Zuläs­sig­keit der Bild­be­richt­erstat­tung – und der berech­tig­te Anlass

Die Zuläs­sig­keit der Bild­be­richt­erstat­tung nach §§ 22, 23 KUG setzt nicht vor­aus, dass der Abge­bil­de­te einen berech­tig­ten Anlass für die Ver­brei­tung sei­nes Bild­nis­ses gege­ben hat. Die­ser Gesichts­punkt kann ledig­lich im Rah­men des abge­stuf­ten Schutz­kon­zepts der §§ 22, 23 KUG bei der Abwä­gung der wider­strei­ten­den Inter­es­sen von Bedeu­tung sein.

Zuläs­sig­keit der Bild­be­richt­erstat­tung – und der berech­tig­te Anlass

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de: Die Klä­ge­rin ist die 1995 gebo­re­ne Toch­ter des Schau­spie­lerehe­paa­res M. und L. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2007 und der Mut­ter im Juli 2012 über­nahm die Schau­spie­le­rin und Freun­din der Fami­lie G. C. die Vor­mund­schaft für die Klä­ge­rin. Hier­über berich­te­ten die Medi­en; auch die Vor­mun­din äußer­te im Bei­sein der Klä­ge­rin gegen­über der Pres­se, dass sie die Vor­mund­schaft für die Klä­ge­rin über­nom­men habe.

Im Juli 2013 besuch­te die nun­mehr voll­jäh­ri­ge Klä­ge­rin mit Frau C. die Ber­li­ner Fashion Week, eine Ver­an­stal­tung für Mode­in­ter­es­sier­te, Ein­käu­fer, Fach­be­su­cher und Medi­en­ver­tre­ter. Gemein­sam mach­ten sie in Ver­klei­dung mit einem gro­ßen Kuchen­herz in der Hand in einem dort eigens auf­ge­stell­ten Pass­bild­au­to­ma­ten Fotos. Auf dem Auto­ma­ten­aus­druck befin­den sich drei klei­ne Fotos bei­der in Pass­fo­to­for­mat und das Bild einer Cola­fla­sche. Mit die­sem Aus­druck und dem Her­zen in der Hand posier­ten bei­de gemein­sam vor Foto­gra­fen. Ein hier­bei erstell­tes Foto ver­öf­fent­lich­te die Beklag­te am 29.09.2013 unter der Rubrik „Der Bild am Sonn­tag Fami­li­en­rat­ge­ber Für­sor­ge” als Illus­tra­ti­on zu einem Arti­kel mit der Über­schrift „Eine Mut­ter für das Wai­sen­kind” (nach­fol­gend „Fashion Week-Foto”). In das Herz war der Text ein­ge­fügt: „S. [Klä­ge­rin] und G. [Frau C.] bei der Fashion Week im Juli 2013. Die bei­den haben viel Spaß mit­ein­an­der, machen Faxen in einem Foto­au­to­ma­ten.” Die Unter­über­schrift des Arti­kels kün­dig­te an, dass Frau C. in die­ser Aus­ga­be erst­mals über die Über­nah­me der Vor­mund­schaft für die Klä­ge­rin spre­chen wer­de. Hin­ter­grund war ein Inter­view, das Frau C. der Beklag­ten im Zusam­men­hang mit einem am sel­ben Tag aus­ge­strahl­ten Spiel­film gege­ben hat­te, auf den am Ende des Arti­kels hin­ge­wie­sen wur­de. Gegen­stand der Bericht­erstat­tung war die Über­nah­me der Vor­mund­schaft. Mit­tig unter­halb des Berichts und des Fotos befin­det sich ein ein­ge­rahm­tes Text­feld mit der Über­schrift „Eine Sor­ge­rechts­ver­fü­gung klärt im Not­fall, wer sich um Ihr Kind küm­mern soll.” Unten rechts auf der Sei­te ist ein dun­kel abge­setz­ter Bereich ein­ge­fügt mit der Über­schrift „Kin­der ohne Eltern: Das trau­ri­ge Erbe der Fami­lie M.”, der ein Foto der Fami­lie M./L. mit der Klä­ge­rin aus dem Jahr 1999 zeigt, wel­ches anläss­lich eines offi­zi­el­len Pres­see­vents im Dis­ney­land Paris auf­ge­nom­men wor­den war (nach­fol­gend „Dis­ney­land-Foto”).

Die Klä­ge­rin hat Kla­ge auf Unter­las­sung der Ver­öf­fent­li­chung des „Fashion Week-Fotos”, der „Pass­fo­tos” und des „Dis­ney­land-Fotos” wie in „Bild am Sonn­tag” vom 29.09.2013 gesche­hen erho­ben.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat die Beklag­te antrags­ge­mäß ver­ur­teilt1. Die Beru­fung der Beklag­ten hat das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg zurück­ge­wie­sen2. Mit der vom Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt die Beklag­te ihr Kla­ge­ab­wei­sungs­be­geh­ren wei­ter und erhielt vom Bun­des­ge­richts Recht, der die Kla­ge abwies. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts ver­nein­te der Bun­des­ge­richts­hof einen Anspruch der Klä­ge­rin gegen die Beklag­te auf Unter­las­sung der Ver­brei­tung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Fotos:

Die Zuläs­sig­keit von Bild­ver­öf­fent­li­chun­gen ist nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nach dem abge­stuf­ten Schutz­kon­zept der §§ 22, 23 KUG zu beur­tei­len3, das sowohl mit ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben4 als auch mit der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te im Ein­klang steht5. Danach dür­fen Bild­nis­se einer Per­son grund­sätz­lich nur mit deren Ein­wil­li­gung ver­brei­tet wer­den (§ 22 Satz 1 KUG). Die Ver­öf­fent­li­chung des Bil­des einer Per­son begrün­det grund­sätz­lich eine recht­fer­ti­gungs­be­dürf­ti­ge Beschrän­kung ihres all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts6. Die nicht von der Ein­wil­li­gung des Abge­bil­de­ten gedeck­te Ver­brei­tung sei­nes Bil­des ist nur zuläs­sig, wenn die­ses Bild dem Bereich der Zeit­ge­schich­te oder einem der wei­te­ren Aus­nah­me­tat­be­stän­de des § 23 Abs. 1 KUG posi­tiv zuzu­ord­nen ist und berech­tig­te Inter­es­sen des Abge­bil­de­ten nicht ver­letzt wer­den (§ 23 Abs. 2 KUG). Dabei ist schon bei der Beur­tei­lung, ob ein Bild dem Bereich der Zeit­ge­schich­te zuzu­ord­nen ist, eine Abwä­gung zwi­schen den Rech­ten des Abge­bil­de­ten aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG, Art. 8 Abs. 1 EMRK einer­seits und den Rech­ten der Pres­se aus Art. 5 Abs. 1 GG, Art. 10 EMRK ande­rer­seits vor­zu­neh­men7. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts setzt die Zuläs­sig­keit der Bild­be­richt­erstat­tung nicht vor­aus, dass der Abge­bil­de­te einen berech­tig­ten Anlass für die Ver­brei­tung sei­nes Bild­nis­ses gege­ben hat. Die­ser Gesichts­punkt kann ledig­lich bei der Abwä­gung der wider­strei­ten­den Inter­es­sen von Bedeu­tung sein.

Es kann offen blei­ben, ob die Klä­ge­rin, wie die Revi­si­on gel­tend macht, im Hin­blick auf den Aus­sa­ge­ge­halt des „Fashion Week-Fotos” in die Ver­öf­fent­li­chung im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang kon­klu­dent ein­ge­wil­ligt hat (§ 22 Satz 1 KUG). Bei den bean­stan­de­ten Auf­nah­men han­delt es sich um Bild­nis­se aus dem Bereich der Zeit­ge­schich­te (§ 23 Abs. 1 Nr. 1 KUG), deren Ver­brei­tung kein berech­tig­tes Inter­es­se der abge­bil­de­ten Klä­ge­rin ver­letzt (§ 23 Abs. 2 KUG).

Maß­ge­bend für die Fra­ge, ob es sich um ein Bild­nis aus dem Bereich der Zeit­ge­schich­te han­delt, ist der Begriff des Zeit­ge­sche­hens. Er darf nicht zu eng ver­stan­den wer­den. Im Hin­blick auf den Infor­ma­ti­ons­be­darf der Öffent­lich­keit umfasst er nicht nur Vor­gän­ge von his­to­risch­po­li­ti­scher Bedeu­tung, son­dern ganz all­ge­mein das Gesche­hen der Zeit, also alle Fra­gen von all­ge­mei­nem gesell­schaft­li­chem Inter­es­se. Er wird mit­hin vom Inter­es­se der Öffent­lich­keit bestimmt. Es gehört zum Kern der Pres­seund Mei­nungs­frei­heit, dass die Medi­en im Grund­satz nach ihren eige­nen publi­zis­ti­schen Kri­te­ri­en ent­schei­den kön­nen, was sie des öffent­li­chen Inter­es­ses für wert hal­ten und was nicht8. Auch unter­hal­ten­de Bei­trä­ge, etwa über das Pri­vatund All­tags­le­ben pro­mi­nen­ter Per­so­nen, neh­men grund­sätz­lich an die­sem Schutz teil9, ohne dass die­ser von der Eigen­art oder dem Niveau des jewei­li­gen Bei­trags oder des Pres­se­er­zeug­nis­ses abhängt10. Gera­de pro­mi­nen­te Per­so­nen kön­nen der All­ge­mein­heit Mög­lich­kei­ten der Ori­en­tie­rung bei eige­nen Lebens­ent­wür­fen bie­ten sowie Leit­bild­und Kon­trast­funk­tio­nen erfül­len. Auch Aspek­te aus ihrem Pri­vat­le­ben wie bei­spiels­wei­se die Nor­ma­li­tät ihres All­tags­le­bens kön­nen der Mei­nungs­bil­dung zu Fra­gen von all­ge­mei­nem Inter­es­se die­nen11.

Im Rah­men einer zuläs­si­gen Bericht­erstat­tung steht es den Medi­en grund­sätz­lich frei, Text­be­rich­te durch Bil­der zu illus­trie­ren12. Es ist Sache der Medi­en, über Art und Wei­se der Bericht­erstat­tung und ihre Auf­ma­chung zu ent­schei­den. Sie haben das Recht, Art und Aus­rich­tung, Inhalt und Form eines Publi­ka­ti­ons­or­gans frei zu bestim­men13. Eine Bedürf­nis­prü­fung, ob eine Bebil­de­rung ver­an­lasst war, fin­det nicht statt. Bild­aus­sa­gen neh­men am ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz des Berichts teil, des­sen Bebil­de­rung sie die­nen14.

Ein Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se besteht jedoch nicht schran­ken­los, viel­mehr wird der Ein­bruch in die per­sön­li­che Sphä­re des Abge­bil­de­ten durch den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit begrenzt15. Nicht alles, wofür sich Men­schen aus Lan­ge­wei­le, Neu­gier und Sen­sa­ti­ons­lust inter­es­sie­ren, recht­fer­tigt des­sen visu­el­le Dar­stel­lung in der brei­ten Medi­en­öf­fent­lich­keit. Wo kon­kret die Gren­ze für das berech­tig­te Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit an der aktu­el­len Bericht­erstat­tung zu zie­hen ist, lässt sich nur unter Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen Umstän­de des Ein­zel­falls ent­schei­den16.

Es bedarf mit­hin einer abwä­gen­den Berück­sich­ti­gung der kol­li­die­ren­den Rechts­po­si­tio­nen17. Die Belan­ge der Medi­en sind dabei in einen mög­lichst scho­nen­den Aus­gleich mit dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht des von einer Bericht­erstat­tung Betrof­fe­nen zu brin­gen18.

Im Rah­men der Abwä­gung kommt dem Gegen­stand der Bericht­erstat­tung maß­geb­li­che Bedeu­tung zu, wobei der Infor­ma­ti­ons­ge­halt einer Bild­be­richt­erstat­tung im Gesamt­kon­text, in den das Per­so­nen­bild­nis gestellt ist, zu ermit­teln ist, ins­be­son­de­re unter Berück­sich­ti­gung der zuge­hö­ri­gen Text­be­richt­erstat­tung. Zu prü­fen ist, ob die Medi­en im kon­kre­ten Fall eine Ange­le­gen­heit von öffent­li­chem Inter­es­se ernst­haft und sach­be­zo­gen erör­tern, damit den Infor­ma­ti­ons­an­spruch des Publi­kums erfül­len und zur Bil­dung der öffent­li­chen Mei­nung bei­tra­gen oder ob sie ledig­lich die Neu­gier der Leser nach pri­va­ten Ange­le­gen­hei­ten pro­mi­nen­ter Per­so­nen befrie­di­gen19. Je grö­ßer der Infor­ma­ti­ons­wert für die Öffent­lich­keit ist, des­to mehr muss das Schutz­in­ter­es­se des­je­ni­gen, über den infor­miert wird, hin­ter den Infor­ma­ti­ons­be­lan­gen der Öffent­lich­keit zurück­tre­ten. Umge­kehrt wiegt aber auch der Schutz der Per­sön­lich­keit des Betrof­fe­nen umso schwe­rer, je gerin­ger der Infor­ma­ti­ons­wert für die All­ge­mein­heit ist20.

Bei der Prü­fung der Fra­ge, ob und in wel­chem Aus­maß die Bericht­erstat­tung einen Bei­trag zur öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung leis­tet und wel­cher Infor­ma­ti­ons­wert ihr damit bei­zu­mes­sen ist, ist von erheb­li­cher Bedeu­tung, wel­che Rol­le dem Betrof­fe­nen in der Öffent­lich­keit zukommt. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te unter­schei­det zwi­schen Poli­ti­kern („politicians/​personnes poli­ti­ques”), sons­ti­gen im öffent­li­chen Leben oder im Blick­punkt der Öffent­lich­keit ste­hen­den Per­so­nen („public figures/​personnes publi­ques”) und Pri­vat­per­so­nen („ordi­na­ry persons/​personnes ordinaires”), wobei einer Bericht­erstat­tung über letz­te­re enge­re Gren­zen als in Bezug auf den Kreis sons­ti­ger Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens gezo­gen sei­en und der Schutz der Poli­ti­ker am schwächs­ten sei21. Er hat aus­ge­führt, dass eine in der Öffent­lich­keit unbe­kann­te Pri­vat­per­son einen beson­de­ren Schutz ihres Pri­vat­le­bens bean­spru­chen kann, wäh­rend glei­ches nicht für Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens gel­te22. Den­noch kön­ne auch eine der all­ge­mei­nen Öffent­lich­keit bekann­te Per­son unter bestimm­ten Umstän­den auf eine „berech­tig­te Erwar­tung” auf Schutz und auf Ach­tung ihres Pri­vat­le­bens ver­trau­en23. Die Ver­öf­fent­li­chung eines Fotos kön­ne des­halb auch dann das Pri­vat­le­ben einer Per­son beein­träch­ti­gen, wenn die­se eine Per­son des öffent­li­chen Lebens sei24.

Dane­ben sind für die Gewich­tung der Belan­ge des Per­sön­lich­keits­schut­zes der Anlass der Bericht­erstat­tung und die Umstän­de in die Beur­tei­lung mit ein­zu­be­zie­hen, unter denen die Auf­nah­me ent­stan­den ist. Auch ist bedeut­sam, in wel­cher Situa­ti­on der Betrof­fe­ne erfasst und wie er dar­ge­stellt wird25.

Stets abwä­gungs­re­le­vant ist die Inten­si­tät des Ein­griffs in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht26.

Nach die­sen Grund­sät­zen stel­len die ange­grif­fe­nen Fotos Bild­nis­se der Zeit­ge­schich­te dar. Die bereits im Rah­men des § 23 Abs. 1 Nr. 1 KUG vor­zu­neh­men­de Abwä­gung kann der Bun­des­ge­richts­hof selbst vor­neh­men, da kei­ne wei­te­ren Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen erfor­der­lich sind. Sie fällt vor­lie­gend zuguns­ten der Pres­se­frei­heit aus.

Die auf der Fashion Week 2013 auf­ge­nom­me­nen streit­ge­gen­ständ­li­chen Fotos zei­gen die Klä­ge­rin und ihre ehe­ma­li­ge Vor­mun­din gemein­sam und gut gelaunt. Sie visua­li­sie­ren die Bil­din­nen­schrift und ver­an­schau­li­chen die offen­bar ent­spann­te und ver­trau­te Bezie­hung von ehe­ma­li­gem Mün­del und Vor­mun­din. Damit illus­trie­ren sie kon­text­ge­recht die von der Klä­ge­rin im Streit­fall nicht ange­grif­fe­ne Wort­be­richt­erstat­tung, die einen Bei­trag zu einer Dis­kus­si­on all­ge­mei­nen Inter­es­ses leis­tet. Sie befasst sich mit den recht­li­chen Kon­se­quen­zen des Todes von Eltern min­der­jäh­ri­ger Kin­der und the­ma­ti­siert mit der Über­nah­me der Vor­mund­schaft für die Klä­ge­rin durch eine Freun­din der Fami­lie eine Mög­lich­keit, auch außer­halb der Fami­lie eine dem Kin­des­wohl ange­mes­se­ne und aus Sicht der Eltern wün­schens­wer­te Betreu­ung für die Kin­der zu fin­den.

Die Beklag­te leis­tet mit ihrem Bericht über die Ein­rich­tung und die Dar­stel­lung einer jeden­falls aus Sicht eines Außen­ste­hen­den erfolg­reich ver­lau­fe­nen Vor­mund­schaft am Bei­spiel der Klä­ge­rin einen sach­be­zo­ge­nen Bei­trag zur gesell­schaft­li­chen Dis­kus­si­on über Hil­fe­leis­tung, per­sön­li­ches Enga­ge­ment und Für­sor­ge, die über die Gren­zen der eige­nen Fami­lie hin­aus­ge­hen. Die Bericht­erstat­tung der Beklag­ten setzt sich sach­be­zo­gen mit der Rege­lung elter­li­cher Sor­ge für die Wai­sen und der Rechts­fi­gur der Vor­mund­schaft aus­ein­an­der. Sie ver­an­schau­licht die­ses eher abs­trak­te The­ma für ihre Leser­schaft durch die Dar­stel­lung am Bei­spiel der Klä­ge­rin, die bei­de Eltern ver­lo­ren hat. Die Pro­mi­nenz von Frau C. und der ver­stor­be­nen Eltern för­dern die Wahr­neh­mung die­ses Dis­kus­si­ons­bei­tra­ges und damit des The­mas in der Öffent­lich­keit27. So kann durch das Stil­mit­tel der Per­so­na­li­sie­rung bei der Leser­schaft der Beklag­ten das Inter­es­se an (ggf. sie selbst betref­fen­den) Pro­ble­men und der Wunsch nach Sach­in­for­ma­ti­on geweckt wer­den28.

Glei­ches gilt für das „Dis­ney­land-Foto” aus dem Jahr 1999 in Paris. Es doku­men­tiert und ergänzt den Aus­gangs­punkt der Bericht­erstat­tung der Beklag­ten, dass bei unvor­her­seh­ba­ren tra­gi­schen Ereig­nis­sen, hier dem Verster­ben bei­der Eltern­tei­le, eine Fami­lie vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen gestellt wird und sich die Fra­ge stellt, wer für min­der­jäh­ri­ge Kin­der die Aus­übung der Per­so­nen­sor­ge in Form der Vor­mund­schaft über­neh­men kann und soll. Das Foto ist kon­text­ge­recht und ver­an­schau­licht den Umbruch und die Ver­än­de­run­gen, vor die die Kin­der gestellt wer­den kön­nen, und damit die Not­wen­dig­keit, Vor­sor­ge­maß­nah­men im Sin­ne einer best­mög­li­chen Rege­lung die­ser Fra­ge zu tref­fen.

In die Abwä­gung ein­zu­stel­len sind auch der Bekannt­heits­grad der Klä­ge­rin sowie der Umstand, dass die Über­nah­me der Vor­mund­schaft durch G. C. öffent­lich bekannt war. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts war die Klä­ge­rin bis zur ange­grif­fe­nen Bericht­erstat­tung bei eini­gen Gele­gen­hei­ten, zum Teil neben ihren Eltern oder ihrer Vor­mun­din, in der Öffent­lich­keit prä­sent, so schon im Jahr 1999 in Paris mit der gesam­ten Fami­lie. Die Klä­ge­rin war selbst bei min­des­tens drei öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen vor die Kame­ras getre­ten, bei der Fashion Week im Janu­ar 2009, einer Par­ty anläss­lich des Deut­schen Film­prei­ses im April 2010 und mit ihrer Mut­ter bei der AIDS­Ga­la im Novem­ber 2010. Außer­dem besuch­te sie gemein­sam mit ihrer Vor­mun­din die „Tri­bu­te to Bam­bi­Ga­la” im Dezem­ber 2012. Das öffent­li­che Inter­es­se an ihrer Per­son wur­de ver­tieft durch die Pro­mi­nenz der Eltern, die bei­de inter­na­tio­nal bekann­te Schau­spie­ler waren, und das gro­ße Medi­en­echo bei deren frü­hem Tod, das auch die Fra­ge auf­warf, wer sich nun um die noch min­der­jäh­ri­gen Kin­der, die Klä­ge­rin und ihren Bru­der, küm­me­re. Hin­zu kommt, dass die ehe­ma­li­ge Vor­mun­din Frau C. eben­falls eine sehr bekann­te Schau­spie­le­rin war und ist. Ange­sichts die­ses Bekannt­heits­gra­des han­delt es sich bei der Klä­ge­rin nicht mehr um eine „in der Öffent­lich­keit unbe­kann­te Pri­vat­per­son” im Sin­ne der oben genann­ten Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te. Die­ser hat viel­mehr bei einer „rela­tiv pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­keit” einen dem Schutz des „indi­vi­du incon­nu du public” ver­gleich­ba­ren Schutz ihres Rechts auf Pri­vat­le­ben abge­lehnt29.

Die streit­ge­gen­ständ­li­che Bild­be­richt­erstat­tung betrifft die Klä­ge­rin unmit­tel­bar nur in ihrer Sozi­al­sphä­re. Das „Fashion Week-Foto” und die „Pass­fo­tos” aus dem Auto­ma­ten sind auf einer medi­en­wirk­sam insze­nier­ten öffent­li­chen Ver­an­stal­tung auf­ge­nom­men wor­den. Dass die Klä­ge­rin mit Frau C. den auf­ge­stell­ten Foto­au­to­ma­ten benutzt und anschlie­ßend mit den dort erstell­ten Bil­dern für die Kame­ras posiert, ver­deut­licht, dass ihr die Öffent­lich­keit der Situa­ti­on bewusst war und sie die­se ersicht­lich gewählt hat.

Auch für das „Dis­ney­land-Foto” gilt nichts Ande­res. Es han­delt sich um eine Auf­nah­me, die die Fami­lie der Klä­ge­rin anläss­lich eines offi­zi­el­len Pres­see­vents im Dis­ney­land in Paris zeigt. Die vom Ver­an­stal­ter nach Paris ein­ge­la­de­nen Eltern der Klä­ge­rin posie­ren mit ihren drei Kin­dern für die Kame­ra, die damit gera­de kei­nen pri­va­ten Moment der Ent­span­nung oder des Sich­Ge­hen­Las­sens außer­halb der beruf­li­chen Pflich­ten abbil­det30.

Bei die­ser Sach­la­ge und der gebo­te­nen Wür­di­gung der Bericht­erstat­tung in ihrer Gesamt­heit31 ste­hen der Ver­brei­tung der Bil­der auch unter Berück­sich­ti­gung des sicher schmerz­vol­len Ver­lus­tes der Eltern kei­ne berech­tig­ten Inter­es­sen der abge­bil­de­ten Klä­ge­rin ent­ge­gen (§ 23 Abs. 2 KUG). Die Auf­nah­men selbst wei­sen kei­nen eigen­stän­di­gen Ver­let­zungs­ge­halt auf. Sie wür­di­gen die Klä­ge­rin nicht her­ab, son­dern zei­gen sie viel­mehr sym­pa­thisch und zuge­wandt. Die Gewin­nung der Bil­der erfolg­te ohne Beläs­ti­gung, Aus­nut­zung von Heim­lich­keit oder beharr­li­cher Nach­stel­lung und nicht an Orten der Abge­schie­den­heit; die Klä­ge­rin posier­te viel­mehr in der Medi­en­ver­tre­tern geöff­ne­ten und breit ange­leg­ten Ver­an­stal­tungs­öf­fent­lich­keit für die Kame­ra, auch in ihrem Erschei­nungs­bild auf die­se Öffent­lich­keit vor­be­rei­tet und um die Pro­mi­nenz ihrer ehe­ma­li­gen Vor­mun­din wis­send.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. April 2019 – VI ZR 533/​16

  1. LG Ham­burg, Urteil vom 29.08.2014 – 324 O 12/​14
  2. OLG Ham­burg, Urteil vom 15.11.2016 – 7 U 100/​14
  3. grund­le­gend BGH, Urteil vom 06.03.2007 – VI ZR 51/​06, BGHZ 171, 275 Rn. 9 ff.; vgl. hier­nach etwa BGH, Urtei­le vom 29.05.2018 – VI ZR 56/​17, VersR 2018, 1136 Rn. 9; vom 10.03.2009 – VI ZR 261/​07, BGHZ 180, 114 Rn. 9; vom 18.10.2011 – VI ZR 5/​10, VersR 2012, 116 Rn. 8 f.; vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn. 23 f.; vom 28.05.2013 – VI ZR 125/​12, VersR 2013, 1178 Rn. 10; vom 21.04.2015 – VI ZR 245/​14, VersR 2015, 898 Rn. 14; vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 10; jeweils mwN
  4. vgl. BVerfGE 120, 180, 210
  5. vgl. EGMR, NJW 2012, 1053 Rn. 114 ff. [Axel Sprin­ger v. Deutsch­land]
  6. BVerfG, NJW 2011, 740 Rn. 52 mwN
  7. BGH, Urtei­le vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 10; vom 27.09.2016 – VI ZR 310/​14, NJW 2017, 804 Rn. 5; vom 21.04.2015 – VI ZR 245/​14, VersR 2015, 898 Rn. 14; vom 19.06.2007 – VI ZR 12/​06, VersR 2007, 1135 Rn. 17
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.05.2018 – VI ZR 56/​17, VersR 2018, 1136 Rn. 11 f.; vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn.19; vom 26.10.2010 – VI ZR 230/​08, BGHZ 187, 200 Rn.20; vom 10.03.2009 – VI ZR 261/​07, BGHZ 180, 114 Rn. 11; vom 01.07.2008 – VI ZR 67/​08, VersR 2008, 1411 Rn. 14; BVerfGE 120, 180, 197; BVerfGE 101, 361, 389; jeweils mwN
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn.19; vom 26.10.2010 – VI ZR 230/​08, BGHZ 187, 200 Rn.20; vom 10.03.2009 – VI ZR 261/​07, BGHZ 180, 114 Rn. 11; vom 14.10.2008 – VI ZR 272/​06, VersR 2009, 78 Rn. 14; vom 09.12 2003 – VI ZR 373/​02, NJW 2004, 762, 764; BVerfGE 120, 180, 197, 205; 101, 361, 389 ff.
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.05.2013 – VI ZR 125/​12, NJW 2013, 2890 Rn. 17; vom 10.03.2009 – VI ZR 261/​07, BGHZ 180, 114 Rn. 11, 14; vom 06.03.2007 – VI ZR 51/​06, BGHZ 171, 275 Rn. 32; jeweils mwN
  11. BGH, Urtei­le vom 02.05.2017 – VI ZR 262/​16, AfP 2017, 310 Rn. 24; vom 10.03.2009 – VI ZR 261/​07, BGHZ 180, 114 Rn. 11; vom 28.10.2008 – VI ZR 307/​07, BGHZ 178, 213 Rn. 13; BVerfG, NJW 2017, 1376 Rn. 15; BVerfGE 120, 180, 204; 101, 361, 390
  12. BGH, Urteil vom 28.10.2008 – VI ZR 307/​07, BGHZ 178, 213 Rn. 15
  13. BGH, Urteil vom 28.05.2013 – VI ZR 125/​12, NJW 2013, 2890 Rn. 15 und 17; BVerfGE 101, 361, 389
  14. BGH, Urteil vom 28.10.2008 – VI ZR 307/​07, BGHZ 178, 213 Rn. 15; BVerfGE 120, 180, 196
  15. BGH, Urtei­le vom 27.09.2016 – VI ZR 310/​14, NJW 2017, 804 Rn. 7; vom 11.06.2013 – VI ZR 209/​12, VersR 2013, 1272 Rn. 9; vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn. 24; jeweils mwN
  16. BGH, Urteil vom 28.10.2008 – VI ZR 307/​07, BGHZ 178, 213 Rn. 14
  17. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.04.2010 – VI ZR 125/​08, AfP 2010, 259 Rn. 14; vom 01.07.2008 – VI ZR 243/​06, AfP 2008, 507 Rn.20; BVerfGE 120, 180, 205
  18. BGH, Urtei­le vom 27.09.2016 – VI ZR 310/​14, NJW 2017, 804 Rn. 8; vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 16
  19. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 17; vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn. 25; vom 10.03.2009 – VI ZR 261/​07, BGHZ 180, 114 Rn. 12; vom 14.10.2008 – VI ZR 272/​06, VersR 2009, 78 Rn. 15; BVerfGE 101, 361, 391; 120, 180, 205; EGMR, NJW 2012, 1053 Rn. 108 ff. [von Han­no­ver v. Deutsch­land II] und NJW 2012, 1058 Rn. 89 ff. [Axel Sprin­ger v. Deutsch­land]
  20. BGH, Urtei­le vom 26.10.2010 – VI ZR 230/​08, BGHZ 187, 200 Rn. 10; vom 06.03.2007 – VI ZR 51/​06, BGHZ 171, 275 Rn.20
  21. vgl. EGMR, NJW 2015, 1501 Rn. 54 [Axel Sprin­ger v. Deutsch­land II]; EGMR, Urteil vom 30.03.2010, Beschwer­deNr.20928/​05, BeckRS 2012, 18730 Rn. 55
  22. EGMR, AfP 2016, 413 Rn. 84 mit Ver­weis auch auf EGMR, 14.06.2005, Nr. 14991/​02, Minel­li c. Suis­se
  23. s. u.a. EGMR, NJW 2012, 1053 Rn. 97
  24. EGMR, AfP 2016, 413 Rn. 85
  25. BGH, Urtei­le vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 18; vom 27.09.2016 – VI ZR 310/​14, NJW 2017, 804 Rn. 8; vom 28.05.2013 – VI ZR 125/​12, VersR 2013, 1178 Rn. 13; vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn. 26
  26. vgl. BVerfGE 120, 180, 209
  27. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.10.2008 – VI ZR 307/​07, BGHZ 178, 213 Rn. 15; vom 17.02.2009 – VI ZR 75/​08, VersR 2009, 841 Rn. 14; BVerfGE 101, 361, 390
  28. BGH, Urteil vom 28.10.2008 – VI ZR 307/​07, BGHZ 178, 213 Rn. 15; BVerfGE 120, 180, 206
  29. EGMR, 14.06.2005, Nr. 14991/​02, Minel­li c. Suis­se
  30. vgl. BGH, Urtei­le vom 01.07.2008 – VI ZR 243/​06, VersR 2008, 1411 Rn. 24; vom 14.10.2008 – VI ZR 272/​06, NJW 2009, 754 Rn. 17; vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 28 [Wulff]
  31. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.03.2007 – VI ZR 51/​06, BGHZ 171, 275 Rn. 33; vom 06.02.2018 – VI ZR 76/​17, VersR 2018, 554 Rn. 29