Wider­rufs­be­leh­rung – und die Abwei­chung von den Vor­ga­ben der BGB-InfoV

Die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on nach § 14 Abs. 1, 3 BGB-InfoV greift nur, wenn das ver­wand­te For­mu­lar dem Mus­ter der Anla­ge 2 zur BGB-InfoV sowohl inhalt­lich als auch in der äuße­ren Gestal­tung voll­stän­dig ent­spricht. U. a. das Weg­las­sen von Über­schrif­ten oder der vor­ge­se­he­nen Schluss­zei­le steht der Gesetz­lich­keits­fik­ti­on ent­ge­gen1.

Wider­rufs­be­leh­rung – und die Abwei­chung von den Vor­ga­ben der BGB-InfoV

Im hier vom Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ent­schie­de­nen Fall eines Raten­kaufs hat­te die Wider­rufs­frist nach § 355 Abs. 2 BGB nicht zu lau­fen begon­nen, weil den Käu­fern jeweils kei­ne aus­rei­chen­de Wider­rufs­be­leh­rung erteilt wor­den war. Die Wider­rufs­be­leh­run­gen in der "Bestell-Urkun­de" infor­mier­ten die Käu­fer jeden­falls nicht aus­rei­chend hin­sicht­lich des Beginns der Wider­rufs­frist, über den der Ver­brau­cher gem. § 355 Abs. 2 Satz 1 BGB ein­deu­tig zu unter­rich­ten ist. Die von der Ver­käu­fe­rin ver­wen­de­te For­mu­lie­rung, die Frist begin­ne "frü­hes­tens mit Erhalt die­ser Beleh­rung", ist unzu­rei­chend, weil sie nicht umfas­send und zudem irre­füh­rend ist2.

Eine Beru­fung auf § 14 Abs. 1, 3 BGB-InfoV a. F. und das Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 u. 3 BGB-InfoV a. F. in den hier maß­geb­li­chen Fas­sun­gen vom 05.08.2002; und vom 02.12 2004 ist der Ver­käu­fe­rin schon des­halb ver­wehrt, weil sie kei­ne For­mu­la­re ver­wen­det hat, die den bezeich­ne­ten Mus­tern in der jeweils maß­geb­li­chen Fas­sung in jeder Hin­sicht voll­stän­dig ent­spro­chen haben. Nach § 14 Abs. 1 BGB-InfoV genügt eine Wider­rufs­be­leh­rung den Anfor­de­run­gen des § 355 Abs. 2 BGB, wenn das ent­spre­chen­de Mus­ter ver­wandt wird. Dabei kann sich ein Unter­neh­mer auf die Schutz­wir­kung des § 14 Abs. 1 BGB-InfoV nur dann beru­fen, wenn er gegen­über dem Ver­brau­cher ein For­mu­lar ver­wen­det hat, das dem Mus­ter in der jeweils maß­geb­li­chen Fas­sung sowohl inhalt­lich als auch in der äuße­ren Gestal­tung voll­stän­dig ent­spricht3.

Im vor­lie­gen­den Fall wich die Wider­rufs­be­leh­rung von dem For­mu­lar jeden­falls inso­weit ab, als die­se kei­ne Über­schrift "Wider­rufs­be­leh­rung" oder "Wider­rufs­recht" ent­hielt. Eine Abwei­chung in der äuße­ren Gestal­tung ist nach § 14 Abs. 3 BGB-InfoV jedoch nur in For­mat und Schrift­grö­ße zuläs­sig. Das Feh­len der im For­mu­lar vor­ge­ge­be­nen Über­schrift steht dem Ein­tritt der Schutz­wir­kung ent­ge­gen4.

Dar­über hin­aus ent­hielt die Beleh­rung nicht die vor­ge­se­he­ne Schluss­zei­le ("(Ort), (Datum), (Unter­schrift des Ver­brau­chers)"). Die nach der Fuß­no­te 9 zuge­las­se­ne Alter­na­ti­ve ("Ihr(e) (ein­set­zen: Fir­ma des Unter­neh­mers)") war eben­falls nicht voll­stän­dig ver­wandt, die Anre­de ("Ihre") fehl­te.

Ob dar­über hin­aus die in dem Mus­ter vor­ge­se­he­ne Beleh­rung über Wider­rufs­fol­gen nach Fuß­no­te 4 ent­fal­len konn­te, weil die bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen erst nach Ablauf der Wider­rufs­frist erbracht wur­den, kann hier offen blei­ben. Glei­ches gilt für die Anga­be der ladungs­fä­hi­gen Anschrift.

Das Weg­las­sen sowohl der Über- als auch der Unter­schrift war nicht des­halb unschäd­lich, weil die­se nicht Gegen­stand des "amt­li­chen Mus­ters" wären. Die Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV ent­hielt unter der Über­schrift "Mus­ter für die Wider­rufs­be­leh­rung" einen ein­ge­rahm­ten Text, der mit der Über­schrift "Wider­rufs­be­leh­rung" begann und wei­te­re Zwi­schen­über­schrif­ten ent­hielt5. Schon die­se gra­fi­sche Gestal­tung des Geset­zes zeigt, dass unter ande­rem die Über­schrift "Wider­rufs­be­leh­rung" und auch die Schluss­zei­le, die regel­mä­ßig eine Unter­schrift des Ver­brau­chers vor­sah, zu dem Mus­ter gehör­ten, des­sen Ver­wen­dung die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on begrün­de­te.

Ent­ge­gen­ste­hen­des lässt sich nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Cel­le auch der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 15.08.20126 nicht ent­neh­men. Gegen­stand die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war allein die Wirk­sam­keit der BGB-Infor­ma­ti­ons­pflich­ten-Ver­ord­nung, nicht jedoch, ob die im dort zu ent­schei­den­den Fall ver­wand­te Wider­rufs­be­leh­run­gen mit dem Mus­ter über­ein­stimm­te. Die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs geht viel­mehr ohne nähe­re Pro­ble­ma­ti­sie­rung davon aus, dass das Mus­ter ver­wandt wur­de7. Auch die vor­aus­ge­gan­ge­ne Beru­fungs­ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he8 hat dies nicht pro­ble­ma­ti­siert, son­dern ledig­lich dar­auf abge­stellt, dass die Beleh­rung wört­lich dem "Text" des Mus­ters ent­spro­chen habe. Dass in der dort in Fra­ge ste­hen­den Beleh­rung eine Über­schrift fehl­te oder abge­än­dert wor­den wäre, war die­ser Ent­schei­dung nicht zu ent­neh­men. Auch wenn – wie die Beru­fung vor­trägt – tat­säch­lich statt der vor­ge­se­he­nen Über­schrift "Wider­rufs­be­leh­rung" und "Wider­rufs­recht" die Über­schrift "Wider­rufs­recht für Ver­brau­cher" ver­wandt wur­de, ist dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zu ent­neh­men, dass er die­se abwei­chen­de For­mu­lie­rung bei sei­ner Ent­schei­dung berück­sich­tigt hat­te. Es spricht nichts dafür, dass er ohne nähe­re Begrün­dung und auch nur ohne aus­drück­li­che Klar­stel­lung von sei­ner bis dahin gel­ten­den Recht­spre­chung abwei­chen woll­te.

Auch das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 09.11.20119 recht­fer­tigt für das OLG Cel­le kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Dort wur­de die Über­schrift zwar nicht als "Teil der Wider­rufs­be­leh­rung selbst" bezeich­net10. In dem dort zu ent­schei­den­den Fall ging es aller­dings nicht um die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on (und damit um die Über­ein­stim­mung mit dem Mus­ter), son­dern nur dar­um, ob die ver­wand­te Beleh­rung dem Deut­lich­keits­ge­bot ent­sprach. Die dort vor­ge­nom­me­ne Ein­schät­zung, die Beleh­rung habe "inhalt­lich" der Mus­ter­be­leh­rung ent­spro­chen11 gibt daher für die hier zu beur­tei­len­de Gesetz­lich­keits­fik­ti­on nichts her.

Soweit das Ober­lan­des­ge­richt Bam­berg aus­nahms­wei­se "punk­tu­el­le Abwei­chun­gen", die kei­nen "inhalts­be­zo­ge­nen Ein­griff" dar­stel­len, als unschäd­lich ange­se­hen hat12, hat­te die dor­ti­ge Ent­schei­dung einen ande­ren Sach­ver­halt zum Gegen­stand, in dem – anders als vor­lie­gend – durch die "punk­tu­el­le Abwei­chung" nicht die Deut­lich­keit der Erklä­rung berührt war.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 – 13 U 205/​13

  1. Bestä­ti­gung u. a. von BGH, Urteil vom.01.12 2010 – VIII ZR 82/​10 []
  2. vgl. näher: BGH, Urteil vom 28.06.2011 – XI ZR 349/​10 34; Urteil vom 02.02.2011 – VIII ZR 103/​10 14 []
  3. BGH, Urteil vom 28.06.2011 – XI ZR 349/​10 37; Urteil vom 19.07.2012 – III ZR 252/​11 15 f.; Urteil vom 01.12 2010 – VIII ZR 82/​10 15 ff., jeweils m. w. N. []
  4. im Ergeb­nis eben­so: BGH, Urteil vom 01.12 2010 – VIII ZR 82/​10 16; OLG Bran­den­burg, Urteil vom 17.10.2012 – 4 U 194/​11 27; OLG Schles­wig, Urteil vom 25.10.2007 – 16 U 70/​07 27; OLG Mün­chen, Urteil vom 17.01.2012 – 5 U 2167/​11 42 []
  5. BGBl. I, 2002, 3009 sowie BGBl. I, 2004, 3110 []
  6. BGH, Urteil vom 15.08.2012 – VIII ZR 378/​11 []
  7. BGH, a. a. O., Tz. 10 []
  8. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 08.12.2011 – 9 U 52/​11 []
  9. BGH, Urteil vom 09.11.2011 – I ZR 123/​10 []
  10. BGH, a. a. O., Tz. 25 []
  11. BGH, a. a. O., Tz. 23, 25 []
  12. OLG Bam­berg, Urteil vom 25.06.2012 – 4 U 262/​11; dage­gen OLG Köln, Urteil vom 23.01.2013 – 13 U 69/​12 []