Insol­venz­fes­tig­keit der Ein­zugs­er­mäch­ti­gungs­last­schrift

Der für das Insol­venz­recht zustän­di­ge IX. Zivil­se­nat und der für das Bank­recht zustän­di­ge XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs haben in zwei heu­te ver­kün­de­ten Urtei­len ein­heit­li­che Rechts­grund­sät­ze zur Insol­venz­fes­tig­keit einer mit­tels Ein­zugs­er­mäch­ti­gungs­last­schrift bewirk­ten Zah­lung ent­wi­ckelt und damit bis­lang bestehen­de Dif­fe­ren­zen in der Recht­spre­chung bei­der Sena­te 1 ohne Anru­fung des Gro­ßen Senats für Zivil­sa­chen bei­gelegt.

Insol­venz­fes­tig­keit der Ein­zugs­er­mäch­ti­gungs­last­schrift

Der XI. Zivil­se­nat ent­schied, dass es der Kre­dit­wirt­schaft auf­grund der Neu­fas­sung des Zah­lungs­ver­kehrs­rechts zum 31. Okto­ber 2009 – anders als nach der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge – nun­mehr frei­steht, durch eine dem euro­pa­ein­heit­li­chen SEPA-Last­schrift­ver­fah­ren (Sin­gle Euro Pay­ments Area) nach­ge­bil­de­te Aus­ge­stal­tung ihrer All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen künf­tig die Insol­venz­fes­tig­keit aller mit­tels Ein­zugs­er­mäch­ti­gungs­last­schrift bewirk­ten Zah­lun­gen her­bei­zu­füh­ren. Bis dies gesche­hen ist, kommt, wie der XI. Zivil­se­nat wei­ter ent­schie­den hat, unter bestimm­ten Umstän­den eine kon­klu­den­te Geneh­mi­gung der Last­schrift durch den Schuld­ner in Betracht, die die­se insol­venz­fest macht.

In dem der Ent­schei­dung des XI. Zivil­se­nats zugrun­de lie­gen­den Fall ver­langt der kla­gen­de Insol­venz­ver­wal­ter von der beklag­ten Bank die Zah­lung eines Betra­ges, der sich bei Beach­tung des vom ihm erklär­ten Wider­spruchs gegen Last­schrift­bu­chun­gen zu Las­ten des Kon­tos der Schuld­ne­rin ergibt. Die inzwi­schen insol­ven­te Schuld­ne­rin, eine GmbH, eröff­ne­te bei der Beklag­ten im Janu­ar 2004 ein auf Gut­ha­ben­ba­sis zu füh­ren­des Giro­kon­to mit einem monat­li­chen Rech­nungs­ab­schluss. Einen Tag nach sei­ner Bestim­mung zum vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­wal­ter mit Zustim­mungs­vor­be­halt (§ 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 InsO) wider­sprach der Klä­ger am 9. Juli 2004 gegen­über der beklag­ten Bank allen noch nicht geneh­mig­ten Last­schrif­ten aus Ein­zugs­er­mäch­ti­gun­gen, ohne dass die­sem Wider­spruch sach­li­che Ein­wen­dun­gen gegen die ein­ge­zo­ge­nen For­de­run­gen zugrun­de lagen. Die Beklag­te buch­te dar­auf­hin nur die seit dem 1. Juni 2004 zu Las­ten des Schuld­ner­kon­tos aus­ge­führ­ten Last­schrif­ten zurück, nicht jedoch die – im vor­lie­gen­den Ver­fah­rens streit­ge­gen­ständ­li­chen – Last­schrift­bu­chun­gen aus dem Zeit­raum vom 1. bis 31. Mai 2004 in Höhe von ins­ge­samt 82.841,74 €. Dar­un­ter ist eine Steu­er­for­de­rung des Frei­staa­tes Bay­ern, der die beklag­te Bank nun­mehr als Streit­hel­fer unter­stützt. Das Land­ge­richt Mün­chen I hat der Kla­ge des Insol­venz­ver­wal­ters statt­ge­ge­ben 2, das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Beru­fung der beklag­ten Bank zurück­ge­wie­sen 3.

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat – auf der Grund­la­ge der vom Bun­des­ge­richts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Geneh­mi­gungs­theo­rie, wonach Erfül­lung der For­de­rung des Gläu­bi­gers erst mit der Geneh­mi­gung der Belas­tungs­bu­chung durch den Schuld­ner ein­tritt – ange­nom­men, dass die Schuld­ne­rin die Belas­tungs­bu­chun­gen auf ihrem Kon­to zum Zeit­punkt des Wider­spruchs des Klä­gers noch nicht geneh­migt hat­te, so dass die Beklag­te auch noch kei­nen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch gegen die Schuld­ne­rin wegen der von ihr aus­ge­führ­ten Last­schrift­zah­lun­gen erwor­ben hat­te. Ins­be­son­de­re hat es dem Ver­hal­ten der Schuld­ne­rin kei­ne Anhalts­punk­te für eine kon­klu­den­te Geneh­mi­gung ent­nom­men. Dies hielt der revi­si­ons­recht­li­chen Nach­prü­fung durch den Ban­ken­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs nicht Stand:

Der XI. Zivil­se­nat (Ban­ken­se­nat) des Bun­des­ge­richts­hofs ent­schied, dass es der Kre­dit­wirt­schaft unter der Gel­tung des neu­en Zah­lungs­ver­kehrs­rechts der §§ 675c ff. BGB, durch das das Last­schrift­ver­fah­ren erst­mals gesetz­lich gere­gelt wird, nun­mehr frei­steht, in ihren All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eine von der Geneh­mi­gungs­theo­rie abwei­chen­de Par­tei­ver­ein­ba­rung zu tref­fen. Auto­ri­siert der Zah­lungs­pflich­ti­ge mit der dem Gläu­bi­ger erteil­ten Ein­zugs­er­mäch­ti­gung zugleich auch sei­ne Bank, die Zah­lung aus­zu­füh­ren, ist die Belas­tungs­bu­chung auf sei­nem Kon­to von Anfang an wirk­sam. Bei einer sol­chen recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Ein­zugs­er­mäch­ti­gungs­last­schrift, die das auf euro­päi­scher Ebe­ne zum Novem­ber 2009 neu ein­ge­führ­te SEPA-Last­schrift­ver­fah­ren zum Vor­bild hät­te, hät­ten alle auf die­sem Wege bewirk­ten Zah­lun­gen auch dann Bestand, wenn nach der Belas­tungs­bu­chung das Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Zah­lungs­pflich­ti­gen eröff­net wird bezie­hungs­wei­se im Eröff­nungs­ver­fah­ren ent­spre­chen­de Siche­rungs­maß­nah­men ange­ord­net wer­den. Das Recht des Zah­lers gemäß § 675x BGB, bin­nen acht Wochen nach der Belas­tungs­bu­chung von sei­ner Bank Erstat­tung des Zahl­be­tra­ges ver­lan­gen zu kön­nen, fällt nicht in die Insol­venz­mas­se, so dass der (vor­läu­fi­ge) Insol­venz­ver­wal­ter inso­weit kei­ne Ver­fü­gungs­be­fug­nis erlangt.

Da die­se Leit­li­ni­en der Umset­zung durch die Kre­dit­wirt­schaft bedür­fen und daher auf den vor­lie­gen­den Fall noch kei­ne Anwen­dung fin­den kön­nen, ist das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zu Recht von der Geneh­mi­gungs­be­dürf­tig­keit der Belas­tungs­bu­chun­gen aus­ge­gan­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Beru­fungs­ur­teil gleich­wohl auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen, damit die­ses noch­mals der Fra­ge nach­geht, ob die Schuld­ne­rin die Belas­tungs­bu­chun­gen nicht bereits kon­klu­dent geneh­migt hat­te, als der Klä­ger wider­sprach. Zu Unrecht, so die Karls­ru­her Bun­des­rich­ter, hat das Ober­lan­des­ge­richt in die­sem Zusam­men­hang dem Vor­brin­gen der Beklag­ten, dass den Last­schrift­bu­chun­gen vor­nehm­lich regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de For­de­run­gen aus lau­fen­den Geschäfts­be­zie­hun­gen bezie­hungs­wei­se Dau­er­schuld­ver­hält­nis­sen zugrun­de lagen, deren Ein­zug die Schuld­ne­rin nie­mals zuvor wider­spro­chen hat­te, bis­lang kei­ne Bedeu­tung bei­gemes­sen. Der XI. Zivil­se­nat urteil­te inso­weit, dass bei regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Zah­lun­gen, bei­spiels­wei­se aus Dau­er­schuld­ver­hält­nis­sen, lau­fen­den Geschäfts­be­zie­hun­gen oder zur Steu­er­vor­aus­zah­lung, je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls eine kon­klu­den­te Geneh­mi­gung in Betracht kom­men kann, wenn der Schuld­ner dem Ein­zug nach Ablauf einer ange­mes­se­nen Prüf­frist nicht wider­spricht, er einen frü­he­ren Ein­zug jedoch bereits geneh­migt hat­te. Dies gilt jeden­falls dann, wenn das Kon­to – wie hier – im unter­neh­me­ri­schen Geschäfts­ver­kehr geführt wird. Dass die Mög­lich­keit einer kon­klu­den­ten Geneh­mi­gung wei­ter gehend als bis­her aner­kannt wird, führt bereits zu einer gewis­sen Ent­span­nung der der­zei­ti­gen Situa­ti­on.

Dazu trägt auch wesent­lich bei, dass der für das Insol­venz­recht zustän­di­ge IX. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in einem wei­te­ren Urteil nun­mehr ent­schie­den hat, der Insol­venz­ver­wal­ter oder Treu­hän­der in Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen natür­li­cher Per­so­nen dür­fe nicht mehr sche­ma­tisch allen noch nicht durch den Schuld­ner geneh­mig­ten Last­schrif­ten wider­spre­chen, er müs­se viel­mehr die Gren­zen des pfän­dungs­frei­en Schuld­ner­ver­mö­gens beach­ten. Solan­ge die Last­schrif­ten nur das pfän­dungs­freie Schon­ver­mö­gen betref­fen, ist allein dem Schuld­ner die Ent­schei­dung über die Geneh­mi­gung vor­be­hal­ten.

In dem die­ser Ent­schei­dung des IX. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs zugrun­de lie­gen­den Fall ver­langt eine Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Zah­lung von drei Monats­mie­ten (ins­ge­samt 1.013,40 €) von der Treu­hän­de­rin in einem Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren. Die Schuld­ne­rin hat von der Klä­ge­rin eine Woh­nung ange­mie­tet. Die Mie­ten wur­den von der Klä­ge­rin im Ein­zie­hungs­er­mäch­ti­gungs­ver­fah­ren ein­ge­zo­gen. Die Schuld­ne­rin bezieht Wohn­geld nach dem Zwei­ten Buch des Sozi­al­ge­setz­buchs. Unmit­tel­bar nach­dem die Beklag­te am 19. Dezem­ber 2007 zur Treu­hän­de­rin bestellt wor­den war, wider­sprach sie der Belas­tung des Schuld­ner­kon­tos mit den Mie­ten für Okto­ber bis Dezem­ber 2007, die dar­auf­hin zurück­ge­bucht wur­den. Das Amts­ge­richt Leip­zig hat der Kla­ge der Ver­mie­te­rin statt­ge­ge­ben 4. Auf die Beru­fung der beklag­ten Treu­hän­de­rin hat das Land­ge­richt Lei­pig jedoch das amts­ge­richt­li­che Urteil auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen 5. Die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Revi­si­on hat­te im Ergeb­nis kei­nen Erfolg.

Das Land­ge­richt Leip­zig hat in sei­nem Beru­fungs­ur­teil ange­nom­men, die Bekla­ge sei gehal­ten gewe­sen, die Mas­se durch einen Wider­spruch gegen die Last­schrif­ten zu sichern. Dem­ge­gen­über hat der IX. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs nun­mehr ent­schie­den, der Ver­wal­ter müs­se vor einem Wider­spruch prü­fen, ob durch die Last­schrif­ten nur das pfän­dungs­freie "Schon­ver­mö­gen" des Schuld­ners betrof­fen sei. Dies ergibt sich aus dem Rechts­ge­dan­ken der auch im Insol­venz­ver­fah­ren anwend­ba­ren Vor­schrift des § 850k ZPO a. F. (seit 1. Juli 2010: § 850l ZPO). Danach soll der pfän­dungs­freie Betrag des Arbeits­ein­kom­mens auch dann vor einer Pfän­dung geschützt wer­den und dem Schuld­ner zur Ver­fü­gung ste­hen, wenn er auf ein Kon­to über­wie­sen wird. Dies gilt auch für Sozi­al­leis­tun­gen (§ 54 Abs. 4 SGB I). Soweit die Sum­me der Buchun­gen aus Last­schrif­ten und Bar­ab­he­bun­gen sowie Über­wei­sun­gen den pfän­dungs­frei­en Betrag ("Schon­ver­mö­gen") nicht über­steigt, darf der Ver­wal­ter den Last­schrif­ten nicht wider­spre­chen. Auch wenn der Frei­be­trag über­schrit­ten ist, ist ein sche­ma­ti­scher Wider­spruch unzu­läs­sig. Der Ver­wal­ter muss dem Schuld­ner Gele­gen­heit geben zu ent­schei­den, wel­che Last­schrif­ten aus dem "Schon­ver­mö­gen" bedient sein sol­len.

Im vor­lie­gen­den Fall stamm­ten die Last­schrif­ten aus unpfänd­ba­ren Ein­künf­ten der Schuld­ne­rin (Wohn­geld), so dass die Treu­hän­de­rin den Belas­tun­gen nicht wider­spre­chen konn­te. Ein gegen die Mas­se gerich­te­ter Scha­dens­er­satz­an­spruch kam nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs gleich­wohl nicht in Betracht. Es fehl­te jeden­falls an einem Ver­schul­den der Beklag­ten. Die­se durf­te sich nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des IX. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs dar­auf ver­las­sen, recht­mä­ßig zu han­deln. Die Revi­si­on blieb daher im Ergeb­nis ohne Erfolg.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 20. Juli 2010 – XI ZR 236/​07 und IX ZR 37/​09

  1. vgl. BGHZ 174, 84 ff. und BGHZ 177, 69 ff.[]
  2. LG Mün­chen I, Urteil vom 28.08.2006 – 27 O 20542/​05[]
  3. OLG Mün­chen, Urteil vom 29.03.2007 – 19 U 4837/​06[]
  4. AG Leip­zig, Urteil vom 24.09.2008 – 109 C 2936/​08[]
  5. LG Leip­zig, Urteil vom 30.01.2009 – 7 S 489/​08[]