Karls­ru­he hilft Grie­chen­land

Ges­tern wur­de im Eil­tem­po das Gesetz zur Grie­chen­land­hil­fe Euro-Sta­bi­li­sie­rung von Bun­des­tag und Bun­des­rat ver­ab­schie­det und sodann auch direkt vom Bun­des­prä­si­den­ten aus­ge­fer­tigt. Das "Gesetz zur Über­nah­me von Gewähr­leis­tun­gen zum Erhalt der für die Finanz­sta­bi­li­tät in der Wäh­rungs­uni­on erfor­der­li­chen Zah­lungs­fä­hig­keit der Hel­le­ni­schen Repu­blik (Wäh­rungs­uni­on-Finanz­sta­bi­li­täts­ge­setz – WFStG)" ist ges­tern auch bereits im Bun­des­ge­setz­blatt ver­öf­fent­licht wor­den 1, so dass es heu­te mor­gen in Kraft tre­ten konn­te. Schnel­ler ist die Bun­des­re­pu­blik wohl noch nie mit 22,4 Mrd. € in die Haf­tung gegan­gen.

Karls­ru­he hilft Grie­chen­land

Eben­falls ges­tern stan­den aber auch schon die "übli­chen" fünf pro­fes­so­ra­len Euro-Kri­ti­ker, die noch von der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Euro-Ein­füh­rung in Erin­ne­rung sind, Gewehr bei Fuß und reich­ten ges­tern Nach­mit­tag beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de sowie einen Antrag auf Erlass einer Einst­wei­li­gen Anord­nung ein, um so mit­hil­fe des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das Gesetz zur Grie­chen­land-Hil­fe noch vor sei­nem In-Kraft-Tre­ten zu stop­pen. Doch aus das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt war schnell und wies noch ges­tern ab den Antrag auf Erlass einer Einst­wei­li­gen Anord­nung ab. Das Gesetz zur Grie­chen­land­hil­fe ist also wie geplant heu­te um Mit­ter­nacht in Kraft getre­ten.

Der Hin­ter­grund[↑]

Der Ver­trag von Maas­tricht 2 sah eine gemein­sa­me Wäh­rungs­po­li­tik der Mit­glied­staa­ten vor, die stu­fen­wei­se eine Euro­päi­sche Wäh­rungs­uni­on begrün­den und schließ­lich die Wäh­rungs­po­li­tik in der Hand eines Euro­päi­schen Sys­tems der Zen­tral­ban­ken ver­ge­mein­schaf­ten soll­te. In der drit­ten Stu­fe wur­de 2002 der Euro als ein­heit­li­che Wäh­rung ein­ge­führt. Um Finanz­dis­zi­plin zur Unter­stüt­zung der ein­heit­li­chen Geld­po­li­tik zu gewähr­leis­ten, trat gleich­zei­tig der Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pakt 3 in Kraft, der im Inter­es­se der Sta­bi­li­tät des Euro eine Neu­ver­schul­dung von maxi­mal drei Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts und einen Schul­den­stand von maxi­mal 60 % des Brut­to­in­lands­pro­dukts vor­sieht.

Auch die Hel­le­ni­sche Repu­blik – Grie­chen­land – ist seit 2001 Mit­glied der Euro-Grup­pe, also der Grup­pe von 16 der 27 Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on 4, deren gemein­sa­me Wäh­rung der Euro ist. Die Anga­ben zur Grö­ße des grie­chi­schen Haus­halts­de­fi­zits im Jahr 2009 muss­ten Anfang 2010 von Grie­chen­land von 5 % auf knapp 13 % des Brut­to­in­land­pro­dukts kor­ri­giert wer­den; für 2010 wird mit einem Anstieg der Staats­ver­schul­dung auf 125 % des Brut­to­in­land­pro­dukts und damit mehr als das Dop­pel­te des Refe­renz­werts von 60 % des Brut­to­in­land­pro­dukts gerech­net 5

Vor die­sem Hin­ter­grund kam der Euro­päi­sche Rat der Staats- und Regie­rungs­chefs am 11. Febru­ar 2010 in Brüs­sel zusam­men, um im Inter­es­se der Sta­bi­li­tät des Euro über mög­li­che Maß­nah­men in Bezug auf Grie­chen­land zu bera­ten. Der Euro­päi­sche Rat ver­kün­de­te bei die­ser Gele­gen­heit, dass er, falls nötig, ent­schlos­se­ne und koor­di­nier­te Maß­nah­men ergrei­fen wer­de, um die finan­zi­el­le Sta­bi­li­tät der gesam­ten Euro­zo­ne sicher­zu­stel­len 6. Am 16. Febru­ar 2010 ver­schärf­te der ECO­FIN-Rat das bereits im April 2009 in Gang gesetz­te Defi­zit­ver­fah­ren gegen Grie­chen­land und ver­lang­te, das Defi­zit inner­halb eines Jah­res um 4 Pro­zent­punk­te – von 12,7 % im Jahr 2009 auf 8,7 % im Jahr 2010 – abzu­bau­en und bis 2012 wei­ter auf höchs­tens 3 % des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes zurück­zu­füh­ren 7. Nach stei­gen­der Unru­he an den Finanz­märk­ten erklär­ten die Staats- und Regie­rungs­chefs der Euro­län­der am 25. März 2010 ihre Bereit­schaft, Grie­chen­land zusätz­lich zu einer Finan­zie­rung durch den Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds mit eige­nen bila­te­ra­len Dar­le­hen bei­zu­ste­hen 8. Auch die­se Erklä­rung konn­te die Finanz­märk­te nicht nach­hal­tig über­zeu­gen und wur­de als zu unkon­kret emp­fun­den. Ins­be­son­de­re man­geln­de Anga­ben über die Höhe einer Finanz­hil­fe und den von Grie­chen­land zu zah­len­den Zins wur­den kri­ti­siert.

Nach­dem die Rating­agen­tur Fitch am 9. April 2010 ihr Rating für Grie­chen­land auf "BBB-" her­un­ter­ge­stuft hat­te und die Risi­ko­auf­schlä­ge für grie­chi­sche Staats­an­lei­hen auf Rekord­hö­hen schnell­ten, sahen sich die Euro-Finanz­mi­nis­ter gezwun­gen, am 11. April 2010 eine Eini­gung über die Aus­ge­stal­tung der in Form von bila­te­ra­len Dar­le­hen von Staa­ten der Euro­zo­ne zu gewäh­ren­den Hil­fe für Grie­chen­land sowie deren Umfang und die Zins­hö­he zu erzie­len.

Um Grie­chen­land Anrei­ze zur Rück­kehr zur Markt­fi­nan­zie­rung zu bie­ten, wird die Zins­be­rech­nungs­for­mel des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds mit gewis­sen Anpas­sun­gen als Bezugs­grö­ße für die Fest­set­zung der Bedin­gun­gen für die bila­te­ra­len Kre­di­te her­an­ge­zo­gen. Als Grund­la­ge für Kre­di­te mit varia­blem Zins gilt der 3‑Mo­nats-Euri­bor-Zins­satz, zu dem Ban­ken ein­an­der Kre­dit in Euro gewäh­ren. Fest­zins­kre­di­te wer­den auf der Grund­la­ge der Euri­bor-Swap­sät­ze für die jewei­li­gen Lauf­zei­ten gewährt. Es wird ein Auf­schlag von 300 Basis­punk­ten (3%) erho­ben. Die­ser Auf­schlag erhöht sich auf 400 Basis­punk­te (4%), soll­te der zurück­zu­zah­len­de Betrag über drei Jah­re aus­ste­hen. Vom Aus­zah­lungs­be­trag wird eine Ver­wal­tungs­ge­bühr in Höhe von 0,50 % für die beim Kre­dit­ge­ber anfal­len­den Kos­ten ein­be­hal­ten 9.

Am 12. April 2010 trat die Kom­mis­si­on in Abstim­mung mit der Euro­päi­schen Zen­tral­bank mit dem IWF und Grie­chen­land in Ver­hand­lun­gen ein, in denen die Bedin­gun­gen für das grie­chi­sche Hilfs­pa­ket kon­kre­ti­siert wur­den. Die Unter­stüt­zung soll­te akti­viert wer­den in dem Augen­blick, in dem sie tat­säch­lich benö­tigt wur­de. Die teil­neh­men­den Staa­ten soll­ten dann über die Aus­zah­lun­gen ent­schei­den 9.

Am 23. April 2010 bean­trag­te Grie­chen­land Finanz­hil­fen der EU und des IWF 10. Dar­auf­hin erklär­ten die Staa­ten der Euro-Grup­pe am 2. Mai 2010 ihre Bereit­schaft, im Zusam­men­hang mit einem drei­jäh­ri­gen Pro­gramm des IWF mit einem geschätz­ten Gesamt­fi­nan­zie­rungs­be­darf in Höhe von 110 Mil­li­ar­den Euro bis zu 80 Mil­li­ar­den Euro als Finanz­hil­fe an Grie­chen­land in Form von koor­di­nier­ten bila­te­ra­len Kre­di­ten bereit­zu­stel­len, davon bis zu 30 Mil­li­ar­den Euro im ers­ten Jahr 11. Der Anteil der ein­zel­nen Staa­ten an den Kre­di­ten bemisst sich nach dem jewei­li­gen Anteil der Staa­ten des Euro-Wäh­rungs­ge­bie­tes am Kapi­tal der EZB. Der Anteil Deutsch­lands unter den 15 Staa­ten der Euro-Grup­pe (ohne Grie­chen­land) beträgt 27,92% 12. Der deut­sche Anteil an den Kre­di­ten beläuft sich somit bei Teil­nah­me aller Euro-Grup­pe-Staa­ten (außer Grie­chen­land) auf rund 22,4 Mil­li­ar­den €, davon bis zu 8,4 Mil­li­ar­den Euro im ers­ten Jahr. Der IWF über­nimmt einen Anteil von 30 Mil­li­ar­den € 13. Die Finanz­hil­fe der Euro-Grup­pe wird im Rah­men einer stren­gen Kon­di­tio­na­li­tät zur Ver­fü­gung gestellt, die zwi­schen dem IWF und der Euro­pä­si­chen Kom­mis­si­on (in Abstim­mung mit der Euro­päi­schen Zen­tral­bank) sowie Grie­chen­land ver­ein­bart wur­de.

Die Abspra­chen der Staa­ten der Euro-Grup­pe mit Grie­chen­land und unter­ein­an­der umfas­sen zwei Ver­ein­ba­run­gen. Einer­seits den Dar­le­hens­ver­trag, in dem im Wesent­li­chen die Dar­le­hens­kon­di­tio­nen und Vor­aus­set­zun­gen der Dar­le­hens­ge­wäh­rung fest­ge­legt wer­den 14 und ande­rer­seits eine Ver­ein­ba­rung zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der Euro­zo­ne, in der die Rech­te und Pflich­ten der Mit­glied­staa­ten unter­ein­an­der bestimmt wer­den 15. Bei­de Ver­ein­ba­run­gen bezie­hen sich hin­sicht­lich der finanz- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men Grie­chen­lands auf das mit Grie­chen­land ver­ein­bar­te „Memo­ran­dum of Under­stan­ding“ 16, das die Bedin­gun­gen der Kre­dit­ver­ga­be fest­legt und ins­be­son­de­re die Aus­zah­lung der Finanz­hil­fen an bestimm­te, stren­ge Bedin­gun­gen hin­sicht­lich der Haus­halts­sa­nie­rung knüpft. Die Aus­zah­lung der ein­zel­nen Tran­chen ist danach an die Ein­hal­tung quan­ti­ta­ti­ver Leis­tungs­kri­te­ri­en gekop­pelt. So sind für jedes Quar­tal detail­lier­te Ein­spa­rungs­zie­le fest­ge­legt, die durch Maß­nah­men wie Steu­er­erhö­hun­gen oder Strei­chung von Gra­ti­fi­ka­tio­nen im öffent­li­chen Dienst erreicht wer­den müs­sen 17. In der Ver­ein­ba­rung zwi­schen den Mit­glied­staa­ten 18 ist außer­dem ein inter­ner Zins- und Zah­lungs­aus­gleich für wirt­schaft­lich ange­schla­ge­ne Geber­län­der gere­gelt. Danach kann ein Kre­dit­ge­ber, der höhe­re Refi­nan­zie­rungs­kos­ten hat als der Zins des Kre­dit­neh­mers im Rah­men des Dar­le­hens­ver­trags, ver­lan­gen, dass ihm ein Zins­aus­gleich gewährt wird, der antei­lig aus dem Zins­er­trag der ande­ren Geber finan­ziert wird. Außer­dem kann ein Kre­dit­ge­ber, falls er höhe­re Refi­nan­zie­rungs­kos­ten haben soll­te als der Zins des Kre­dit­neh­mers im Rah­men des Dar­le­hens­ver­trags, bean­tra­gen, an der Aus­zah­lung der nächs­ten Tran­che nicht teil­zu­neh­men. Über die­sen Antrag ent­schei­den die ande­ren Dar­le­hens­ge­ber mit Zwei­drit­tel­mehr­heit ihrer Kapi­tal­an­tei­le. Sobald die­ser Kapi­tal­ge­ber wie­der nied­ri­ge­re Refi­nan­zie­rungs­kos­ten hat als der Zins des Dar­le­hens­neh­mers, ist vor­ge­se­hen, sei­nen Kre­dit­an­teil wie­der an den im Dar­le­hens­ver­trag vor­ge­se­he­nen Anteil anzu­pas­sen. Kein Kre­dit­ge­ber ist ver­ant­wort­lich für die Ver­pflich­tun­gen eines ande­ren Kre­dit­ge­bers.

Das deut­sche Gesetz zur Grie­chen­land-Hil­fe[↑]

Um die erfor­der­li­chen Maß­nah­men auf natio­na­ler Ebe­ne zu tref­fen, ver­ab­schie­de­te der Deut­sche Bun­des­tag am 7. Mai 2010 ein "Gesetz zur Über­nah­me von Gewähr­leis­tun­gen zum Erhalt der für die Finanz­sta­bi­li­tät in der Wäh­rungs­uni­on erfor­der­li­chen Zah­lungs­fä­hig­keit der Hel­le­ni­schen Repu­blik (Wäh­rungs­uni­on-Finanz­sta­bi­li­täts­ge­setz – WFStG)" 1.

Der auf Deutsch­land ent­fal­len­de Anteil an den Hilfs­maß­nah­men soll von der KfW, der Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau, aus­ge­reicht wer­den, die hier­für eine Bun­des­ga­ran­tie benö­tigt. § 1 Abs. 1 WFStG ermäch­tigt das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen, ent­spre­chen­de Gewähr­leis­tun­gen bis zu einer Höhe von ins­ge­samt 22,4 Mil­li­ar­den Euro für Kre­di­te an Grie­chen­land zu über­neh­men, die die Aus­rei­chung des Kre­dits durch die KfW absi­chern.

Das Gesetz zur Grie­chen­land-Hil­fe besteht neben der Vor­schrift zum Inkraft­tre­ten nur aus einem ein­zi­gen Para­gra­phen. Die Vor­schrif­ten des Wäh­rungs­uni­on-Finanz­sta­bi­li­täts­ge­set­zes lau­ten:

§ 1
Gewähr­leis­tungs­er­mäch­ti­gung

(1) Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen wird ermäch­tigt, Gewähr­leis­tun­gen bis zur Höhe von ins­ge­samt 22,4 Mil­li­ar­den Euro für Kre­di­te an die Hel­le­ni­sche Repu­blik zu über­neh­men, die als Not­maß­nah­men zum Erhalt der Zah­lungs­fä­hig­keit der Hel­le­ni­schen Repu­blik erfor­der­lich sind, um die Finanz­sta­bi­li­tät in der Wäh­rungs­uni­on sicher­zu­stel­len. Die Gewähr­leis­tung dient der Absi­che­rung von Kre­di­ten der Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau an die Hel­le­ni­sche Repu­blik, die gemein­sam mit den Kre­di­ten der ande­ren Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on, deren Wäh­rung der Euro ist, und des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds aus­ge­zahlt wer­den sol­len. Grund­la­ge bil­den die zwi­schen dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds, der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on im Auf­trag der Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on und der Hel­le­ni­schen Repu­blik unter Mit­wir­kung der Euro­päi­schen Zen­tral­bank ver­ein­bar­ten Maß­nah­men. Die Kre­di­te der Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau sol­len im ers­ten Jahr bis zur Höhe von 8,4 Mil­li­ar­den Euro aus­ge­zahlt wer­den.

(2) Eine Gewähr­leis­tung ist auf den Höchst­be­trag die­ser Ermäch­ti­gung in der Höhe anzu­rech­nen, in der der Bund dar­aus in Anspruch genom­men wer­den kann. Zin­sen und Kos­ten sind auf den Ermäch­ti­gungs­rah­men nicht anzu­rech­nen.

(3) Vor Über­nah­me von Gewähr­leis­tun­gen nach Absatz 1 ist der Haus­halts­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges zu unter­rich­ten, sofern nicht aus zwin­gen­den Grün­den eine Aus­nah­me gebo­ten ist. Der Haus­halts­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges ist dar­über hin­aus vier­tel­jähr­lich über die über­nom­me­nen Gewähr­leis­tun­gen und die ord­nungs­ge­mä­ße Ver­wen­dung zu unter­rich­ten.

§ 2
Inkraft­tre­ten

Die­ses Gesetz tritt am Tag nach der Ver­kün­dung in Kraft.

Das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren[↑]

Für das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren war ges­tern fol­gen­der Zeit­plan vor­ge­se­hen: Bis 11:00 Uhr soll­te im Bun­des­tag die zwei­te und drit­te Lesung sowie die nament­li­che Abstim­mung statt­fin­den und sodann gegen 13:00 Uhr die Zustim­mung durch den Bun­des­rat erfol­gen. Nach Zustim­mung durch die Bun­des­re­gie­rung (Art. 113 Abs. 1 Satz 1 GG) soll­te das zustan­de­ge­kom­me­ne Gesetz gegen 14:00 Uhr dem Bun­des­prä­si­den­ten zur Aus­fer­ti­gung vor­lie­gen. Im Anschluss soll­te das Bun­des­amt für Jus­tiz bis 20:00 Uhr für die Ver­kün­dung des Geset­zes im Bun­des­ge­setz­blatt sor­gen, damit das Gesetz nach sei­nem § 2 heu­te in Kraft tre­ten kann.

Tat­säch­lich wur­de das Gesetz vom Bun­des­tag um 12:00 Uhr ver­ab­schie­det. Der Bun­des­rat stimm­te um 14:30 Uhr zu. Nach Unter­zeich­nung und Aus­fer­ti­gung durch den Bun­des­prä­si­den­ten ges­tern Abend wur­de das Gesetz am sel­ben Tag im Bun­des­ge­setz­blatt ver­kün­det 1.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Nach Ver­ab­schie­dung des Geset­zes durch den Bun­des­tag und noch vor Zustim­mung durch den Bun­des­rat haben die Beschwer­de­füh­rer, fünf Pro­fes­so­ren, Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Gesetz erho­ben und zugleich bean­tragt, dem Bun­des­prä­si­den­ten und der Bun­des­re­gie­rung die Aus­fer­ti­gung des Geset­zes sowie der Bun­des­re­gie­rung den Voll­zug des Geset­zes einst­wei­len zu unter­sa­gen. Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de begeh­ren die Beschwer­de­füh­rer die Fest­stel­lung, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ihre Grund­rech­te aus Art. 38 Abs. 1, Art. 14 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG dadurch ver­letzt, dass sie finan­zi­el­le Hil­fen für die Hel­le­ni­sche Repu­blik mit den ande­ren Mit­glie­dern der Euro-Grup­pe ver­ein­bart, finan­zi­el­le Hil­fen für Grie­chen­land gewährt, ins­be­son­de­re durch das Wäh­rungs­uni­on-Finanz­sta­bi­li­täts­ge­setz vom 7. Mai 2010 Kre­di­te der KfW an die Hel­le­ni­sche Repu­blik gewähr­leis­tet, und den Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds ver­an­lasst, Grie­chen­land finan­zi­ell zu unter­stüt­zen. Zudem bean­tra­gen sie fest­zu­stel­len, dass die Ver­ein­ba­run­gen der Euro­päi­schen Uni­on, ins­be­son­de­re der Euro-Grup­pe, in wel­chen finan­zi­el­le Hil­fen für die Hel­le­ni­sche Repu­blik auch durch die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land abge­spro­chen wur­den, die Beschwer­de­füh­rer in ihren Grund­rech­ten aus Art. 38 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG ver­let­zen.

Zur Begrün­dung des Antrags auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung brin­gen die Beschwer­de­füh­rer vor, die dro­hen­de Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te und grund­rechts­glei­chen Rech­ten aus Art. 38 Abs. 1, Art. 14 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG kön­ne nur dadurch abge­wen­det wer­den, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht durch Finanz­hil­fen zur Zah­lungs­fä­hig­keit der Hel­le­ni­schen Repu­blik bei­tra­ge. Wür­de die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che abge­war­tet wer­den, bestün­de die Gefahr, dass Deutsch­land an Grie­chen­land finan­zi­el­le Leis­tun­gen erbrin­ge, die nicht mehr rück­gän­gig gemacht wer­den könn­ten, ins­be­son­de­re weil Grie­chen­land wegen sei­ner Zah­lungs­un­fä­hig­keit nicht in der Lage sei, die Finanz­hil­fen zurück­zu­er­stat­ten. Dar­über hin­aus wer­de durch die Finanz­hil­fen für Grie­chen­land ein fait accom­pli geschaf­fen, auf das sich ande­re Mit­glied­staa­ten der Euro-Grup­pe, deren Zah­lungs­fä­hig­keit eben­falls zwei­fel­haft sei, ein­rich­te­ten. Wür­de die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che abge­war­tet wer­den, bestün­de die Gefahr, dass die Finanz­märk­te wei­te­re Finanz­hil­fen für die­se Mit­glied­staa­ten der Euro-Grup­pe erzwän­gen.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dem Antrag der Beschwer­de­füh­rer auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung eben­falls noch ges­tern Abend abge­lehnt. Bei der für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung gebo­te­nen Fol­genab­wä­gung legt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt einen stren­gen Maß­stab an, die dies­mal reich­lich staats­tra­gend aus­fällt:

Bei der Prü­fung, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 1 BVerfGG zum Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung gege­ben sind, ist wegen der weit­tra­gen­den Fol­gen einer ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen einst­wei­li­gen Anord­nung regel­mä­ßig ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen 19, der noch wei­ter ver­schärft wird, sobald eine Maß­nah­me mit völ­ker­recht­li­chen oder außen­po­li­ti­schen Aus­wir­kun­gen betrof­fen ist 20.

Dabei müs­sen die Grün­de, wel­che für die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der ange­grif­fe­nen Maß­nah­me spre­chen, außer Betracht blei­ben, es sei denn, die in der Haupt­sa­che begehr­te Fest­stel­lung erwie­se sich als von vorn­her­ein unzu­läs­sig oder offen­sicht­lich unbe­grün­det 21. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat ledig­lich die Nach­tei­le abzu­wä­gen, die ein­trä­ten, wenn eine einst­wei­li­ge Anord­nung nicht ergin­ge, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de aber in der Haupt­sa­che Erfolg hät­te, gegen­über den Nach­tei­len, die ent­stün­den, wenn die begehr­te einst­wei­li­ge Anord­nung erlas­sen wür­de, in der Haupt­sa­che aber der Erfolg zu ver­sa­gen wäre 22.

Der Antrag auf Erlass der begehr­ten Anord­nung bleibt unge­ach­tet der Fra­ge, ob der Antrag im Hin­blick dar­auf, dass er vor Ver­kün­dung des mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fe­nen Geset­zes gestellt wor­den ist, unzu­läs­sig sein könn­te 23, sowie offe­ner Fra­gen der Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de jeden­falls auf­grund der gebo­te­nen Fol­genab­wä­gung ohne Erfolg.

Ergeht die einst­wei­li­ge Anord­nung, erweist sich aber die Über­nah­me der Gewähr­leis­tun­gen spä­ter als ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig, dro­hen der All­ge­mein­heit schwe­re Nach­tei­le.

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land müss­te im Fall des Erlas­ses der begehr­ten einst­wei­li­gen Anord­nung ihre Mit­hil­fe an den Not­maß­nah­men zum Erhalt der Zah­lungs­fä­hig­keit der Hel­le­ni­schen Repu­blik gera­de dann abbre­chen, wenn sie gefor­dert ist. Dies wür­de nicht nur durch bis­he­ri­ges Ver­hal­ten genähr­te Erwar­tun­gen der Part­ner im Euro-Wäh­rungs­ge­biet ent­täu­schen. Die Unauf­schieb­bar­keit der Maß­nah­me und das Volu­men des dann feh­len­den Hilfs­an­teils wür­de vor allem die Rea­li­sier­bar­keit des Ret­tungs­pa­ke­tes ins­ge­samt in Fra­ge stel­len. Damit ent­stün­den nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung der All­ge­mein­heit vor­aus­sicht­lich schwer­wie­gen­de wirt­schaft­li­che Nach­tei­le. Soll­te das mit dem Wäh­rungs­uni­on-Finanz­sta­bi­li­täts­ge­setz ver­folg­te Ziel ver­fehlt wer­den, mit­hin eine unmit­tel­bar dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit Grie­chen­lands nicht abge­wen­det wer­den kön­nen, wäre nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung die Sta­bi­li­tät der gesam­ten Euro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on gefähr­det. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te, die zu der Annah­me zwin­gen, dass die wäh­rungs- und finanz­po­li­ti­sche Ein­schät­zung der Bun­des­re­gie­rung feh­ler­haft ist 24. Unter den Ver­fas­sungs­or­ga­nen ist vor allem die Bun­des­re­gie­rung dazu beru­fen, der­ar­ti­ge Ein­schät­zun­gen vor­zu­neh­men, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur ein­ge­schränkt kon­trol­lie­ren kann ((vgl. BVerfGE 97, 350, 376).

Dem­ge­gen­über wie­gen die Nach­tei­le weni­ger schwer, die ent­ste­hen, wenn die einst­wei­li­ge Anord­nung nicht erlas­sen wird, die ver­ein­bar­te Mit­wir­kung an den Finanz­hil­fen sich spä­ter aber als unzu­läs­sig erweist.

Ein wesent­li­cher Scha­den erwächst dem Gemein­wohl nicht aus der Mög­lich­keit einer Inan­spruch­nah­me des Bun­des im Ein­tritts­fall, deren Wahr­schein­lich­keit die Bun­des­re­gie­rung für gering hält. Das poten­ti­el­le Haf­tungs­ri­si­ko wird nach Ein­schät­zung der Bun­des­re­gie­rung auf­ge­wo­gen durch eine Ver­rin­ge­rung der aktu­el­len Risi­ken für den Bun­des­haus­halt, die sich aus der Finanz­in­sta­bi­li­tät in der Euro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on erge­ben könn­ten. Inso­weit ver­mie­de­ne Schä­den in volks­wirt­schaft­li­cher Grö­ßen­ord­nung müs­sen wenigs­tens sal­die­rend berück­sich­tigt wer­den. Die Beschwer­de­füh­rer haben kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te dafür vor­ge­tra­gen, dass dem­ge­gen­über ins­be­son­de­re ihr Recht aus Art. 14 GG unmit­tel­bar gera­de in Fol­ge der gewähr­leis­te­ten Kre­dit­ge­wäh­rung schwer und irrever­si­bel beein­träch­tigt sein könn­te.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Mai 2010 – 2 BvR 987/​10

  1. BGBl I S. 537[][][]
  2. Ver­trag über die Euro­päi­sche Uni­on vom 7. Febru­ar 1992, ABl Nr. C 191/​1; BGBl II 1992 S. 1253[]
  3. Ent­schlie­ßung des Euro­päi­schen Rates über den Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pakt Ams­ter­dam, 17. Juni 1997, ABl Nr. C 236/​1[]
  4. Ent­schei­dung des Rates 2000/​427/​EG vom 19. Juni 2000 gemäß Arti­kel 122 Absatz 2 des Ver­tra­ges über die Ein­füh­rung der Ein­heits­wäh­rung durch Grie­chen­land am 1. Janu­ar 2001, ABl Nr. L 167/​19[]
  5. vgl. Mit­tei­lung des Rates für Wirt­schaft und Finan­zen (ECO­FIN-Rat) vom 16.02.2010[]
  6. vgl. State­ment by the Heads of Sta­te or Government of the European Uni­on vom 11.02.2010[]
  7. vgl. Mit­tei­lung des ECO­FIN-Rates vom 16.02.2010[]
  8. vgl. Erklä­rung der Staats- und Regie­rungs­chefs der Mit­glied­staa­ten des Euro-Wäh­rungs­ge­biets vom 25.03.2010[]
  9. vgl. State­ment on the sup­port to Greece by Euro area Mem­bers Sta­tes vom 11.04.2010[][]
  10. vgl. Joint state­ment by European Com­mis­si­on, European Cen­tral Bank and Pre­si­den­cy of the Euro­group on Greece vom 23.04.2010, IP/​10/​446[]
  11. vgl. State­ment by the Euro­group vom 02.05.2010[]
  12. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und FDP, BT-Drs. 17/​1544, S. 4[]
  13. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und FDP, BT-Drs. 17/​1544, S. 1[]
  14. vgl. Ent­wurf des „Loan Faci­li­ty Agree­ment“ zwi­schen den Staa­ten der Euro­zo­ne und der Hel­le­ni­schen Repu­blik[]
  15. vgl. Ent­wurf des „Inter­credi­tor Agree­ment“[]
  16. vgl. Greece: Memo­ran­dum of Under­stan­ding on Spe­ci­fic Eco­no­mic Poli­cy Con­di­tio­na­li­ty, vom 02.05.2010[]
  17. vgl. Greece: Memo­ran­dum of Under­stan­ding on Spe­ci­fic Eco­no­mic Poli­cy Con­di­tio­na­li­ty, vom 02.05.2010, S. 1[]
  18. Ent­wurf des „Inter­credi­tor Agree­ment“, S. 3 f.[]
  19. vgl. BVerfGE 55, 1, 3; 82, 310, 312; 94, 166, 216 f.; 104, 23, 27; 106, 51, 58[]
  20. vgl. auch BVerfGE 83, 162, 171 f.; 88, 173, 179; 89, 38, 43; 108, 34, 41; 118, 111, 122[]
  21. vgl. BVerfGE 89, 38, 44; 118, 111, 122[]
  22. vgl. BVerfGE 105, 365, 371; 106, 351, 355; 108, 238, 246; stRspr[]
  23. vgl. BVerfGE 11, 339, 342[]
  24. vgl. BVerfGE 26, 259, 264; 29, 179, 182; 88, 173, 181[]