Auf­he­bung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern

Auch nach Erlass des Geset­zes zur Reform der elter­li­chen Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern vom 16. April 2013 und unter Gel­tung des gesetz­ge­be­ri­schen Leit­bil­des der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge kommt deren Auf­he­bung etwa dann in Betracht, wenn ein Eltern­teil wegen schwe­rer Straf­ta­ten zum Nach­teil des ande­ren (hier: mehr­fa­che Kör­per­ver­let­zung und Ver­ge­wal­ti­gung) rechts­kräf­tig ver­ur­teilt ist und die ent­spre­chen­den Taten nach wie vor in Abre­de nimmt.

Auf­he­bung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern

Mit dem Gesetz zur Reform der elter­li­chen Sor­ge nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­ter Eltern vom 16. April 2013 1 hat der Gesetz­ge­ber zwar dem gesetz­li­chen Leit­bild der gemein­sa­men elter­li­che Sor­ge Gel­tung ver­schafft. Danach erfor­dert eine Allein­sor­ge eines Eltern­teils über eine schwer­wie­gen­de und nach­hal­ti­ge Stö­rung der elter­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on hin­aus die Fest­stel­lung, daß den Eltern eine gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung nicht mög­lich sein wird und das Kind erheb­lich belas­tet wür­de, wenn sei­ne Eltern gezwun­gen wür­den, die elter­li­che Sor­ge gemein­sam zu tra­gen. Inso­fern rei­chen weder die blo­ße Ableh­nung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge durch die Kin­des­mut­ter noch selbst mani­fest gewor­de­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwie­rig­kei­ten der Kin­des­el­tern als sol­che aus 2.

Die Umstän­de des kon­kre­ten Streit­fal­les recht­fer­ti­gen im vor­lie­gend vom Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ent­schie­de­nen Fall aller­dings offen­kun­dig in die­sem Sin­ne die Fest­stel­lung, daß das erfor­der­li­che Zusam­men­wir­ken der Eltern im Rah­men einer gemein­sa­men Aus­übung der elter­li­chen Sor­ge im Kin­des­in­ter­es­se aus­ge­schlos­sen ist. Zugleich ist hin­rei­chend sicher, daß eine Ver­pflich­tung der Kin­des­mut­ter zur gemein­sa­men Aus­übung der elter­li­chen Sor­ge mit dem Kin­des­va­ter für die Kin­der erheb­lich belas­tend wäre. So ist es ange­sichts der rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung des Kin­des­va­ters wegen meh­re­rer schwe­rer und höchst­per­sön­li­cher Delik­te zum Nach­teil der Kin­des­mut­ter die­ser schlicht nicht zumut­bar, mit dem Kin­des­va­ter in der für eine gemein­sa­me Aus­übung der elter­li­chen Sor­ge erfor­der­li­chen Wei­se zu kom­mu­ni­zie­ren, ihn also über zumin­dest wesent­li­che Ent­wick­lun­gen auf dem Lau­fen­den zu hal­ten und mit ihm gemein­sam wesent­li­che Ent­schei­dun­gen zu erör­tern. Dies gilt umso mehr, als der Kin­des­va­ter sei­ne Taten nach wie vor aus­drück­lich in Abre­de nimmt, eine abschlie­ßen­de Ver­ar­bei­tung mit­hin nicht mög­lich sein wird. Bereits ein Zwang der Kin­des­mut­ter zu ent­spre­chen­der Kom­mu­ni­ka­ti­on wäre mit der kon­kre­ten Mög­lich­keit ihrer stän­di­gen Ret­rau­ma­ti­sie­rung ver­bun­den, durch die wie­der­um das aktu­el­le ver­läß­li­che Umfeld der Kin­der unmit­tel­bar gefähr­det wür­de. Schließ­lich ist auch zu berück­sich­ti­gen, daß die Ver­ge­wal­ti­gung durch den Kin­des­va­ter teil­wei­se in Anwe­sen­heit des gemein­sa­men Soh­nes erfolgt ist, ins­be­son­de­re die­ser also beson­ders schutz­be­dürf­tig vor jedem Wie­der­auf­le­ben des sei­ner­zei­ti­gen Gesche­hens im Bewußt­sein der Kin­des­mut­ter ist.

Auf die Fra­ge, inwie­weit der Kin­des­va­ter "das Straf­ver­fah­ren … inner­lich voll­stän­dig auf­ge­ar­bei­tet" hat (was ange­sichts sei­ner durch­ge­hen­den Leug­nung der Taten aller­dings bemer­kens­wert wäre), sowie auf eine behaup­te­te "unein­ge­schränk­te Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft" sei­tens des Kin­des­va­ters kommt es inso­fern dage­gen für sich nicht ent­schei­dend an.

Für eine Aus­übung der elter­li­chen Sor­ge allein durch den Kin­des­va­ter fehlt es bereits an den äuße­ren Min­dest­vor­aus­set­zun­gen, schon zumal die­ser sich zunächst noch eini­ge Zeit in Straf­haft befin­det und sei­ne Situa­ti­on im Anschluß dar­an völ­lig unge­wiß ist; zugleich hat er seit nahe­zu drei Jah­ren kei­ner­lei Kon­takt zu den Kin­dern.

Dem­ge­gen­über ist es der Kin­des­mut­ter nach den ver­schie­de­nen ein­ge­hol­ten Berich­ten gelun­gen, die am Ende des Zusam­men­le­bens der Kin­des­el­tern äußerst miß­li­che Situa­ti­on für die Kin­der unter sach­ge­rech­ter Inan­spruch­nah­me viel­fäl­ti­ger äuße­rer Hil­fe­stel­lun­gen wesent­lich zu sta­bi­li­sie­ren und die­sen mitt­ler­wei­le ein adäqua­tes Umfeld sicher­zu­stel­len. Die­ser Zustand wird von allen neu­tra­len Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten unein­ge­schränkt für erhal­tens­wert erach­tet. Nicht zuletzt ver­bie­tet auch der im Inter­es­se der Kin­der zu ach­ten­de Grund­satz der Kon­ti­nui­tät einen etwai­gen Wech­sel in die Obhut des Kin­des­va­ters.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 19. Mai 2014 – 10 UF 91/​14

  1. BGBl. I S. 795[]
  2. vgl. ins­ge­samt OLG, Beschluß vom 16.01.2014 – 10 UF 80/​13 , Fam­RZ 2014, 857 f. = NJW 2014, 1309 ff. = Nds­RPfl 2014, 123 ff. = NZFam 2014, 376 ff. = juris = BeckRS 2014, 02760[]
  3. vom 16.04.2013, BGBl. I S. 795[]