Kün­di­gungs­schutz­kla­ge – Kla­ge­frist und die fal­sche Sach­be­hand­lung durch das Arbeits­ge­richt

In mate­ri­ell-recht­li­cher Hin­sicht muß das Arbeits­ge­richt prü­fen, ob der Klä­ger die Frist des § 4 Satz 1 KSchG trotz der mitt­ler­wei­le ein­ge­tre­te­nen Ver­zö­ge­rung gewahrt hat oder die Kün­di­gung gem. § 7 KSchG als von Anfang an rechts­wirk­sam gilt.

Kün­di­gungs­schutz­kla­ge – Kla­ge­frist und die fal­sche Sach­be­hand­lung durch das Arbeits­ge­richt

Will ein Arbeit­neh­mer gel­tend machen, eine Kün­di­gung sei sozi­al unge­recht­fer­tigt oder aus ande­ren Grün­den rechts­un­wirk­sam, muss er gem. § 4 Satz 1 KSchG inner­halb von drei Wochen nach deren Zugang Kün­di­gungs­schutz­kla­ge beim Arbeits­ge­richt erhe­ben. Die Erhe­bung der Kla­ge erfolgt nach § 253 Abs. 1 ZPO durch Zustel­lung der Kla­ge­schrift. Wegen § 167 ZPO genügt zur Frist­wah­rung der Kla­ge­ein­gang bei Gericht, wenn die Zustel­lung "dem­nächst" erfolgt. Wird die Rechts­un­wirk­sam­keit nicht recht­zei­tig gel­tend gemacht, gilt die Kün­di­gung nach § 7 KSchG als von Anfang an rechts­wirk­sam.

Der Begriff "dem­nächst" in § 167 ZPO kennt kei­ne abso­lu­te zeit­li­che Gren­ze. Ob davon die Rede sein kann, die Zustel­lung der Kla­ge sei "dem­nächst" erfolgt, ist durch eine wer­ten­de Betrach­tung der ent­spre­chen­den Umstän­de fest­zu­stel­len. Ver­zö­ge­run­gen im gericht­li­chen Geschäfts­be­trieb dür­fen dabei nicht zu Las­ten des Klä­gers gehen 1. Einen durch die Sach­be­ar­bei­tung des Gerichts ver­ur­sach­ten Auf­schub muss der Klä­ger sich grund­sätz­lich nicht zurech­nen las­sen. Dies gilt auch bei län­ge­ren Ver­zö­ge­run­gen 2. Zugleich darf die zeit­li­che Rück­wir­kung der Zustel­lung dem Emp­fän­ger nicht unzu­mut­bar sein. Dies ist umso eher der Fall, je län­ger eine Zustel­lung durch den Klä­ger selbst in vor­werf­ba­rer Wei­se ver­zö­gert wird 3. Geht es um Auf­schü­be, die vom Klä­ger zu ver­tre­ten sind, ist das Merk­mal "dem­nächst" nur erfüllt, wenn sich die­se in einem hin­nehm­ba­ren Rah­men hal­ten 4. Das wie­der­um ist zumin­dest solan­ge der Fall, wie die Ver­zö­ge­rung den Zeit­raum von 14 Tagen nicht über­schrei­tet 5. Dabei ist auf die Zeit­span­ne abzu­stel­len, um die sich die Zustel­lung der Kla­ge als Fol­ge der Nach­läs­sig­keit gera­de des Klä­gers ver­zö­gert hat 6.

Im Streit­fall hat der Klä­ger durch die feh­ler­haf­te Par­tei­be­zeich­nung einen Auf­schub von allen­falls sechs Wochen ver­ur­sacht. Dabei han­delt es sich um den Zeit­raum, der zwi­schen dem Ein­gang der Kla­ge bei Gericht am 10.10.und dem Antrag auf Berich­ti­gung des Rubrums vom 23.11.2011 liegt. Den Umstand, dass auch anschlie­ßend eine Zustel­lung an die Bun­des­re­pu­blik unter­blie­ben ist, haben allein die Gerich­te zu ver­tre­ten. Das Arbeits­ge­richt wird zu erwä­gen haben, ob nicht auch die genann­te Ver­zö­ge­rung nicht allein dem Klä­ger anzu­las­ten ist, weil es mög­li­cher­wei­se selbst sei­ne Hin­weis­pflicht ver­letzt hat. Gemäß § 139 Abs. 3 ZPO hat das Gericht auf die Beden­ken auf­merk­sam zu machen, die hin­sicht­lich der von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­den Punk­te bestehen. Die Vor­schrift betrifft ua. die Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen 7. Zu die­sen gehört auch die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis 8. Ein ent­spre­chen­der Hin­weis hat gem. § 139 Abs. 4 ZPO "mög­lichst früh" zu erfol­gen. Eine Ver­let­zung der gericht­li­chen Hin­weis­pflicht kann die Annah­me recht­fer­ti­gen, der Klä­ger habe die Ver­zö­ge­rung der Zustel­lung ledig­lich bis zur ers­ten Mög­lich­keit einer Ertei­lung des gebo­te­nen Hin­wei­ses zu ver­tre­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Febru­ar 2014 – 2 AZR 248/​13

  1. BAG 23.08.2012 – 8 AZR 394/​11, Rn. 31, BAGE 143, 50; BGH 11.02.2011 – V ZR 136/​10, Rn. 6[]
  2. vgl. BAG 23.08.2012 – 8 AZR 394/​11 – aaO; BGH 11.02.2011 – V ZR 136/​10 – aaO mwN[]
  3. BGH 11.02.2011 – V ZR 136/​10 – aaO; 12.07.2006 – IV ZR 23/​05BGHZ 168, 306; jeweils mwN[]
  4. BGH 3.02.2012 – V ZR 44/​11, Rn. 7[]
  5. BGH 10.02.2011 – VII ZR 185/​07, Rn. 8 mwN[]
  6. BGH 10.02.2011 – VII ZR 185/​07 – aaO[]
  7. Zöller/​Greger ZPO 30. Aufl. § 139 Rn. 14[]
  8. Zöller/​Vollkommer ZPO 30. Aufl. Vor § 50 Rn. 12[]