Haf­tungs­an­tei­le der Eltern beim Unter­halt pri­vi­le­gier­ter Voll­jäh­ri­ger

Nach § 1606 Abs. 3 Satz 1 BGB haf­ten meh­re­re gleich nahe Ver­wand­te antei­lig nach ihren Erwerbs- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen, was auch für soge­nann­te pri­vi­le­gier­te Voll­jäh­ri­ge nach § 1603 Abs. 2 Satz 2 BGB – also für acht­zehn- bis zwan­zig­jäh­ri­ge Schü­ler all­ge­mein­bil­den­der Schu­len, die bei einem Eltern­teil woh­nen – gilt 1. Die Haf­tungs­an­tei­le wer­den von der Unter­halts­pra­xis in Durch­schnitts­fäl­len als Quo­te anhand des ver­tei­lungs­fä­hi­gen Ein­kom­mens berech­net, wel­ches dem ober­halb des dem Unter­halts­pflich­ti­gen zu belas­sen­den Selbst­be­halts (Sockel­be­trag) ver­füg­ba­ren Ein­kom­men ent­spricht.

Haf­tungs­an­tei­le der Eltern beim Unter­halt pri­vi­le­gier­ter Voll­jäh­ri­ger

Die Fra­ge, ob beim Unter­halt von soge­nann­ten pri­vi­le­gier­ten Voll­jäh­ri­gen im Sin­ne von § 1603 Abs. 2 Satz 2 BGB vom ange­mes­se­nen oder not­wen­di­gen Selbst­be­halt als Sockel­be­trag aus­zu­ge­hen ist, ist aller­dings umstrit­ten 2. Der Bun­des­ge­richts­hof hat ver­ein­zelt auf den not­wen­di­gen Selbst­be­halt abge­stellt 3, wäh­rend er in einem die Haf­tungs­quo­ten beim Min­der­jäh­ri­gen­un­ter­halt betref­fen­den Fall auf den ange­mes­se­nen Selbst­be­halt abge­ho­ben hat 4.

Jeden­falls unter den Umstän­den des vor­lie­gen­den Falls muss auf den ange­mes­se­nen Selbst­be­halt abge­stellt wer­den. Nach § 1603 Abs. 1 BGB ist nicht unter­halts­pflich­tig, wer bei Berück­sich­ti­gung sei­ner sons­ti­gen Ver­pflich­tun­gen außer­stan­de ist, ohne Gefähr­dung sei­nes ange­mes­se­nen Unter­halts den Unter­halt zu gewäh­ren. Dar­aus folgt, dass der in den Leit­li­ni­en der Ober­lan­des­ge­rich­te hier­für vor­ge­se­he­ne soge­nann­te ange­mes­se­ne Selbst­be­halt grund­sätz­lich nicht ange­grif­fen wer­den muss, um Unter­halt zah­len zu kön­nen. Etwas ande­res gilt nach § 1603 Abs. 2 Satz 1 BGB, wenn Eltern nach dem Maß­stab des § 1603 Abs. 1 BGB leis­tungs­un­fä­hig sind (Man­gel­fall). Nach § 1603 Abs. 2 Satz 3 BGB tritt die­se Ver­pflich­tung jedoch nicht ein, wenn ein ande­rer unter­halts­pflich­ti­ger Ver­wand­ter vor­han­den ist, wovon der ande­re Eltern­teil nicht aus­ge­nom­men ist 5. Das bedeu­tet im Fall der Leis­tungs­fä­hig­keit eines Eltern­teils, dass bei dem ande­ren Eltern­teil die Opfer­gren­ze für den Unter­halt unver­än­dert beim ange­mes­se­nen Selbst­be­halt nach § 1603 Abs. 1 BGB ver­bleibt und eine wei­ter­ge­hen­de Unter­halts­pflicht nicht besteht 6.

Etwas ande­res folgt auch nicht aus der grund­sätz­lich bestehen­den gestei­ger­ten Unter­halts­pflicht bei­der Eltern. Denn die­se greift nur im Man­gel­fall ein, der wie­der­um nur vor­liegt, wenn auch der ange­mes­se­ne Selbst­be­halt des ande­ren Eltern­teils nicht gewahrt ist. In die­sem Sin­ne hat der Senat bereits für den zusätz­lich zum Regel­be­darf ent­ste­hen­den Mehr­be­darf wegen Kin­der­gar­ten­kos­ten ent­schie­den 4. Die Lage ist mit dem vor­lie­gen­den Fall ver­gleich­bar, weil es in bei­den Fäl­len um die antei­li­ge Haf­tung der Eltern nach § 1606 Abs. 3 BGB geht und im Man­gel­fall auf­grund von § 1603 Abs. 2 BGB vom not­wen­di­gen Selbst­be­halt aus­zu­ge­hen ist. Der prak­ti­sche Vor­teil, dass ein Abstel­len auf den not­wen­di­gen Selbst­be­halt eine ein­stu­fi­ge und damit ein­fa­che­re Berech­nung der Haf­tungs­quo­ten ermög­licht, recht­fer­tigt es nicht, den ange­mes­se­nen Selbst­be­halt eines Eltern­teils ent­ge­gen den ein­deu­ti­gen gesetz­li­chen Wer­tun­gen auch dann für den Unter­halt her­an­zu­zie­hen, wenn kein Man­gel­fall vor­liegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Janu­ar 2011 – XII ZR 83/​08

  1. BGH, Urteil vom 31.10.2007 – XII ZR 112/​05, Fam­RZ 2008, 137 Rn. 19, 43; a.A.: Johannsen/​Henrich/​Graba Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 1606 Rn. 9[]
  2. vgl. etwa Schwab/​Borth Hand­buch des Schei­dungs­rechts 6. Aufl. V Rn. 176 ff. mwN; Wohl­ge­muth in Eschenbruch/​Klinkhammer Der Unter­halts­pro­zess 5. Aufl. Kap. 3 Rn. 371, 384; FA-Fam­R/Ger­hardt 7. Aufl. Kap. 6 Rn. 302; Wendl/​Klinkhammer Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 7. Aufl. § 2 Rn. 468 ff., 295 ff. mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 17.01.2007 – XII ZR 166/​04, Fam­RZ 2007, 542 Rn. 31[]
  4. BGH, Urteil vom 26.11.2008 – XII ZR 65/​07, Fam­RZ 2009, 962 Rn. 32[][]
  5. BGH, Urteil vom 07.11.1990 – XII ZR 123/​89, Fam­RZ 1991, 182, 183 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 31.10.2007 – XII ZR 112/​05, Fam­RZ 2008, 137 Rn. 39; vgl. auch Götz in Schnitz­ler Mün­che­ner Anwalts­hand­buch Fami­li­en­recht 3. Aufl. § 7 Rn. 131[]
  7. BGH, Urteil vom 12.12.2012 – XII ZR 43/​11[]