Kei­ne Begut­ach­tung nach Akten­la­ge im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Der Sach­ver­stän­di­ge hat den Betrof­fe­nen vor der Erstel­lung des Gut­ach­tens per­sön­lich zu unter­su­chen; eine Begut­ach­tung nach Akten­la­ge ist grund­sätz­lich nicht zuläs­sig.

Kei­ne Begut­ach­tung nach Akten­la­ge im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Für das Auf­he­bungs­ver­fah­ren gel­ten die §§ 278 Abs. 1, 280 FamFG, die die per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen und die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens vor­schrei­ben, nicht. Es ver­bleibt inso­weit bei den all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­re­geln und damit bei den Grund­sät­zen der Amts­er­mitt­lung 1.

Zwar ist danach die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens im Auf­he­bungs­ver­fah­ren nicht obli­ga­to­risch. Wenn aber ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten wie hier ein­ge­holt wird und das Gericht sei­ne Ent­schei­dung dar­auf stützt, so muss die­ses den for­ma­len Anfor­de­run­gen des § 280 FamFG genü­gen 2.

Gemäß § 280 Abs. 2 Satz 1 FamFG hat der Sach­ver­stän­di­ge den Betrof­fe­nen vor der Erstat­tung des Gut­ach­tens per­sön­lich zu unter­su­chen oder zu befra­gen 3. Ein ohne die erfor­der­li­che per­sön­li­che Unter­su­chung erstat­te­tes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ist grund­sätz­lich nicht ver­wert­bar 4.

Die Wei­ge­rung des Betrof­fe­nen, einen Kon­takt mit dem Sach­ver­stän­di­gen zuzu­las­sen, ist kein hin­rei­chen­der Grund, von einer per­sön­li­chen Unter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen abzu­se­hen 5. Wirkt der Betrof­fe­ne an einer Begut­ach­tung nicht mit, so kann das Gericht gemäß § 283 Abs. 1 und Abs. 3 FamFG sei­ne Vor­füh­rung anord­nen 6.

Wie das Amts­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall im Ein­zel­nen dar­ge­legt hat, hat der Sach­ver­stän­di­ge den Betrof­fe­nen nicht per­sön­lich unter­sucht. Zwar führt das Amts­ge­richt aus, nach den Dar­le­gun­gen des Sach­ver­stän­di­gen böten die Viel­zahl der zur Akte gelang­ten Schrei­ben des Betrof­fe­nen eine aus­rei­chen­de Basis für die Dia­gno­se und zur Erstel­lung eines psych­ia­tri­schen Gut­ach­tens. Dies ver­mag gleich­wohl die per­sön­li­che Unter­su­chung des Betrof­fe­nen nicht zu erset­zen. Das Amts­ge­richt hät­te des­we­gen erwä­gen müs­sen, den Betrof­fe­nen zur gut­ach­ter­li­chen Unter­su­chung vor­füh­ren zu las­sen. Dabei hängt die Erstat­tung des Gut­ach­tens im Ergeb­nis nicht davon ab, dass ein ver­ba­ler Kon­takt zwi­schen dem Betrof­fe­nen und dem Sach­ver­stän­di­gen her­ge­stellt wer­den kann. Der Sach­ver­stän­di­ge ist nicht gehin­dert, im Fall einer durch den Betrof­fe­nen ver­wei­ger­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on aus des­sen Gesamt­ver­hal­ten in Ver­bin­dung mit ande­ren Erkennt­nis­sen Schlüs­se auf ein bestimm­tes Krank­heits­bild zu zie­hen 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. August 2014 – XII ZB 179/​14

  1. BGH, Beschluss vom 02.02.2011 XII ZB 467/​10 Fam­RZ 2011, 556 Rn. 9 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 09.11.2011 XII ZB 286/​11 Fam­RZ 2012, 104 Rn. 15 f.[]
  3. s. auch BT-Drs. 16/​6308 S. 267[]
  4. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 280 Rn. 16 mwN[]
  5. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 280 Rn. 18 mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 17.10.2012 – XII ZB 181/​12 , Fam­RZ 2013, 31 Rn. 18; BT-Drs. 16/​6308 S. 268[]
  7. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 280 Rn.19[]