Ver­wir­kung von Eltern­un­ter­halt – der Säug­ling in der Sowjet­uni­on

Mit der Ver­wir­kung von Eltern­un­ter­halts­an­sprü­chen, die auf Vor­gän­ge außer­halb des Anwen­dungs­be­reichs deut­schen Rechts gestützt wer­den soll, hat­te sich jetzt das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le zu befas­sen.

Ver­wir­kung von Eltern­un­ter­halt – der Säug­ling in der Sowjet­uni­on

Kon­kret ging es um einem Fall, in dem ein Säug­lings in der Zeit ab 1956 in der dama­li­gen Sowjet­uni­on nach dem Tod der Mut­ter an die Groß­el­tern über­ge­ge­ben wor­den war. Das OLG Cel­le sah – anders als das erst­in­stanz­lich täti­ge Amts­ge­richt – im Hin­blick auf den Eltern­un­ter­halt gleich­wohl einen Aus­kunfts­an­spruch des Vaters gegen sein Kind:

Inhalt­lich kommt vor einer sol­chen Aus­kunfts­er­tei­lung und damit einer Klä­rung der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Antrags­geg­ners eine Abwei­sung des Anspru­ches der Antrag­stel­le­rin ins­ge­samt regel­mä­ßig nicht in Betracht. Es ent­spricht viel­mehr herr­schen­der Auf­fas­sung, daß vor einer Prü­fung des Ein­wan­des aus § 1611 BGB die Höhe des in Rede ste­hen­den Unter­halts­an­spru­ches fest­zu­stel­len ist [1].

Auch kann das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le der­zeit auch kein siche­res Feh­len eines Unter­halts­an­spru­ches des Vaters fest­ge­stel­len.

Im Rah­men einer Ent­schei­dung nach § 1611 BGB ist eine umfas­sen­de Abwä­gung vor­zu­neh­men ist, in deren Rah­men regel­mä­ßig gera­de auch die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des auf Unter­halt in Anspruch Genom­me­nen beson­de­re Bedeu­tung haben. Dies gilt schon des­we­gen, weil die Rechts­fol­ge selbst einer vor­sätz­li­chen schwe­ren Ver­feh­lung gegen den Unter­halts­pflich­ti­gen nicht etwa der auto­ma­ti­sche Weg­fall der Unter­halts­pflicht, son­dern viel­mehr eine sol­che in Höhe eines Betra­ges zur Fol­ge hat, die der Bil­lig­keit ent­spricht.

Schließ­lich hat das Amts­ge­richt die von ihm für den Ver­wir­kungs­vor­wurf her­an­ge­zo­ge­nen Umstän­de in der Jugend des Antrags­geg­ners, zu denen von bei­den Sei­ten bis­lang ledig­lich rudi­men­tär vor­ge­tra­gen wor­den ist, jeden­falls nicht in dem offen­kun­dig gebo­te­nen zeit­li­chen und recht­li­chen Kon­text [2] gewür­digt. Das Amts­ge­richt hat die unstrei­tig 1956 in der dama­li­gen Sowjet­uni­on spie­len­de Situa­ti­on ersicht­lich nach den aktu­el­len Maß­stä­ben des deut­schen Rechts bewer­tet. Dies stellt aber weder in his­to­ri­scher noch in recht­li­cher Hin­sicht den zutref­fen­den Bezugs­rah­men dar. Ob gegen­über dem Unter­halts­be­rech­tig­ten in Anse­hung der recht­li­chen Vor­ga­ben wie der tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten in der Sowjet­uni­on des Jah­res 1956 aus den weni­gen vor­ge­tra­ge­nen Umstän­den ein unter­halt­maß­geb­li­cher Vor­wurf im Sin­ne einer vor­sätz­li­chen schwe­ren Ver­feh­lung gemacht wer­den kann, bedürf­te zumin­dest einer sorg­fäl­ti­gen Prü­fung unter Berück­sich­ti­gung des bis­lang in kei­ner Wei­se fest­ge­stell­ten sei­ner­zei­ti­gen recht­li­chen wie sozia­len Kon­text. Dabei trifft im übri­gen die vol­le Dar­le­gungs- und ggf. Beweis­last für die tat­säch­li­chen Grund­la­gen des Ver­wir­kungs­ein­wan­des den Unter­halts­schuld­ner [3].

Es erscheint schon zwei­fel­haft, ob die Tat­sa­che, daß der Unter­halts­be­rech­tig­te den Antrags­geg­ner nach dem Tod der Kin­des­mut­ter im unmit­tel­ba­ren Säug­lings­al­ter in die – ihm im wei­te­ren nicht ersicht­lich in irgend­ei­ner Wei­se abträg­li­che – Obhut der Groß­el­tern gege­ben hat, über­haupt als eine Ver­feh­lung ange­se­hen wer­den kann. Jeden­falls aber wäre eine sol­che auch danach zu beur­tei­len, wel­che recht­li­chen Pflich­ten das dama­li­ge Recht der Sowjet­uni­on dem Vater eines Halb­wai­sen über­haupt auf­er­leg­te und ob der Vater sei­ner­zeit und im für die frag­li­che Fami­lie maß­geb­li­chen sozia­len Kon­text über­haupt ande­re Hand­lungs­op­tio­nen hat­te. Ver­gleich­bar hat etwa das Ober­lan­des­ge­richt in einem Fall, in dem die Mut­ter eines 1943 nicht­ehe­lich in Ober­schle­si­en gebo­re­nen Kin­des die­ses Anfang 1945 im Haus­halt der Groß­mutter ließ und nach West­deutsch­land umzog, das Vor­lie­gen einer schwe­ren Ver­feh­lung ver­neint [4].

Soweit das Amts­ge­richt im übri­gen davon aus­geht, der Vater habe „zu kei­ner Zeit im Leben des Antrags­geg­ners für die­sen Ver­ant­wor­tung getra­gen und kei­ne eige­nen Leis­tun­gen bei des­sen Erzie­hung und Ver­sor­gung erbracht“ ist dies nicht ein­mal vom Antrags­geg­ner gel­tend gemacht wor­den. Nach des­sen Vor­trag ist es in der Fol­ge­zeit viel­mehr durch­aus zu einer nicht uner­heb­li­chen Betei­li­gung des Vaters an sei­nem Leben gekom­men.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 19. August 2014 – 10 UF 186/​14

  1. vgl. OLG Hamm, Urteil vom 19.10.2001 – 11 UF 36/​01, NJW-RR 2002, 650 f., MDR 202, 521 f.; Paland­t73-Bru­der­mül­ler, BGB § 1611 Rz. 1 m.w.N.[]
  2. vgl. inso­fern bereits OLG Cel­le, Urteil vom 02.11.2010 – 10 UF 176/​10 – juris = Beck­RS 2011, 17047 [in FamRZ 2011 987 f. nur redak­tio­nel­ler Leit­satz][]
  3. vgl. Wend­l8-Klink­ham­mer, § 2 Rn. 608; Paland­t73-Bru­der­mül­ler, BGB § 1611 Rz. 11[]
  4. vgl. OLG Cel­le, Urteil vom 02.11.2010 aaO[]