Schätzng des zukünf­ti­gen Erwerb­scha­dens

Zu der für die Bemes­sung des Erwerbs­scha­dens erfor­der­li­chen Pro­gno­se der hypo­the­ti­schen Ein­kom­mens­ent­wick­lung muss­te der Bun­des­ge­richts­hof nun Stel­lung neh­men für den Fall, dass der Geschä­dig­te behaup­tet, er hät­te ohne den Scha­dens­fall in fort­ge­schrit­te­nem Alter eine gut bezahl­te Fest­an­stel­lung erhal­ten, der Schä­di­ger dies aber unter Hin­weis auf die Lage am Arbeits­markt bestrei­tet.

Schätzng des zukünf­ti­gen Erwerb­scha­dens

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist der Anspruch eines abhän­gig Beschäf­tig­ten auf Ersatz des Erwerbs­scha­dens auf die vor­aus­sicht­li­che Lebens­ar­beits­zeit zu begren­zen 1.

Im Aus­gangs­punkt ist der Ver­dienst­aus­fall­scha­den unter Her­an­zie­hung von § 252 Satz 2 BGB und § 287 ZPO ermit­telt. Ist die vor­aus­sicht­li­che beruf­li­che Ent­wick­lung eines Geschä­dig­ten ohne das Scha­dens­er­eig­nis zu beur­tei­len, muss der Geschä­dig­te nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zwar soweit wie mög­lich kon­kre­te Anhalts­punk­te für die erfor­der­li­che Pro­gno­se dar­tun. Doch dür­fen inso­weit kei­ne zu hohen Anfor­de­run­gen gestellt wer­den 2. Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn das haf­tungs­aus­lö­sen­de Ereig­nis den Geschä­dig­ten zu einem Zeit­punkt getrof­fen hat, als er noch in der Aus­bil­dung oder am Anfang sei­ner beruf­li­chen Ent­wick­lung stand und des­halb noch kei­ne Erfol­ge in der von ihm ange­streb­ten Tätig­keit nach­wei­sen konn­te 3.

Soweit sich kei­ne Anhalts­punk­te erge­ben, die über­wie­gend für einen Erfolg oder einen Miss­erfolg spre­chen, liegt es nahe, nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge von einem vor­aus­sicht­lich durch­schnitt­li­chen Erfolg des Geschä­dig­ten in sei­ner Tätig­keit aus­zu­ge­hen und auf die­ser Grund­la­ge die wei­te­re Pro­gno­se der ent­gan­ge­nen Ein­nah­men anzu­stel­len und den Scha­den gemäß § 287 ZPO zu schät­zen; ver­blei­ben­den Risi­ken kann durch gewis­se Abschlä­ge Rech­nung getra­gen wer­den 4.

Inso­weit sind dem wei­ten Ermes­sen des Tatrich­ters zur Scha­dens­schät­zung aller­dings auch Gren­zen gesetzt. Ins­be­son­de­re darf er sich nicht über Vor­brin­gen des Schä­di­gers, das für die Scha­dens­schät­zung von Bedeu­tung ist, ohne wei­te­res hin­weg­set­zen oder dies ohne den Aus­weis eige­ner Sach­kun­de und die Hin­zu­zie­hung sach­ver­stän­di­ger Hil­fe als uner­heb­lich oder wider­legt anse­hen.

Hin­zu­wei­sen ist auch dar­auf, dass auch bei der Bemes­sung des Zukunfts­scha­dens, bei dem rech­ne­risch von einem ange­mes­se­nen Brut­to­ein­kom­men aus­ge­gan­gen wer­den kann, auf die kon­kre­ten Ver­hält­nis­se des Geschä­dig­ten hin­sicht­lich der Belas­tung durch Steu­ern und Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und hin­sicht­lich der Vor­tei­le, die sich auf­grund von Lohn­er­satz­leis­tun­gen der Dritt­leis­tungs­trä­ger erge­ben, abzu­stel­len ist. Eine pau­scha­li­sie­ren­de Betrach­tung führt ins­be­son­de­re bei abhän­gig Beschäf­tig­ten viel­fach zu fal­schen Ergeb­nis­sen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Novem­ber 2010 – VI ZR 300/​08

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.06.1995 – VI ZR 165/​94, VersR 1995, 1321; vom 26.09.1995 – VI ZR 245/​94, VersR 1995, 1447, 1448; vom 27.01.2004 – VI ZR 342/​02, VersR 2004, 653 f. = r+s 2004, 342 m. Anm. Lem­cke[]
  2. BGH, Urtei­le vom 31.03.1992 – VI ZR 143/​91, VersR 1992, 973; vom 06.07.1993 – VI ZR 228/​92, VersR 1993, 1284, 1285; vom 17.01.1995 – VI ZR 62/​94, VersR 1995, 422, 424; vom 24.01.1995 – VI ZR 354/​93, VersR 1995, 469, 470; vom 17.02.1998 – VI ZR 342/​96, VersR 1998, 770, 772; und vom 20.04.1999 – VI ZR 65/​98, VersR 2000, 233[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.06.2000 – VI ZR 172/​99, VersR 2000, 1521, 1522; und vom 05.10.2010 – VI ZR 186/​08, aaO Rn. 18[]
  4. BGH, Urtei­le vom 17.02.1998 – VI ZR 342/​96, aaO; vom 20.04.1999 – VI ZR 65/​98, aaO; vom 06.06.2000 – VI ZR 172/​99, aaO; und vom 05.10.2010 – VI ZR 186/​08, aaO Rn. 21[]
  5. vgl. Lan­ge­nick, NZV 2009, 318 ff. m.w.N.[]