Anrech­nung des Kin­der­gel­des auf den Kin­des­un­ter­halt

Die Neu­re­ge­lung der Kin­der­geld­an­rech­nung sowie die aus ihr fol­gen­de Berech­nung nach­ran­gig geschul­de­ten Ehe­gat­ten­un­ter­halts ver­sto­ßen nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz, ent­schied jetzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt.

Anrech­nung des Kin­der­gel­des auf den Kin­des­un­ter­halt

Nach der am 1. Janu­ar 2008 in Kraft getre­te­nen Reform des Unter­halts­rechts ori­en­tiert sich der dyna­mi­sche Kin­des­un­ter­halt nicht mehr an der Regel­be­trags­ver­ord­nung, son­dern an einem im Gesetz fest­ge­schrie­be­nen Min­dest­un­ter­halt, der sich in Anpas­sung an die Vor­schrif­ten des Steu­er­rechts nach dem dop­pel­ten Frei­be­trag für das Exis­tenz­mi­ni­mum eines Kin­des rich­tet. Das Kin­der­geld ist nach der Neu­re­ge­lung des § 1612b BGB zur Deckung des Bar­be­darfs des Kin­des zu ver­wen­den und zwar zur Hälf­te, wenn ein Eltern­teil sei­ne Unter­halts­pflicht durch Betreu­ung des Kin­des erfüllt, in allen ande­ren Fäl­len in vol­ler Höhe.

Der Bun­des­ge­richts­hof geht seit der Unter­halts­re­form davon aus, dass das Kin­der­geld nicht mehr – wie nach der frü­he­ren Rechts­la­ge – Ein­kom­men der Eltern, son­dern Ein­kom­men des Kin­des dar­stellt und daher vom Ein­kom­men des Unter­halts­pflich­ti­gen vor der Ermitt­lung geschul­de­ten Ehe­gat­ten­un­ter­halts nicht mehr der Tabel­len­be­trag, son­dern nur der Zahl­be­trag an Kin­des­un­ter­halt abzu­zie­hen ist 1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ist der Beschwer­de­füh­rer sowohl sei­ner Toch­ter als auch sei­ner geschie­de­nen Ehe­frau, bei der das gemein­sa­me Kind lebt, zu Unter­halt ver­pflich­tet. In Anwen­dung der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ermit­tel­te das Ober­lan­des­ge­richt den nach­ran­gi­gen Unter­halt der geschie­de­nen Ehe­frau unter Vor­weg­ab­zug des Zahl­be­tra­ges an Kin­des­un­ter­halt vom Ein­kom­men des Beschwer­de­füh­rers.

Die Neu­re­ge­lung der Kin­der­geld­an­rech­nung sowie die aus ihr fol­gen­de Berech­nung nach­ran­gig geschul­de­ten Ehe­gat­ten­un­ter­halts ver­sto­ßen nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz – so die Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts.

Es stellt kei­ne Ver­let­zung des Gebots der Gleich­be­hand­lung von Bar- und Betreu­ungs­un­ter­halt dar, dass das Ober­lan­des­ge­richt 2 das Kin­der­geld bereits auf den Unter­halts­be­darf der Toch­ter des Beschwer­de­füh­rers ange­rech­net und dem­zu­fol­ge bei der Ermitt­lung des nach­ran­gi­gen Ehe­gat­ten­un­ter­halts von des­sen Ein­kom­men nicht den Tabel­len­be­trag, son­dern ledig­lich den Zahl­be­trag an Kin­des­un­ter­halt abge­setzt hat.

Der Gesetz­ge­ber hat im Zuge der Unter­halts­rechts­re­form einen Sys­tem­wech­sel bei der Zuwei­sung des Kin­der­gel­des voll­zo­gen, das nun nicht mehr den Eltern, son­dern den Kin­dern selbst als deren eige­nes Ein­kom­men fami­li­en­recht­lich bin­dend und unab­hän­gig vom Außen­ver­hält­nis zwi­schen dem Bezugs­be­rech­tig­ten und der Fami­li­en­kas­se zuge­wie­sen ist. Die­se neue Zuwei­sung des Kin­der­gel­des ergibt sich aus dem Wort­laut des § 1612b BGB n.F., wonach die­ses zur Deckung des Bar­be­darfs des Kin­des zu ver­wen­den ist, und ent­spricht im Übri­gen dem Wil­len des Gesetz­ge­bers. Aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ergibt sich des Wei­te­ren, dass zur Ermitt­lung des nach­ran­gi­gen Ehe­gat­ten­un­ter­halts vom Ein­kom­men des Unter­halts­pflich­ti­gen infol­ge die­ser geän­der­ten Zuwei­sung nun­mehr ledig­lich der Zahl­be­trag an Kin­des­un­ter­halt abge­zo­gen wer­den soll 3.

Mit die­ser Ände­rung ist kei­ne Ungleich­be­hand­lung ver­bun­den. Die frü­he­re Bestim­mung des Kin­der­gel­des, nach der es den Eltern für deren eige­ne Zwe­cke zugu­te kam, ist ent­fal­len. Der Gesetz­ge­ber hat anläss­lich der Unter­halts­rechts­re­form bei­de Eltern­tei­le, unab­hän­gig davon, ob sie Bar- oder Betreu­ungs­un­ter­halt leis­ten, ver­pflich­tet, den auf sie ent­fal­len­den Kin­der­geld­an­teil aus­schließ­lich für den Unter­halt des Kin­des zu ver­wen­den. Nicht nur der Bar­un­ter­halts­pflich­ti­ge hat den auf den Bar­un­ter­halt ent­fal­len­den Kin­der­geld­an­teil voll­stän­dig für den Bar­un­ter­halt des Kin­des zu ver­wen­den mit der Fol­ge, dass von sei­nem unter­halts­recht­lich rele­van­ten Ein­kom­men nur der Zahl­be­trag an Kin­des­un­ter­halt abzu­set­zen ist. Auch der Betreu­ungs­un­ter­halts­pflich­ti­ge ist ver­pflich­tet, den auf ihn ent­fal­len­den Kin­der­geld­an­teil voll­stän­dig für den Betreu­ungs­un­ter­halt des Kin­des zu ver­wen­den. Dabei kann in Anbe­tracht der Ori­en­tie­rung der Höhe des Kin­der­gel­des am Exis­tenz­mi­ni­mum des Kin­des davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Bezugs­be­rech­tig­te das Kin­der­geld auch tat­säch­lich für die Bedürf­nis­se sei­nes Kin­des ver­wen­det.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Juli 2011 – 1 BvR 932/​10

  1. BGH, Urteil vom 27.05.2009 – XII ZR 78/​08 -, Fam­RZ 2009, S. 1300, 1304 ff.[]
  2. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 25.02.2010 – II‑7 UF 33/​08[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 27.05.2009 – XII ZR 78/​08 -, Fam­RZ 2009, S. 1300, 1304 ff; Borth, Unter­halts­än­de­rungs­ge­setz 2007, S. 240, 246 f.; Dose, Fam­RZ 2007, S. 1289, 1293; Ger­hardt, Fam­RZ 2007, S. 945, 948; Scholz, in: Wendl/​Staudigl, Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis, 7. Aufl. 2008, § 2 Rn. 501, 510; Scholz, Fam­RZ 2007, S. 2021, 2024[]