Schwarz­geld­ab­re­de

Sind bei ille­ga­len Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen Steu­ern und Bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung und zur Arbeits­för­de­rung nicht gezahlt wor­den, so bestimmt § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV, dass ein Net­to­ar­beits­ent­gelt als ver­ein­bart gilt. Die­se in § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV gere­gel­te Fik­ti­on einer Net­to­ar­beits­ent­gelt­ver­ein­ba­rung dient nach einem Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts aber aus­schließ­lich der Berech­nung der nach­zu­for­dern­den Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und hat kei­ne arbeits­recht­li­che Wir­kung.

Schwarz­geld­ab­re­de

Mit einer Schwarz­geld­ab­re­de bezwe­cken die Arbeits­ver­trags­par­tei­en, Steu­ern und Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zu hin­ter­zie­hen, nicht jedoch deren Über­nah­me durch den Arbeit­ge­ber [1]. In einem sol­chen Fall ist nur die Schwarz­geld­ab­re­de und nicht der Arbeits­ver­trag ins­ge­samt nich­tig [2].

Die Fik­ti­on des § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV ist auf das Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht beschränkt. Das folgt bereits aus dem Geset­zes­zu­sam­men­hang, der die Bedeu­tung des iso­liert nicht aus­sa­ge­kräf­ti­gen Wort­lauts erken­nen lässt. § 14 SGB IV defi­niert den Begriff des Arbeits­ent­gelts als Beur­tei­lungs­grund­la­ge für die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht der Beschäf­tig­ten, die Bemes­sungs­grund­la­ge für die Höhe der Bei­trä­ge und Umla­gen, die Berech­nungs­grund­la­ge für die Höhe der Leis­tungs­an­sprü­che der Ver­si­cher­ten im Ver­si­che­rungs­fall sowie die Anrech­nungs­grund­la­ge beim Zusam­men­tref­fen mit Ein­kom­men . Spe­zi­ell regelt § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV die sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Berech­nungs­grund­la­ge des Arbeits­ent­gelts in einem ille­ga­len Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis [3]. Da § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV eine Net­to­ar­beits­ent­gelt­ver­ein­ba­rung fin­giert, ist das sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Arbeits­ent­gelt des Beschäf­tig­ten zu ermit­teln, indem das Net­to­ar­beits­ent­gelt um die dar­auf ent­fal­len­den Steu­ern und den Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trag zu einem Brut­to­lohn hoch­ge­rech­net wird [4].

§ 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV fin­det außer­halb des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts kei­ne Anwen­dung. Dies gilt ins­be­son­de­re im Ein­kom­men­steu­er­recht. Das Arbeits­ent­gelt im sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sin­ne ist vom steu­er­li­chen Arbeits­lohn zu unter­schei­den. § 19 EStG defi­niert, wel­che der Ein­kom­mens­ar­ten des § 2 Abs. 1 EStG zu den steu­er­pflich­ti­gen Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit gehö­ren. Von der Schaf­fung einer der Vor­schrift des § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV ent­spre­chen­den Norm im Steu­er­recht hat der Gesetz­ge­ber bewusst abge­se­hen [5]. Dem­entspre­chend bemisst sich das steu­er­pflich­ti­ge Arbeits­ein­kom­men bei der Ver­ein­ba­rung sog. Schwarz­löh­ne zunächst nach dem tat­säch­lich zuge­flos­se­nen Bar­lohn. Bei Nach­ent­rich­tung ent­zo­ge­ner Arbeit­neh­mer­an­tei­le zur Sozi­al­ver­si­che­rung führt (erst) die Nach­zah­lung zum Zufluss eines zusätz­li­chen geld­wer­ten Vor­teils [6]. Auch im Fal­le einer Schwarz­geld­ab­re­de ist der Arbeit­neh­mer der Steu­er­schuld­ner. Der Arbeit­ge­ber haf­tet zwar gem. § 42d Abs. 1 Nr. 1 EStG für die Lohn­steu­er, die er ein­zu­be­hal­ten und abzu­füh­ren hat. Im Ver­hält­nis von Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer zuein­an­der ist jedoch grund­sätz­lich allein der Arbeit­neh­mer der Schuld­ner der Steu­er­for­de­rung. Etwas ande­res gilt nur, wenn aus­nahms­wei­se der klar erkenn­ba­re Par­tei­wil­le dahin geht, die Steu­er­last sol­le den Arbeit­ge­ber tref­fen [7].

Die sys­te­ma­ti­sche Aus­le­gung wird durch den Zweck der Norm bestä­tigt. § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV ist durch Art. 3 Nr. 2 des Geset­zes zur Erleich­te­rung der Bekämp­fung von ille­ga­ler Beschäf­ti­gung und Schwarz­ar­beit vom 23. Juli 2002 [8] mit Wir­kung zum 1. August 2002 ein­ge­führt wor­den. In der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs [9] wur­de aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben, dass § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV Beweis­schwie­rig­kei­ten bei der Berech­nung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge besei­ti­gen sol­le. Für den Fall, dass bei ille­ga­ler Beschäf­ti­gung Steu­ern und Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nicht gezahlt wür­den, sei es für die Berech­nung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge gerecht­fer­tigt, von einer Net­to­ar­beits­ent­gelt­ver­ein­ba­rung der Par­tei­en aus­zu­ge­hen. Die auf das Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht beschränk­te Bedeu­tung des § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV ist danach im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren deut­lich gewor­den [10].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 17. März 2010 – 5 AZR 301/​09

  1. vgl. BAG 26.02.2003 – 5 AZR 690/​01, BAGE 105, 187, m.w.N.[]
  2. BAG 24.03.2004 – 5 AZR 233/​03, EzA BGB 2002 § 134 Nr. 2; BAG 26.02.2003 – 5 AZR 690/​01, a.a.O.[]
  3. BGH 02.12.2008 – 1 StR 416/​08, BGHSt 53, 71; LSG Rhein­land-Pfalz 29.07.2009 – L 6 R 105/​09, DB 2009, 2443[]
  4. § 14 Abs. 2 Satz 1 SGB IV[]
  5. BT-Drs. 15/​2948 S. 7, 20; BGH 02.12.2008 – 1 StR 416/​08, BGHSt 53, 71[]
  6. vgl. BFH 13.09.2007 – VI R 54/​03, BFHE 219, 49[]
  7. BAG 16.06.2004 – 5 AZR 521/​03, BAGE 111, 131; BAG 18.01.1974 – 3 AZR 183/​73, AP BGB § 670 Nr. 19 = EzA BGB § 611 Net­to­lohn, Lohn­steu­er Nr. 2[]
  8. BGBl. I S. 2787[]
  9. BT-Drs. 14/​8221 S. 14[]
  10. Fuchs JR 2003, 439, 440[]