Zustel­lung ins Aus­land und der Zustell­be­voll­mäch­tig­te

Die in § 184 ZPO gere­gel­te Befug­nis des Gerichts, bei einer Zustel­lung im Aus­land nach § 183 ZPO anzu­ord­nen, dass bei feh­len­der Bestel­lung eines Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ein inlän­di­scher Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ter zu benen­nen ist und andern­falls spä­te­re Zustel­lun­gen durch Auf­ga­be zur Post bewirkt wer­den kön­nen, gilt nicht für Aus­lands­zu­stel­lun­gen, die nach den Bestim­mun­gen der EuZ­VO vor­ge­nom­men wer­den 1.

Zustel­lung ins Aus­land und der Zustell­be­voll­mäch­tig­te

Wird bei einer unzu­läs­si­gen Inlands­zu­stel­lung nach § 184 ZPO die Ein­spruchs­frist nicht gemäß § 339 Abs. 2 ZPO bestimmt, wird eine Ein­spruchs­frist nicht in Lauf gesetzt.

Kei­ne Bestel­lung eines Zustell­be­voll­mäch­tig­ten im Gel­te­ungs­be­reich der EuZ­VO

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Anord­nung nach § 184 Abs. 1 Satz 1 ZPO waren nicht gege­ben, weil die vom Land­ge­richt ver­an­lass­te Zustel­lung der Kla­ge­schrift nicht – wie von die­ser Vor­schrift vor­aus­ge­setzt – nach § 183 Abs. 1 Nr. 2 oder 3 ZPO aF bezie­hungs­wei­se nach § 183 ZPO in der seit dem 13.11.2008 gel­ten­den Fas­sung vor­ge­nom­men wor­den ist, son­dern nach Maß­ga­be der gemäß § 183 Abs. 3 ZPO aF oder § 183 Abs. 5 BGB unbe­rührt blei­ben­den Bestim­mun­gen der EuZ­VO 2000 oder der EuZ­VO 20072.

Zur Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit der Zustel­lung des Ver­säum­nis­ur­teils kann dahin ste­hen, ob die Zuläs­sig­keit der vom Land­ge­richt getrof­fe­nen Anord­nung, einen inlän­di­schen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten zu bestel­len, anhand der §§ 183 f. ZPO in der bis zum 12.11.2008 gel­ten­den Fas­sung oder – wie die Revi­si­ons­er­wi­de­rung meint – anhand der Neu­fas­sung die­ser Bestim­mun­gen mit den durch Art. 1 Nr. 3, 4 des Geset­zes zur Ver­bes­se­rung der grenz­über­schrei­ten­den For­de­rungs­durch­set­zung und Zustel­lung 3 erfolg­ten und gemäß Art. 8 Abs. 2 die­ses Geset­zes am 13.11.2008 in Kraft getre­te­nen Ände­run­gen zu beur­tei­len ist. Denn § 184 Abs. 1 Satz 1 ZPO hat das Land­ge­richt weder in der einen noch in der ande­ren Fas­sung ermäch­tigt, der Beklag­ten die Bestel­lung eines inlän­di­schen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten auf­zu­ge­ben, um bei Unter­blei­ben einer sol­chen Bestel­lung spä­te­re Zustel­lun­gen gemäß § 184 Abs. 1 Satz 2 ZPO durch Auf­ga­be des zuzu­stel­len­den Schrift­stücks zur Post mit den in § 184 Abs. 2 ZPO vor­ge­se­he­nen Fol­gen bewir­ken zu kön­nen. Wie der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 2. Febru­ar 2011 4 anhand des Wort­lauts und der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Nor­men sowie der Geset­zes­sys­te­ma­tik im Ein­zel­nen aus­ge­führt hat, erstre­cken sich die in § 184 Abs. 1 ZPO jeweils ent­hal­te­nen Ver­wei­sun­gen auf die Mög­lich­keit einer (Inlands-)Zustellung durch Auf­ga­be zur Post gera­de nicht auf Zustel­lun­gen, denen grenz­über­schrei­ten­de Zustel­lun­gen nach der EuZ­VO 2000 oder der EuZ­VO 2007 vor­aus­ge­gan­gen sind.

Die am 12.01.2009 nach Maß­ga­be von § 184 ZPO bewirk­te Zustel­lung des Ver­säum­nis­ur­teils hat die Frist zur Ein­le­gung des hier­ge­gen gege­be­nen Ein­spruchs, wel­che gemäß § 339 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO von einer wirk­sa­men Zustel­lung abhängt 5, nicht in Lauf set­zen kön­nen. Denn eine Zustel­lung durch Auf­ga­be zur Post ist nur zuläs­sig, wenn die betrof­fe­ne Par­tei kei­nen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten benannt hat, obgleich sie dazu gemäß § 184 Abs. 1 Satz 1 ZPO ver­pflich­tet war. Erfolgt die Anord­nung, einen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten zu benen­nen, dage­gen ohne gesetz­li­che Grund­la­ge, weil sie – wie hier – für eine Fall­ge­stal­tung aus­ge­spro­chen wird, die von der in § 184 Abs. 1 Satz 1 ZPO gere­gel­ten Anord­nungs­be­fug­nis nicht gedeckt wird, kann sie kei­ne Wir­kun­gen zu Las­ten des Zustel­lungs­emp­fän­gers ent­fal­ten 6.

Die nach § 184 ZPO vor­ge­nom­me­ne Zustel­lung des Ver­säum­nis­ur­teils durch Auf­ga­be zur Post wird auch sonst nicht den Anfor­de­run­gen an eine nach euro­päi­schem Zustel­lungs­recht grund­sätz­lich zuläs­si­ge Zustel­lung durch die Post gerecht, wie sie in der Zeit bis zum 12.11.2008 in Art. 14 EuZ­VO 2000 in Ver­bin­dung mit § 1068 Abs. 1 BGB aF gere­gelt war und seit­her in Art. 14 EuZ­VO 2007 gere­gelt ist. Denn eine sol­che Zustel­lung hät­te wirk­sam nur in der Ver­sand­form des Ein­schrei­bens mit Rück­schein oder gleich­wer­ti­gem Beleg erfol­gen kön­nen. Das ist hier nicht gesche­hen.

Kei­ne Hei­lung des Zustell­man­gels bei Zustel­lung an den Zustell­be­voll­mäch­tig­ten

Der form­ge­recht ein­ge­leg­te Ein­spruch der Beklag­ten ist im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schei­de­nen Fall auch nicht auf­grund einer nach­fol­gen­den Hei­lung des Zustel­lungs­man­gels ver­fris­tet und kann des­halb nicht gemäß § 341 Abs. 1 ZPO als unzu­läs­sig ver­wor­fen wer­den. Denn § 339 Abs. 2 ZPO schreibt für den Fall, dass die Zustel­lung eines Ver­säum­nis­ur­teils im Aus­land erfol­gen muss, vor, dass das Gericht die Ein­spruchs­frist im Ver­säum­nis­ur­teil oder nach­träg­lich durch beson­de­ren Beschluss zu bestim­men hat. Die­se Ein­spruchs­frist hat das Land­ge­richt nicht bestimmt, so dass selbst durch eine vom Beru­fungs­ge­richt für denk­bar gehal­te­ne Hei­lung des Zustel­lungs­man­gels gemäß § 189 ZPO eine sol­che Frist nicht hat in Lauf gesetzt und in der Fol­ge ver­säumt wer­den kön­nen.

Eine – wie hier – unzu­läs­si­ge Inlands­zu­stel­lung nach § 184 ZPO führt auch nicht etwa dazu, dass die in § 339 Abs. 1 Halbs. 1 ZPO vor­ge­se­he­ne Ein­spruchs­frist von zwei Wochen gleich­wohl zu lau­fen beginnt. Denn für den Fall, dass die vor­zu­neh­men­de Zustel­lung im Aus­land bewirkt wer­den muss, weil die Vor­aus­set­zun­gen für eine Zustel­lung des dafür vor­ge­se­he­nen Schrift­stücks im Inland nicht gege­ben sind, ent­hält § 339 ZPO kei­ne gesetz­lich gere­gel­te Ein­spruchs­frist. Die Ein­spruchs­frist ist viel­mehr gemäß § 339 Abs. 2 ZPO von Amts wegen durch das Gericht im Ver­säum­nis­ur­teil oder nach­träg­lich durch beson­de­ren Beschluss zu bestim­men, so dass auch der Lauf die­ser Frist erst mit Zustel­lung der vor­zu­neh­men­den Frist­be­stim­mung beginnt. Nimmt das Gericht – wie vor­lie­gend gesche­hen – die erfor­der­li­che Frist­be­stim­mung nicht vor, wird der Lauf einer Ein­spruchs­frist nicht in Gang gesetzt 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Mai 2011 – VIII ZR 114/​10

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 02.02.2011 – VIII ZR 190/​10, EuZW 2011, 276[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1393/​2007 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. Novem­ber 2007 über die Zustel­lung gericht­li­cher und außer­ge­richt­li­cher Schrift­stü­cke in Zivil- oder Han­dels­sa­chen in den Mit­glied­staa­ten (Zustel­lung von Schrift­stü­cken) und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1348/​2000 des Rates, ABl. EG Nr. L 324 S. 79[]
  3. vom 30.10.2008, BGBl. I S. 2122[]
  4. BGH, Urteil vom 02.02.2011 – VIII ZR 190/​10, EuZW 2011, 276 Rn. 17 ff.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 24.09. 1986 – VIII ZR 320/​85, BGHZ 98, 263, 267[]
  6. BGH, Urteil vom 02.02.2011 – VIII ZR 190/​10, aaO Rn. 21 mwN[]
  7. RGZ 63, 82, 84 f.; Stein/​Jonas/​Grunsky, ZPO, 22. Aufl., § 339 Rn. 9; Münch­Komm-ZPO/Prüt­ting, 3. Aufl., § 339 Rn. 7; Musielak/​Stadler, ZPO, 08. Aufl., § 339 Rn. 3[]