Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf einen Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag

Ent­hält ein Arbeits­ver­trag eine – dyna­mi­sche – Bezug­nah­me­klau­sel auf einen Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag, der dyna­misch auf einen Ver­bands­ta­rif­ver­trag ver­weist, endet die dyna­mi­sche Anwen­dung des Ver­bands­ta­rif­ver­trags für das Arbeits­ver­hält­nis, sobald der Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag nur noch nach­wirkt.

Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf einen Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag

Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt für einen Fall, in dem bereits nach dem kla­ren Wort­laut der arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me­klau­sel – nur – die Rege­lun­gen des Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges (ATV) Inhalt des Arbeits­ver­trags waren, die Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge hin­ge­gen nicht von der Bezug­nah­me­klau­sel als sol­cher erfasst waren. Deren Anwend­bar­keit wur­de ledig­lich durch den ATV ver­mit­telt.

Soweit der Klä­ger meint, bei die­ser Sicht­wei­se wür­den die Kate­go­ri­en der nor­ma­ti­ven Tarif­ge­bun­den­heit zu Unrecht auf die Aus­le­gung der indi­vi­du­al­ver­trag­li­chen Klau­sel über­tra­gen, ver­kennt er den Gehalt der ver­trag­li­chen Bezug­nah­me. Die­se erfasst ent­ge­gen sei­ner Auf­fas­sung unmit­tel­bar nur die Rege­lun­gen des ATV, nicht hin­ge­gen auch die des von die­sem in Bezug genom­me­nen Tarif­werks. Deren Anwen­dung ergibt sich ledig­lich mit­tel­bar durch die tarif­ver­trag­li­che Ver­wei­sung. Durch die­se Rege­lungs­tech­nik haben die Arbeits­ver­trags­par­tei­en fest­ge­legt, dass sie die wei­te­re Anwend­bar­keit der tarif­ver­trag­lich in Bezug genom­me­nen Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge von der Fort­wir­kung des indi­vi­du­al­ver­trag­lich in Bezug genom­me­nen ATV abhän­gig machen woll­ten. Dass die Rege­lun­gen der Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge – wie der Klä­ger meint – auch unab­hän­gig vom ATV auf das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en Anwen­dung fin­den soll­ten, ist der indi­vi­du­al­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung nicht zu ent­neh­men.

Auch aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22.02.2012 1 ergibt sich nichts ande­res. Danach bil­den der ver­wei­sen­de und der in Bezug genom­me­ne Tarif­ver­trag zwar eine Ein­heit, dh. die Nor­men des Bezugs­ta­rif­ver­trags sind Teil der Nor­men des Ver­wei­sungs­ta­rif­ver­trags 2. Die­ser – tarif­recht­li­che – Befund führt jedoch nicht dazu, dass mit einer arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me­klau­sel, die aus­schließ­lich den Ver­wei­sungs­ta­rif­ver­trag in Bezug nimmt, gleich­sam unmit­tel­bar auch die Rege­lun­gen des Bezugs­ta­rif­ver­trags in den Arbeits­ver­trag inkor­po­riert wür­den. Im Gegen­teil bewirkt die­se Ver­wei­sungs­tech­nik eine Kop­pe­lung der Anwend­bar­keit der Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge an das recht­li­che Schick­sal des ATV.

Die aus­schließ­li­che arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf die Rege­lun­gen des ATV hat zur Fol­ge, dass die Dyna­mik des Ver­bands­ta­rif­ver­trags für das Arbeits­ver­hält­nis endet, sobald der Ver­wei­sungs­ta­rif­ver­trag sie nicht mehr zu ver­mit­teln ver­mag. Da die Dyna­mik im Streit­fall allein über den ATV ver­mit­telt wird, geht sie ver­lo­ren, wenn der ATV – wie hier – nach Ablauf von des­sen Kün­di­gungs­frist nur noch nach­wirkt (§ 4 Abs. 5 TVG; Löwisch/​Rieble TVG 4. Aufl. § 1 Rn. 40; Däubler/​Nebe TVG 4. Aufl. § 1 Rn.209). Sei­ne Rege­lun­gen und damit auch die Rege­lun­gen der durch ihn in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge gel­ten seit dem 1.01.2012 ledig­lich sta­tisch wei­ter.

Die Nach­wir­kung einer Tarif­re­ge­lung beschränkt sich inhalt­lich dar­auf, den Zustand bis zum Abschluss einer ande­ren Abma­chung zu erhal­ten, der bei Been­di­gung des Tarif­ver­trags bestan­den hat. Sie erstreckt sich hin­ge­gen nicht auf Ände­run­gen des Tarif­ver­trags nach sei­nem Ablauf 3.

Dies gilt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch dann, wenn die nach­wir­ken­de Tarif­norm auf eine frem­de Rege­lung ver­weist, die ihrer­seits wäh­rend der Zeit der Nach­wir­kung der ver­wei­sen­den Tarif­be­stim­mung inhalt­lich ver­än­dert wird. An der spä­te­ren Ent­wick­lung der Bestim­mung, auf die die Tarif­norm ver­weist, neh­men die Tarif­un­ter­wor­fe­nen ab Beginn der Nach­wir­kung nicht mehr teil. Das ent­spricht Sinn und Zweck von § 4 Abs. 5 TVG, der zwar eine ver­trag­li­che – auch ein­zel­ver­trag­li­che – Ände­rung der bis­he­ri­gen Tarif­norm erlaubt, aber bis zu einer sol­chen Ände­rung den bis­he­ri­gen Rechts­zu­stand erhal­ten will. Daher gel­ten im Bereich des ver­wei­sen­den Tarif­ver­trags die in Bezug genom­me­nen Tarif­nor­men in der bei Ablauf der Ver­wei­sungs­norm gel­ten­den Fas­sung wei­ter, selbst wenn die in Bezug genom­me­nen Tarif­nor­men geän­dert wer­den 4.

Die­ses Ergeb­nis wider­spricht nicht der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu den sog. Gleich­stel­lungs­ab­re­den. Die­se betrifft die Fäl­le, in denen der – unmit­tel­bar – in Bezug genom­me­ne Tarif­ver­trag nach dem Ende der Tarif­ge­bun­den­heit des Arbeit­ge­bers geän­dert wird. Da dort der in Bezug genom­me­ne Tarif­ver­trag tat­säch­lich eine Ände­rung erfährt und der Arbeit­ge­ber ledig­lich man­gels fort­be­stehen­der Tarif­ge­bun­den­heit nicht mehr von die­ser betrof­fen ist, ver­mag die Bezug­nah­me­klau­sel Ansprü­che auf die geän­der­ten Tarif­be­din­gun­gen zu begrün­den. Im vor­lie­gen­den Fall hat aber der in Bezug genom­me­ne Tarif­ver­trag als sol­cher geen­det. Als ledig­lich nach­wir­ken­der Tarif­ver­trag ver­moch­te er kei­ne Dyna­mik der Ver­wei­sung mehr zu ver­mit­teln.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. März 2017 – 4 AZR 462/​16

  1. BAG 22.02.2012 – 4 AZR 8/​10, Rn. 25[]
  2. sh. auch BAG 9.07.1980 – 4 AZR 564/​78, BAGE 34, 42[]
  3. BAG 10.03.2004 – 4 AZR 140/​03, zu I 1 b der Grün­de[]
  4. BAG 10.03.2004 – 4 AZR 140/​03, zu I 1 b der Grün­de mwN; 24.11.1999 – 4 AZR 666/​98, zu I 1 e bb der Grün­de, BAGE 93, 34; 10.11.1982 – 4 AZR 1203/​79, BAGE 40, 327[]