Sozi­al­kas­sen­bei­trag bei pau­schal ver­steu­er­ter Ver­gü­tung

Gemäß § 3 Abs. 3, § 18 Abs. 2, Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 des für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trags über das Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be (VTV) vom 20.12.1999 sind von den Arbeit­ge­bern Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge auch auf pau­schal besteu­er­ten Arbeits­lohn zu zah­len.

Sozi­al­kas­sen­bei­trag bei pau­schal ver­steu­er­ter Ver­gü­tung

Dabei kann dahin­ste­hen, ob der Arbeit­ge­ber den kurz­fris­tig beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mern den tarif­li­chen Min­dest­lohn tat­säch­lich gezahlt hat. Bemes­sungs­grund­la­ge für die Höhe der Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge gemäß § 18 Abs. 4 VTV ist der vom Arbeit­ge­ber geschul­de­te und nicht der tat­säch­lich gezahl­te Brut­to­lohn. Ist ein Arbeit­ge­ber an die Tarif­ver­trä­ge zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be gebun­den, ist auch der pau­schal zu ver­steu­ern­de Brut­to­ar­beits­lohn i.S.d. § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 VTV min­des­tens der tarif­li­che Min­dest­lohn. Soweit der Arbeit­ge­ber im jewei­li­gen Zeit­raum an die Tarif­ver­trä­ge zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be gebun­den ist, ist er somit zur Zah­lung der wei­te­ren Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge ver­pflich­tet.

"Brut­to­ar­beits­lohn" i.S.d. § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 VTV ist der vom Arbeit­ge­ber geschul­de­te und nicht der tat­säch­lich gezahl­te Arbeits­lohn. Dies ergibt die Aus­le­gung der Vor­schrift.

Für die Höhe der Bei­trags­for­de­rung ver­weist § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 VTV auf den gemäß § 40a EStG pau­schal zu ver­steu­ern­den Brut­to­ar­beits­lohn. Der Begriff "Arbeits­lohn" i.S.d. § 40a EStG bestimmt sich – eben­so wie der "Arbeits­lohn" i.S.d. § 38 ff. EStG – gemäß § 19 Abs. 1 Nr. 1 EStG und § 2 LSt­DV 1. Bemes­sungs­grund­la­ge der pau­scha­len Lohn­steu­er sind daher alle steu­er­pflich­ti­gen Ein­nah­men, die dem Arbeit­neh­mer aus der Aus­hilfs­be­schäf­ti­gung zuflie­ßen (LStR R 40a.1 Abs. 4 Satz 1 und Satz 2) 2.

Die Ver­wei­sung auf das Lohn­steu­er­recht in § 18 Abs. 4 Buchst. a VTV betrifft jedoch nur die Höhe, nicht aber den Grund für die Bei­trags­for­de­rung 3. Das Ent­ste­hen der Bei­trags­for­de­rung setzt nicht vor­aus, dass der Arbeit­ge­ber den Arbeits­lohn wirk­lich gezahlt und eine Lohn­steu­er­schuld gegen­über dem Fis­kus somit tat­säch­lich ent­stan­den ist. Für die Höhe der Bei­trags­for­de­rung ist viel­mehr allein der vom Arbeit­ge­ber geschul­de­te und nicht der vom Arbeit­ge­ber tat­säch­lich geleis­te­te Arbeits­lohn maß­ge­bend 4.

Bereits der Wort­laut der Vor­schrift, von dem bei der Tarif­aus­le­gung vor­ran­gig aus­zu­ge­hen ist 5, legt ein sol­ches Ver­ständ­nis nahe. Nach § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 VTV rich­tet sich die Bei­trags­hö­he nicht nach dem tat­säch­lich gezahl­ten oder ver­steu­er­ten, son­dern nach dem pau­schal "zu ver­steu­ern­den" Brut­to­ar­beits­lohn.

Die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis wird durch die Tarif­sys­te­ma­tik bestä­tigt. Gemäß § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 VTV hat der Arbeit­ge­ber der Urlaubs- und Lohn­aus­gleichs­kas­se in Bezug auf jeden beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer monat­lich unter ande­rem den bei­trags­pflich­ti­gen Brut­to­lohn und die die­sem zugrun­de lie­gen­den lohn­zah­lungs­pflich­ti­gen Stun­den mit­zu­tei­len. Die­se Rege­lung zeigt, dass es nach dem Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en für das Ent­ste­hen der Bei­trags­for­de­run­gen nur dar­auf ankom­men soll, ob eine ent­spre­chen­de Lohn­zah­lungs­pflicht besteht. Nicht ent­schei­dend ist hin­ge­gen, ob die Ansprü­che auch tat­säch­lich erfüllt wur­den.

Hier­für spre­chen auch teleo­lo­gi­sche Erwä­gun­gen. Zweck des § 18 Abs. 4 VTV ist es, der Sozi­al­kas­se die Bei­trä­ge zuzu­füh­ren, die sich auf­grund der ver­trag­li­chen Rege­lun­gen der erfass­ten Arbeits­ver­hält­nis­se erge­ben, um die ent­spre­chen­den Ansprü­che der Arbeit­neh­mer erfül­len zu kön­nen. Rich­te­te sich die Bei­trags­hö­he nach dem tat­säch­lich gezahl­ten und ver­steu­er­ten Brut­to­ar­beits­lohn, könn­te sich der Arbeit­ge­ber sei­ner Ver­pflich­tung zur Zah­lung von Sozi­al­kas­sen­bei­trä­gen voll­stän­dig oder teil­wei­se ent­zie­hen, indem er sei­nen Arbeit­neh­mern kei­nen oder einen nied­ri­ge­ren als den geschul­de­ten Lohn zahl­te 6. Ein sol­ches Ergeb­nis wider­sprä­che dem Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en, durch Erhe­bung der Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge die Finan­zie­rung der tarif­lich fest­ge­leg­ten Leis­tun­gen sicher­zu­stel­len 7.

Ist ein Arbeit­ge­ber an die Tarif­ver­trä­ge zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be gebun­den, ist Brut­to­lohn gemäß § 18 Abs. 4 VTV daher – vor­be­halt­lich einer für den Arbeit­neh­mer güns­ti­ge­ren ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­gü­tungs­ver­ein­ba­rung – der tarif­li­che Min­dest­lohn. Das gilt unab­hän­gig von der Art der Ver­steue­rung und damit auch für den pau­schal zu ver­steu­ern­den Brut­to­ar­beits­lohn i.S.d. § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 VTV.

Bei dem tarif­li­chen Min­dest­lohn im Bau­ge­wer­be han­delt es sich – wie grund­sätz­lich bei jedem Arbeits­lohn 8 – um eine Brut­to­ver­gü­tung 9. Soweit ein Arbeit­ge­ber zur Zah­lung der tarif­li­chen Min­dest­löh­ne ver­pflich­tet ist, bil­det der Tarif­lohn daher den Brut­to­lohn i.S.d. § 18 Abs. 4 VTV. Die­ses Ergeb­nis steht im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, nach der die Ein­zugs­stel­len berech­tigt sind, Bei­trags­for­de­run­gen unter Her­an­zie­hung der tarif­li­chen Nor­mal­ar­beits­zeit und der tarif­li­chen Min­dest­löh­ne zu berech­nen und ein­zu­zie­hen, ohne dass es dar­auf ankommt, dass die Arbeit­neh­mer die so berech­ne­ten Min­dest­löh­ne bean­spru­chen oder tat­säch­lich erhal­ten 10.

Die­ser Grund­satz gilt auch, wenn der Arbeit­ge­ber die Lohn­steu­er nicht gemäß § 38 ff. EStG im Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren, son­dern nach § 40a EStG im Wege der Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung abführt. Zwi­schen die­sen bei­den Besteue­rungs­ver­fah­ren bestehen zwar Unter­schie­de; zB ist bei der Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung im Unter­schied zum Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren (§ 38 Abs. 2 EStG) nicht der Arbeit­neh­mer, son­dern der Arbeit­ge­ber Schuld­ner der Lohn­steu­er (§ 40a Abs. 5 iVm. § 40 Abs. 3 Satz 1 und Satz 2 Halbs. 1 EStG). Die Bemes­sungs­grund­la­ge für die Lohn­steu­er ist aber in bei­den Besteue­rungs­ver­fah­ren im Grund­satz iden­tisch 11. Maß­geb­lich ist jeweils der "Arbeits­lohn" i.S.d. § 19 Abs. 1 Nr. 1 EStG und § 2 LSt­DV 12. Auch im Fal­le der Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung nach § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 3 VTV, § 40a EStG ist des­halb der zu ver­steu­ern­de Arbeits­lohn im Sin­ne des Lohn­steu­er­rechts min­des­tens der tarif­li­che Min­dest­lohn.

Etwas ande­res folgt ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht aus § 18 Abs. 4 Satz 2 VTV. Der Umstand, dass das tarif­li­che 13. Monats­ein­kom­men und Zah­lun­gen mit glei­chem Cha­rak­ter nach die­ser Vor­schrift bei der Berech­nung des Brut­to­lohns nicht mit ein­zu­be­zie­hen sind, ändert nichts dar­an, dass der tarif­lich gebun­de­ne Bau­ar­beit­ge­ber jedem Arbeit­neh­mer zumin­dest den tarif­li­chen Min­dest­stun­den­lohn schul­det. Es ist auch uner­heb­lich, dass der­ar­ti­ge Zah­lun­gen bei der Prü­fung der Ein­hal­tung des Min­dest­lohns mit ein­zu­rech­nen sind; denn im Rah­men des § 18 Abs. 4 VTV kommt es nur auf den geschul­de­ten Arbeits­lohn an. Wie die­ser erfüllt wird, ist nicht maß­geb­lich.

Da der Arbeit­ge­ber an die Tarif­ver­trä­ge zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be gebun­den ist, bil­de­te der jewei­li­ge tarif­li­che Min­dest­lohn die Bemes­sungs­grund­la­ge für die Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge.

Im hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raum (Janu­ar 2006 bis Sep­tem­ber 2008) waren der Tarif­ver­trag zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vom 29.07.2005 (TV Min­dest­lohn) gemäß der Fünf­ten Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Bau­ge­wer­be vom 29.08.2005 sowie der TV Min­dest­lohn vom 04.07.2008 gemäß der Sechs­ten Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Bau­ge­wer­be vom 21.08.2008, jeweils iVm. § 1 Abs. 3a Satz 1, § 4 AEntG aF (in der bis 23.04.2009 gel­ten­den Fas­sung), für die Arbeit­ge­be­rin ver­bind­lich. Zwi­schen den Par­tei­en herrscht kein Streit dar­über, dass die kurz­fris­tig beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer nach der Lohn­grup­pe 1 des TV Min­dest­lohn in der jewei­li­gen Fas­sung zu ver­gü­ten waren. Der Gesamt­ta­rif­stun­den­lohn der Lohn­grup­pe 1 im streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raum betrug für Bay­ern gemäß § 2 Abs. 2 Satz 1, Abs. 3 TV Min­dest­lohn in der jewei­li­gen Fas­sung zwi­schen 10,20 Euro und 10,70 Euro.

Nach den oben dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen ist der tarif­li­che Min­dest­lohn der Lohn­grup­pe 1 damit der pau­schal zu ver­steu­ern­de Brut­to­ar­beits­lohn i.S.d. § 18 Abs. 4 Buchst. a VTV. Bis­her hat der Arbeit­ge­ber Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge ledig­lich anhand der in den Lohn­ab­rech­nun­gen aus­ge­wie­se­nen Stun­den­löh­ne ent­rich­tet. Er ist daher zur Zah­lung wei­te­rer Bei­trä­ge ver­pflich­tet, die auf der Grund­la­ge der Dif­fe­renz zwi­schen die­sen Stun­den­löh­nen und den jeweils maß­geb­li­chen tarif­li­chen Min­dest­löh­nen zu berech­nen sind.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 29. August 2012 – 10 AZR 589/​11

  1. Blümich/​Thürmer EStG 115. Aufl. § 40a Rn. 23; vgl. zu § 40 EStG auch BFH 25.05.2000 – VI R 195/​98 – zu 2 der Grün­de, BFHE 192, 299[]
  2. Eis­gru­ber in Kirch­hof EStG 11. Aufl. § 40a Rn. 3; Schmidt/​Krüger EStG 31. Aufl. § 40a Rn. 3[]
  3. BAG 14.02.2007 – 10 AZR 63/​06, Rn. 25, NZA-RR 2007, 300; zu § 2 VTV aF BAG 20.10.1982 – 4 AZR 1211/​79, BAGE 40, 262[]
  4. eben­so zu § 18 Abs. 4 Buchst. a Alt. 1 VTV: BAG 14.02.2007 – 10 AZR 63/​06, aaO[]
  5. st. Rspr., vgl. zB BAG 27.07.2011 – 10 AZR 484/​10, Rn. 14, ZTR 2011, 676[]
  6. BAG 14.02.2007 – 10 AZR 63/​06, Rn. 25, NZA-RR 2007, 300[]
  7. vgl. nur BAG 14.12.2011 – 10 AZR 517/​10[]
  8. vgl. BAG 21.07.2009 – 1 AZR 167/​08, Rn. 14 mwN, AP EStG § 38 Nr. 11 = EzA BGB 2002 § 611 Net­to­lohn, Lohn­steu­er Nr. 4[]
  9. ErfK/​Schlachter 12. Aufl. § 5 AEntG Rn. 3; Däubler/​Lakies TVG 3. Aufl. Anhang 2 zu § 5 TVG, § 5 AEntG Rn. 9[]
  10. BAG 14.02.2007 – 10 AZR 63/​06, Rn. 25 mwN, NZA-RR 2007, 300; 14.12.2011 – 10 AZR 517/​10 -[]
  11. vgl. zu § 40 Abs. 1 EStG BFH 20.07.2000 – VI R 10/​98 – zu 2 der Grün­de; Schmidt/​Krüger EStG § 40 Rn. 24[]
  12. Blümich/​Thürmer EStG § 40a Rn. 23[]