Iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung in Fami­li­en­streit­sa­chen

Die iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung in einer Fami­li­en­streit­sa­che ist nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart nicht statt­haft (§§ 231 Abs. 1 Nr. 1 und 2, 112 Nr. 1, 113 Abs. 1 S. 2 FamFG, 99 Abs. 1 ZPO).

Iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung in Fami­li­en­streit­sa­chen

Die Auf­fas­sung, dass die iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung in Fami­li­en­streit­sa­chen unzu­läs­sig ist, ist aller­dings nicht unum­strit­ten. Zunächst besteht aber – soweit ersicht­lich – Einig­keit dar­über, dass in Fami­li­en­sa­chen außer­halb der Fami­li­en­streit­sa­chen (§ 111 Nr. 2 bis 7 FamFG) eine iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung – anders als nach frü­he­rem Recht (§ 20a FGG) – mög­lich ist [1]. Dies ent­spricht auch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers [2].

Das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg [3] ist der Auf­fas­sung, dass die Mög­lich­keit der iso­lier­ten Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung auch in Fami­li­en­streit­sa­chen besteht. Der oben unter 1. ange­spro­che­ne Aus­schluss des Kos­ten­rechts der §§ 80 bis 84 FamFG durch § 113 Abs. 1 S. 1 FamFG habe nicht auch die Anwen­dung des Rechts­mit­tel­rechts der Zivil­pro­zess­ord­nung auf Kos­ten­ent­schei­dun­gen in Fami­li­en­streit­sa­chen zur Fol­ge. Viel­mehr ver­blei­be es bei der Anwen­dung der §§ 58 ff. FamFG. Damit fin­de § 99 Abs. 1 ZPO kei­ne Anwen­dung.

Jeden­falls aber, so ein zwei­ter Argu­men­ta­ti­ons­strang des OLG Olden­burg [4], ver­drän­ge § 243 FamFG als lex spe­cia­lis die Anwen­dung des § 99 ZPO.

Dem ist nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart jedoch nicht zu fol­gen: Der Ver­weis auf das Kos­ten­recht der Zivil­pro­zess­ord­nung in § 113 Abs. 1 S. 2 FamFG hat nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers zur Fol­ge, dass auch das zuge­hö­ri­ge Rechts­mit­tel­recht nach der Zivil­pro­zess­ord­nung Anwen­dung fin­det. Nach der bereits zitier­ten Geset­zes­be­grün­dung [5] soll­te das Ver­bot der iso­lier­ten Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung für den Bereich der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit auf­ge­ho­ben wer­den, also aus­drück­lich nicht für Fami­li­en­streit­sa­chen. Der Gesetz­ge­ber ging somit von der wei­te­ren Anwend­bar­keit des § 99 Abs. 1 ZPO auf Fami­li­en­streit­sa­chen aus. Noch deut­li­cher folgt aus der BT-Drs. 16/​12717 [6], dass nach der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers das Rechts­mit­tel­sys­tem der Zivil­pro­zess­ord­nung auf Kos­ten­ent­schei­dun­gen in Fami­li­en­streit­sa­chen Anwen­dung fin­den soll. Dort wird der im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren aus der rich­ter­li­chen Pra­xis geäu­ßer­te Wunsch, klar­zu­stel­len, ob gegen Kos­ten­ent­schei­dun­gen nach Erle­di­gung der Haupt­sa­che oder nach Antrags­rück­nah­me in Fami­li­en­streit­sa­chen die Beschwer­de nach § 58 FamFG oder die sofor­ti­ge Beschwer­de statt­fin­det, mit der Begrün­dung abge­lehnt, dass sich dies bereits ohne Klar­stel­lung aus dem Gesetz erge­be; die Beschwer­de nach § 58 Abs. 1 FamFG fin­de nur statt, sofern durch Gesetz nichts ande­res bestimmt ist; § 113 Abs. 1 S. 2 FamFG sei eine sol­che ande­re Bestim­mung, die zur Anwen­dung der §§ 91a Abs. 2 und 269 Abs. 5 ZPO füh­re.

Die damit zum Aus­druck gebrach­te Ein­schät­zung, dass der Wort­laut des § 113 Abs. 1 S. 2 FamFG ohne wei­te­res zur Anwen­dung des Rechts­mit­tel­rechts der ZPO auf Kos­ten­ent­schei­dun­gen in Fami­li­en­streit­sa­chen füh­re, ist zwar nicht zwin­gend. Der Wil­le des Gesetz­ge­bers ist den­noch mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit im Geset­zes­text zum Aus­druck gekom­men, wenn auch in ganz ande­rem Zusam­men­hang, näm­lich im FamGKG. Die Nr. 1910 des Kos­ten­ver­zeich­nis­ses zum FamGKG sieht eine Gebühr von 75 € für „Ver­fah­ren über die Beschwer­de in den Fäl­len des § 71 Abs. 2, § 91 a Abs. 2, § 99 Abs. 2 und § 269 Abs. 5 ZPO“ vor. Wäre die Auf­fas­sung zutref­fend, dass Kos­ten­ent­schei­dun­gen in Fami­li­en­streit­sa­chen mit der Beschwer­de nach § 58 FamFG ohne Berück­sich­ti­gung des Rechts­mit­tel­rechts der ZPO anzu­fech­ten sind, wäre die Bestim­mung über­flüs­sig [7]. Sowohl die sys­te­ma­ti­sche Aus­le­gung als auch die Berück­sich­ti­gung des Wil­lens des Gesetz­ge­bers füh­ren somit zum Ergeb­nis, dass in Fami­li­en­streit­sa­chen die Anfech­tung von Kos­ten­ent­schei­dun­gen nach den Bestim­mun­gen des Kos­ten­rechts der ZPO zu beur­tei­len ist [8]. Damit ist auch eine iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung gemäß § 99 Abs. 1 ZPO aus­ge­schlos­sen [9].

Auch § 243 FamFG steht der Anwen­dung des Beschwer­de­rechts nach der ZPO nicht ent­ge­gen. Die Vor­schrift tritt nach ihrem kla­ren Wort­laut nur inso­weit an die Stel­le der Zivil­pro­zess­ord­nung, als die Kos­ten­ver­tei­lung, also die Kos­ten­grund­ent­schei­dung, betrof­fen ist [10] und ersetzt nicht die Vor­schrif­ten der ZPO über die Kos­ten ins­ge­samt [11]. Für das Rechts­mit­tel­recht trifft die Norm also kei­ne Aus­sa­ge.

Aller­dings ermög­licht § 243 FamFG dem Gericht, die Kos­ten nach bil­li­gem Ermes­sen zu ver­tei­len. Es liegt somit eine Situa­ti­on vor, die der ver­gleich­bar ist, die den Gesetz­ge­ber ver­an­lasst hat, für den Bereich der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit die iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung zuzu­las­sen [12]. § 81 FamFG lässt aber nicht nur eine Kos­ten­ent­schei­dung nach bil­li­gem Ermes­sen zu, son­dern ermög­licht mit sei­nem Abs. 2 auch die kos­ten­recht­li­che Sank­tio­nie­rung uner­wünsch­ter Ver­hal­tens­wei­sen eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten. Ein sol­cher Sank­ti­ons­cha­rak­ter ist zwar auch § 243 FamFG nicht völ­lig fremd (S. 2 Nr. 2 und Nr. 3; ver­gleich­bar: § 150 Abs. 4 S. 2 FamFG), doch geht § 81 Abs. 2 FamFG dar­über deut­lich hin­aus. Dies recht­fer­tigt es, die bei­den Nor­men hin­sicht­lich der iso­lier­ten Anfech­tung von Kos­ten­ent­schei­dun­gen unter­schied­lich zu behan­deln [13]; ob die iso­lier­te Anfech­tung von Kos­ten­ent­schei­dun­gen nach § 150 Abs. 4 FamFG eben­falls aus­ge­schlos­sen ist, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung.

Schließ­lich spre­chen auch sys­te­ma­ti­sche Grün­de dafür, aus § 243 FamFG kei­ne Son­der­re­ge­lung für das Rechts­mit­tel­recht bezüg­lich der Kos­ten­ent­schei­dung in Fami­li­en­streit­sa­chen abzu­lei­ten. Für Güter­rechts­sa­chen und sons­ti­ge Fami­li­en­sa­chen (§ 112 Nr. 2 und 3 FamFG) exis­tiert näm­lich kei­ne dem § 243 FamFG ent­spre­chen­de kos­ten­recht­li­che Son­der­re­ge­lung. Woll­te man § 243 FamFG so ver­ste­hen, dass dadurch die Mög­lich­keit der iso­lier­ten Anfech­tung eröff­net wür­de, wür­de dadurch ein bis­her ein­heit­li­ches Rechts­mit­tel­sys­tem aller Fami­li­en­streit­sa­chen durch­bro­chen [14].

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 10. Janu­ar 2011 – 15 WF 2/​11

  1. OLG Stutt­gart, FamRZ 2010, 664; OLG Bre­men, Beschluss vom 20.09.2010 – 4 WF 119/​10; Zöller/​Feskorn, ZPO, 28. Aufl., 2010, § 58 FamFG, Rn. 5; Kei­del/­Mey­er-Holz, FamFG, 16. Aufl., 2009, § 58, Rn. 95[]
  2. BT-Drs. 16/​6308, S. 168: „Um den Betei­lig­ten eine Über­prü­fung die­ser Ermes­sens­ent­schei­dung [gemeint ist die Kos­ten­ent­schei­dung nach § 81 FamFG] zu eröff­nen, wird das Ver­bot der iso­lier­ten Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung für den Bereich der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit auf­ge­ho­ben“[]
  3. OLG Olden­burg, FamRZ 2010, 1831[]
  4. OLG Olden­burg, a.a.O.[]
  5. BT-Drs. 16/​6308, S. 168, unter I. 10. (§§ 80 ff. FamFG) []
  6. BT-Drs. 16/​12717, S. 60 zu Buch­sta­be m (Ände­rung von § 117 FamFG), Abs. 1 a.E.[]
  7. so OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 11.10.2010 – 6 UF 72/​10[]
  8. zu die­sem Ergeb­nis gelan­gen auch: KG, NJW 2010, 3588; OLG Nürn­berg, FamRZ 2010, 1837; OLG Saar­brü­cken a.a.O m.w.N.; OLG Olden­burg, Beschluss vom 08.10.2010 – 4 WF 226/​10; Kei­del/­Mey­er-Holz, a.a.O., § 58, Rn. 97; Zöller/​Herget, ZPO, a.a.O., § 243 FamFG, Rn. 10[]
  9. OLG Olden­burg, Beschluss vom 08.10.2010 – 4 WF 226/​10; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 01.12.2010 – 17 UF 242/​10, für eine Fami­li­en­streit­sa­che nach § 266 FamFG; Kei­del/­Mey­er-Holz a.a.O., § 58, Rn. 95; Götz, NJW 2010, 897, 902; MünchKomm/​Dötsch, ZPO, 3. Aufl., § 243 FamFG, Rn. 11[]
  10. OLG Olden­burg, Beschluss vom 08.10.2010 – 4 WF 226/​10; Zöller/​Herget, a.a.O., § 243 FamFG, Rn. 9[]
  11. so aber OLG Olden­burg, FamRZ 2010, 1831[]
  12. dazu die bereits zitier­te BT-Drs. 16/​6308, S. 168; ent­spre­chend ist nach Helms in Prütting/​Helms, FamFG, 1. Aufl., 2009, § 150 Rn. 19 f. die iso­lier­te Anfech­tung der Ermes­sens­ent­schei­dung des § 150 Abs. 4 FamFG aus teleo­lo­gi­schen Erwä­gun­gen zuzu­las­sen[]
  13. so OLG Olden­burg, Beschluss vom 08.10.2010 – 4 WF 226/​10[]
  14. dar­auf weist OLG Olden­burg, Beschluss vom 08.10.2010 – 4 WF 226/​10, hin[]