Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge – und die einst­wei­li­ge Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung

Im Rah­men einer Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge kann nach § 769 Abs. 1 Satz 1 ZPO die vor­läu­fi­ge Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung ver­langt wer­den.

Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge – und die einst­wei­li­ge Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung

Zustän­di­ges "Pro­zess­ge­richt" iSv. § 769 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist das Gericht, bei dem die Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge anhän­gig ist 1.

Nach § 62 Abs. 1 Satz 2 ArbGG hat das Arbeits­ge­richt auf Antrag die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit im Urteil aus­zu­schlie­ßen, wenn der Schuld­ner glaub­haft macht, dass die Voll­stre­ckung ihm einen nicht zu erset­zen­den Nach­teil brin­gen wür­de. Nach § 62 Abs. 1 Satz 3 ArbGG kann in den Fäl­len des § 707 Abs. 1 ZPO und des § 719 Abs. 1 ZPO die Zwangs­voll­stre­ckung nur unter der­sel­ben Vor­aus­set­zung ein­ge­stellt wer­den. Seit dem 1.04.2008 bestimmt § 62 Abs. 1 Satz 4 ArbGG idF von Art. 2 Nr. 7 des Geset­zes zur Ände­rung des Sozi­al­ge­richts­ge­set­zes und des Arbeits­ge­richts­ge­set­zes vom 26.03.2008 2, dass die Zwangs­voll­stre­ckung in die­sen Fäl­len ohne Sicher­heits­leis­tung ein­ge­stellt wird.

Unter Beru­fung auf den Wort­laut des § 62 Abs. 1 Satz 3 ArbGG wird ver­tre­ten, dass § 62 Abs. 1 ArbGG für die Fäl­le des § 769 ZPO kei­ne Son­der­re­ge­lung tref­fe. Daher sei für einst­wei­li­ge Anord­nun­gen nach § 769 ZPO kein nicht zu erset­zen­der Nach­teil erfor­der­lich. Die Zwangs­voll­stre­ckung kön­ne auch gegen Sicher­heits­leis­tung ein­ge­stellt oder nur gegen Sicher­heits­leis­tung fort­ge­setzt wer­den 3. Vor der Ände­rung des § 62 Abs. 1 Satz 4 ArbGG befür­wor­te­ten eini­ge Gerich­te dem­ge­gen­über die ana­lo­ge Anwen­dung des § 62 Abs. 1 ArbGG im Rah­men des § 769 ZPO. Der Gesetz­ge­ber habe die inhalt­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung in den Ver­fah­ren vor den Arbeits­ge­rich­ten bewusst anders gere­gelt als in den­je­ni­gen vor den Zivil­ge­rich­ten. Es sei nicht erkenn­bar, aus wel­chem Sach­grund die­se Wert­ent­schei­dung bei der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge nach §§ 767, 769 ZPO durch­bro­chen wer­den sol­le 4.

Die einst­wei­li­ge Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung ohne Sicher­heits­leis­tung gemäß § 769 Abs. 1 Satz 2 ZPO kommt nicht in Betracht, wenn die Klä­ge­rin nicht gel­tend macht, dass sie – wie nach die­ser Bestim­mung erfor­der­lich, zur Sicher­heits­leis­tung außer­stan­de sei.

Der Antrag führt auch nicht zur einst­wei­li­gen Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung gegen Sicher­heits­leis­tung nach § 769 Abs. 1 Satz 1 ZPO, wenn es an der Dar­le­gung eines das Inter­es­se der Beklag­ten an der Durch­füh­rung der Zwangs­voll­stre­ckung über­wie­gen­den Schutz­be­dürf­nis­ses der Klä­ge­rin fehlt.

Der Erlass einer Anord­nung nach § 769 ZPO ist in das pflicht­ge­mä­ße Ermes­sen des Gerichts gestellt. Die Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung ist aus­ge­schlos­sen, wenn für den Antrag­stel­ler im Haupt­ver­fah­ren kei­ner­lei Erfolgs­aus­sich­ten bestehen 5. In den übri­gen Fäl­len kommt es auf die Abwä­gung der gegen­läu­fi­gen Schutz­be­dürf­nis­se von Gläu­bi­ger und Schuld­ner an. Da das Gesetz die Inter­es­sen des Gläu­bi­gers im Ver­hält­nis zum Schuld­ner in den Vor­der­grund stellt 6, hat der Schuld­ner sein Schutz­be­dürf­nis dar­zu­le­gen und nach § 769 Abs. 1 Satz 3 ZPO glaub­haft zu machen, dass es in ange­mes­se­nem Ver­hält­nis zu den Aus­sich­ten des in der Haupt­sa­che ein­ge­lei­te­ten Rechts­streits steht 7 und das Inter­es­se des Gläu­bi­gers an der Durch­füh­rung der Zwangs­voll­stre­ckung über­wiegt 8.

So auch im vor­lie­gen­den Fall: Die Klä­ge­rin hat in ihrem Ein­stel­lungs­an­trag kei­ne Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, aus denen sich ergibt, dass sie vor der Durch­füh­rung der Zwangs­voll­stre­ckung durch die Beklag­te geschützt wer­den muss. Ihren Aus­füh­run­gen lässt sich auch nicht ent­neh­men, aus wel­chen Grün­den ihr Schutz­be­dürf­nis das Inter­es­se der Beklag­ten an der Durch­füh­rung der Zwangs­voll­stre­ckung über­wiegt. Sie hat ledig­lich Vor­trag zu den nach ihrer Auf­fas­sung bestehen­den Erfolgs­aus­sich­ten für ihre Kla­ge gehal­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 5. Juni 2018 – 10 AZR 155/​18 (A)

  1. vgl. LAG Düs­sel­dorf 16.06.2017 – 3 Sa 862/​16, zu II der Grün­de; Zöller/​Herget ZPO 32. Aufl. § 769 Rn. 3; Musielak/​Voit/​Lackmann ZPO 15. Aufl. § 769 Rn. 2[]
  2. BGBl. I S. 444[]
  3. LAG Nürn­berg 7.05.1999 – 7 Ta 89/​99, zu 2 der Grün­de; AR/​Heider 8. Aufl. § 62 ArbGG Rn. 9; GK-ArbGG/­Vos­sen Stand Dezem­ber 2015 § 62 Rn. 39; GMP/​Schleusener 9. Aufl. § 62 Rn. 50; Düwell/​Lipke/​Dreher 4. Aufl. § 62 Rn. 24; ErfK/​Koch 18. Aufl. § 62 ArbGG Rn. 2[]
  4. vgl. LAG Nürn­berg 5.01.2006 – 6 Ta 255/​05, zu II 2 der Grün­de; LAG Bre­men 24.06.1996 – 2 Ta 28/​96; – ohne auf die Geset­zes­än­de­rung ein­zu­ge­hen – LAG Köln 10.07.2013 – 6 Ta 184/​13, zu II der Grün­de mwN[]
  5. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men 9.01.2017 – L 3 KA 87/​16 B ER, zu II 4 a der Grün­de mwN; Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann 5. Aufl. § 769 Rn. 4; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann ZPO 76. Aufl. § 769 ZPO Rn. 6; Zöller/​Herget ZPO 32. Aufl. § 769 Rn. 6[]
  6. Musielak/​Voit/​Lackmann ZPO 15. Aufl. § 769 Rn. 3; vgl. auch OLG Hamm 10.02.1993 – 17 W 23/​92, zu 3 b aa der Grün­de[]
  7. Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann aaO Rn. 17[]
  8. BGH 4.01.2017 – I ZR 64/​16, Rn. 9; 4.05.2016 – I ZR 64/​16, Rn. 9[]