Abwei­chun­gen in der Arbeits­zeit – und das Urlaubs­ent­gelt

Ein tarif­ver­trag­li­ches Norm­ver­ständ­nis, dem zufol­ge bei der Berech­nung des Urlaubs­ent­gelts die über ver­ein­bar­te Wochen­ar­beits­zeit hin­aus­ge­hen­den bei einer Voll­zeit­be­schäf­ti­gung zu erbrin­gen­den Wochen­ar­beits­stun­den unbe­rück­sich­tigt blie­ben, wird nicht durch die all­ge­mei­ne Öff­nungs­klau­sel für Tarif­ver­trä­ge in § 13 Abs. 1 Satz 1 BUr­lG getra­gen.

Abwei­chun­gen in der Arbeits­zeit – und das Urlaubs­ent­gelt

Nach § 13 Abs. 1 BUr­lG kön­nen die Tarif­ver­trags­par­tei­en von den Bestim­mun­gen des BUr­lG auch zuun­guns­ten der Arbeit­neh­mer abwei­chen. Aus­ge­nom­men sind aber die Rege­lun­gen in den §§ 1, 2 und § 3 Abs. 1 BUr­lG. Tarif­ver­trä­ge dür­fen die aus § 1 BUr­lG fol­gen­de Ent­gelt­fort­zah­lungs­pflicht nicht durch eine von § 11 Abs. 1 BUr­lG abwei­chen­de Berech­nung der fort­zu­zah­len­den Ver­gü­tung min­dern. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen jedoch jede Berech­nungs­me­tho­de wäh­len, die geeig­net ist, ein Urlaubs­ent­gelt sicher­zu­stel­len, wie es der Arbeit­neh­mer bei Wei­ter­ar­beit ohne Frei­stel­lung vor­aus­sicht­lich hät­te erwar­ten kön­nen1.

Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung der über eine Wochen­ar­beits­zeit von (hier:) 33 Stun­den hin­aus­ge­hen­den Wochen­ar­beits­stun­den wiche von der Rege­lung in § 1 BUr­lG ab. Die Vor­schrift erhält für die Dau­er des gesetz­li­chen Min­dest­ur­laubs den Anspruch auf Ver­gü­tung der infol­ge des Urlaubs aus­fal­len­den Arbeits­zeit auf­recht2. Wer­den Zei­ten der tat­säch­li­chen Inan­spruch­nah­me der Arbeits­leis­tung bei der Berech­nung des Urlaubs nicht berück­sich­tigt, wird dem Arbeit­neh­mer das hier­für zuste­hen­de Urlaubs­ent­gelt vor­ent­hal­ten. Der durch den Urlaub aus­fal­len­de Teil der Arbeits­zeit (sog. Zeit­fak­tor) gehört zu dem unab­ding­ba­ren Teil der Bezah­lung iSd. § 1 BUr­lG. Die in § 1 BUr­lG begrün­de­te Ver­pflich­tung des Arbeit­ge­bers, grund­sätz­lich alle infol­ge der Arbeits­be­frei­ung aus­fal­len­den Arbeits­stun­den zu ver­gü­ten, hat weder in § 11 Abs. 1 BUr­lG noch an ande­rer Stel­le im BUr­lG eine ein­schrän­ken­de Rege­lung erfah­ren. Des­halb kann der Zeit­fak­tor, der zugleich auch den Mul­ti­pli­ka­tor für das Urlaubs­ent­gelt iSd. § 11 BUr­lG dar­stellt, selbst von den Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht zulas­ten des Arbeit­neh­mers ver­än­dert wer­den. Die Berück­sich­ti­gung der tat­säch­lich aus­fal­len­den Arbeits­stun­den ist dem Arbeit­neh­mer nach §§ 1, 3, 13 BUr­lG garan­tiert3.

Das Uni­ons­recht führt nicht zu einer abwei­chen­den Aus­le­gung des Tarif­ver­trags. Es bedarf kei­ner Ent­schei­dung, ob das Uni­ons­recht für den gesetz­li­chen Min­dest­ur­laub die von der Arbeit­ge­be­rin ver­tre­te­ne Berech­nung des Urlaubs­ent­gelts zulie­ße. Die Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit im Anhang der Richt­li­nie 97/​81/​EG (Rah­men­ver­ein­ba­rung) und Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG (Arbeits­zeit­richt­li­nie) gewähr­leis­ten nur einen Min­dest­schutz für bestimm­te Rech­te der Arbeit­neh­mer (§ 6 Nr. 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, Art. 15 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG). Die Mög­lich­keit der Mit­glied­staa­ten und der Sozi­al­part­ner, für die Arbeit­neh­mer güns­ti­ge­re Vor­schrif­ten anzu­wen­den oder zu erlas­sen, bleibt hier­von unbe­rührt4.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Novem­ber 2018 – 9 AZR 349/​18

  1. vgl. hier­zu im Ein­zel­nen BAG 20.09.2016 – 9 AZR 429/​15, Rn. 22 mwN []
  2. BAG 19.06.2012 – 9 AZR 714/​10, Rn. 17 mwN []
  3. BAG 20.09.2016 – 9 AZR 429/​15, Rn. 23 mwN []
  4. vgl. EuGH 11.11.2015 – C‑219/​14 – [Green­field] Rn. 38 []