Tarif­li­cher Mehr­ur­laub – und das eigen­stän­di­ge tarif­li­che Fris­ten­re­gime

Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen Urlaubs- und Urlaubs­ab­gel­tungs­an­sprü­che, die den von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 04.11.2003 über bestimm­te Aspek­te der Arbeits­zeit­ge­stal­tung 1 gewähr­leis­te­ten und von §§ 1, 3 Abs. 1 BUr­lG begrün­de­ten Anspruch auf Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wochen über­stei­gen, frei regeln 2.

Tarif­li­cher Mehr­ur­laub – und das eigen­stän­di­ge tarif­li­che Fris­ten­re­gime

Die­se Befug­nis schließt die Befris­tung des Mehr­ur­laubs ein 3.

Für einen Rege­lungs­wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en, den tarif­li­chen Mehr­ur­laub einem eige­nen, von dem des gesetz­li­chen Min­dest­ur­laubs abwei­chen­den Fris­ten­re­gime zu unter­stel­len, müs­sen deut­li­che Anhalts­punk­te vor­lie­gen. Feh­len sol­che, ist von einem Gleich­lauf des gesetz­li­chen Urlaubs­an­spruchs und des Anspruchs auf tarif­li­chen Mehr­ur­laub aus­zu­ge­hen. Ein Gleich­lauf ist nicht gewollt, wenn die Tarif­ver­trags­par­tei­en ent­we­der bei der Befris­tung und Über­tra­gung bzw. beim Ver­fall des Urlaubs zwi­schen gesetz­li­chem Min­dest­ur­laub und tarif­li­chem Mehr­ur­laub unter­schie­den oder sich vom gesetz­li­chen Fris­ten­re­gime gelöst und eigen­stän­di­ge; vom BUr­lG abwei­chen­de Rege­lun­gen zur Befris­tung und Über­tra­gung bzw. zum Ver­fall des Urlaubs­an­spruchs getrof­fen haben 4.

In dem hier ent­schie­de­nen Fall bejah­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en des Man­tel­ta­rif­ver­trags für die gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer der baye­ri­schen Metall- und Elek­tro­in­dus­trie vom 01.12 1973 – in der Fas­sung vom 24.05.2002 – den tarif­li­chen Mehr­ur­laub einem eigen­stän­di­gen; vom BUr­lG abwei­chen­den Fris­ten­re­gime unter­stellt haben:

Der MTV ent­sprach dem Man­tel­ta­rif­ver­trag für die che­mi­sche Indus­trie vom 24.06.1992 idF vom 16.03.2009, der Gegen­stand des Urteils des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 17.11.2015 5 war. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat zu die­sem Man­tel­ta­rif­ver­trag für die che­mi­sche Indus­trie ent­schie­den, dass er ein eigen­stän­di­ges; vom BUr­lG abwei­chen­des Fris­ten­re­gime regelt 6. Glei­ches gilt für den MTV.

ach dem Wort­laut des § 25 Abschn. A Ziff. 7 Satz 1 MTV erlischt der Anspruch auf Urlaub, wenn er nicht inner­halb von drei Mona­ten nach Ablauf des Urlaubs­jah­res erfolg­los gel­tend gemacht wor­den ist. Damit wird der Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en deut­lich, der Arbeit­neh­mer kön­ne sei­nen Urlaub ohne beson­de­re Grün­de und ohne die Not­wen­dig­keit der Über­tra­gung vom 01.01.eines Kalen­der­jah­res bis zum 31.03.des Fol­ge­jah­res gel­tend machen. Die­se Rege­lungs­ab­sicht wird durch die Anmer­kung zu § 25 Abschn. A Ziff. 7 MTV bestä­tigt. Das ist eine wesent­li­che Abwei­chung von § 7 Abs. 3 Satz 1 bis 3 BUr­lG. Nach des­sen Régime geht der nicht genom­me­ne Urlaub grund­sätz­lich am 31.12 des Urlaubs­jah­res unter und wird nur bei Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Über­tra­gungs­grün­de bis zum 31.03.des Fol­ge­jah­res über­tra­gen. Damit unter­schei­det sich die tarif­li­che Rege­lung von der des BUr­lG inso­weit, als der Urlaubs­an­spruch ohne Über­tra­gungs­not­wen­dig­keit – und damit auch ohne Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen, zumin­dest bis zum 31.03.des Fol­ge­jah­res besteht und genom­men wer­den kann. Inso­fern unter­schei­det sich die tarif­li­che Rege­lung des MTV von jener tarif­li­chen Rege­lung, bei der das Bun­des­ar­beits­ge­richt einen Gleich­lauf zwi­schen MTV und BUr­lG ange­nom­men hat, weil der Tarif­ver­trag nicht auf eine Über­tra­gung, son­dern aus­schließ­lich auf das Vor­lie­gen von Über­tra­gungs­grün­den ver­zich­tet hat 7.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 15. Dezem­ber 2015 – 9 AZR 747/​14

  1. ABl. EU L 299 vom 18.11.2003 S. 9[]
  2. vgl. EuGH 3.05.2012 – C‑337/​10 – [Nei­del] Rn. 34 ff. mwN; BAG 12.04.2011 – 9 AZR 80/​10, Rn. 21, BAGE 137, 328[]
  3. BAG 7.08.2012 – 9 AZR 760/​10, Rn. 18, BAGE 143, 1[]
  4. BAG 22.05.2012 – 9 AZR 575/​10, Rn. 12[]
  5. BAG 17.11.2015 – 9 AZR 275/​14[]
  6. BAG 17.11.2015 – 9 AZR 275/​14, Rn. 27 f.[]
  7. BAG 12.04.2011 – 9 AZR 80/​10, Rn. 29 ff., BAGE 137, 328[]