Vakuumextraktion oder Zangengeburt?

Die Mutter muss nach Ansicht des Oberlandesgerichts Karlsruhe während des Geburtsvorgangs nicht über alternative Entbindungsmethoden aufgeklärt werden. Mithin besteht auch keine Aufklärungspflicht des Arztes über die Alternative der Vakuumextraktion gegenüber der Zangengeburt.

Vakuumextraktion oder Zangengeburt?

Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs1 und des Senats2 ist die Wahl der Behandlungsmethode primär Sache des Arztes. Gibt es mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Behandlungsmethoden, die wesentlich unterschiedliche Risiken und Erfolgschancen aufweisen, besteht mithin eine echte Wahlmöglichkeit für den Patienten, dann muss diesem nach entsprechend vollständiger ärztlicher Aufklärung die Entscheidung überlassen bleiben, auf welchem Wege die Behandlung erfolgen soll und auf welches Risiko er sich einlassen will. Die Verpflichtung zur Aufklärung über Behandlungsalternativen gehört in einem solchen Fall zu der dem Patienten geschuldeten Selbstbestimmungsaufklärung3. Sie hat aber Grenzen. Insbesondere kann sie nur da verlangt werden, wo der Patient eine echte Wahlmöglichkeit hat. Außerdem muss eine etwaige Kenntnis über theoretisch in Betracht kommende Behandlungsalternativen für den Patienten in seiner jeweiligen Situation entscheidungserheblich sein. Das ist etwa dann nicht der Fall, wenn diese anderen, theoretisch in Betracht kommenden ärztlichen Maßnahmen keine besonders ins Gewicht fallenden Vorteile hinsichtlich der Heilungschancen und möglicher Komplikationen derselben Risikogruppe haben und nach medizinischer Erfahrung jedenfalls nicht besser indiziert sind4. Über verschiedene zur Wahl stehende Operationsverfahren muss der Arzt deshalb grundsätzlich nicht von sich aus aufklären5.

Nach diesen Grundsätzen musste die werdende Mutter weder über die Möglichkeit einer Schnittentbindung noch über die Vakuumextraktion als alternative Operationsmethode aufgeklärt werden.

Für die Schnittentbindung hat der Bundesgerichtshof6 die allgemeinen Grundsätze zur Aufklärung über Behandlungsalternativen dahin konkretisiert, dass der geburtsleitende Arzt diese Möglichkeit in einer normalen Entbindungssituation, bei der die Schnittentbindung medizinisch nicht indiziert und deshalb keine echte Alternative zur vaginalen Geburt ist, ohne besondere Veranlassung nicht zur Sprache zu bringen muss. Anders liegt es allerdings, wenn für den Fall, dass die Geburt vaginal erfolgt, für das Kind ernstzunehmende Gefahren drohen, daher im Interesse des Kindes gewichtige Gründe für eine Schnittentbindung sprechen und diese unter Berücksichtigung auch der Konstitution und der Befindlichkeit der Mutter in der konkreten Situation eine medizinisch verantwortbare Alternative darstellt.

Das war vorliegend jedoch nicht der Fall. Denn nach den überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen M. bestanden bis zu dem kontinuierlichen und dann auch steilen Abfall der Herzfrequenz ab 10.00 Uhr – auch in einer Gesamtschau der risikoerhöhenden Umstände (Überschreiten des errechneten Geburtstermins um zwei Wochen, Eröffnen der Fruchtblase, Wehenmittel, lang anhaltende Wehen, Auffälligkeiten im CTG) – keine Gefahren für den Kläger oder seine Mutter, die eine relative Indikation für die Schnittentbindung hätten begründen können. Eine vorsorgliche Aufklärung über die die verschiedenen Entbindungsmethoden und deren unterschiedliche Risiken ist rechtlich nicht geboten und entspricht auch nicht dem medizinischen Standard. Als sich der Beklagte dann zur operativen Beendigung der Geburt entschloss, stellte die Schnittentbindung nach dem – auch insoweit überzeugenden – Gutachten keine medizinisch gleichwertige und damit aufklärungsbedürftige Behandlungsalternative (mehr) dar, weil sich der Kopf des Klägers zu diesem Zeitpunkt bereits im oberen Bereich des Beckenausgangs befand und eine Zangengeburt deshalb nicht nur weniger riskant, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schneller zu realisieren war als ein Notkaiserschnitt.

Jeder Geburtshelfer wendet in einer Situation, in der das Kind schnell herausgeholt werden muss, die Methode an, die er am besten beherrscht. Eine Aufklärung über die beiden in Betracht kommenden Operationsmethoden ist deshalb in der Praxis nicht üblich und medizinisch auch nicht geboten. Das entspricht auch der ganz herrschenden Meinung in der Rechtsprechung und im juristischen Schrifttum7. Denn beide Methoden hatten hier nicht nur die gleichen Erfolgsaussichten. Sie waren auch gleichermaßen indiziert, und da sowohl die Mutter als auch das Kind normal konfiguriert waren und sich das Kind nicht mehr in der Beckenmitte, sondern bereits im unteren Drittel des Beckenausgangs befand, waren auch die Risiken für Mutter und Kind vergleichbar. Unter diesen Voraussetzungen war die Kenntnis der beiden Operationsmethoden für die – zudem extrem belastete – Mutter nicht entscheidungserheblich und damit bestand kein Grund, sie an der ohnehin durch die persönliche Erfahrung des Geburtshelfers bestimmten Entscheidung für eine Zangengeburt zu beteiligen.

Eine frühere Aufklärung war hier schon deshalb nicht geboten, weil keine deutlichen Anzeichen dafür bestanden, dass eine vaginal-operative Entbindung erforderlich werden könnte. Daher kann offen bleiben, ob sich eine solche vorsorgliche Aufklärung nicht nur auf die Möglichkeit einer Sectio, sondern auch auf die alternativen vaginal-operativen Entbindungsverfahren erstrecken muss, wie dies die Leitlinie „Vaginal-operative Entbindungen“ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt.

Oberlandesgericht Karlsruhe, Urteil vom 31. Juli 2013 – 7 U 91/12

  1. vgl. etwa NJW 2005, 1718; NJW-RR 2011, 1173[]
  2. vgl. etwa NJW-RR 2005, 798, 799; Urteil vom 27.06.2012, 7 U 116/11, juris Tz. 14[]
  3. BGH, a.a.O.[]
  4. BGH, NJW 1988, 763, 764; OLG Karlsruhe, OLGR 2002, 392, 393; MedR 2003, 229, 230[]
  5. OLG Karlsruhe, a.a.O.[]
  6. vgl. zuletzt NJW-RR 2011, 1173; ebenso OLG Karlsruhe, OLGR 2005, 273, 274; und Urteil vom 08.08.2012 – 7 U 128/11[]
  7. vgl. OLG München, VersR 1997, 492 m. zust. Anm. Gaisbauer, VersR 1997, 1007; vgl. auch OLG Schleswig, VersR 1997, 831; ebenso etwa Staudinger/Hager, BGB [2009], § 823 Rdn. I 94 und Bender, NJW 1999, 2706, 2707; a.A. – in einem pauschalen obiter dictum – nur OLG Düsseldorf, NJW 1986, 2323[]