Nach­rüs­tungs­pflicht bei ver­schärf­ter DIN-Norm

Maß eine bestehen­de tech­ni­sche Anla­ge nach­ge­rüs­tet wer­den, wenn die ent­spre­chen­de DIN-Norm ver­schärft wird? Nein, sagt der Bun­des­ge­richts­hof und lehn­te damit eine Scha­dens­er­satz­kla­ge ab, bei der es um eben die­se Fra­ge bei einer halb­au­to­ma­ti­schen Glas­tür ging, die den ein­zi­gen Zugang zu einem Geld­au­to­ma­ten einer Bank dar­stell­te.

Nach­rüs­tungs­pflicht bei ver­schärf­ter DIN-Norm

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist der­je­ni­ge, der eine Gefah­ren­la­ge – gleich wel­cher Art – schafft, grund­sätz­lich ver­pflich­tet, die not­wen­di­gen und zumut­ba­ren Vor­keh­run­gen zu tref­fen, um eine Schä­di­gung ande­rer mög­lichst zu ver­hin­dern 1. Die recht­lich gebo­te­ne Ver­kehrs­si­che­rung umfasst die­je­ni­gen Maß­nah­men, die ein umsich­ti­ger und ver­stän­di­ger, in ver­nünf­ti­gen Gren­zen vor­sich­ti­ger Mensch für not­wen­dig und aus­rei­chend hält, um ande­re vor Schä­den zu bewah­ren.

Dabei ist jedoch zu berück­sich­ti­gen, dass nicht jeder abs­trak­ten Gefahr vor­beu­gend begeg­net wer­den kann. Ein all­ge­mei­nes Ver­bot, ande­re nicht zu gefähr­den, wäre uto­pisch. Eine Ver­kehrs­si­che­rung, die jede Schä­di­gung aus­schließt, ist im prak­ti­schen Leben nicht erreich­bar. Des­halb muss nicht für alle denk­ba­ren Mög­lich­kei­ten eines Scha­dens­ein­tritts Vor­sor­ge getrof­fen wer­den. Es sind viel­mehr nur die­je­ni­gen Vor­keh­run­gen zu tref­fen, die geeig­net sind, die Schä­di­gung ande­rer tun­lichst abzu­wen­den 2. Der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt (§ 276 Abs. 2 BGB) ist genügt, wenn im Ergeb­nis der­je­ni­ge Sicher­heits­grad erreicht ist, den die in dem ent­spre­chen­den Bereich herr­schen­de Ver­kehrs­auf­fas­sung für erfor­der­lich hält 3. Daher reicht es aner­kann­ter Maßen aus, die­je­ni­gen Sicher­heits­vor­keh­run­gen zu tref­fen, die ein ver­stän­di­ger, umsich­ti­ger, vor­sich­ti­ger und gewis­sen­haf­ter Ange­hö­ri­ger der betrof­fe­nen Ver­kehrs­krei­se – hier der Ban­ken – für aus­rei­chend hal­ten darf, um ande­re Per­so­nen – hier die Kun­den – vor Schä­den zu bewah­ren, und die den Umstän­den nach zuzu­mu­ten sind; Vor­aus­set­zung für eine Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht ist, dass sich vor­aus­schau­end für ein sach­kun­di­ges Urteil die nahe lie­gen­de Gefahr ergibt, dass Rechts­gü­ter ande­rer ver­letzt wer­den kön­nen 4.

Kommt es in Fäl­len, in denen hier­nach kei­ne Schutz­maß­nah­men getrof­fen wer­den muss­ten, weil eine Gefähr­dung ande­rer zwar nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen, aber nur unter beson­ders eigen­ar­ti­gen und ent­fern­ter lie­gen­den Umstän­den zu befürch­ten war, aus­nahms­wei­se doch ein­mal zu einem Scha­den, so muss der Geschä­dig­te – so hart dies im Ein­zel­fall sein mag – den Scha­den selbst tra­gen. Er hat ein "Unglück" erlit­ten und kann dem Schä­di­ger kein "Unrecht" vor­hal­ten 5.

Die Fra­ge einer Nach­rüs­tungs­pflicht für bestehen­de tech­ni­sche Anla­gen im Fal­le einer Ver­schär­fung von Sicher­heits­be­stim­mun­gen lässt sich nicht gene­rell beant­wor­ten, son­dern rich­tet sich eben­falls danach, ob sich vor­aus­schau­end für ein sach­kun­di­ges Urteil die nahe lie­gen­de Gefahr ergibt, dass durch die bestehen­de tech­ni­sche Anla­ge – ohne Nach­rüs­tung – Rechts­gü­ter ande­rer ver­letzt wer­den kön­nen. Unter den Umstän­den des Streit­fal­les begeg­net es kei­nen recht­li­chen Beden­ken, dass das Beru­fungs­ge­richt eine Pflicht der Beklag­ten ver­neint hat, die Schließ­an­la­ge so "nach­zu­rüs­ten", dass sie der seit Dezem­ber 2005 für Neu­bau­ten gel­ten­den Her­stel­lungs­norm (DIN 18650/​1 und ‑2) genüg­te.

Wel­che Sicher­heit und wel­cher Gefah­renschutz im Rah­men der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht zu gewähr­leis­ten sind, rich­tet sich nicht aus­schließ­lich nach den moderns­ten Erkennt­nis­sen und nach dem neu­es­ten Stand der Tech­nik. Es kommt viel­mehr maß­geb­lich auch auf die Art der Gefah­ren­quel­le an. Je grö­ßer die Gefahr und je schwer­wie­gen­der die im Fal­le ihrer Ver­wirk­li­chung dro­hen­den Fol­gen sind, um so eher wird eine Anpas­sung an neu­es­te Sicher­heits­stan­dards gebo­ten sein. Soweit es sich um Gefah­ren han­delt, die nicht so schwer­wie­gend und für den Ver­kehr im All­ge­mei­nen erkenn­bar und mit zumut­ba­rer Sorg­falt und Vor­sicht beherrsch­bar sind, kann dem Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­gen im Ein­zel­fall jeden­falls – wie das Beru­fungs­ge­richt mit Recht ange­nom­men hat – eine ange­mes­se­ne Über­gangs­frist zuzu­bil­li­gen sein 6.

Danach begeg­net es kei­nen recht­li­chen Beden­ken, eine Nach­rüs­tungs­pflicht im Hin­blick auf die seit Dezem­ber 2005 gel­ten­de neue Her­stel­lungs­norm (DIN 18650/​1 und ‑2) jeden­falls inner­halb des unter einem Jahr lie­gen­den Zeit­raums bis zum Unfall der Klä­ge­rin am 11. Okto­ber 2006 zu ver­nei­nen. Denn auf der Grund­la­ge der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ergab sich bis dahin vor­aus­schau­end für ein sach­kun­di­ges Urteil kei­ne nahe lie­gen­de Gefahr, dass durch die bestehen­de tech­ni­sche Anla­ge – ohne Nach­rüs­tung – Rechts­gü­ter ande­rer ver­letzt wer­den kön­nen.

Die Glas­tür ent­sprach den Sicher­heits­an­for­de­run­gen der zur Zeit ihres Ein­baus im Jah­re 1996 gel­ten­den Ein­rich­tungs­vor­schrift ("Richt­li­ni­en für kraft­be­tä­tig­te Fens­ter, Türen und Tore" ZH 1/​494 des Haupt­ver­ban­des der gewerb­li­chen Berufs­ge­nos­sen­schaft)). Außer­halb der Öff­nungs­zei­ten der Filia­le erfolg­te der Zugang zu dem Vor­raum mit dem Geld­au­to­ma­ten mit­tels eines Kar­ten­le­se­ge­rä­tes. Um den Vor­raum wie­der zu ver­las­sen, muss­te die Tür von innen mit einem Tas­ter manu­ell betä­tigt wer­den und schloss danach auto­ma­tisch nach Ablauf von ca. 10 Sekun­den (Halb­au­to­ma­tik­be­trieb). Der Schließ­vor­gang erfolg­te dabei mit einer Bewe­gungs­ge­schwin­dig­keit von ca. 15 cm pro Sekun­de rela­tiv lang­sam und mit einem Schließ­druck von nur 150 N, der im Regel­fall, in dem ein Besu­cher an den Schul­tern erfasst wird, nicht zu Ver­let­zun­gen führt. Dass die Klä­ge­rin ver­letzt wor­den ist, resul­tiert nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts aus dem unglück­li­chen Umstand, dass zwei Fin­ger ihrer rech­ten Hand von der sich schlie­ßen­den Tür ein­ge­klemmt wor­den sind. Nach den wei­te­ren unan­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hat­te sich ein sol­cher Vor­fall in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren bis zu dem von der Klä­ge­rin behaup­te­ten Unfall nicht ereig­net. Im Übri­gen war die Glas­tür zum Geld­au­to­ma­ten der Beklag­ten nach dem Ergeb­nis der vom Beru­fungs­ge­richt in Bezug genom­me­nen Beweis­auf­nah­me des Amts­ge­richts jähr­lich ein- bis zwei­mal gewar­tet wor­den, ohne dass sich Bean­stan­dun­gen sei­tens des War­tungs­diens­tes oder sei­tens eines Kun­den erga­ben.

Unter die­sen Umstän­den ist nicht ersicht­lich, wes­halb die Beklag­te damit rech­nen muss­te, dass ihre Kun­den beim Ver­las­sen des Rau­mes mit dem Geld­au­to­ma­ten durch den Schließ­me­cha­nis­mus der (halb-)automatischen Glas­tü­re – ohne Nach­rüs­tung – Ver­let­zun­gen erlei­den könn­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 223/​09

  1. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 19.12.1989 – VI ZR 182/​89, VersR 1990, 498, 499; vom 04.12.2001 – VI ZR 447/​00, VersR 2002, 247, 248; vom 15.07.2003 – VI ZR 155/​02, VersR 2003, 1319; vom 08.11.2005 – VI ZR 332/​04, VersR 2006, 233, 234; und vom 16.05.2006 – VI ZR 189/​05, VersR 2006, 1083, 1084, jeweils m.w.N.; vgl. auch BGHZ 121, 367, 375 und BGH, Urteil vom 13.06.1996 – III ZR 40/​95, VersR 1997, 109, 111[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.10.1978 – VI ZR 98/​77 und VI ZR 99/​77, VersR 1978, 1163, 1165, vom 15.07.2003 – VI ZR 155/​02, a.a.O., vom 08.11.2005 – VI ZR 332/​04; und vom 16.05.2006 – VI ZR 189/​05, jeweils a.a.O.[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.02.1972 – VI ZR 111/​70, VersR 1972, 559, 560; vom 15.07.2003 – VI ZR 155/​02, a.a.O.; vom 08.11.2005 – VI ZR 332/​04; und vom 16.05.2006 – VI ZR 189/​05, jeweils a.a.O.[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.02.1963 – VI ZR 145/​62, VersR 1963, 532; vom 19.05.1967 – VI ZR 162/​65, VersR 1967, 801; vom 04.12.2001 – VI ZR 447/​00, aaO; vom 15.07.2003 – VI ZR 155/​02, a.a.O.; vom 08.11.2005 – VI ZR 332/​04; und vom 16.05.2006 – VI ZR 189/​05 – jeweils a.a.O.[]
  5. vgl. BGH; Urtei­le vom 15.04.1975 – VI ZR 19/​74, VersR 1975, 812; vom 15.07.2003 – VI ZR 155/​02, a.a.O.; vom 08.11.2005 – VI ZR 332/​04; und vom 16.05.2006 – VI ZR 189/​05, jeweils a.a.O.[]
  6. vgl. BGH, Urteil in BGHZ 103, 338, 342[]