Ver­tre­tung des min­der­jäh­ri­gen Kin­des im Kind­schafts­ver­fah­ren

Zur Ver­tre­tung des min­der­jäh­ri­gen Kin­des im Kind­schafts­ver­fah­ren hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof erneut ( (im Anschluss an BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – XII ZB 12/​11, Fam­RZ 2011, 1788)) Stel­lung genom­men. Der Bun­des­ge­richts­hof hält die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­bei­stands – und nicht eines mit wei­ter­ge­hen­den Befug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Ergän­zungs­pfle­gers – für aus­rei­chend.

Ver­tre­tung des min­der­jäh­ri­gen Kin­des im Kind­schafts­ver­fah­ren

Wie der Bun­des­ge­richts­hof nach Erlass des ange­foch­te­nen Beschlus­ses ent­schie­den hat, führt das Vor­lie­gen eines erheb­li­chen Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes zwi­schen Kind und Eltern nicht not­wen­di­ger­wei­se zur Ent­zie­hung der elter­li­chen Ver­tre­tungs­be­fug­nis. Da es sich bei der Ent­zie­hung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis um einen Ein­griff in das Eltern­recht han­delt, ist viel­mehr der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu beach­ten. Daher hat das Gericht vor Ent­zie­hung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis in jedem Fall zu prü­fen, ob dem Inter­es­sen­ge­gen­satz nicht auf ande­re Wei­se Rech­nung getra­gen wer­den kann. Wenn mil­de­re Maß­nah­men mög­lich sind, um dem Inter­es­sen­kon­flikt wirk­sam zu begeg­nen, ist die Ent­zie­hung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis über­mä­ßig und daher rechts­wid­rig 1.

Die Wahr­neh­mung der Kin­des­in­ter­es­sen ist hin­ge­gen in einem auf die Per­son bezo­ge­nen Kind­schafts­ver­fah­ren die ori­gi­nä­re Auf­ga­be des Ver­fah­rens­bei­stands. Dass in Fäl­len des wesent­li­chen Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes von Eltern und Kind stets eine Ent­zie­hung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis ange­zeigt wäre, kann nicht als Wil­le des Gesetz­ge­bers unter­stellt wer­den, schon weil er sich damit zu sei­ner abge­wo­ge­nen eige­nen Ent­schei­dung zur Reich­wei­te der Inter­es­sen­ver­tre­tung des Kin­des im Ver­hält­nis zum Eltern­recht und zur Ver­mei­dung von Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen in Wider­spruch gesetzt hät­te 2. Dass der Ver­fah­rens­bei­stand nicht gesetz­li­cher Ver­tre­ter des Kin­des ist, begrün­det nicht die Not­wen­dig­keit, die elter­li­che Ver­tre­tungs­be­fug­nis zu ent­zie­hen. Gera­de die der Rege­lung in § 158 Abs. 4 Satz 6 FamFG zugrun­de lie­gen­den Erwä­gun­gen zei­gen, dass es nach den Vor­stel­lun­gen des Gesetz­ge­bers mit der Bestel­lung des Ver­fah­rens­bei­stands als Inter­es­sen­ver­tre­ter des Kin­des selbst bei Inter­es­sen­kon­flik­ten regel­mä­ßig auch bewen­den soll 3.

§ 1796 BGB ist dem­nach im Zusam­men­hang mit Kind­schafts­ver­fah­ren dahin zu ver­ste­hen, dass eine Ent­zie­hung der elter­li­chen Ver­tre­tungs­be­fug­nis dann nicht ange­ord­net wer­den darf, wenn durch die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­bei­stands bereits auf ande­re Wei­se für eine wirk­sa­me Inter­es­sen­ver­tre­tung des Kin­des Sor­ge getra­gen wer­den kann. Das ist in Ver­fah­ren, wel­che die Per­son des Kin­des betref­fen, der Fall. Die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­bei­stands ist dabei nicht auf Ver­fah­ren, die die Per­so­nen­sor­ge betref­fen, beschränkt, son­dern erfasst alle Ver­fah­ren, die sich nicht aus­schließ­lich auf Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­hei­ten bezie­hen 4.

Nach den vor­ste­hen­den Maß­stä­ben war im vor­lie­gen­den Fall die Bestel­lung eines Ver­fah­rens­bei­stands zuläs­sig und aus­rei­chend. Die Bestel­lung eines Ergän­zungs­pfle­gers ist dem­nach wie die damit ver­bun­de­ne Ent­zie­hung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis nicht gebo­ten und daher unzu­läs­sig.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Janu­ar 2012 – XII ZB 489/​11

  1. BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – XII ZB 12/​11, Fam­RZ 2011, 1788 Rn. 18 mN[]
  2. BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – XII ZB 12/​11, Fam­RZ 2011, 1788 Rn.20, 25[]
  3. BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – XII ZB 12/​11, Fam­RZ 2011, 1788 Rn. 22[]
  4. BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – XII ZB 12/​11, Fam­RZ 2011, 1788 Rn. 29[]