Abstam­mungs­ver­mu­tung nach marok­ka­ni­schem Recht

Mit der Abstam­mungs­ver­mu­tung nach marok­ka­ni­schem Recht hat­te sich aktu­ell das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he zu befas­sen:

Abstam­mungs­ver­mu­tung nach marok­ka­ni­schem Recht

Nach Arti­kel 10 Absatz 1 EGBGB unter­liegt der Name einer Per­son dem Recht des Staa­tes, dem sie ange­hört.

Soll­te das Kind von einem deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen abstam­men, so wür­de sich aus deut­scher Sicht das Namens­recht gemäß Arti­keln 10 Absatz 1, 5 Absatz 1 EGBGB nach deut­schem Recht rich­ten. In die­sem Fall wäre die Betei­lig­te zu 1 näm­lich Inha­be­rin einer dop­pel­ten Staats­an­ge­hö­rig­keit; sie hät­te die marok­ka­ni­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit über die Mut­ter (Arti­kel 6 des Geset­zes über die marok­ka­ni­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit vom 06.09.1958 1) und die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit über den Vater (§ 4 Absatz 1 StAG) erwor­ben. Da die Eltern nach der Vater­schafts­an­er­ken­nung die gemein­sa­me Sor­ge ver­ein­bart und eine Namens­er­klä­rung zuguns­ten des Namens des Kin­des abge­ge­ben haben, wäre der jetzt ein­ge­tra­ge­nen Fami­li­en­na­me rich­tig; der Antrag des Stan­des­am­tes wäre dann zurück­zu­wei­sen. Auf marok­ka­ni­sches Kol­li­si­ons­recht käme es in die­sem Fall nicht an, da die­ses nicht zu einem ande­ren Ergeb­nis führt; nach marok­ka­ni­schem Recht erhält ein Kind den Fami­li­en­na­men des Vaters 2. Im Übri­gen wird eine etwa ein­schlä­gi­ge Ver­wei­sung des deut­schen auf das marok­ka­ni­sche Recht von die­sem ange­nom­men (Art. 2 Abs. 1 Nr. 1 FamGB Marok­ko).

Soll­te das Kind dage­gen recht­lich von einem marok­ka­ni­schen Vater abstam­men, wäre es aus­schließ­lich marok­ka­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ger; in die­sem Fal­le wür­de es nach Arti­kel 10 Absatz 1 EGBGB in Ver­bin­dung mit dem marok­ka­ni­schen Recht des­sen Fami­li­en­na­men tra­gen.

Nach Arti­kel 19 Absatz 1 Satz 1 EGBGB unter­liegt die Beur­tei­lung der Abstam­mung dem Recht des Staa­tes, in dem das Kind sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat; dies ist hier Deutsch­land, wo die Betei­lig­te zu 1 auch gebo­ren wur­de. Nach Satz 2 und 3 die­ser Vor­schrift käme dage­gen die Anwen­dung marok­ka­ni­schen Rechts in Betracht, weil der Betei­lig­te zu 4 die­sem Staat ange­hört (Satz 2) und die all­ge­mei­nen Wir­kun­gen sei­ner Ehe mit der Betei­lig­ten zu 2 wegen der gemein­sa­men Staats­an­ge­hö­rig­keit nach dem Recht die­ses Staa­tes zu beur­tei­len sind (Satz 3 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 14 Absatz 1 Nr. 1 EGBGB).

In wel­chem Ver­hält­nis die Anknüp­fun­gen in Arti­kel 19 Absatz 1 EGBGB ste­hen, ist im Ein­zel­nen umstrit­ten 3. Nach der ganz über­wie­gend ver­tre­te­nen Auf­fas­sung gilt das soge­nann­te Güns­tig­keits­prin­zip; danach ist die­je­ni­ge Anknüp­fungs­al­ter­na­ti­ve zu wäh­len, die für das Kind am Güns­tigs­ten ist. Das wird von der herr­schen­den Auf­fas­sung dahin ver­stan­den 4, dass das­je­ni­ge Sta­tut zu wäh­len sei, auf Grund des­sen eine Abstam­mung zuerst gesetz­lich fest­ge­stellt wer­den kann oder gericht­lich fest­ge­stellt wur­de. Letzt­lich kommt es auf die­se Fra­ge jedoch nicht an, weil sowohl das deut­sche als auch das marok­ka­ni­sche Recht zu einer recht­li­chen Vater­schaft des Betei­lig­ten zu 4 füh­ren.

Nach deut­schem Recht gilt das Kind bis zu einer erfolg­rei­chen Vater­schafts­an­fech­tung als Kind des recht­li­chen (marok­ka­ni­schen) Vaters, der zum Zeit­punkt sei­ner Geburt mit der Mut­ter ver­hei­ra­tet war (§ 1592 Nr. 1 BGB). Die­ser Zuord­nungs­grund ist nach deut­schem Recht vor­ran­gig gegen­über dem­je­ni­gen der Vater­schafts­an­er­ken­nung (§ 1592 Nr. 2 BGB). Dass die Aner­ken­nung mehr als fünf Jah­re zurück­liegt, recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Sind seit der Ein­tra­gung in ein deut­sches Per­so­nen­stands­buch fünf Jah­re ver­stri­chen, so ist die Aner­ken­nung nach § 1598 Absatz 2 BGB aller­dings grund­sätz­lich wirk­sam, auch wenn sie den Erfor­der­nis­sen der vor­ste­hen­den Vor­schrif­ten nicht genügt. Zu die­sen Vor­schrif­ten zählt zunächst auch § 1594 Absatz 2 BGB. Den­noch ist § 1598 Absatz 2 BGB nicht auf die Aner­ken­nungs­sper­re des § 1594 Absatz 2 BGB anzu­wen­den. Das ergibt eine teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung von § 1598 Absatz 2 BGB. Nach ihrem Zweck soll die Hei­lungs­vor­schrift des § 1598 Absatz 2 BGB zur Befrie­dung von Unklar­hei­ten über die Wirk­sam­keit der Aner­ken­nung füh­ren. Die Anwen­dung des § 1598 Absatz 2 BGB wür­de jedoch eine nicht denk­ba­re Dop­pel­va­ter­schaft zur Fol­ge haben 5.

Die Anwen­dung des marok­ka­ni­schen Rechts wür­de zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung füh­ren.

Grund­la­ge der Beur­tei­lung ist das am 5.02.2004 in Kraft getre­te­ne marok­ka­ni­sche Fami­li­en­ge­setz­buch. Über­gangs­re­ge­lun­gen, die eine Anwen­dung die­ses Rechts auf die Geburt der Betei­lig­ten zu 1 im Jah­re 2005 aus­schlie­ßen wür­den, sind nicht ersicht­lich.

Aus­gangs­punkt der Abstam­mungs­re­geln im marok­ka­ni­schen FamGB ist Arti­kel 151, wonach die väter­li­che Abstam­mung "auf­grund einer Ver­mu­tung fest­ge­stellt" und nur durch gericht­li­che Ent­schei­dung ent­kräf­tet wer­den kön­ne. In Arti­kel 152 FamGB heißt es dann, die väter­li­che Abstam­mung wer­de alter­na­tiv durch "ehe­li­che Koha­bi­ta­ti­on", Aner­ken­nung durch den Vater oder "irr­tüm­lich sexu­el­le Bezie­hun­gen" fest­ge­stellt. Zu der ers­ten Vari­an­te – ehe­li­che Koha­bi­ta­ti­on – heißt es in Arti­kel 154, dass die Abstam­mung auf die­sem Wege fest­ge­stellt wer­de, wenn das Kind min­des­tens sechs Mona­te nach Errich­tung der Eheur­kun­de gebo­ren wur­de und es "die Mög­lich­keit ehe­li­cher Bezie­hun­gen zwi­schen den Ehe­leu­ten gab".

Die Vor­aus­set­zung der "Koha­bi­ta­ti­on" ist for­mal zu ver­ste­hen. Sie wird zwar durch Zeu­gungs­un­fä­hig­keit des Ehe­manns, nicht aber durch sei­ne blo­ße Abwe­sen­heit aus­ge­schlos­sen. Der Begriff der Koha­bi­ta­ti­on lei­tet sich von dem ara­bi­schen Begriff al-Firasch für "das Bett" ab und "das Bett" in die­sem Sin­ne bedeu­tet nach der marok­ka­ni­schen Kom­men­tar­li­te­ra­tur die "rechts­gül­ti­ge Ehe". Die­se Beur­tei­lung ent­spricht einem Kon­sens im marok­ka­ni­schen Schrift­tum.

Die nach dem Gesetz bestehen­de zeit­li­che Vor­aus­set­zung für eine Abstam­mungs­fest­stel­lung auf­grund Koha­bi­ta­ti­on ist erfüllt, wenn die Geburt min­des­tens sechs Mona­te nach Ehe­schlie­ßung erfolgt.

Weder in den amt­li­chen Erläu­te­run­gen zum marok­ka­ni­schen FamGB noch in den Quel­len zur Rechts­pra­xis fin­den sich Hin­wei­se dar­auf, dass die vom Gesetz als Vor­aus­set­zung der Abstam­mungs­fest­stel­lung wei­ter ver­lang­te Mög­lich­keit des Ehe­voll­zugs bereits dann ent­fällt, wenn der Ehe­mann abwe­send sei. Der im ara­bi­schen Ori­gi­nal­text ver­wen­de­te Begriff amka­na hei­ße im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang, dass der Ehe­mann zur Zeu­gung "fähig sein" müs­se und nicht, dass er zur Zeu­gung "Gele­gen­heit haben" müs­se. Der Begriff der Tren­nung in Arti­kel 154 Nr. 2 FamGB Marok­ko ist als Ober­be­griff für die Ehe­auf­lö­sung durch Schei­dung oder Tod zu ver­ste­hen; tat­säch­li­che räum­li­che Distanz unter leben­den, nicht geschie­de­nen Ehe­leu­ten ist als sol­che unbe­acht­lich. Das ergibt sich aus den amt­li­chen Erläu­te­run­gen des Geset­zes­text, wonach der Ter­mi­nus "Tren­nung" die "Been­di­gung der ehe­li­chen Bezie­hung" bedeu­tet; eine – auch län­ge­re – räum­li­che Tren­nung oder eine Schei­dungs­ab­sicht genü­ge inso­weit nicht. Als "Tren­nung" gemäß Arti­kel 154 Nr. 2 FamGB ist nur eine Been­di­gung der Ehe durch Tod oder Schei­dung anzu­se­hen.

Auch nach marok­ka­ni­schem Recht schließt die auf­grund Ehe fest­ge­stell­te Vater­schaft eines Man­nes die Wirk­sam­keit eines Aner­kennt­nis­ses aus; in Arti­kel 160 Nr. 2 FamGB ist näm­lich gere­gelt, dass ein Aner­kennt­nis nicht mög­lich ist, wenn das betrof­fe­ne Kind "bekann­ter­ma­ßen von einem ande­ren" abstammt.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 9. April 2014 – 11 Wx 100/​12

  1. zitiert nach der deut­schen Über­set­zung in Bergmann/​Ferid, Stand der 186. Lie­fe­rung, Abschnitt Marok­ko, S. 15[]
  2. vgl. Nel­le in: Bergmann/​Ferid, Inter­na­tio­na­les Ehe- und Fami­li­en­recht, Stand der 186. Lie­fe­rung, Abschnitt Marok­ko, S. 60; Arti­kel 20 Zivil­stands­ge­setz vom 03.10.2002, deut­sche Über­set­zung zitiert nach eben­da, S. 98[]
  3. vgl. etwa BayO­bLG NJW-RR 2002, 1009; BeckOK/​BGB/​Heiderhoff, Edi­ti­on 27, Arti­kel 19, Rn.20 ff., jeweils m. w. N.[]
  4. eben­da, Rn. 21[]
  5. OLG Ros­tock Fam­RZ 2008, 2226 10 m. w. N.; Mün­che­ner Kom­men­tar/​Wellenhofer, BGB, 6. Auf­la­ge, § 1598, Rn. 24; jurisPK/​Nickel, 6. Auf­la­ge, § 1598, Rn. 12[]