Der Diplom-Ver­wal­tungs­wirt als Berufs­be­treu­er – und sei­ne Vergütung

Der Umstand, dass die von einem Berufs­be­treu­er abge­schlos­se­ne Berufs­aus­bil­dung im beam­ten­recht­li­chen Lauf­bahn­recht dem Diplom einer Fach­hoch­schu­le gleich­ge­stellt und dem Betreu­er im Wege der sog. Nach­di­plo­mie­rung ein aka­de­mi­scher Grad (hier: Diplom­Ver­wal­tungs­wirt) zuer­kannt wor­den ist, kann für die Ver­gleich­bar­keit sei­ner Aus­bil­dung mit einer (Fach-)Hochschulausbildung spre­chen1.

Der Diplom-Ver­wal­tungs­wirt als Berufs­be­treu­er – und sei­ne Vergütung

Nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG aF bzw. § 4 Abs. 3 Nr. 2 VBVG kann ein Berufs­be­treu­er eine Ver­gü­tung mit einem Stun­den­satz von 44 € oder mit einer erhöh­ten Fall­pau­scha­le nach Ver­gü­tungs­ta­bel­le C ver­lan­gen, wenn er über beson­de­re Kennt­nis­se ver­fügt, die für die Füh­rung der Betreu­ung nutz­bar sind, und die­se Kennt­nis­se durch eine abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung an einer Hoch­schu­le oder eine ver­gleich­ba­re abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung erwor­ben sind.

Zutref­fend geht das im vor­lie­gen­den Fall in der Beschwer­de­instanz täti­ge Land­ge­richt Saar­brü­cken2 aller­dings davon aus, dass der Betreu­er kei­ne abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung an einer (Fach-)Hochschule besitzt. Der Betreu­er hat­te sei­ne Aus­bil­dung für den Lauf­bahn­ab­schnitt des geho­be­nen Poli­zei­voll­zugs­diens­tes begon­nen oder been­det, bevor im Saar­land durch das Gesetz über die Fach­hoch­schu­le für Ver­wal­tung (FHSVG) vom 27.02.19803 eine Fach­hoch­schu­le als Aus­bil­dungs­ein­rich­tung für Beam­te des geho­be­nen Ver­wal­tungs- und Poli­zei­voll­zugs­diens­tes errich­tet wor­den ist. Er gehör­te damit zu einem Per­so­nen­kreis, dem nach der Ver­ord­nung über die Nach­di­plo­mie­rung der Beam­ten des geho­be­nen Diens­tes der all­ge­mei­nen Ver­wal­tung und des Poli­zei­voll­zugs­diens­tes vom 08.05.19854 unter der wei­te­ren Vor­aus­set­zung, dass die Befä­hi­gung für die Lauf­bahn oder den Lauf­bahn­ab­schnitt nach im Saar­land gel­ten­dem Recht durch eine Prü­fung erwor­ben wor­den ist, die staat­li­che Bezeich­nung „Diplom­Ver­wal­tungs­wirt“ ver­lie­hen wer­den konn­te. Die Nach­di­plo­mie­rung ändert indes­sen nichts dar­an, dass die Aus­bil­dung des Betreu­ers nicht an einer (Fach-)Hochschule absol­viert wor­den ist.

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Einer Hoch­schul­aus­bil­dung ver­gleich­bar ist eine Aus­bil­dung, die in ihrer Wer­tig­keit einer Hoch­schul­aus­bil­dung ent­spricht und einen for­ma­len Abschluss auf­weist. Gleich­wer­tig ist eine Aus­bil­dung nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wenn sie staat­lich regle­men­tiert oder zumin­dest staat­lich aner­kannt ist und der durch sie ver­mit­tel­te Wis­sens­stand nach Art und Umfang dem eines Hoch­schul­stu­di­ums ent­spricht. Als Kri­te­ri­en kön­nen somit ins­be­son­de­re der mit der Aus­bil­dung ver­bun­de­ne Zeit­auf­wand, der Umfang und Inhalt des Lehr­stoffs und die Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den. Für die Annah­me der Ver­gleich­bar­keit einer Aus­bil­dung mit einer Hoch­schul- oder Fach­hoch­schul­aus­bil­dung kann auch spre­chen, wenn die durch die Abschluss­prü­fung erwor­be­ne Qua­li­fi­ka­ti­on Zugang zu beruf­li­chen Tätig­kei­ten ermög­licht, deren Aus­übung übli­cher­wei­se Hoch­schul­ab­sol­ven­ten vor­be­hal­ten ist5.

Die Fra­ge, unter wel­chen Umstän­den ein Berufs­be­treu­er im Ein­zel­fall die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, die gemäß § 4 Abs. 3 VBVG bzw. § 4 Abs. 1 Satz 2 VBVG aF die Bewil­li­gung einer erhöh­ten Ver­gü­tung recht­fer­ti­gen, obliegt einer wer­ten­den Betrach­tung des Tatrich­ters. Des­sen Wür­di­gung kann im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüft wer­den, ob er die maß­ge­ben­den Tat­sa­chen voll­stän­dig und feh­ler­frei fest­ge­stellt und gewür­digt, Rechts­be­grif­fe ver­kannt oder Erfah­rungs­sät­ze ver­letzt und die all­ge­mein aner­kann­ten Maß­stä­be berück­sich­tigt und rich­tig ange­wandt hat6.

Die Ent­schei­dung des Land­ge­richts Saar­brü­cken begeg­net aber auch nach die­sen ein­ge­schränk­ten Prü­fungs­maß­stä­ben recht­li­chen Bedenken.

Zwar durf­te das Land­ge­richt Saar­brü­cken in sei­ne Wer­tung ein­flie­ßen las­sen, dass die Zulas­sung zu der von dem Betreu­er absol­vier­ten Aus­bil­dung nach sei­nen Fest­stel­lun­gen nicht an die Erlan­gung der all­ge­mei­nen Hoch­schul­rei­fe oder der Fach­hoch­schul­rei­fe geknüpft gewe­sen ist7. Dem­ge­gen­über hat es aber wesent­li­che, für die Ver­gleich­bar­keit der Aus­bil­dung des Betreu­ers mit einer erfolg­reich absol­vier­ten Aus­bil­dung an der Fach­hoch­schu­le für Ver­wal­tung spre­chen­de Gesichts­punk­te nicht oder recht­lich unzu­tref­fend gewürdigt.

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Der Umstand, dass der Betreu­er durch die Nach­di­plo­mie­rung den glei­chen aka­de­mi­schen Grad erwor­ben hat, der auch Absol­ven­ten einer Fach­hoch­schu­le für Ver­wal­tung ver­lie­hen wird, ist zwar für sich genom­men noch kein Beleg, wohl aber ein Indiz für die Ver­gleich­bar­keit der Aus­bil­dungs­gän­ge8. Unter dem Aspekt der Eröff­nung eines sonst (Fach-)Hochschulabsolventen vor­be­hal­te­nen beruf­li­chen Tätig­keits­felds kann es als wei­te­res Indiz für die Ver­gleich­bar­keit der Aus­bil­dun­gen gewer­tet wer­den, wenn der von dem Betreu­er erwor­be­ne Berufs­ab­schluss im beam­ten­recht­li­chen Lauf­bahn­recht dem mit einem Bache­lor abge­schlos­se­nen Hoch­schul­stu­di­um, dem Diplom einer Fach­hoch­schu­le oder dem akkre­di­tier­ten Bache­lor­ab­schluss an einer Berufs­aka­de­mie gleich­ge­stellt wird9. Inso­weit hat der Betreu­er durch die Vor­la­ge der Beschei­ni­gung des saar­län­di­schen Minis­te­ri­ums für Inne­res, Bau­en und Sport vom 29.05.2020 nach­ge­wie­sen, dass sein Aus­bil­dungs­gang beam­ten­lauf­bahn­recht­lich dem – erst spä­ter ein­ge­führ­ten – Aus­bil­dungs- und Vor­be­rei­tungs­dienst mit Fach­hoch­schul­stu­di­um an der Fach­hoch­schu­le für Ver­wal­tung des Saar­lands entspricht.

Unter die­sen Umstän­den hat das Land­ge­richt Saar­brü­cken – trotz der gebo­te­nen Anle­gung eines stren­gen Maß­stabs an die Prü­fung der Ver­gleich­bar­keit ‑sei­nen tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lungs­spiel­raum über­schrit­ten, wenn es die Ver­gleich­bar­keit der Aus­bil­dun­gen ver­neint, ohne wei­te­re Fest­stel­lun­gen dazu zu tref­fen, ob in dem Aus­bil­dungs­gang des Betreu­ers eine wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­te Wis­sens­ver­mitt­lung statt­ge­fun­den hat, die inhalt­lich und in ihrem zeit­li­chen Umfang dem Fach­hoch­schul­stu­di­um mit einer Regel­stu­di­en­zeit von sechs Semes­tern10 ent­spricht. Dies hat der Betreu­er mehr­fach gel­tend gemacht.

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Der ange­foch­te­ne Beschluss ist des­halb gemäß § 74 Abs. 5 FamFG auf­zu­he­ben. Da noch ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fest­stel­lun­gen zu tref­fen sind, ist die Sache nach § 74 Abs. 6 Satz 1 und 2 FamFG an das Land­ge­richt Saar­brü­cken zurück­zu­ver­wei­sen. Soll­te sich im Zuge der wei­te­ren Ermitt­lun­gen erge­ben, dass der Aus­bil­dungs­gang des Betreu­ers in sei­nem zeit­li­chen Umfang einem Fach­hoch­stu­di­um an der Fach­hoch­schu­le für Ver­wal­tung des Saar­lands ent­sprach, gibt die Zurück­ver­wei­sung dem Land­ge­richt Saar­brü­cken zugleich Gele­gen­heit, sich auf der Grund­la­ge der Aus­bil­dungs­in­hal­te die Fra­ge vor­zu­le­gen, ob die auf die Tätig­keit im Poli­zei­voll­zugs­dienst aus­ge­rich­te­te Aus­bil­dung des Betreu­ers im Kern­be­reich auf die Ver­mitt­lung betreu­ungs­re­le­van­ter (Rechts)Kenntnisse gerich­tet war.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Juni 2021 – XII ZB 491/​20

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 11.12.2019 – XII ZB 258/​19 , NJWRR 2020, 259[]
  2. LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 30.10.2020 – 5 T 356/​20[]
  3. ABl.1980 S. 449[]
  4. ABl.1985 S. 509[]
  5. BGH, Beschluss vom 04.11.2020 – XII ZB 230/​20 , FamRZ 2021, 306 Rn. 10 mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 04.11.2020 – XII ZB 230/​20 , FamRZ 2021, 306 Rn. 11 mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 11.12.2019 – XII ZB 258/​19 , NJWRR 2020, 259 Rn. 3[]
  8. vgl. MünchKommBGB/​Fröschle 8. Aufl. VBVG § 4 Rn. 17[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 11.12.2019 – XII ZB 258/​19 , NJWRR 2020, 259 Rn. 4; vgl. auch BGH, Beschluss vom 30.10.2013 – XII ZB 23/​13 , FamRZ 2014, 117 Rn. 16[]
  10. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 04.04.2012 – XII ZB 447/​11 , NJWRR 2012, 774 Rn. 18[]

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