Umklei­de­zei­ten, Wege­zei­ten – und die Dar­le­gungs­last

Für Ansprü­che auf Umklei­de- und Wege­zei­ten hat der Arbeit­neh­mer sub­stan­ti­iert vor­zu­tra­gen, wel­che kon­kre­ten Tätig­kei­ten an wel­chem Ort durch­ge­führt wer­den müs­sen unter Beach­tung wel­cher bau­li­chen Gege­ben­hei­ten und Umstän­de. Einem Sach­ver­stän­di­gen müss­te es mög­lich sein, anhand des Vor­trags des Mit­ar­bei­ters mit­tels Stopp­uhr eine Mes­sung vor­zu­neh­men und auf die­se Wei­se den Vor­trag des Mit­ar­bei­ters zu veri­fi­zie­ren.

Umklei­de­zei­ten, Wege­zei­ten – und die Dar­le­gungs­last

Umklei­de- und Wege­zei­ten kön­nen ver­gü­tungs­pflich­ti­ge Arbeits­zei­ten sein. Dies ent­spricht der Recht­spre­chung des BAG. Hier­nach ist Arbeit jede Tätig­keit, die als sol­che der Befrie­di­gung eines frem­den Bedürf­nis­ses dient. Zur Arbeit gehört auch das Umklei­den für die Arbeit, wenn der Arbeit­ge­ber das Tra­gen einer bestimm­ten Klei­dung vor­schreibt und das Umklei­den im Betrieb erfol­gen muss. Da die Arbeit in die­sem Fal­le mit dem Umklei­den beginnt, zäh­len auch die inner­be­trieb­li­chen Wege zur Arbeits­zeit, die dadurch ver­an­lasst sind, dass der Arbeit­ge­ber das Umklei­den nicht am Arbeits­platz ermög­licht, son­dern dafür eine vom Arbeits­platz getrenn­te Umklei­de­stel­le ein­rich­tet, die der Arbeit­neh­mer zwin­gend benut­zen muss [1].

Als Anspruch­stel­ler ist der Mit­ar­bei­ter vor­lie­gend dar­le­gungs- und beweis­be­las­tet für die Anspruchs­hö­he. Beweis­erleich­te­run­gen grei­fen vor­lie­gend nicht ein.

Dies gilt zum einen dafür, dass kein Grund für eine Umkehr der Dar­le­gungs- und Beweis­last ersicht­lich ist. Die Dar­le­gungs­last des Pflich­ti­gen könn­te allen­falls redu­ziert sein, wenn es um Gescheh­nis­se aus dem Bereich der ande­ren Par­tei geht und sich eine aus § 138 Absatz 1 und 2 ZPO erge­ben­de Mit­wir­kungs­pflicht des Geg­ners ergibt. Fer­ner besteht eine gewis­se (sekun­dä­re) Behaup­tungs­last des Pro­zess­geg­ner, wenn es der kla­gen­den Par­tei nicht mög­lich ist, nähe­ren Vor­trag zu einer Tat­sa­chen zu gewähr­leis­ten, da die Par­tei außer­halb des von ihr dar­zu­le­gen­den Gesche­hens­ab­lau­fes steht und kei­ne nähe­re Kennt­nis der maß­ge­ben­den Tat­sa­chen besitzt, wäh­rend der Pro­zess­geg­ner sie hat und ihm nähe­re Anga­ben zumut­bar sind [2].

Vor­lie­gend ist jedoch die kla­gen­de Par­tei näher am Gesche­hen, da sie selbst die jewei­li­gen Umklei­de- und Wege­zei­ten vor­ge­nom­men hat. Ein­zig der Umstand, dass die kla­gen­de Par­tei ggf. in der Ver­gan­gen­heit nicht für jeden ein­zel­nen Tag den Umklei­de- und Wege­zeit­vor­gang gestoppt und auf­ge­zeich­net hat, recht­fer­tigt an sich kei­ne Beweis­erleich­te­rung.

Fer­ner lässt sich die Anspruchs­hö­he vor­lie­gend auch nicht nach § 287 Absatz 2 ZPO i.V.m. § 46 Absatz 2 ArbGG schät­zen.

§ 287 Absatz 1 ZPO erleich­tert dem Geschä­dig­ten nicht nur die Beweis­füh­rung, son­dern auch die Dar­le­gungs­last. Steht der gel­tend gemach­te Anspruch dem Grun­de nach fest und bedarf es ledig­lich der Aus­fül­lung zur Höhe, darf die Kla­ge grund­sätz­lich nicht voll­stän­dig abge­wie­sen wer­den, son­dern der Tatrich­ter muss im Rah­men des Mög­li­chen die For­de­rungs­hö­he nach § 287 ZPO schät­zen. Zwar ist es Sache des Anspruch­stel­lers, die­je­ni­gen Umstän­de vor­zu­tra­gen und gege­be­nen­falls zu bewei­sen, die sei­ne Vor­stel­lun­gen zur Höhe recht­fer­ti­gen sol­len. Ent­hält der dies­be­züg­li­che Vor­trag Lücken oder Unklar­hei­ten, ist es in der Regel jedoch nicht gerecht­fer­tigt, dem jeden­falls in irgend­ei­ner Höhe berech­tig­ten Anspruch­stel­ler jeden Ersatz zu ver­sa­gen. Der Tatrich­ter muss viel­mehr nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen beur­tei­len, ob nach § 287 ZPO nicht wenigs­tens die Schät­zung eines Min­dest­an­spruchs mög­lich ist. Eine Schät­zung darf erst dann gänz­lich unter­las­sen wer­den, wenn sie man­gels jeg­li­cher kon­kre­ter Anhalts­punk­te völ­lig in der Luft hin­ge und daher will­kür­lich wäre [3]. Nach § 287 Absatz 2 ZPO ist die Vor­schrift des Absat­zes 1 auch bei ver­mö­gens­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten ent­spre­chend anzu­wen­den, soweit unter den Par­tei­en die Höhe einer For­de­rung strei­tig ist und die voll­stän­di­ge Auf­klä­rung aller hier­für maß­ge­ben­den Umstän­de mit Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den ist, die zu der Bedeu­tung des strei­ti­gen Tei­les der For­de­rung in kei­nem Ver­hält­nis ste­hen. Eine Auf­klä­rung der zu benö­ti­gen­den Zeit für die Umklei­de- und Wege­zei­ten ist jedoch grund­sätz­lich durch­aus denk­bar. Die für das Umklei­den auf­ge­wand­te Min­dest­zeit ist ein in hohem Maße stan­dar­di­sier­ter all­täg­li­cher Vor­gang, des­sen Dau­er ohne wei­te­res gemes­sen und daher auch belegt wer­den kann [4]. Der dar­ge­leg­te stan­dar­di­sier­te Umklei­de­vor­gang dürf­te daher auch für die Umklei­de­zei­ten in der Ver­gan­gen­heit Aus­sa­ge­kraft ent­fal­ten kön­nen.

Dem Beweis­an­ge­bot zur Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens muss man­gels schlüs­si­gem Vor­trag nicht nach­ge­gan­gen wer­den. Die dar­le­gungs- und beweis­be­las­te­te kla­gen­de Par­tei hat sich dar­auf beru­fen, dass für die Erfül­lung der Umklei­de- und Wege­zei­ten 15 Minu­ten ange­fal­len sei­en. Hier­für bot der Mit­ar­bei­ter einen Sach­ver­stän­di­gen­be­weis an.

Die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses setzt zunächst einen schlüs­si­gen Sach­vor­trag vor­aus. Die beweis­be­las­te­te Par­tei muss kon­kret die Tat­sa­chen benen­nen, wel­che der Sach­ver­stän­di­ge über­prü­fen soll. Bei der Mes­sung von Umklei­de- und Wege­zei­ten erfor­dert dies einen kon­kre­ten Vor­trag, wel­che kon­kre­ten Tätig­kei­ten von dem Mit­ar­bei­ter an wel­chem Ort durch­ge­führt wer­den müs­sen unter Beach­tung wel­cher bau­li­chen Gege­ben­hei­ten und Umstän­de. Dem Sach­ver­stän­di­gen muss es mög­lich sein, anhand des Vor­trags des Mit­ar­bei­ters mit­tels Stopp­uhr eine Mes­sung vor­zu­neh­men und auf die­se Wei­se den Vor­trag des Mit­ar­bei­ters zu veri­fi­zie­ren.

Dies gilt bereits für den Umstand, an wel­chen Ort die Zeit­mes­sung begin­nen müss­te. Soll­te dies vor dem Able­gen der eige­nen Klei­dung erfol­gen, müss­te wei­ter vor­ge­tra­gen wer­den, von wel­chen Ide­al­vor­aus­set­zun­gen bei der vom Mit­ar­bei­ter gel­tend gemach­ten Min­dest­zeit aus­ge­gan­gen wird. In die­sem Sin­ne wäre nähe­rer Vor­trag zu Art und Umfang der Stra­ßen­be­klei­dung erfor­der­lich. Wei­ter müss­te sodann der kon­kre­te Weg unter Berück­sich­ti­gung der kon­kret anzu­le­gen­den; vom Arbeit­ge­ber vor­ge­schrie­be­nen Schutz­klei­dung dar­ge­legt wer­den.

Arbeits­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 4. August 2016 – 5 Ca 160/​15

  1. BAG, Urteil vom 19.09.2012 – 5 AZR 678/​11, Rz. 23 = NZA-RR 2013, 63, 65[]
  2. BAG, Urteil vom 06.09.2007 – 2 AZR 715/​06, Rz. 37 = AP KSchG 1969 § 1 Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 170[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.10.1991 – XII ZR 144/​90 unter 3.a. der Grün­de = NJW-RR 1992, 202, 203[]
  4. vgl. Fran­zen, NZA 2016, 136, 140[]