Zuschlag zur Insol­venz­ver­wal­ter­ver­gü­tung

Ein Zuschlag zur Regel­ver­gü­tung kann dem Insol­venz­ver­wal­ter nicht allein wegen der lan­gen Dau­er des Ver­fah­rens, son­dern nur wegen der in die­ser Zeit von ihm erbrach­ten Tätig­kei­ten gewährt wer­den.

Zuschlag zur Insol­venz­ver­wal­ter­ver­gü­tung

Die Fra­ge, ob die lan­ge Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens einen Zuschlag zur Ver­gü­tung des Ver­wal­ters nach § 3 Abs. 1 Ins­VV recht­fer­tigt, ist in der Recht­spre­chung der Instanz­ge­rich­te und im Schrift­tum umstrit­ten:

Für die Berech­ti­gung eines Zuschlags in sol­chen Fäl­len wird ange­führt, die lan­ge Dau­er eines Insol­venz­ver­fah­rens beein­flus­se die kal­ku­la­to­ri­sche Deckung der Gemein­kos­ten ungüns­tig und las­se den Umfang von Regel­auf­ga­ben des Ver­wal­ters wie die Vor­la­ge von Berich­ten, Auf­zeich­nungs­pflich­ten und die Beant­wor­tung von Sach­stands­an­fra­gen anstei­gen 1. Gegen einen Zuschlag allein wegen lan­ger Ver­fah­rens­dau­er wird gel­tend gemacht, die­se resul­tie­re regel­mä­ßig aus Beson­der­hei­ten, die ohne­hin geson­dert ver­gü­tet wür­den 2. Mit der Ver­gü­tung nach der Insol­venz­recht­li­chen Ver­gü­tungs­ver­ord­nung wird die Tätig­keit des Ver­wal­ters ent­gol­ten 3. Durch Abwei­chun­gen vom Regel­satz soll dem Umfang und der Schwie­rig­keit sei­ner Geschäfts­füh­rung Rech­nung getra­gen wer­den (§ 63 Abs. 1 Satz 3 InsO). Maß­ge­ben­des Bemes­sungs­kri­te­ri­um für Zu- und Abschlä­ge soll daher der tat­säch­lich gestie­ge­ne oder gemin­der­te Arbeits­auf­wand sein 4. Dies ver­bie­tet es, Zuschlä­ge zur Ver­gü­tung allein an den Zeit­ab­lauf anzu­knüp­fen. Zu bewer­ten ist viel­mehr die wäh­rend der Dau­er des Ver­fah­rens erbrach­te Tätig­keit. Weist die­se einen über­durch­schnitt­li­chen Umfang oder eine beson­de­re Schwie­rig­keit auf, wie dies in über­lan­gen Ver­fah­ren oft der Fall sein wird, kann dafür ein Zuschlag gewährt wer­den. Die ver­mehr­te Erle­di­gung von Rou­ti­ne­ar­bei­ten wie die Erstel­lung von Zwi­schen­be­rich­ten oder die Aktua­li­sie­rung der Buch­füh­rung, ist dann mit die­sen Zuschlä­gen abge­gol­ten, zumal der dazu erfor­der­li­che Auf­wand mit zuneh­men­der Ver­fah­rens­dau­er regel­mä­ßig abnimmt. Geht eine lan­ge Ver­fah­rens­dau­er aus­nahms­wei­se nicht mit zuschlags­fä­hi­gen Tätig­kei­ten des Ver­wal­ters ein­her, etwa weil die Fäl­lig­keit von Siche­rungs­ein­be­hal­ten oder der Aus­gang von Pro­zes­sen, mit deren Füh­rung Drit­te beauf­tragt wur­den, abzu­war­ten ist, wer­den auch die in regel­mä­ßi­gen Zeit­ab­schnit­ten sich wie­der­ho­len­den Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten im All­ge­mei­nen kei­nen geson­der­ten Zuschlag recht­fer­ti­gen, weil die Abwei­chung vom Nor­mal­fall nicht so signi­fi­kant ist, dass ohne einen Zuschlag ein Miss­ver­hält­nis ent­stün­de 5.

In dem vom Bun­des­ge­richt­hof ent­schie­de­nen Fall wur­de die lan­ge Ver­fah­rens­dau­er im Wesent­li­chen ver­ur­sacht durch Schwie­rig­kei­ten bei der Ver­wer­tung der zahl­rei­chen Immo­bi­li­en, durch eine auf­wän­di­ge Prü­fung der For­de­run­gen, durch einen zur Durch­set­zung einer For­de­rung geführ­ten Rechts­streit und den anschie­ßen­den Ver­such, die­se For­de­rung zu rea­li­sie­ren. Für die bei­den erst­ge­nann­ten Tätig­kei­ten sind dem Ver­wal­ter Zuschlä­ge zur Ver­gü­tung gewährt wor­den. Unter die­sen Umstän­den durf­te nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs davon abge­se­hen wer­den, für die wäh­rend der lan­gen Ver­fah­rens­dau­er anfal­len­den Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten einen wei­te­ren Zuschlag fest­zu­set­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2010 – IX ZB 154/​09

  1. LG Pots­dam, ZVI 2006, 475, 476; Münch­Komm-InsO/­No­wak, 2. Aufl., § 3 Ins­VV Rn. 12; Eickmann/​Prasser in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, § 3 Ins­VV Rn. 35; FK-InsO/­Lo­renz, 5. Aufl., § 3 Ins­VV Rn. 26, jeweils mit wei­te­ren Recht­spre­chungs­nach­wei­sen; für die Zuschlags­fä­hig­keit einer über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er fer­ner Stephan/​Riedel, Ins­VV § 3 Rn. 27; Hess, Insol­venz­recht, § 3 Ins­VV Rn. 78[]
  2. LG Deg­gen­dorf, Rpfle­ger 1998, 125; LG Braun­schweig, ZIn­sO 2001, 552, 554; LG Göt­tin­gen, NZI 2006, 477; LG Sten­dal, Beschluss vom 17.10.2007 – 25 T 166/​05; Haarmeyer/​Wutzke/​Förster, Ins­VV, 4. Aufl., § 3 Rn. 58; Kel­ler, Ver­gü­tung und Kos­ten im Insol­venz­ver­fah­ren, 2. Aufl., Rn. 248; Gra­eber, Ver­gü­tung in Insol­venz­ver­fah­ren von A‑Z, Rn. 459; Hmb­Komm-InsO/Bütt­ner, 3. Aufl., § 3 Ins­VV Rn. 7a; Blersch in Breutigam/​Blersch/​Goetsch, InsO, § 3 Ins­VV Rn. 24).

    Rich­ti­ger Ansicht nach recht­fer­tigt eine lan­ge Dau­er des Ver­fah­rens für sich allein kei­nen geson­der­ten Zuschlag zur Ver­gü­tung des Insol­venz­ver­wal­ters ((vgl. BGH, Beschluss vom 06.05.2010 – IX ZB 123/​09, ZIn­sO 2010, 1504 Rn. 7; noch offen gelas­sen im Beschluss vom 10.07.2008 – IX ZB 152/​07, ZIP 2008, 1640 Rn. 10[]

  3. Haar­mey­er, ZIn­sO 2001, 577[]
  4. Begrün­dung zu § 3 Ins­VV, abge­druckt bei Kel­ler, Ver­gü­tung und Kos­ten im Insol­venz­ver­fah­ren, 2. Aufl., Anhang III[]
  5. vgl. dazu BGH, Beschlüs­se vom 11.05.2006 – IX ZB 249/​04, ZIP 2006, 1204 Rn. 24; und vom 11.10.2007 – IX ZB 15/​07, ZIP 2007, 2226 Rn. 15[]