Aus­schluss­frist für die Betreu­er­ver­gü­tung

Nach § 1 Abs. 2 VBVG hat das Amts­ge­richt eine Ver­gü­tung zu bewil­li­gen, wenn es die Berufs­mä­ßig­keit der Vor­mund­schaft oder Betreu­ung gemäß § 1836 Abs. 1 Satz 2 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs (BGB) nach § 1 Abs. 1 VBVG fest­ge­stellt hat. Im Fall der Betreu­ung ist Ver­gü­tungs­schuld­ner der Betreu­te; ist die­ser mit­tel­los, so kann der Betreu­er die zu bewil­li­gen­de Ver­gü­tung aus der Staats­kas­se ver­lan­gen. Nach § 2 Satz 1 VBVG erlischt der Ver­gü­tungs­an­spruch, wenn er nicht bin­nen 15 Mona­ten nach sei­ner Ent­ste­hung beim Gericht gel­tend gemacht wird.

Aus­schluss­frist für die Betreu­er­ver­gü­tung

Eine hier­ge­gen gerich­te­te Rich­ter­vor­la­ge des Amts­ge­richts Ham­burg-Barm­bek 1 zur Fra­ge der Ver­ein­bar­keit von § 2 VBVG mit Art. 12 und Art. 14 GG hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nun als unzu­läs­sig ver­wor­fen, da das Amts­ge­richt nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts jeden­falls sei­ne Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von § 2 VBVG nicht hin­rei­chend dar­ge­legt hat:

Ein Vor­la­ge­be­schluss genügt dem Begrün­dungs­er­for­der­nis nur, wenn die Aus­füh­run­gen des Gerichts erken­nen las­sen, dass es sowohl die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­schrift als auch ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit sorg­fäl­tig geprüft hat 2. Das vor­le­gen­de Gericht muss hier­für deut­lich machen, mit wel­chem ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz die zur Prü­fung gestell­te Rege­lung sei­ner Ansicht nach nicht ver­ein­bar ist und aus wel­chen Grün­den es zu die­ser Auf­fas­sung gelangt ist. Inso­weit bedarf es ein­ge­hen­der, Recht­spre­chung und Schrift­tum ein­be­zie­hen­der Dar­le­gun­gen 3. Die Aus­füh­run­gen zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Norm müs­sen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fungs­maß­stab nen­nen und die für die Über­zeu­gung des Gerichts maß­ge­ben­den Erwä­gun­gen nach­voll­zieh­bar und umfas­send dar­le­gen 4. Dabei muss das Gericht auf nahe lie­gen­de tat­säch­li­che und recht­li­che Gesichts­punk­te ein­ge­hen 5.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird der Vor­la­ge­be­schluss nicht im Ansatz gerecht. Sei­ne Begrün­dung lässt bereits außer Acht, dass sich die kon­kre­te Reich­wei­te des Schut­zes der Eigen­tums­ga­ran­tie erst aus der Bestim­mung von Inhalt und Schran­ken des Eigen­tums ergibt, die nach Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG zunächst Sache des Gesetz­ge­bers ist 6. Auf­grund die­ses Fehl­ver­ständ­nis­ses der ver­fas­sungs­recht­li­chen Eigen­tums­ga­ran­tie geht der Vor­la­ge­be­schluss nicht auf die vor­ran­gi­ge Fra­ge ein, ob der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreu­ers in der vor­lie­gen­den gesetz­li­chen Aus­ge­stal­tung über­haupt durch Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG geschützt sein kann, wenn er nicht bin­nen 15 Mona­ten nach sei­ner Ent­ste­hung gel­tend gemacht wor­den ist. Nur in die­sem Fall könn­te die Rege­lung in § 2 VBVG in ein geschütz­tes sub­jek­ti­ves Recht ein­grei­fen.

Selbst wenn ein ent­spre­chen­der Schutz unter­stellt wird, setzt sich der Vor­la­ge­be­schluss mit der Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer ent­spre­chen­den Inhalts- und Schran­ken­be­stim­mung in Gestalt der fünf­zehn­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist, ins­be­son­de­re mit der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit die­ser Rege­lung, nur unge­nü­gend aus­ein­an­der. Der Gesetz­ge­ber ist bei der Bestim­mung von Inhalt und Schran­ken des Eigen­tums nicht gänz­lich frei. Er muss die schutz­wür­di­gen Inter­es­sen des Eigen­tü­mers und die Belan­ge des Gemein­wohls in einen gerech­ten Aus­gleich und in ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis brin­gen. Dabei ist er an den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gebun­den 7. Des­halb wäre zu prü­fen gewe­sen, ob Grün­de des all­ge­mei­nen Inter­es­ses gege­ben sind, zu deren Ver­wirk­li­chung die Rege­lung geeig­net und erfor­der­lich ist, ohne den Betrof­fe­nen über­mä­ßig und des­halb unzu­mut­bar zu belas­ten 8.

Mit Blick auf die frag­li­che Rege­lung in § 2 VBVG wäre des­halb das mit ihr ver­folg­te Ziel des Gesetz­ge­bers zu erör­tern gewe­sen. Die Vor­schrift ist dar­auf gerich­tet, den Betreu­er zur zügi­gen Gel­tend­ma­chung sei­ner Ansprü­che anzu­hal­ten und so mög­lichst zu ver­hin­dern, dass Ansprü­che in einer Höhe auf­lau­fen, die die Leis­tungs­fä­hig­keit des Betreu­ten als des vor­ran­gi­gen Schuld­ners über­for­dern. Es soll ver­hin­dert wer­den, dass ein Zuwar­ten mit der Gel­tend­ma­chung von Ver­gü­tungs­an­sprü­chen unter sol­chen Umstän­den die Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten begrün­det und eine Ein­tritts­pflicht der Staats­kas­se aus­löst, zu der es bei recht­zei­ti­ger Inan­spruch­nah­me des Betreu­ten nicht gekom­men wäre 9. Auf die­sen ver­fas­sungs­recht­lich legi­ti­men Zweck der Rege­lung sowie deren Erfor­der­lich­keit und Ange­mes­sen­heit zur Errei­chung des Zwecks geht der Vor­la­ge­be­schluss indes nicht ein. Glei­ches gilt für die in glei­cher Wei­se auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge der Recht­fer­ti­gung eines mög­li­chen Ein­griffs in Art. 12 GG.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. Sep­tem­ber 2015 – 1 BvL 9/​15

  1. AG Ham­burg-Barm­bek, Beschluss vom 28.07.2015 – 862 XVII R 1793[]
  2. vgl. BVerfGE 127, 335, 355[]
  3. vgl. BVerfGE 78, 165, 171 f.; 89, 329, 337[]
  4. vgl. BVerfGE 88, 70, 74; BVerfGK 14, 429, 432[]
  5. vgl. BVerfGE 86, 71, 78[]
  6. vgl. BVerfGE 53, 257, 292; 58, 81, 109 f.; 72, 9, 22; 116, 96, 124 f.; 122, 374, 391[]
  7. vgl. etwa BVerfGE 100, 226, 240 f.; 110, 1, 28; stRspr[]
  8. vgl. BVerfGE 21, 150, 155; 31, 275, 290; 36, 281, 293; 58, 137, 148; 72, 9, 23; 117, 272, 294; 122, 374, 391 f.; stRspr[]
  9. vgl. BT-Drs. 15/​4874, S. 30; BT-Drs. 13/​7158, S. 27; Mai­er, in: Jur­ge­leit, Betreu­ungs­recht, 3. Aufl., 2013, § 2 Rn. 1[]