Betreu­ung gegen den Wil­len des Betrof­fe­nen – und die Not­wen­dig­keit eines Ver­fah­rens­pfle­gers

Dass eine Betreu­ung gegen den Wil­len des Betrof­fe­nen ein­ge­rich­tet oder ver­län­gert wird, begrün­det für sich genom­men noch nicht die Not­wen­dig­keit, einen Ver­fah­rens­pfle­ger zu bestel­len 1.

Betreu­ung gegen den Wil­len des Betrof­fe­nen – und die Not­wen­dig­keit eines Ver­fah­rens­pfle­gers

Die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers ist in der Regel erfor­der­lich, wenn der Ver­fah­rens­ge­gen­stand eine Anord­nung einer Betreu­ung in allen Ange­le­gen­hei­ten als mög­lich erschei­nen lässt 2.

Nach § 295 Abs. 1 Satz 1 FamFG gel­ten für die Ver­län­ge­rung der Bestel­lung eines Betreu­ers oder der Anord­nung eines Ein­wil­li­gungs­vor­be­halts die Vor­schrif­ten über die erst­ma­li­ge Anord­nung die­ser Maß­nah­men ent­spre­chend. Nach § 276 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 FamFG ist die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers in der Regel erfor­der­lich, wenn Gegen­stand des Ver­fah­rens die Bestel­lung eines Betreu­ers zur Besor­gung aller Ange­le­gen­hei­ten des Betrof­fe­nen oder die Erwei­te­rung des Auf­ga­ben­krei­ses hier­auf ist, wenn sich das Ver­fah­ren auf eine Ent­schei­dung über den Fern­mel­de­ver­kehr des Betreu­ten und über die Ent­ge­gen­nah­me, das Öff­nen und das Anhal­ten sei­ner Post erstreckt (§ 1896 Abs. 4 BGB) oder die Ste­ri­li­sa­ti­on des Betreu­ten zum Gegen­stand hat (§ 1905 BGB). Dabei ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auf­grund der Bedeu­tung des Ver­fah­rens­ge­gen­stands die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers in der Regel schon dann erfor­der­lich, wenn der Ver­fah­rens­ge­gen­stand eine Anord­nung einer Betreu­ung in allen Ange­le­gen­hei­ten als mög­lich erschei­nen lässt 3. Abge­se­hen von den Regel­fäl­len nach § 276 Abs. 1 Nr. 2 FamFG hat das Gericht dem Betrof­fe­nen gemäß § 276 Abs. 1 Satz 1 FamFG einen Ver­fah­rens­pfle­ger zu bestel­len, wenn dies zur Wahr­neh­mung sei­ner Inter­es­sen erfor­der­lich ist. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hängt die Not­wen­dig­keit der Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers vom Grad der Krank­heit oder Behin­de­rung des Betrof­fe­nen sowie von der Bedeu­tung des jewei­li­gen Ver­fah­rens­ge­gen­stands ab 4.

Aller­dings begrün­det der Umstand, dass die Betreu­ung letzt­lich gegen den Wil­len des Betrof­fe­nen ein­ge­rich­tet oder ver­län­gert wird, weil die­ser nicht in der Lage ist, einen der Betreu­ung ent­ge­gen­ste­hen­den frei­en Wil­len nach § 1896 Abs. 1 a BGB zu bil­den, für sich genom­men noch nicht die Not­wen­dig­keit, einen Ver­fah­rens­pfle­ger zu bestel­len. Etwas Ande­res folgt auch nicht aus dem BGH-Beschluss vom 29.06.2011 5. Zur Wah­rung des recht­li­chen Gehörs kommt es viel­mehr dar­auf an, ob der Betrof­fe­ne die Mög­lich­keit hat, sei­ne Inter­es­sen gegen­über dem Betreu­ungs­ge­richt gel­tend zu machen und sei­nen Wil­len kund­zu­tun. Das wird noch nicht dadurch aus­ge­schlos­sen, dass der Betrof­fe­ne etwa wegen man­geln­der Krank­heits­ein­sicht nicht in der Lage ist, die Not­wen­dig­keit der Betreu­ung zu erken­nen. Ob in die­sem Fall die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers zur Wahr­neh­mung der Inter­es­sen des Betrof­fe­nen not­wen­dig ist, hängt viel­mehr von den wei­te­ren Umstän­den, ins­be­son­de­re vom Grad der Krank­heit oder Behin­de­rung des Betrof­fe­nen sowie von der Bedeu­tung des jewei­li­gen Ver­fah­rens­ge­gen­stands ab 4. Je weni­ger der Betrof­fe­ne in der Lage ist, sei­ne Inter­es­sen selbst wahr­zu­neh­men, je ein­deu­ti­ger erkenn­bar ist, dass die geplan­ten Betreu­ungs­maß­nah­men gegen sei­nen natür­li­chen Wil­len erfol­gen und je schwe­rer und nach­hal­ti­ger der beab­sich­tig­te Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen ist, umso eher ist die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers erfor­der­lich 6.

Die Begrün­dung des Amts­ge­richts dafür, dass im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren von einer Ver­fah­rens­pfle­ger­be­stel­lung abge­se­hen wor­den ist, ist unzu­tref­fend. Das Amts­ge­richt hat in sei­nem Beschluss dar­auf abge­stellt, dass auf­grund der durch­ge­führ­ten Ermitt­lun­gen die Betreu­ungs­be­dürf­tig­keit für die ange­ord­ne­ten Wir­kungs­krei­se und die Geeig­net­heit des Betreu­ers offen­kun­dig sei­en. Die­se Grün­de tra­gen ein Abse­hen von der Ver­fah­rens­pfle­ger­be­stel­lung nicht, weil es auf die Offen­kun­dig­keit inso­weit nicht ankommt und die Ver­fah­rens­pfle­ger­be­stel­lung gera­de auch in die­sem Fall das recht­li­che Gehör nach Art. 103 Abs. 1 GG gewähr­leis­ten soll. Dem Beschluss des Land­ge­richts man­gelt es gänz­lich an einer Begrün­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Mai 2014 – XII ZB 705/​13

  1. Abgren­zung zu BGH, Beschluss vom 29.06.2011 XII ZB 19/​11 Fam­RZ 2011, 1577[]
  2. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 04.08.2010 XII ZB 167/​10 Fam­RZ 2010, 1648; und vom 07.08.2013 XII ZB 223/​13 Fam­RZ 2013, 1648[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 04.08.2010 XII ZB 167/​10 Fam­RZ 2010, 1648 Rn. 11 f.; vom 28.09.2011 XII ZB 16/​11 Fam­RZ 2011, 1866 Rn. 9; und vom 07.08.2013 XII ZB 223/​13 Fam­RZ 2013, 1648 Rn. 11[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 13.11.2013 XII ZB 339/​13 Fam­RZ 2014, 192 Rn. 10; und vom 11.12 2013 XII ZB 280/​11 Fam­RZ 2014, 378 Rn. 11[][]
  5. BGH, Beschluss vom 29.06.2011 – XII ZB 19/​11 Fam­RZ 2011, 1577 Rn. 8 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 11.12 2013 XII ZB 280/​11 Fam­RZ 2014, 378 Rn. 11 mwN[]