Unwirk­sa­me Kün­di­gung in der Insol­venz – und die Annah­me­ver­zugs­ver­gü­tung als Neu­mas­se­ver­bind­lich­keit

Kün­digt der Insol­venz­ver­wal­ter in einer mas­seun­zu­läng­li­chen Insol­venz das Arbeits­ver­hält­nis recht­zei­tig, dh. spä­tes­tens zum erst­mög­li­chen Ter­min nach der Anzei­ge der Mas­seun­zu­läng­lich­keit, gel­ten Annah­me­ver­zugs­an­sprü­che, die im Fall der Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung für die Zeit nach die­sem Ter­min ent­ste­hen, gemäß § 209 Abs. 1 Nr. 2, § 209 Abs. 2 Nr. 2 InsO als Neu­mas­se­ver­bind­lich­kei­ten.

Unwirk­sa­me Kün­di­gung in der Insol­venz – und die Annah­me­ver­zugs­ver­gü­tung als Neu­mas­se­ver­bind­lich­keit

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war die Arbeit­neh­me­rin seit 1996 bei dem inzwi­schen insol­ven­ten Arbeit­ge­ber, der bun­des­weit zahl­rei­che Dro­ge­rie­ge­schäf­te betrieb, zuletzt als Fili­al­lei­te­rin mit einem Ent­gelt von 2.680,60 € brut­to beschäf­tigt. Am 28. März 2012 wur­de das Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Arbeit­ge­bers eröff­net. Am 31. August 2012 zeig­te der Insol­venz­ver­wal­ter die dro­hen­de Mas­seun­zu­läng­lich­keit an. Bereits zuvor war das Arbeits­ver­hält­nis vom Insol­venz­ver­wal­ter am 28. März zum 30. Juni 2012 sowie am 23. August zum 30. Novem­ber 2012 gekün­digt wor­den. Die­se Kün­di­gun­gen wur­den durch arbeits­ge­richt­li­che Urtei­le, die nach der Anzei­ge der Mas­seun­zu­läng­lich­keit ergin­gen, rechts­kräf­tig für unwirk­sam erklärt. Nach der Anzei­ge der Mas­seun­zu­läng­lich­keit hät­te das Arbeits­ver­hält­nis rechts­wirk­sam frü­hes­tens zum 31. Dezem­ber 2012 gekün­digt wer­den kön­nen. Das Arbeits­ver­hält­nis ende­te tat­säch­lich erst nach einer wei­te­ren Kün­di­gung des Insol­venz­ver­wal­ters vom 16. Mai 2013 durch einen arbeits­ge­richt­li­chen Ver­gleich mit dem 31. August 2013. Die Klä­ge­rin begehrt die Zah­lung der Annah­me­ver­zugs­ver­gü­tung für die Zeit vom 1. Janu­ar bis zum 31. August 2013. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Insol­venz­ver­wal­ter sei ver­pflich­tet gewe­sen, das Arbeits­ver­hält­nis nach der Anzei­ge durch eine wei­te­re, spä­tes­tens zum 31. Dezem­ber 2012 wir­ken­de Kün­di­gung zu been­den. Weil er eine sol­che Kün­di­gung unter­las­sen habe, sei­en die ein­ge­klag­ten Ent­gelt­an­sprü­che Neu­mas­se­ver­bind­lich­kei­ten.

In den Vor­in­stan­zen haben sowohl das Arbeits­ge­richt wie auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz 1 der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestä­tig­te dies nun und wies die Revi­si­on des Insol­venz­ver­wal­ters zurück:

§ 209 Abs. 2 Nr. 2 InsO legt den Ter­min fest, bis zu dem der Insol­venz­ver­wal­ter das Arbeits­ver­hält­nis spä­tes­tens been­det haben muss, um Neu­mas­se­ver­bind­lich­kei­ten zu ver­mei­den. Dafür ist nicht zwin­gend erfor­der­lich, dass er nach der Anzei­ge der Mas­seun­zu­läng­lich­keit kün­digt. Er kann auch an einer bereits zuvor erklär­ten Kün­di­gung fest­hal­ten, die das Arbeits­ver­hält­nis im Fal­le ihrer Wirk­sam­keit spä­tes­tens zu dem von § 209 Abs. 2 Nr. 2 InsO vor­ge­ge­be­nen Ter­min been­det. Er trägt dann jedoch das Risi­ko, dass sich die­se Kün­di­gung als unwirk­sam erweist und folg­lich Neu­mas­se­ver­bind­lich­kei­ten begrün­det wer­den. Glei­ches gilt, wenn der Insol­venz­ver­wal­ter erst­mals nach der Anzei­ge recht­zei­tig kün­digt und die­se Kün­di­gung unwirk­sam ist.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Febru­ar 2018 – 6 AZR 868/​16

  1. LAG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 07.07.2016 – 6 Sa 23/​16[]