Inter­es­sen­aus­gleich mit Namens­lis­te in der Insol­venz

Die Aus­kunfts­pflicht über die Sozi­al­aus­wahl gem. § 1 Abs. 3 Satz 1 Halb­satz 2 KSchG gilt – bei einem ent­spre­chen­den Ver­lan­gen des Arbeit­neh­mers – auch in den Fäl­len eines Inter­es­sen­aus­gleichs mit Namens­lis­te in der Insol­venz im Sin­ne des § 125 InsO unein­ge­schränkt. Erfüllt der Insol­venz­ver­wal­ter die Aus­kunfts­pflicht nicht bzw. nicht hin­rei­chend ist die Kün­di­gung ohne wei­te­res als sozi­al­wid­rig anzu­se­hen.

Inter­es­sen­aus­gleich mit Namens­lis­te in der Insol­venz

Da § 113 InsO kei­nen selb­stän­di­gen Kün­di­gungs­grund der Insol­venz oder Sanie­rung ent­hält, ver­bleibt es dabei, dass das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz auch bei einer Kün­di­gung nach § 113 InsO zu beach­ten ist, wenn es – was hier unzwei­fel­haft der Fall ist – nach sei­nem per­sön­li­chen und betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich Anwen­dung fin­det [1].

Bei dem wirk­sa­men Zustan­de­kom­men eines Inter­es­sen­aus­gleichs mit Namens­lis­te zwi­schen dem Insol­venz­ver­wal­ter und der zustän­di­gen Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung wird gemäß § 125 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 1 InsO aller­dings ver­mu­tet, dass die Kün­di­gung der bezeich­ne­ten Arbeit­neh­mer auf Grund einer Betriebs­än­de­rung nach § 111 BetrVG durch drin­gen­de betrieb­li­che Erfor­der­nis­se iSd. § 1 KSchG, die im Fal­le einer Been­di­gungs­kün­di­gung einer Wei­ter­be­schäf­ti­gung in die­sem Betrieb bzw. einem ande­ren Betrieb des­sel­ben Unter­neh­mens ent­ge­gen­ste­hen, bedingt ist. Grund­sätz­lich setzt eine betriebs­be­ding­te Kün­di­gung gemäß § 1 Abs. 2 KSchG das Vor­lie­gen drin­gen­der betrieb­li­cher Erfor­der­nis­se vor­aus, die vom Arbeit­ge­ber dar­zu­le­gen und zu bewei­sen sind. Die Rege­lung des § 125 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 1 InsO modi­fi­ziert die­sen Grund­satz für die im Inter­es­sen­aus­gleich nament­lich ver­zeich­ne­ten Arbeit­neh­mer dahin­ge­hend, dass für die­sen Per­so­nen­kreis vom Vor­lie­gen betrieb­li­cher Erfor­der­nis­se, die einer Wei­ter­be­schäf­ti­gung ent­ge­gen­ste­hen, aus­zu­ge­hen ist. Dabei han­delt es sich um eine gesetz­li­che Ver­mu­tung, die im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess zur Beweis­last­um­kehr führt, aber gemäß §§ 46 Abs.2 ArbGG, 292 ZPO wider­leg­bar ist [2].

Nach § 125 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 2 InsO kann die sozia­le Aus­wahl der zu kün­di­gen­den Arbeit­neh­mer nach § 1 Abs. 3 KSchG im Fal­le eines wirk­sa­men Inter­es­sen­aus­gleichs mit Namens­lis­te nur im Hin­blick auf die Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, das Lebens­al­ter und die Unter­halts­pflich­ten und auch inso­weit nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit nach­ge­prüft wer­den; sie ist nicht als grob feh­ler­haft anzu­se­hen, wenn eine aus­ge­wo­ge­ne Per­so­nal­struk­tur erhal­ten oder geschaf­fen wird. Die gesetz­li­che Rege­lung redu­ziert den Umfang der gericht­li­chen Über­prü­fung einer vom Insol­venz­ver­wal­ter erklär­ten betriebs­be­ding­ten Kün­di­gung. Mit der Beschrän­kung der gericht­li­chen Kon­trol­le auf „gro­be Feh­ler“ wird zugleich der Prü­fungs­maß­stab gesenkt. Der Beur­tei­lungs­spiel­raum des Arbeit­ge­bers bei der sozia­len Aus­wahl wird zuguns­ten einer vom Insol­venz­ver­wal­ter und der zustän­di­gen Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung ver­ein­bar­ten betrieb­li­chen Gesamt­lö­sung erwei­tert. Dabei bezieht sich der Prü­fungs­maß­stab der gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit nicht nur auf die sozia­len Indi­ka­to­ren und deren Gewich­tung selbst. Viel­mehr wird die gesam­te Sozi­al­aus­wahl von den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen nur auf ihre gro­ben Feh­ler über­prüft. Grob feh­ler­haft iSd. § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 InsO ist eine sozia­le Aus­wahl nur, wenn ein evi­den­ter, ins Auge sprin­gen­der schwe­rer Feh­ler vor­liegt und der Inter­es­sen­aus­gleich, ins­be­son­de­re bei der Gewich­tung der Aus­wahl­kri­te­ri­en, jede Aus­ge­wo­gen­heit ver­mis­sen lässt [3].

Auch wenn ein Arbeit­neh­mer in eine Namens­lis­te eines Inter­es­sen­aus­gleichs iSd. § 125 InsO auf­ge­nom­men wor­den ist, bleibt der Insol­venz­ver­wal­ter aber ver­pflich­tet, dem Arbeit­neh­mer auf des­sen Ver­lan­gen hin Aus­kunft über die Ent­schei­dung zur sozia­len Aus­wahl zu ertei­len (Aus­kunfts­pflicht). Zwar trifft den Arbeit­neh­mer gemäß § 1 Abs.3 Satz 3 KSchG die Dar­le­gungs- und Beweis­last für eine gro­be Feh­ler­haf­tig­keit der Sozi­al­aus­wahl. Der Insol­venz­ver­wal­ter ist aller­dings nach § 1 Abs. 3 Satz 3 Halb­satz 2 KSchG ver­pflich­tet, dem Arbeit­neh­mer auf des­sen Ver­lan­gen die Grün­de mit­zu­tei­len, die zu der getrof­fe­nen sozia­len Aus­wahl geführt haben. Inso­weit besteht ein abge­stuf­te Dar­le­gungs­last. Als Kon­se­quenz aus der mate­ri­el­len Aus­kunfts­pflicht des Arbeit­ge­bers folgt, dass er auf das Ver­lan­gen des Arbeit­neh­mers im Pro­zess sub­stan­ti­iert Grün­de vor­tra­gen muss, die ihn zu sei­ner Aus­wahl ver­an­lasst haben. Erst nach Erfül­lung der Aus­kunfts­pflicht trägt der Arbeit­neh­mer die vol­le Dar­le­gungs­last für die gro­be Feh­ler­haf­tig­keit der Sozi­al­aus­wahl. Kommt der Insol­venz­ver­wal­ter dem Ver­lan­gen des Arbeit­neh­mers nicht bzw. nicht hin­rei­chend nach, ist die strei­ti­ge Kün­di­gung ohne Wei­te­res als sozi­al­wid­rig anzu­se­hen; auf den Prü­fungs­maß­stab der gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit kommt es dann nicht an. Die­ser ändert an der Ver­tei­lung der Dar­le­gungs­last nichts [4].

Die Erfül­lung der Aus­kunfts­pflicht ver­langt zunächst, dass der Insol­venz­ver­wal­ter dem Arbeit­neh­mer mit­teilt, auf wel­chen Orga­ni­sa­ti­ons­be­reich er die Sozi­al­aus­wahl in betrieb­li­cher Hin­sicht erstreckt hat und wel­che Arbeit­neh­mer er mit dem kla­gen­den Arbeit­neh­mer wes­halb als ver­gleich­bar ansieht. Fer­ner hat er die Sozi­al­da­ten aller aus sei­ner Sicht ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer dar­zu­tun. Zu den im Rah­men der Aus­kunfts­pflicht mit­zu­tei­len­den Umstän­den gehö­ren fer­ner gege­be­nen­falls auch betrieb­li­che Inter­es­sen, die den Insol­venz­ver­wal­ter zur Aus­klam­me­rung an sich ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer aus der sozia­len Aus­wahl gemäß § 1 Abs.3 Satz 2 KSchG ver­an­lasst haben, etwa die Her­aus­nah­me sog. Leis­tungs­trä­ger oder die Her­aus­nah­me von Arbeit­neh­mern zum Zweck der Erhal­tung oder Schaf­fung einer aus­ge­wo­ge­nen Per­so­nal­struk­tur, zB. durch die Bil­dung von Alters­grup­pen [5].

Unter Zugrun­de­le­gung die­ser Maß­stä­be war in dem hier vom Arbeits­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren gegen eine Kün­di­gung des Insol­venz­ver­wal­ters der Fa. Anton Schle­cker die streit­ge­gen­ständ­li­che Kün­di­gung schon des­we­gen als sozi­al­wid­rig und damit als unwirk­sam anzu­se­hen, weil der beklag­te Insol­venz­ver­wal­ter sei­ner Pflicht, über die erfolg­te Sozi­al­aus­wahl Aus­kunft zu ertei­len, nicht hin­rei­chend nach­ge­kom­men ist. Kei­ner Klä­rung bedarf es dem­ge­mäß, ob die Ver­mu­tungs­wir­kung des § 125 Abs.1 Satz 1 Ziff.1 InsO ein­greift und ob die Sozi­al­aus­wahl grob feh­ler­haft iSd. § 125 Abs.1 Satz 1 Ziff.2 InsO ist.

Arbeits­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 24. Juli 2012 – 16 Ca 2422/​12

  1. st. Rspr., vgl. etwa BAG 29.09.2005 – 8 AZR 647/​04, NZA 2006, 720[]
  2. st. Rspr., vgl etwa BAG 29.09.2005 – 8 AZR 647/​04, NZA 2006, 720[]
  3. st. Rspr., vgl. etwa BAG 20.09.2006 – 6 AZR 249/​05, NZA 2007, 387[]
  4. vgl. BAG 17.11.2005 – 6 AZR 107/​05, BAGE 116, 213; 22.01.2004 – 2 AZR 111/​02 – EzA KSchG § 1 Inter­es­sen­aus­gleich Nr.11; 12.04.2002 – 2 AZR 706/​00, NZA 2003, 42; 21.02.2002 – 2 AZR 581/​00 – EzA KSchG § 1 Inter­es­sen­aus­gleich Nr.10; 10.02.1999 – 2 AZR 716/​98, NZA 1999, 702[]
  5. vgl. BAG 12.04.2002 – 2 AZR 706/​00, NZA 2003, 42; 10.02.1999 – 2 AZR 716/​98, NZA 1999, 702[]