Die Kos­ten der Ergän­zungs­pfle­ge­rin – und die Fra­ge der unrich­ti­gen Sach­be­hand­lung

Ent­schei­det das Gericht nach § 81 Abs. 1 FamFG abschlie­ßend über die Kos­ten des gesam­ten Ver­fah­rens, hat es auch zu prü­fen, ob von der Erhe­bung von Gerichts­kos­ten, die durch eine unrich­ti­ge Sach­be­hand­lung ent­stan­den sind, nach § 81 Abs. 1 Satz 2 FamFG abge­se­hen wer­den kann.

Die Kos­ten der Ergän­zungs­pfle­ge­rin – und die Fra­ge der unrich­ti­gen Sach­be­hand­lung

Die für die Kos­ten­ent­schei­dung maß­geb­li­che Rege­lung in § 81 Abs. 1 Satz 1 FamFG stellt es in das pflicht­ge­mä­ße Ermes­sen des Gerichts, ob und in wel­chem Umfang eine Kos­ten­ent­schei­dung sach­ge­recht ist.

Ist die Kos­ten­ent­schei­dung sol­cher­ma­ßen in das Ermes­sen des Tatrich­ters gestellt, kann die Ent­schei­dung im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüft wer­den, ob das Gericht sein Ermes­sen feh­ler­haft aus­ge­übt oder die gesetz­li­chen Gren­zen sei­nes Ermes­sen über­schrit­ten hat 1. Eine Ermes­sens­ent­schei­dung ist auch dann rechts­feh­ler­haft, wenn das Gericht von einem unzu­tref­fen­den recht­li­chen Ansatz aus­ge­gan­gen ist, der ihm den Zugang zu einer ermes­sens­feh­ler­frei­en Ent­schei­dung ver­sperrt hat 2.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass die Kos­ten­ver­tei­lung in Ver­fah­ren zur Fest­stel­lung der Vater­schaft nicht nach einem von dem kon­kre­ten Ein­zel­fall unab­hän­gi­gen Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis vor­ge­nom­men wer­den kann, son­dern in jedem kon­kre­ten Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher maß­geb­li­chen Umstän­de zu tref­fen ist 3.

Aller­dings kann von der Erhe­bung der Kos­ten, die durch die die geset­zes­wid­ri­ge Bestel­lung der Ergän­zungs­pfle­ge­rin (vgl. § 1629 Abs. 3 Satz 2 BGB) ent­stan­den sind, auch nach § 81 Abs. 1 Satz 2 FamFG abge­se­hen wer­den.

Trifft das Beschwer­de­ge­richt eine abschlie­ßen­de Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che, hat es gemäß § 81 Abs. 1 FamFG über die Kos­ten des Ver­fah­rens der ers­ten und zwei­ten Instanz zu befin­den 4. Es kann dabei auch nach § 81 Abs. 1 Satz 2 FamFG von der Erhe­bung von Gerichts­kos­ten für eine oder bei­de Instan­zen abse­hen 5. Die Vor­schrift ermög­licht es zudem, von der Erhe­bung ein­zel­ner Gerichts­kos­ten, ins­be­son­de­re von Aus­la­gen (vgl. § 1 Abs. 1 Satz 1 FamG­KG), abzu­se­hen 6. Nach der Geset­zes­be­grün­dung kommt ein Abse­hen von der Kos­ten­er­he­bung regel­mä­ßig dann in Betracht, wenn es nach dem Ver­lauf oder dem Aus­gang des Ver­fah­rens unbil­lig erscheint, die Betei­lig­ten mit den Gerichts­kos­ten des Ver­fah­rens zu belas­ten 7. Da die­se Vor­aus­set­zung auch dann erfüllt sein kann, wenn der Kos­ten­schuld­ner mit Aus­la­gen belas­tet wird, die wie im vor­lie­gen­den Fall durch eine unrich­ti­ge Sach­be­hand­lung des Gerichts ent­stan­den sind, hat das Gericht im Rah­men der Kos­ten­ent­schei­dung nach § 81 Abs. 1 FamFG zu prü­fen, ob es bil­li­gem Ermes­sen ent­spricht, die­se Kos­ten nicht zu erhe­ben 8.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass in § 20 FamG­KG ein geson­der­tes Ver­fah­ren für die Nicht­er­he­bung von Kos­ten, die bei rich­ti­ger Sach­be­hand­lung durch das Gericht nicht ent­stan­den wären, gere­gelt ist. Nach die­ser Vor­schrift kann aus Grün­den der Gebüh­ren­ge­rech­tig­keit im Kos­ten­an­satz­ver­fah­ren von Amts wegen oder auf Antrag des Kos­ten­schuld­ners von der Erhe­bung von Kos­ten 9 abge­se­hen wer­den, die bei rich­ti­ger Sach­be­hand­lung nicht ent­stan­den wären. Der Rege­lung liegt der Gedan­ke zugrun­de, dass der Kos­ten­schuld­ner nicht mit Mehr­kos­ten belas­tet wer­den soll, die durch eine unrich­ti­ge Sach­be­hand­lung des Gerichts ent­stan­den sind 10. § 20 FamG­KG dient daher dem­sel­ben Zweck wie § 81 Abs. 1 Satz 2 FamFG, aus Grün­den der Bil­lig­keit von der Erhe­bung ange­fal­le­ner Gerichts­kos­ten im Ein­zel­fall abzu­se­hen.

Das Erfor­der­nis, im Rah­men der Kos­ten­ent­schei­dung nach § 81 Abs. 1 FamFG dar­über zu befin­den, ob Kos­ten, die durch eine unrich­ti­ge Sach­be- hand­lung des Gerichts ent­stan­den sind, nicht erho­ben wer­den, wird durch das Ver­fah­ren nach § 20 FamG­KG auch nicht aus­ge­schlos­sen 11. Zwar kommt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine Nicht­er­he­bung von Kos­ten nach der gleich­lau­ten­den Vor­schrift des § 21 GKG nur dann in Betracht, wenn das Gericht gegen eine kla­re gesetz­li­che Rege­lung ver­sto­ßen, ins­be­son­de­re einen schwe­ren Ver­fah­rens­feh­ler began­gen hat, der offen zu Tage tritt 12. Durch die­se Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs der Vor­schrift soll ver­hin­dert wer­den, dass es zu einer Ket­te nicht enden­der Nicht­er­he­bungs­ver­fah­ren kommt 13, weil die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ver­su­chen, im Kos­ten­an­satz­ver­fah­ren eine erneu­te Über­prü­fung der Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che zu errei­chen. Die­se Gefahr besteht jedoch nicht, wenn das Gericht in der Haupt­sa­che abschlie­ßend über die Kos­ten des Ver­fah­rens ent­schei­det und die für die Kos­ten­ent­schei­dung maß­geb­li­che Vor­schrift wie § 81 Abs. 1 Satz 2 FamFG die Mög­lich­keit vor­sieht, von der Erhe­bung von Gerichts­kos­ten aus Grün­den der Bil­lig­keit abzu­se­hen. Damit wäre es in die­sen Fäl­len auch aus ver­fah­rens­öko­no­mi­schen Grün­den nicht sinn­voll, den Kos­ten­schuld­ner auf eine mög­li­che Antrag­stel­lung im Kos­ten­an­satz­ver­fah­ren zu ver­wei­sen.

Trotz die­ses Ermes­sens­feh­lers ist im hier ent­schie­de­nen Fall die vom Beschwer­de­ge­richt getrof­fe­ne Kos­ten­ent­schei­dung auch in die­sem Punkt im Ergeb­nis nicht zu bean­stan­den. Auf­grund der Erwä­gun­gen, die das Beschwer­de­ge­richt im Rah­men der Prü­fung des § 20 Abs. 1 Satz 1 FamG­KG ange­stellt hat, und der wei­te­ren von ihm getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen i.S.v. § 81 Abs. 1 FamFG, von der Nicht­er­he­bung der durch die feh­ler­haf­te Bestel­lung der Ergän­zungs­pfle­ge­rin ent­stan­de­nen Kos­ten abzu­se­hen. Der Betei­lig­te zu 2 hat selbst die Bestel­lung des Jugend­am­tes zum Ergän­zungs­pfle­ger bean­tragt. Erst auf sei­nen Antrag hin und nach­dem die Antrag­stel­le­rin ihren Antrag auf Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe unter Bei­ord­nung von Rechts­an­wäl­tin E. als Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te zurück­ge­nom­men hat­te, hat das Amts­ge­richt Rechts­an­wäl­tin E. zur Ergän­zungs­pfle­ge­rin bestellt. Zudem hat das Beschwer­de­ge­richt den Aus­füh­run­gen des Betei­lig­ten zu 2 im Beschwer­de­ver­fah­ren zu Recht ent­nom­men, dass er mit der von ihm bean­trag­ten Bestel­lung des Jugend­amts die Erwar­tung ver­bun­den hat­te, die­ses wür­de aus Kin­des­wohl­grün­den von der Durch­füh­rung eines Ver­fah­rens zur Vater­schafts­fest­stel­lung abse­hen.

Unter die­sen Umstän­den ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen i.S.v. § 81 Abs. 1 FamFG, dass der Betei­lig­te zu 2 die Kos­ten, die durch die Bestel­lung der Ergän­zungs­pfle­ge­rin ent­stan­den sind, jeden­falls antei­lig zu tra­gen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Janu­ar 2015 – XII ZB 143/​14

  1. BGH, Beschluss vom 19.02.2014 XII ZB 15/​13 Fam­RZ 2014, 744 Rn. 14[]
  2. vgl. BGHZ 115, 311 = NJW 1992, 171, 174[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 19.02.2014 XII ZB 15/​13 Fam­RZ 2014, 744 Rn. 11 ff.[]
  4. vgl. Keidel/​Zimmermann FamFG 18. Aufl. § 84 Rn. 8; Prütting/​Helms/​Feskorn FamFG 3. Aufl. § 81 Rn. 6[]
  5. vgl. Keidel/​Zimmermann FamFG 18. Aufl. § 84 Rn. 8[]
  6. Prütting/​Helms/​Feskorn FamFG 3. Aufl. § 81 Rn. 6[]
  7. BT-Drs. 16/​6308 S. 215[]
  8. vgl. Horndasch/​Viefhues/​Götsche FamFG 3. Aufl. § 81 Rn. 32[]
  9. Gebüh­ren und Aus­la­gen, § 1 Abs. 1 Satz 1 FamG­KG[]
  10. vgl. zur gleich­lau­ten­den Vor­schrift des § 21 GKG Binz/​Dörndorfer/​Petzold/​Zimmermann GKG 3. Aufl. § 21 GKG Rn. 1[]
  11. vgl. Keidel/​Zimmermann FamFG 18. Aufl. § 81 Rn.20; Horndasch/​Viefhues/​Götsche FamFG 3. Aufl. § 81 Rn. 32; a.A. Prütting/​Helms/​Feskorn FamFG 3. Aufl. § 81 Rn. 17; Beck­OK FamFG/​Nickel [Stand: 1.09.2014] § 81 Rn. 16[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 04.05.2005 XII ZR 217/​04 NJW-RR 2005, 1230; BGHZ 98, 318, 320 = NJW 1987, 1023 und BGH Beschluss vom 10.03.2003 – IV ZR 306/​00 NJW-RR 2003, 1294, jeweils zu § 21 GKG[]
  13. BGH, Beschluss vom 04.05.2005 XII ZR 217/​04 NJW-RR 2005, 1230[]