Kla­ge­än­de­rung bei Beru­fung

Eine Regress­kla­ge gegen einen Rechts­an­walt auf­grund eines ver­lo­re­nen Vor­pro­zes­ses infol­ge pflicht­wid­ri­ger Pro­zess­füh­rung des Rechts­an­walts, ist man­gels Bekämp­fung der erst­in­stanz­li­chen Beschwer unzu­läs­sig, wenn mit der Beru­fung erst­mals gel­tend gemacht wird, dass der Rechts­an­walt man­gels Erfolgs­aus­sich­ten bereits von der Ein­lei­tung des Vor­pro­zes­ses hat abra­ten müs­sen.

Kla­ge­än­de­rung bei Beru­fung

So hat der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier vor­lie­gen­den Fall beschlos­sen. Damit stimmt der Bun­des­ge­richts­hof dem Ober­lan­des­ge­richt 1 zu. Die­se Wür­di­gung ist nicht von Rechts­feh­lern beein­flusst, wel­che die Zuläs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de begrün­den könn­ten (§ 574 Abs. 2 ZPO). Viel­mehr fügt sich die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung zutref­fend in die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ein.

Die Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels der Beru­fung und der Revi­si­on setzt nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung vor­aus, dass der Angriff des Rechts­mit­tel­füh­rers (auch) auf die Besei­ti­gung der im vor­in­stanz­li­chen Urteil ent­hal­te­nen Beschwer gerich­tet ist 2. Das Rechts­mit­tel ist mit­hin unzu­läs­sig, wenn mit ihm ledig­lich im Wege der Kla­ge­än­de­rung ein neu­er, bis­lang nicht gel­tend gemach­ter Anspruch zur Ent­schei­dung gestellt wird; viel­mehr muss zumin­dest auch der in ers­ter Instanz erho­be­ne Kla­ge­an­spruch wenigs­tens teil­wei­se wei­ter­ver­folgt wer­den 3. Die Erwei­te­rung oder Ände­rung der Kla­ge kann nicht allei­ni­ges Ziel des Rechts­mit­tels sein, son­dern nur auf der Grund­la­ge eines zuläs­si­gen Rechts­mit­tels ver­wirk­licht wer­den 4. Des­halb muss nach einer Kla­ge­ab­wei­sung das vor­in­stanz­li­che Begeh­ren zumin­dest teil­wei­se wei­ter­ver­folgt wer­den. Eine Beru­fung, wel­che die Rich­tig­keit der vor­in­stanz­li­chen Kla­ge­ab­wei­sung nicht in Fra­ge stellt und aus­schließ­lich einen neu­en – bis­her noch nicht gel­tend gemach­ten – Anspruch zum Gegen­stand hat, ist unzu­läs­sig 5.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist die Beru­fung der Klä­ge­rin unzu­läs­sig, weil sie ihr vor­in­stanz­li­ches Begeh­ren nicht wei­ter­be­treibt, son­dern im Wege der Kla­ge­än­de­rung einen neu­en, bis­lang nicht erho­be­nen Anspruch zur Prü­fung unter­brei­tet. Die Klä­ge­rin hat dem Beklag­ten erst­in­stanz­lich vor­ge­wor­fen, die Aus­schluss­frist des § 12 Abs. 3 VVG a.F. ver­säumt zu haben 6. Infol­ge die­ser Pflicht­wid­rig­keit sei der Vor­pro­zess ver­lo­ren gegan­gen, weil das Gericht im Fal­le der Wah­rung der Kla­ge­frist zu dem Ergeb­nis gelangt wäre, dass die beklag­te Ver­si­che­rung ein­tritts­pflich­tig sei. Auf die­ser Tat­sa­chen­grund­la­ge hat die Klä­ge­rin in vor­lie­gen­der Sache ihren Scha­den nach Maß­ga­be der in dem Vor­pro­zess ein­ge­klag­ten For­de­rung zuzüg­lich der von ihr zu tra­gen­den Ver­fah­rens­kos­ten berech­net. Im Beru­fungs­rechts­zug hat die Klä­ge­rin ihren auf die Ver­fah­rens­kos­ten redu­zier­ten Anspruch dage­gen auf das Vor­brin­gen gestützt, das Land­ge­richt hät­te unter­su­chen müs­sen, ob der Beklag­te Hin­weis­pflich­ten ver­letzt habe. Der Beklag­te hät­te sie dar­auf hin­wei­sen müs­sen, dass ein gericht­li­ches Vor­ge­hen kei­ne Erfolgs­aus­sich­ten gehabt habe. Im Fal­le einer zutref­fen­den Bera­tung die­ses Inhalts hät­te sie den Vor­pro­zess nicht geführt und Ver­fah­rens­kos­ten in Höhe von 6.517,80 € erspart.

Ange­sichts die­ses neu­en Vor­brin­gens macht die Klä­ge­rin mit der Beru­fung, ohne die Beschwer des Erst­ur­teils anzu­grei­fen, einen geän­der­ten pro­zes­sua­len Anspruch gel­tend. Nach der heu­te ganz herr­schen­den Auf­fas­sung wird der Streit­ge­gen­stand durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die von dem Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Anspruchs­grund) bestimmt, aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge ablei­tet. Eine Kla­ge­än­de­rung liegt vor, wenn ent­we­der der Kla­ge­an­trag oder der Kla­ge­grund aus­ge­wech­selt wird 7.

Im Streit­fall ist im Ver­gleich zu dem erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gen ledig­lich – wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat – der Kla­ge­an­trag tei­li­den­tisch. Die Klä­ge­rin hat indes­sen den Kla­ge­grund mit der Fol­ge einer Kla­ge­än­de­rung und der Unan­wend­bar­keit des § 264 ZPO aus­ge­wech­selt.

Der Man­dant, der im Vor­pro­zess mit sei­ner Kla­ge nicht durch­ge­drun­gen ist, kann sei­nen Kos­ten­scha­den auf zwei sich wech­sel­sei­tig aus­schlie­ßen­de Sach­ver­halts­al­ter­na­ti­ven grün­den: Ein­mal kann er behaup­ten, dass der Vor­pro­zess bei pflicht­ge­mä­ßem Vor­ge­hen des Anwalts gewon­nen und ihm folg­lich kei­ne Kos­ten­pflicht auf­er­legt wor­den wäre. Hier wird der Kos­ten­scha­den regel­mä­ßig neben den Scha­den tre­ten, der im Ver­lust der Haupt­sa­che liegt. Zum andern kann der Man­dant gel­tend machen, der Anwalt habe den aus Rechts­grün­den nicht gewinn­ba­ren Vor­pro­zess gar nicht erst ein­lei­ten dür­fen 8. Mit Rück­sicht auf den gegen­sätz­li­chen Sach­ver­halt han­delt es sich dabei um unter­schied­li­che Streit­ge­gen­stän­de 9.

Bei die­ser Sach­la­ge hat die Klä­ge­rin im Beru­fungs­rechts­zug eine Kla­ge­än­de­rung vor­ge­nom­men. Sie hat abwei­chend von dem ers­ten Rechts­zug nicht mehr die Ver­fah­rens­füh­rung durch den Beklag­ten in dem Vor­pro­zess bean­stan­det, son­dern ihm aus­schließ­lich die Ein­lei­tung des Vor­pro­zes­ses ange­las­tet. Dem­entspre­chend wur­de der erst­in­stanz­lich neben dem Kos­ten­scha­den auch auf Ersatz des Ver­lusts in der Haupt­sa­che gerich­te­te Antrag im Beru­fungs­rechts­zug auf den Kos­ten­scha­den redu­ziert. Der allein auf Ersatz des Kos­ten­scha­dens gerich­te­te Antrag beruht indes­sen auf einem neu­en tat­säch­li­chen Vor­brin­gen. Infol­ge der damit gege­be­nen Ände­rung des Streit­ge­gen­stan­des liegt der Beru­fung aus­schließ­lich eine Kla­ge­än­de­rung zugrun­de.

Die Klä­ge­rin hat sich – ent­ge­gen dem Rechts­be­schwer­de­vor­brin­gen – nicht bereits erst­in­stanz­lich dar­auf beru­fen, der Beklag­te habe ihr nicht zur Kla­ge­er­he­bung raten dür­fen. Das Vor­brin­gen des Beklag­ten in der Kla­ge­er­wi­de­rung, ihm sei bei Kla­ge­er­he­bung in dem Vor­pro­zess "nicht wohl" gewe­sen, betraf tat­säch­li­che, nicht recht­li­che Unwäg­bar­kei­ten und ist von der Klä­ge­rin über­dies erst­in­stanz­lich nicht auf­ge­grif­fen wor­den. Soweit die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung auf das von der Beru­fungs­be­grün­dung in Bezug genom­me­ne erst­in­stanz­li­che Vor­brin­gen ver­weist, stimmt die­ses mit dem Inhalt der Beru­fungs­be­grün­dung nicht ein­mal ent­fernt über­ein. Der Vor­wurf, bera­tungs­feh­ler­haft zur Ein­lei­tung des Vor­pro­zes­ses gera­ten zu haben, kann auch nicht dem Gesamt­zu­sam­men­hang des Kla­ge­vor­brin­gens ent­nom­men wer­den. Inso­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Kos­ten­scha­den von 6.517,80 € nur einen gerin­gen Bruch­teil der ursprüng­li­chen Kla­ge­for­de­rung über 150.000 € aus­mach­te. Hät­te die Klä­ge­rin erst­in­stanz­lich den Vor­wurf gegen den Beklag­ten dar­auf beschränkt, pflicht­wid­rig den Vor­pro­zess ein­ge­lei­tet zu haben, hät­te ihre eige­ne Dar­stel­lung im Blick auf die wei­te­ren Scha­dens­po­si­tio­nen von vorn­her­ein zu einem ganz über­wie­gen­den Unter­lie­gen geführt. Da der Kla­ge­an­trag über 150.000 € bis zum Schluss des erst­in­stanz­li­chen Rechts­zu­ges auf­recht­erhal­ten wur­de, kann mit Rück­sicht auf die Inter­es­sen­la­ge der Klä­ge­rin, in vol­lem Umfang oder doch jeden­falls im Haupt­punkt zu obsie­gen, ein sol­cher Sach­vor­trag nicht zugrun­de gelegt wer­den. Viel­mehr hät­te es zumin­dest einer Klar­stel­lung bedurft, den Kos­ten­scha­den hilfs­wei­se allein auf die Ein­lei­tung des Rechts­streits zu stüt­zen. Dar­an fehlt es indes­sen.

Es kann letzt­lich dahin­ste­hen, ob das Erst­ge­richt gemäß § 139 ZPO gehal­ten war, auf einen geän­der­ten Kla­ge­vor­trag im Sin­ne der pflicht­wid­ri­gen Ein­lei­tung des Vor­pro­zes­ses hin­zu­wir­ken. Denn eine ent­spre­chen­de Rüge, der die Bekämp­fung der erst­in­stanz­li­chen Beschwer ent­nom­men wer­den könn­te, hat die Klä­ge­rin in ihrer inso­weit allein maß­geb­li­chen Beru­fungs­be­grün­dung nicht erho­ben. Davon abge­se­hen bestand vor­lie­gend auch kei­ne Hin­weis­pflicht des Erst­ge­richts. Es ist nicht Auf­ga­be des Gerichts, durch Fra­gen oder Hin­wei­se neue Anspruchs­grund­la­gen, Ein­re­den oder Anträ­ge ein­zu­füh­ren, die in dem strei­ti­gen Vor­brin­gen der Par­tei­en nicht zumin­dest andeu­tungs­wei­se bereits eine Grund­la­ge haben 10. Eben­so wie neue Anspruchs­grund­la­gen darf das Gericht nicht die Dar­le­gung eines neu­en Sach­ver­halts anre­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund bestand kei­ne Ver­pflich­tung des Erst­ge­richts, auf eine Sach­ver­halts­än­de­rung hin­zu­wir­ken, die in einem völ­li­gen Wider­spruch zu dem bis­he­ri­gen Par­tei­vor­brin­gen gestan­den und der Kla­ge in ihren wesent­li­chen Tei­len jede Erfolgs­aus­sicht genom­men hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Sep­tem­ber 2011 – IX ZB 106/​11

  1. OLG Frank­furt/​Main, vom 15.02.2011 – 7 U 212/​10[]
  2. BGH, Beschluss vom 07.05.2003 – XII ZB 191/​02, BGHZ 155, 21, 26; vom 16.09.2008 – IX ZR 172/​07, WM 2008, 2029 Rn. 4[]
  3. st. Rspr.; BGH, Beschluss vom 07.05.2003 – IX ZB 191/​02, BGHZ 155, 21, 26 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 30.11.2005 – XII ZR 112/​03, NJW-RR 2006, 442 Rn. 15; vom 16.09.2008 – IX ZR 172/​07, WM 2008, 2029 Rn. 4 jeweils mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 22.11.1990 – IX ZR 73/​90, NJW-RR 1991, 1279[]
  6. LG Lim­burg, vom 26.07.2010 – 1 O 293/​09[]
  7. BGH, Beschluss vom 16.09.2008 – IX ZR 172/​07, WM 2008, 2029 Rn. 9[]
  8. Fah­ren­dorf in: Fahrendorf/​Mennemeyer/​Terbille, Die Haf­tung des Rechts­an­walts, 8. Aufl., Rn. 926[]
  9. BGH, Urteil vom 07.02.2008 – IX ZR 198/​06, WM 2008, 1612 Rn. 34, 35; vom 13.03.2008 – IX ZR 136/​07, WM 2008, 1560 Rn. 24[]
  10. BGH, Beschluss vom 02.10.2003 – V ZB 22/​03, NJW 2004, 164 f; BT-Drucks. 14/​4722 S. 77[]