Ver­tre­tung des Unfall­ver­ur­sa­chers und sei­ner Haft­pflicht­ver­si­che­rung

Wird ein Rechts­an­walt für eine im Wege des Direkt­an­spruchs mit­ver­klag­te Haft­pflicht­ver­si­che­rung Par­tei und zugleich für die­se als Streit­hel­fe­rin des bei ihr ver­si­cher­ten Unfall­ver­ur­sa­chers tätig, steht ihm nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs kei­ne erhöh­te Gebühr nach Nr. 1008 VV_​RVG zu.

Ver­tre­tung des Unfall­ver­ur­sa­chers und sei­ner Haft­pflicht­ver­si­che­rung

Zwar gilt im Haft­pflicht­pro­zess nach einem Ver­kehrs­un­fall im Innen­ver­hält­nis zwi­schen Ver­si­che­rer und Ver­si­che­rungs­neh­mer § 7 Abs. 2 Nr. 5 AKB. Danach hat der Ver­si­che­rungs­neh­mer im Fal­le eines Rechts­streits des­sen Füh­rung dem Ver­si­che­rer zu über­las­sen und dem Rechts­an­walt, den der Ver­si­che­rer bestellt, Voll­macht zu ertei­len 1. Wird gemäß die­ser Bestim­mung im Haft­pflicht­pro­zess gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer und den Haft­pflicht­ver­si­che­rer ein ein­heit­li­cher Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter bestellt, wird die­ser für meh­re­re Per­so­nen im Sin­ne der Nr. 1008 RVG-VV tätig.

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat jedoch eine ande­re Situa­ti­on vor­ge­le­gen: Hier ist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te für die Haft­pflicht­ver­si­che­rung als im Wege des Direkt­an­spruchs mit­ver­klag­te Par­tei und zugleich für die Haft­pflicht­ver­si­che­rung als Streit­hel­fe­rin der eben­falls beklag­ten Hal­ter und Fah­rer des Fahr­zeugs tätig gewor­den. In die­sem Fall steht dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kei­ne erhöh­te Gebühr nach Nr. 1008 RVG-VV zu, weil er nicht für ver­schie­de­ne Per­so­nen im Sin­ne die­ser Vor­schrift tätig gewor­den ist.

Der Neben­in­ter­ve­ni­ent ist nicht Ver­tre­ter der von ihm unter­stütz­ten Par­tei. Er betei­ligt sich viel­mehr nur an einem frem­den Pro­zess und han­delt inso­weit neben der Haupt­par­tei. Der Neben­in­ter­ve­ni­ent han­delt mit­hin stets in eige­nem Namen und kraft eige­nen Rechts 2.

Im Hin­blick dar­auf wird zu Recht ein Anspruch auf eine erhöh­te Gebühr nach Nr. 1008 RVG-VV 3 ver­neint, wenn ein Rechts­an­walt in einem Pro­zess eine Par­tei und zugleich die­se als Streit­hel­fer eines Drit­ten ver­tritt 4. Nach dem Sinn und Zweck der Nr. 1008 RVG-VV soll mit der Erhö­hung dem mit dem Vor­han­den­sein meh­re­rer Betei­lig­ter typi­scher­wei­se ver­bun­de­nen Mehr an Arbeit und Auf­wand, ins­be­son­de­re durch die lau­fen­de Infor­ma­ti­ons­auf­nah­me und Unter­rich­tung durch den Rechts­an­walt, in gene­rel­ler Wei­se Rech­nung getra­gen wer­den. Zudem wird die Erhö­hung in sol­chen Fäl­len mit dem für den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bestehen­den höhe­ren Haf­tungs­ri­si­ko begrün­det 5. Nach die­sem Sinn und Zweck ist es zwar grund­sätz­lich mög­lich, dass der Rechts­an­walt eine erhöh­te Gebühr erhält, wenn er eine Par­tei und zugleich einen Streit­hel­fer ver­tritt, weil es uner­heb­lich ist, in wel­cher Rol­le die meh­re­ren Auf­trag­ge­ber an einer Ange­le­gen­heit betei­ligt sind 6. Der Anwalt muss aber für meh­re­re Per­so­nen tätig wer­den. Dies ist nicht der Fall, wenn er einen Auf­trag­ge­ber ver­tritt, der in ver­schie­de­nen Rol­len am Ver­fah­ren teil­nimmt, wie hier die beklag­te Haft­pflicht­ver­si­che­rung als Par­tei und zugleich als Neben­in­ter­ve­ni­ent 7. In einem sol­chen Fall liegt eine ande­re Situa­ti­on vor als in den Ver­fah­ren, in denen der Rechts­an­walt den Neben­in­ter­ve­ni­en­ten und die von die­sem unter­stütz­te Par­tei ver­tritt 8 oder eine Per­son gleich­zei­tig als Par­tei kraft Amtes und als natür­li­che Per­son gesamt­schuld­ne­risch in Anspruch genom­men wird 9.

BGH, Beschluss vom 19. Janu­ar 2010 – VI ZB 36/​08

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 20.01.2004 – VI ZB 76/​03, VersR 2004, 622, 623[]
  2. vgl. Musielak/​Weth, ZPO, 7. Aufl., § 67 Rn. 2; PG/​Gehrlein, ZPO, § 67 Rn. 1; Zöller/​Vollkommer, 27. Aufl., ZPO, § 67 Rn. 1, jeweils m.w.N.[]
  3. frü­her: § 6 Abs. 1 Satz 2 BRAGO[]
  4. vgl. OLG Braun­schweig, OLGR Braun­schweig 2001, 181, 182; OLG Koblenz, Jur­Bü­ro 2004, 484; OLG Mün­chen, OLGR Mün­chen 1993, 171[]
  5. vgl. BGH, NJW 1987, 2240, 2241; OLG Mün­chen, aaO; Gerol­d/­Schmid­t/­Mül­ler-Rabe, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz, 18. Aufl., 1008 VV Rn. 37; BT-Drs. 7/​2016 S. 99; BT-Drs. 15/​1971 S. 205[]
  6. vgl. Gerol­d/­Schmid­t/­Mül­ler-Rabe, aaO, Rn. 40[]
  7. vgl. Gerol­d/­Schmid­t/­Mül­ler-Rabe, aaO, Rn. 48[]
  8. vgl. OLG Ham­burg Jur­Bü­ro, 1984, 702[]
  9. vgl. OLG Köln, OLGR Köln 2009, 64[]