH Urteil vom 29.11.2007 – IX ZR 121/​06, NJW 2008,1067; BGH Urteil vom 16.10.2008 – IX ZR 183/​06, NJW 2009,1351; BGH Urteil vom 10.01.2013 – IX ZR 13/​12[]
  4. vgl. BGH Urteil vom 24.05.2007 – IX ZR 97/​06, WM 2007,1579, Tz.19 nach juris m.w.N.[]
  5. vgl. BGH ZIP 2005,1426; BGH NStZ 2007,643[]
  6. BGH Urteil vom 08.12.2005 – IX ZR 182/​01, WM 2006,190; BGH Urteil vom 12.10.2006 – IX ZR 228/​03, WM 2006,2312[]
  7. BGH Urteil vom 20.11.2008 – IX ZR 188/​07, NJW-RR 2009,395, Tz. 10 m.w.N.; BGH Urteil vom 19.02.2009 – IX ZR 62/​08, ZIP 2009,526, Tz. 13; BGH Urteil vom 13.08.2009 – IX ZR 159/​06, ZIP 2009,1966, Tz.8 []
  8. BGH Urteil vom 27.05.2003 – IX ZR 169/​02, BGHZ 155,75; BGH Urteil vom 24.05.2007 – IX ZR 97/​06 – a.a.O., Tz. 24 m.w.N.; Uhlenbruck/​Hirte, a.a.O., § 133 InsO, Rdnr. 31 m.w.N.; Kübler/​Prütting/​Bork, Insol­venz­ord­nung, Stand Juli 2012, § 133 InsO, Rdnr. 52 m.w.N.[]
  9. vgl. BGH Urteil vom 20.11.2008 – IX ZR 188/​07 – a.a.O., Tz. 12; BGH Urteil vom 24.05.2007 – IX ZR 97/​06 – a.a.O.[]
  10. vgl. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, a.a.O., § 133 InsO, Rdnr. 37 mit Recht­spre­chungs­nach­wei­sen[]
  11. BGH NJW 1984,1893; NJW 1989,1561; Mün­che­ner Kommentar/​Kirchhof, a.a.O., § 133 Inso, Rdnr. 37 m.w.N.[]