Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine zivil­ge­richt­li­ches Urteil – und die Anhö­rungs­rü­ge

Der aus § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG abge­lei­te­te Grund­satz der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät gebie­tet, dass der Beschwer­de­füh­rer den Rechts­weg nicht ledig­lich for­mell erschöpft, son­dern dar­über hin­aus alle nach Lage der Sache zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten ergreift, um die gel­tend gemach­te Grund­rechts­ver­let­zung in dem unmit­tel­bar mit ihr zusam­men­hän­gen­den sach­nächs­ten Ver­fah­ren zu ver­hin­dern oder zu besei­ti­gen.

Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine zivil­ge­richt­li­ches Urteil – und die Anhö­rungs­rü­ge

Dies bedeu­tet, dass der Beschwer­de­füh­rer gehal­ten sein kann, eine Gehörsver­let­zung im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren auch dann mit einer Anhö­rungs­rü­ge anzu­grei­fen, wenn er mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zwar kei­nen Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG rügen will, die Erhe­bung der Anhö­rungs­rü­ge aber zur Besei­ti­gung ander­wei­ti­ger Grund­rechts­ver­let­zun­gen füh­ren könn­te.

Denn die Dis­po­si­ti­ons­frei­heit bei der Erhe­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ent­bin­det den Beschwer­de­füh­rer nicht ohne Wei­te­res von der Beach­tung des Sub­si­dia­ri­täts­ge­bots.

Beruft sich ein Beschwer­de­füh­rer in sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht auf eine Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG, muss er aus Grün­den der Sub­si­dia­ri­tät aller­dings nur dann eine Anhö­rungs­rü­ge erho­ben haben, wenn den Umstän­den nach ein Gehörsver­stoß durch die Fach­ge­rich­te nahe­liegt und zu erwar­ten gewe­sen wäre, dass ver­nünf­ti­ge Ver­fah­rens­be­tei­lig­te mit Rück­sicht auf die gel­tend gemach­te Beschwer die­sen Rechts­be­helf ergrif­fen hät­ten [1].

Gemes­sen hier­an ist im hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall der Grund­satz der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät ver­letzt, weil die Beschwer­de­füh­re­rin gegen die Kos­ten­ent­schei­dung kei­ne Anhö­rungs­rü­ge erho­ben hat. Ent­ge­gen der Ansicht der Beschwer­de­füh­re­rin ist Art. 103 Abs. 1 GG auf die Kos­ten­ent­schei­dung in einem Zivil­ur­teil anwend­bar [2]. Ein Gehörsver­stoß des Ober­lan­des­ge­richts liegt hier vor, weil es auf sei­ne von der ein­hel­li­gen Rechts­an­sicht in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur abwei­chen­de Rechts­auf­fas­sung nicht hin­ge­wie­sen hat.

Abs. 1 GG gibt den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten das Recht, sich nicht nur zu dem für die jewei­li­ge gericht­li­che Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Sach­ver­halt, son­dern auch zur Rechts­la­ge zu äußern, und ver­pflich­tet das Gericht, den Vor­trag der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Dabei kann es in beson­de­ren Fäl­len gebo­ten sein, die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf eine Rechts­auf­fas­sung hin­zu­wei­sen, die das Gericht sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de legen will. Es kann im Ergeb­nis der Ver­hin­de­rung eines Vor­trags zur Rechts­la­ge gleich­kom­men, wenn das Gericht ohne vor­he­ri­gen Hin­weis auf einen recht­li­chen Gesichts­punkt abstellt, mit dem auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter selbst unter Berück­sich­ti­gung der Viel­falt ver­tret­ba­rer Rechts­auf­fas­sun­gen nicht zu rech­nen brauch­te. Aller­dings ist zu beach­ten, dass das Gericht grund­sätz­lich weder zu einem Rechts­ge­spräch noch zu einem Hin­weis auf sei­ne Rechts­auf­fas­sung ver­pflich­tet ist. Auch wenn die Rechts­la­ge umstrit­ten oder pro­ble­ma­tisch ist, müs­sen daher die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten grund­sätz­lich alle ver­tret­ba­ren recht­li­chen Gesichts­punk­te von sich aus in Betracht zie­hen und ihren Vor­trag dar­auf ein­stel­len [3].

Vor­lie­gend muss­te ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter selbst unter Berück­sich­ti­gung der Viel­falt ver­tret­ba­rer Rechts­auf­fas­sun­gen nicht mit der hier ange­grif­fe­nen Kos­ten­ent­schei­dung rech­nen.

Nach § 97 Abs. 1 ZPO, auf den das Ober­lan­des­ge­richt sei­ne Kos­ten­ent­schei­dung gestützt hat, kön­nen nur der­je­ni­gen Par­tei, die ein Rechts­mit­tel ohne Erfolg ein­ge­legt hat, die Kos­ten des Rechts­mit­tels auf­er­legt wer­den. Eine Rege­lung dahin­ge­hend, dass dem Geg­ner des Rechts­mit­tel­füh­rers die Kos­ten des – erfolg­rei­chen – Rechts­mit­tels auf­er­legt wer­den kön­nen, ent­hält § 97 ZPO nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung nicht [4]. Davon abge­se­hen ist die Kos­ten­ent­schei­dung im Fall der Zurück­ver­wei­sung gemäß § 538 Abs. 2 ZPO nach ein­hel­li­ger Ansicht der End­ent­schei­dung vor­zu­be­hal­ten [5].

Das Ober­lan­des­ge­richt hät­te des­halb die Beschwer­de­füh­re­rin aus­nahms­wei­se auf sei­ne beab­sich­tig­te, davon abwei­chen­de Kos­ten­ent­schei­dung hin­wei­sen müs­sen. Man­gels eines Hin­wei­ses hat­te die Beschwer­de­füh­re­rin (noch) kei­ne Ver­an­las­sung, zur Kos­ten­ent­schei­dung vor­zu­tra­gen. Der unter­las­se­ne Hin­weis kommt im Ergeb­nis der Ver­hin­de­rung eines Vor­trags zur Rechts­la­ge gleich [6].

Wor­auf die Gehörsver­let­zung beruht, ist uner­heb­lich. Ins­be­son­de­re kommt es nicht auf ein Ver­schul­den des Gerichts an [7]. Es kann des­halb dahin­ste­hen, ob das Ober­lan­des­ge­richt nur ver­se­hent­lich von der ein­deu­ti­gen Rechts­la­ge abge­wi­chen ist. Der von der Beschwer­de­füh­re­rin gel­tend gemach­te Ver­stoß gegen das Will­kür­ver­bot (Art. 3 Abs. 1 GG) schließt eine für die Ent­schei­dung ursäch­li­che Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör nicht aus [8].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Juli 2016 – 2 BvR 1552/​14

  1. vgl. zum Gan­zen BVerfGE 134, 106, 115 f. Rn. 27 ff. sowie zuletzt BVerfG, Beschlüs­se vom 23.03.2016 – 2 BvR 544/​16 4; vom 04.05.2015 – 2 BvR 2169/​13 u.a. 2; und vom 17.07.2015 – 2 BvR 1245/​15 4, sowie vom 25.08.2015 – 1 BvR 1528/​14 6[]
  2. vgl. BVerfGE 60, 305, 308 f.; vgl. auch OLG Bam­berg, Beschluss vom 07.05.2015 – 2 U 2/​14; OLG Frank­furt, Beschluss vom 12.10.2004 – 21 U 75/​03[]
  3. vgl. BVerfGE 86, 133, 144 f.; 98, 218, 263; 108, 341, 345 f.[]
  4. vgl. Bork, in: Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl.2004, § 97 Rn. 7; Gierl, in: Saen­ger, ZPO, 6. Aufl.2015, § 97 Rn. 1; Flo­cken­haus, in: Musielak/​Voit, ZPO, 13. Aufl.2016, § 97 Rn. 6[]
  5. vgl. OLG Köln, NJW-RR 1987, S. 1152; Bork, a.a.O.; Heß­ler, in: Zöl­ler, ZPO, 31. Aufl.2016, § 538 Rn. 58; Rim­mels­pa­cher, in: Münch­Komm, ZPO, 4. Aufl.2012, § 538 Rn. 71; Wulf, in: Beck­OK, ZPO, § 538 Rn. 33[]
  6. vgl. BVerfGE 86, 133, 144; 98, 218, 263[]
  7. vgl. BVerfGE 60, 120, 123; 62, 347, 352; 70, 215, 218[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 – 1 BvR 455/​14 15[]