Rund­bo­gen­fens­ter

Vor­be­halt­lich einer ande­ren Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­par­tei­en ist ein funk­ti­ons­taug­li­cher, 23,4 kg schwe­rer Flü­gel eines Rund­bo­gen­fens­ters nicht allein des­halb man­gel­haft, weil das in einem Anwen­dungs­dia­gramm des Her­stel­lers der Fens­ter­be­schlä­ge für einen 80 kg schwe­ren Fens­ter­flü­gel ange­ge­be­ne Höchst­maß von 400 mm zwi­schen dem obe­ren Len­ker­la­ger und dem höchs­ten Punkt des Rund­bo­gens um mehr als die Hälf­te über­schrit­ten ist.

Rund­bo­gen­fens­ter

Werk­man­gel und die Regeln der Tech­nik

Bei einem Werk­ver­trag ist die Leis­tung eines Unter­neh­mers nach § 633 Abs. 1 BGB ver­trags­ge­recht, wenn sie die Beschaf­fen­heit auf­weist, die für den ver­trag­lich vor­aus­ge­setz­ten oder gewöhn­li­chen Gebrauch erfor­der­lich ist. Im Rah­men der getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen schul­det der Unter­neh­mer ein funk­ti­ons­taug­li­ches und zweck­ent­spre­chen­des Werk 1. Wel­che Beschaf­fen­heit des Werks von den Par­tei­en ver­ein­bart wor­den ist, ergibt sich aus der Aus­le­gung des Ver­trags 2. Übli­cher­wei­se sichert der Unter­neh­mer still­schwei­gend bei Ver­trags­schluss die Ein­hal­tung der aner­kann­ten Regeln der Tech­nik zu 3. Ent­spricht die Werk­leis­tung die­sen nicht, liegt regel­mä­ßig ein Werk­man­gel vor 4. Ein Werk ist aller­dings auch dann man­gel­haft, wenn es zwar die aner­kann­ten Regeln der Tech­nik ein­hält, gleich­wohl aber nicht funk­ti­ons­taug­lich und zweck­ent­spre­chend ist 5.

Man­gel­frei­heit der Fens­ter

Auf die­ser Grund­la­ge kommt nach Ein­schät­zung des Bun­des­ge­richts­hofs das sach­ver­stän­dig bera­te­ne Beru­fungs­ge­richt ohne Rechts­feh­ler zu dem Ergeb­nis, dass die von der Beklag­ten gelie­fer­ten Fens­ter man­gel­frei sind.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin hat vor dem Beru­fungs­ge­richt klar­ge­stellt, dass es sich bei der Fra­ge der Man­gel­haf­tig­keit um die Schwer­gän­gig­keit bzw. die Kon­struk­ti­on der Fens­ter han­delt.

Rechts­feh­ler­frei ist das Beru­fungs­ge­richt zu der Über­zeu­gung gelangt, dass die Fens­ter funk­ti­ons­taug­lich sind und dass nicht die von der Beklag­ten gewähl­te Kon­struk­ti­on, son­dern der feh­ler­haf­te Ein­bau der Fens­ter durch die Klä­ge­rin ursäch­lich für die von der Klä­ge­rin gerüg­ten Män­gel ist.

Der Sach­ver­stän­di­ge S. hat bei sei­ner münd­li­chen Anhö­rung dar­ge­legt, dass ein Fens­ter in der Kon­struk­ti­on nach den Regeln der Tech­nik als gebrauchs­taug­lich gel­te, wenn es einer Dau­er­funk­ti­ons­prü­fung nach RALRG 607/​3 oder der ent­spre­chen­den DIN­Norm EN1191 stand­hal­te. Der Zeu­ge M. hat ein mit den ein­ge­bau­ten Fens­tern bau­glei­ches Fens­ter einer der­ar­ti­gen Dau­er­funk­ti­ons­prü­fung unter­zo­gen und den ent­spre­chen­den Prüf­be­richt erstellt. Er hat bekun­det, dass die Prü­fung ohne Stö­rung abge­lau­fen sei.

Es ist für den Bun­des­ge­richts­hof nicht zu bean­stan­den, wenn das Beru­fungs­ge­richt auf­grund die­ses Ergeb­nis­ses der Beweis­auf­nah­me die Über­zeu­gung gewinnt, dass die Fens­ter unab­hän­gig von der von der Beklag­ten gewähl­ten Kon­struk­ti­on funk­ti­ons­taug­lich sind. Es hat bei die­ser Wer­tung ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Revi­si­on weder den funk­tio­na­len Man­gel­be­griff noch das anzu­le­gen­de Beweis­maß ver­kannt. Die Revi­si­on zeigt weder auf, dass das Beru­fungs­ge­richt Pro­zess­stoff über­gan­gen hat noch, dass sei­ne Beweis­wür­di­gung gegen Denk, Natur­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen hat. Soweit sie das Ver­fah­ren der Dau­er­funk­ti­ons­prü­fung in Fra­ge stellt, über­sieht sie, dass die­ses Ver­fah­ren den aner­kann­ten Regeln der Tech­nik für die Prü­fung von Fens­tern ent­spricht. Dass es sich um aner­kann­te Regeln der Tech­nik han­delt, ist nicht sub­stan­ti­iert ange­grif­fen. Im Übri­gen voll­zieht die Dau­er­funk­ti­ons­prü­fung durch­aus die rea­le Bean­spru­chung eines Fens­ters nach. Sie besteht nicht, wie die Revi­si­on zu mei­nen scheint, nur dar­in, dass das Fens­ter etwa 15.000mal um 10 cm geöff­net und wie­der geschlos­sen wird. Aus den Aus­sa­gen des Sach­ver­stän­di­gen S. und des Zeu­gen M. ergibt sich viel­mehr, dass durch einen Auto­ma­tis­mus das Fens­ter 15.000mal abwech­selnd gekippt und über einen Dreh­flü­gel geöff­net wur­de. Anschlie­ßend wur­de, was auch die Revi­si­on ein­räumt, noch ein Gewicht von 100 kg an den Fens­ter­griff gehängt, ohne dass Pro­ble­me auf­tra­ten.

Auch die wei­te­re Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts, dass die Schwer­gän­gig­keit der Fens­ter auf ihrem feh­ler­haf­ten Ein­bau durch die Klä­ge­rin beruht, weist kei­nen Rechts­feh­ler auf. Der Sach­ver­stän­di­ge S. hat­te in sei­nem schrift­li­chen Gut­ach­ten die Schwer­gän­gig­keit der Fens­ter zunächst auf zwei Ursa­chen zurück­ge­führt, näm­lich auf die von ihm damals noch bean­stan­de­te Kon­struk­ti­on und von vor­ne­her­ein auch auf den feh­ler­haf­ten Ein­bau. In sei­ner münd­li­chen Anhö­rung hat er sei­ne Ein­schät­zung hin­sicht­lich der Kon­struk­ti­on im Hin­blick auf die erfolg­rei­che Dau­er­funk­ti­ons­prü­fung kor­ri­giert und wei­ter aus­ge­führt, dass dann für die fest­ge­stell­ten Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gun­gen der feh­ler­haf­te Ein­bau ver­ant­wort­lich sei. Die­se Wer­tung hat das Beru­fungs­ge­richt im Rah­men sei­ner Beweis­wür­di­gung über­nom­men. Einen revi­si­ons­recht­lich rele­van­ten Rechts­feh­ler zeigt die Revi­si­on in die­sem Zusam­men­hang nicht auf.

Posi­ti­on des Len­kla­gers

Nicht zu bean­stan­den ist für den Bun­des­ge­richts­hof wei­ter die Ansicht des Beru­fungs­ge­richts, die Fens­ter sei­en nicht allein des­halb man­gel­haft, weil der Abstand zwi­schen dem obe­ren Len­ker­la­ger und dem höchs­ten Punkt des Rund­bo­gens nicht dem Anwen­dungs­dia­gramm des Beschlag­her­stel­lers ent­spricht.

Das Beru­fungs­ge­richt legt den zwi­schen den Par­tei­en geschlos­se­nen Ver­trag dahin aus, dass die Ein­hal­tung der in dem Anwen­dungs­dia­gramm vor­ge­ge­be­nen Maße nicht still­schwei­gend ver­ein­bart wor­den sei. Es sieht, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine mit der Grund­über­ho­lung einer tech­ni­schen Anla­ge beauf­trag­te Fach­werk­statt über die aner­kann­ten Regeln der Tech­nik hin­aus­ge­hen­de Anfor­de­run­gen des Her­stel­lers nach dem Inhalt des geschlos­se­nen Ver­trags jeden­falls dann zu beach­ten hat, wenn die­se Anfor­de­run­gen die Sicher­heit des Betriebs der tech­ni­schen Anla­ge betref­fen.

Denn die­se Sicher­heits­an­for­de­run­gen fußen auf der Ein­schät­zung des Her­stel­lers zur Gefähr­dung sei­nes Pro­dukts und den dadurch ent­ste­hen­den Risi­ken, so dass der Bestel­ler regel­mä­ßig nicht bereit ist, das Risi­ko einer ande­ren Ein­schät­zung zu über­neh­men 6. Das Beru­fungs­ge­richt über­trägt die­se Über­le­gung nicht auf den Streit­fall, weil sich die Maße des Anwen­dungs­dia­gramms an dem Höchst­ge­wicht eines Fens­ter­flü­gels von 80 kg ori­en­tie­ren, wäh­rend die von der Beklag­ten ein­ge­bau­ten Fens­ter­flü­gel ledig­lich ein Gewicht von 23,4 kg auf­wei­sen. Hier­aus fol­gert das Beru­fungs­ge­richt, die Maße fuß­ten nicht auf der Ein­schät­zung des Her­stel­lers, dass die Gebrauchs­taug­lich­keit auch bei erheb­lich leich­te­ren Fens­tern von ihrer Ein­hal­tung abhän­ge, die Klä­ge­rin habe daher die Ein­hal­tung die­ser Maße nicht erwar­ten kön­nen. Die­se tatrich­ter­li­che Wür­di­gung lässt revi­si­ons­recht­lich rele­van­te Rechts­feh­ler nicht erken­nen und wird von der Revi­si­on auch nicht ange­grif­fen.

Pro­dukt­haf­tung

Eine Absa­ge erteilt der Bun­des­ge­richts­hof auch der Ansicht, den Rege­lun­gen des Pro­dukt­haf­tungs­ge­set­zes ent­neh­men zu kön­nen, dass dann, wenn eine Her­stel­lerricht­li­nie, die die Wei­ter­ver­ar­bei­tung des Pro­dukts in ande­ren Pro­duk­ten betref­fe, öffent­lich zugäng­lich sei, der Ver­kehr erwar­te, dass ein ande­rer Her­stel­ler, hier die Beklag­te, der das von der Her­stel­lerricht­li­nie betrof­fe­ne Pro­dukt wei­ter­ver­ar­bei­te oder in das von ihm her­ge­stell­te End­pro­dukt ver­baue, den Erwer­ber des End­pro­dukts, hier die Klä­ge­rin, zumin­dest im Rah­men eines Hin­wei­ses davon unter­rich­te, wenn er im Rah­men sei­nes Her­stel­lungs­pro­zes­ses von den Vor­ga­ben der Her­stel­lerricht­li­nie abge­wi­chen sei. Die Ver­let­zung die­ser Hin­weis­pflicht kön­ne ent­we­der einen Man­gel im Sin­ne des Gewähr­leis­tungs­rechts dar­stel­len oder die Ver­let­zung einer eigen­stän­di­gen Pflicht, inso­weit mit der Fol­ge, dass den Par­tei­en Gele­gen­heit gege­ben wer­den müs­se, zum hypo­the­ti­schen Kau­sal­ver­lauf vor­zu­tra­gen, Art. 103 Abs. 1 GG.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­wirft die­se Ansicht unab­hän­gig von der Fra­ge, inwie­weit die Kla­ge auf eine Ver­let­zung der Hin­weis­pflicht gestützt wor­den ist. Sie über­sieht, dass die Fens­ter nach den rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht feh­ler­haft im Sin­ne von § 3 Prod­HaftG sind. Sie bie­ten die Sicher­heit, die berech­tig­ter­wei­se erwar­tet wer­den kann. Sie sind gebrauchs- und funk­ti­ons­taug­lich. Auch ein Instruk­ti­ons­feh­ler, § 3 Abs. 1 Buchst. b Prod­HaftG, liegt nicht vor. Die von der Revi­si­on rekla­mier­te Hin­weis­pflicht besteht nicht, weil sich das Anwen­dungs­dia­gramm des Beschlag­her­stel­lers nicht auf die ein­ge­bau­ten Fens­ter bezieht, son­dern auf sol­che, die um ein Mehr­fa­ches schwe­rer sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. April 2011 – VII ZR 130/​10

  1. BGH, Beschluss vom 25.01.2007 – VII ZR 41/​06, BauR 2007, 700, 702 = NZBau 2007, 243 = ZfBR 2007, 340; Urtei­le vom 15.10.2002 – X ZR 69/​01, BauR 2003, 236, 238 = NZBau 2003, 33 = ZfBR 2003, 34; vom 11.11.1999 – VII ZR 403/​98, BauR 2000, 411, 412 = NZBau 2000, 74 = ZfBR 2000, 121; und vom 17.05.1984 – VII ZR 169/​82, BGHZ 91, 206, 212[]
  2. BGH, Urteil vom 08.11.2007 – VII ZR 183/​05, BGHZ 174, 110[]
  3. BGH, Urteil vom 14.05.1998 – VII ZR 184/​97, BGHZ 139, 16[]
  4. BGH, Urteil vom 09.07.1981 – VII ZR 40/​80, BauR 1981, 577, 579 = ZfBR 1981, 265[]
  5. BGH, Urtei­le vom 08.11.2007 – VII ZR 183/​05; vom 15.10.2002 – X ZR 69/​01 und vom 17.05.1984 – VII ZR 169/​82, je aaO[]
  6. Urteil vom 23.07.2009 – VII ZR 164/​08, BauR 2009, 1589 = NZBau 2009, 647 = ZfBR 2009, 777[]