Ört­li­che Zustän­dig­keit – und ihre Über­prü­fung in der Beru­fungs­in­stanz

Die Beru­fung kann nicht dar­auf gestützt wer­den, dass das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges sei­ne Zustän­dig­keit zu Unrecht ange­nom­men hat, § 513 Abs. 2 ZPO.

Ört­li­che Zustän­dig­keit – und ihre Über­prü­fung in der Beru­fungs­in­stanz

Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz, dass also die ört­li­che Zustän­dig­keit ent­ge­gen § 513 Abs. 2, § 545 Abs. 2 ZPO in den Rechts­mit­tel­in­stan­zen über­prüf­bar ist, wird allen­falls für den Fall dies­ku­tiert, dass das erst­in­stanz­li­che Gericht oder das Beru­fungs­ge­richt sie will­kür­lich ange­nom­men und damit den Beklag­ten sei­nem gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen haben1. Aller­dings setzt der Bun­des­ge­richts­hof hier, wie ein aktu­el­ler Fall zeigt, enge Gren­zen für die Annah­me einer Will­kür:

Objek­tiv will­kür­lich ist ein Rich­ter­spruch nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dann, wenn er unter kei­nem denk­ba­ren Aspekt recht­lich ver­tret­bar ist und sich daher der Schluss auf­drängt, dass er auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht. Feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung allein macht eine Gerichts­ent­schei­dung jedoch nicht will­kür­lich. Will­kür liegt viel­mehr erst dann vor, wenn eine offen­sicht­lich ein­schlä­gi­ge Norm nicht berück­sich­tigt, der Inhalt einer Norm in kras­ser Wei­se miss­ver­stan­den oder sonst in nicht mehr nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se ange­wen­det wird, so dass die Ent­schei­dung auf schwe­ren Rechts­an­wen­dungs­feh­lern beruht2.

Zwar begeg­net im hier ent­schie­de­nen Fall die Auf­fas­sung des Land­ge­richts Beden­ken, es sei, obwohl die Beklag­ten die ört­li­che Zustän­dig­keit in der Kla­ge­er­wi­de­rung gerügt haben, infol­ge rüge­lo­ser Ver­hand­lung ört­lich zustän­dig gewor­den, zumal es unzu­tref­fend auf § 39 ZPO statt auf Art. 24 LugÜ II3 abge­stellt hat. Da die Beklag­ten aus­weis­lich des erst­in­stanz­li­chen Pro­to­kolls zur Sache ver­han­delt haben, ohne dort die Zustän­dig­keits­rü­ge zu wie­der­ho­len, ist die Beur­tei­lung des Land­ge­richts indes­sen noch nicht will­kür­lich.

Hier ist das Land­ge­richt, das die schrift­sätz­li­che Zustän­dig­keits­rü­ge aus­weis­lich sei­nes Urteils­tat­be­stan­des gese­hen hat, offen­bar davon aus­ge­gan­gen, die Beklag­ten hät­ten die Rüge still­schwei­gend fal­len­ge­las­sen, nach­dem das Gericht, wie sich aus sei­nem Beschluss vom 15.12 2011 über den Tat­be­stands­be­rich­ti­gungs­an­trag des Beklag­ten zu 1 ergibt, in der münd­li­chen Ver­hand­lung aus­führ­lich dar­ge­legt hat­te, war­um es sei­ne ört­li­che Zustän­dig­keit für gege­ben erach­tet und die Beklag­ten dazu kei­ne wei­te­ren Erklä­run­gen abge­ge­ben hat­ten. Zwar muss die bereits schrift­sätz­lich vor­ge­tra­ge­ne Zustän­dig­keits­rü­ge sowohl im Anwen­dungs­be­reich des § 39 ZPO als auch des Art. 24 LugÜ – II in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht wie­der­holt wer­den, sofern auf sie still­schwei­gend Bezug genom­men wird4.

Mög­lich ist aber ein nach träg­li­cher – auch still­schwei­gen­der – Rüge­ver­zicht (vgl. zu § 39 ZPO BGH, Urteil vom 02.03.2006 – IX ZR 15/​05, aaO; OLG Koblenz, OLGR Koblenz 1998, 429, 430) oder eine Rück­nah­me der Zustän­dig­keits­rü­ge5. Ob die Beklag­ten hier nach­träg­lich auf die Zustän­dig­keits­rü­ge ver­zich­tet oder sie zurück­ge­nom­men haben, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Denn selbst wenn dies nicht der Fall wäre, läge hier ein blo­ßer Rechts­an­wen­dungs­feh­ler vor, der nicht den Schluss dar­auf zulie­ße, die Beja­hung der ört­li­chen Zustän­dig­keit beru­he auf sach­frem­den Erwä­gun­gen und sei will­kür­lich6.

Ob eine aus­nahms­wei­se Über­prü­fung der ört­li­chen Zustän­dig­keit im Fal­le einer inso­weit will­kür­li­chen erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung mög­lich ist, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof daher auch im vor­lie­gen­den Fall dahin­ste­hen las­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juli 2015 – VI ZR 465/​14

  1. so OLG Olden­burg, NJW-RR 1999, 865; Ger­ken in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 513 Rn. 33; Alt­ham­mer in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 513 Rn. 11; Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, 4. Aufl., § 513 Rn.19; Münch­Komm-ZPO/Krü­ger, aaO, § 545 Rn. 17; Beck­OK ZPO/Kes­sal-Wulf, § 545 Rn. 18 (Stand: 1.03.2015); bezüg­lich der Zustän­dig­keits­ab­gren­zung von Zivil- und Han­dels­kam­mer auch OLG Karls­ru­he, NJW-RR 2013, 437, 439; aA Zöller/​Heßler, ZPO, 30. Aufl., § 513 Rn. 10; Beck­OK ZPO/​Wulf, § 513 Rn. 10 (Stand: 1.03.2015); PG/​Lemke, ZPO, 7. Aufl., § 513 Rn. 16; Hk-ZPO/Wöst­mann, 6. Aufl., § 513 Rn. 3
  2. BVerfG, Fam­RZ 2010, 25; NJW 2014, 3147 Rn. 13; jeweils mwN
  3. zur Gel­tung für die ört­li­che Zustän­dig­keit Wag­ner in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 1; Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 1; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 32
  4. vgl. BGH, Urteil vom 02.03.2006 – IX ZR 15/​05, NJW 2006, 1806 Rn. 9
  5. zu § 39 ZPO Künzl, BB 1991, 757; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 39 Rn. 5; PG/​Wern, ZPO, 7. Aufl., § 12 Rn. 9; zu Art. 24 EuGV­VO aF Hk-ZPO/­Dör­ner, 5. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 8; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 52
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.03.2015 – VI ZR 11/​14, WM 2015, 819 Rn.19 ff. und – VI ZR 12/​1419 ff.