Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Unter­halts­ti­tels – und des­sen zwi­schen­zeit­li­che Aufhebung

Erklä­ren die Betei­lig­ten das Ver­fah­ren nach § 57 AUG auf Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Unter­halts­ti­tels in der Rechts­be­schwer­de­instanz des­halb in der Haupt­sa­che über­ein­stim­mend für erle­digt, weil zwi­schen­zeit­lich der aus­län­di­sche Unter­halts­ti­tel auf­ge­ho­ben wor­den ist, ent­spricht es regel­mä­ßig bil­li­gem Ermes­sen im Sinn von § 243 FamFG iVm § 2 AUG, dem Antrag­stel­ler (Titel­gläu­bi­ger) die Kos­ten des gesam­ten Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens aufzuerlegen.

Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Unter­halts­ti­tels – und des­sen zwi­schen­zeit­li­che Aufhebung

Bei einer wirk­sa­men über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­rung der Betei­lig­ten hat das mit dem Ver­fah­ren der Voll­streck­bar­er­klä­rung befass­te Rechts­mit­tel­ge­richt auf Antrag des Antrag­stel­lers gemäß § 2 AUG, § 113 Abs. 1 FamFG iVm § 269 Abs. 3 Satz 1 und Abs. 4 Satz 1 ZPO in ent­spre­chen­der Anwen­dung aus­zu­spre­chen, dass die vor­in­stanz­li­chen Ent­schei­dun­gen wir­kungs­los sind1. Eine im Rechts­mit­tel­zug erfolg­te über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­rung setzt für ihre Wirk­sam­keit die Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels vor­aus2. Die Rechts­be­schwer­de ist gemäß § 57 iVm § 46 Abs. 1 AUG zulas­sungs­frei statt­haft, weil sich der Antrags­geg­ner mit sei­nem Rechts­mit­tel gegen die Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Unter­halts­ti­tels nach dem Haa­ger Über­ein­kom­men über die inter­na­tio­na­le Gel­tend­ma­chung der Unter­halts­an­sprü­che von Kin­dern und ande­ren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen vom 23.11.2007 (Haa­ger Unter­halts­über­ein­kom­men 2007 – HUÜ 2007)3 wen­det4.

Die über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­rung der Betei­lig­ten führt auch recht­lich bin­dend zur Been­di­gung des vor­lie­gen­den Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens. Das Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren ist kraft ver­fah­rens­recht­li­chen Zusam­men­hangs Unter­halts­sa­che und damit Fami­li­en­streit­sa­che im Sin­ne von § 112 Nr. 1 FamFG5. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Rege­lun­gen im Aus­lands­un­ter­halts­ge­setz sind gemäß § 2 AUG, § 113 Abs. 1 FamFG die zivil­pro­zes­sua­len Grund­sät­ze zur über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­rung anwend­bar, so dass die Rechts­hän­gig­keit in der Haupt­sa­che geen­det hat und nur noch über die Kos­ten zu ent­schei­den ist6. Ledig­lich ergän­zend ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass dies der Wir­kung ent­spricht, die § 22 Abs. 3 FamFG den über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­run­gen der Betei­lig­ten in einem Antrags­ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit zuord­net7.

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Aller­dings setzt die Anwen­dung der §§ 91 ff. ZPO und mit­hin auch die über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­rung im Sin­ne des § 91 a ZPO ein kon­tra­dik­to­ri­sches Ver­fah­ren vor­aus8. Ob daher in einem Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren wie dem vor­lie­gen­den, in dem das Gericht ers­ter Instanz gemäß § 58 AUG ohne Anhö­rung des Antrags­geg­ners ent­schei­det, eine wirk­sa­me über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­rung erst ab dem Zeit­punkt mög­lich ist, in dem der Über­gang in ein kon­tra­dik­to­ri­sches Ver­fah­ren erfolgt ist9, bedarf vor­lie­gend kei­ner wei­te­ren Erör­te­rung. Denn das ab dem Beschwer­de­rechts­zug ohne­hin gemäß §§ 43 Abs. 5, 59 f. AUG kon­tra­dik­to­risch aus­ge­stal­te­te Ver­fah­ren wur­de hier bereits vor dem Amts­ge­richt strei­tig geführt.

Die Kos­ten des Ver­fah­rens – ein­schließ­lich der­je­ni­gen der Vor­in­stan­zen10 – wareb im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren gemäß § 2 AUG iVm § 243 FamFG der Antrag­stel­le­rin aufzuerlegen.

Das Aus­lands­un­ter­halts­ge­setz ent­hält kei­ne spe­zi­el­len Kos­ten­vor­schrif­ten für den Fall der über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­rung. Ins­be­son­de­re stellt der gemäß § 57 iVm §§ 40 Abs. 1 Satz 4, 45 Abs. 4 Satz 2, 48 Abs. 3 Satz 2 AUG auf die Kos­ten des Ver­fah­rens in sämt­li­chen Rechts­zü­gen ent­spre­chend anwend­ba­re § 788 ZPO kei­ne der­ar­ti­ge Son­der­be­stim­mung bei einer über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­rung dar11. Denn ihm las­sen sich zum Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren kei­ne abschlie­ßen­den Maß­ga­ben für die Kos­ten­ent­schei­dung ent­neh­men. So setzt eine Kos­ten­tra­gungs­pflicht des Titel­schuld­ners neben der – in § 788 Abs. 1 ZPO gere­gel­ten – Not­wen­dig­keit der Kos­ten­ver­an­las­sung gemäß § 40 Abs. 2 AUG zusätz­lich vor­aus, dass der Antrag auf Voll­streck­bar­er­klä­rung zuläs­sig und begrün­det war.

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Gemäß § 2 AUG kom­men des­halb die kos­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Geset­zes über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit zur Anwen­dung. Da das Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren eine Unter­halts­sa­che im Sin­ne von § 112 Nr. 1 FamFG ist, gilt für die Kos­ten­ent­schei­dung – auch nach über­ein­stim­men­der Erle­di­gungs­er­klä­rung – die den §§ 113 Abs. 1 Satz 1 FamFG, 91 ff. ZPO vor­ge­hen­de spe­zi­el­le Bestim­mung des § 243 FamFG, wonach das Gericht über die Ver­tei­lung der Kos­ten des Ver­fah­rens auf die Betei­lig­ten nach bil­li­gem Ermes­sen ent­schei­det. Im Rah­men die­ser Ermes­sens­prü­fung sind jedoch die Rechts­ge­dan­ken zu berück­sich­ti­gen, die den ver­dräng­ten Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung zugrun­de lie­gen12.

Bei Anle­gung die­ser Maß­stä­be sind die Kos­ten des Ver­fah­rens aller Instan­zen der Antrag­stel­le­rin auf­zu­er­le­gen. Dabei kann dahin­ste­hen, wie die Kos­ten nach den Grund­sät­zen des § 91 a Abs. 1 ZPO und damit unter Berück­sich­ti­gung des bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stands des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens zu ver­tei­len wären13. Denn im vor­lie­gen­den Fall wird die vor­zu­neh­men­de Ermes­sens­ent­schei­dung maß­geb­lich durch die § 788 Abs. 3 ZPO zugrun­de­lie­gen­de recht­li­che Wer­tung geprägt14.

Gemäß § 788 Abs. 3 ZPO sind dem Schuld­ner die Kos­ten der Zwangs­voll­stre­ckung zu erstat­ten, wenn das Urteil, aus dem die Zwangs­voll­stre­ckung erfolgt ist, auf­ge­ho­ben wird. Die Vor­schrift beruht, wie der ver­gleich­ba­re § 717 Abs. 2 ZPO, auf dem all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken, dass der Gläu­bi­ger aus einem noch nicht end­gül­ti­gen Titel auf eige­ne Gefahr voll­streckt. Nach einer Auf­he­bung oder Ände­rung des nur vor­läu­fi­gen Titels soll der aus einer gleich­wohl bereits vom Gläu­bi­ger vor­ge­nom­me­nen Voll­stre­ckung fol­gen­de Scha­den des Schuld­ners auf­grund einer schul­d­un­ab­hän­gi­gen Risi­ko­haf­tung des Gläu­bi­gers aus­ge­gli­chen wer­den15. Mit­hin sol­len die Kos­ten der Zwangs­voll­stre­ckung aus einem für vor­läu­fig voll­streck­bar erklär­ten Urteil nicht dem Schuld­ner zur Last fal­len, soweit der Ver­ur­tei­lung durch das Rechts­mit­tel­ge­richt die Grund­la­ge ent­zo­gen wird. Der­ar­ti­ge Kos­ten sind dem Schuld­ner nicht nur zu erstat­ten, wenn sie bereits bei­ge­trie­ben wur­den, son­dern dür­fen bereits im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den16.

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Auf die Kos­ten des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens über­tra­gen bedeu­tet dies, dass dem Antrags­geg­ner als Titel­schuld­ner der aus­län­di­schen Ent­schei­dung kei­ne Kos­ten des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens zur Last fal­len sol­len, sofern dem Urteil, das für voll­streck­bar erklärt wer­den soll, durch das aus­län­di­sche Rechts­mit­tel­ge­richt die Grund­la­ge ent­zo­gen wird. Die­se gesetz­ge­be­ri­sche Wer­tung kommt auch hier zum Tra­gen, weil der Grund der über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­rung gera­de in der Auf­he­bung des Titels durch das aus­län­di­sche Rechts­mit­tel­ge­richt liegt. Da es sich bei § 788 Abs. 3 ZPO um eine grund­le­gen­de kos­ten­recht­li­che Risi­ko­zu­wei­sung für den Fall der Titel­auf­he­bung han­delt, die unab­hän­gig vom ursprüng­li­chen Erfolg des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­an­trags zu Las­ten des Titel­gläu­bi­gers ein­greift, schlägt die­se Wer­tung letzt­lich im vor­lie­gen­den Fall maß­geb­lich – und damit auch vor­ran­gig vor dem Kri­te­ri­um des Sach- und Streit­stands bis zur Titel­auf­he­bung – auf die nach § 243 FamFG zu tref­fen­de Ermes­sens­ent­schei­dung durch.

Des­halb ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen, nicht dem Antrags­geg­ner als Titel­schuld­ner, son­dern der Antrag­stel­le­rin als Titel­gläu­bi­ge­rin sämt­li­che Kos­ten des Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­rens aufzuerlegen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. März 2021 – XII ZB 102/​20

  1. vgl. dazu BGH Beschluss vom 07.05.2015 – I ZR 176/​12 4[]
  2. vgl. BGH Beschluss vom 15.01.2004 – IX ZB 188/​03 – ZVI 2004, 557, 558; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.01.2017 – XII ZR 69/​16 – ZfIR 2017, 272 Rn. 7 mwN[]
  3. ABl.2011 Nr. L 192 S. 51[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 27.05.2020 – XII ZB 102/​20 , FamRZ 2020, 1293 Rn. 5[]
  5. BGH, Beschluss vom 31.05.2017 – XII ZB 122/​16 FamRZ 2017, 1705 Rn. 12[]
  6. vgl. etwa BGH Beschluss vom 12.04.2011 – VI ZB 44/​10 – MDR 2011, 810 Rn. 5 mwN[]
  7. vgl. dazu etwa Keidel/​Sternal FamFG 20. Aufl. § 22 Rn. 29; BT-Drs. 16/​6308 S. 364 f.[]
  8. vgl. BGH Beschlüs­se vom 09.05.2007 – IV ZB 26/​06 , NJW 2007, 3721 Rn. 11 und BGHZ 170, 378 = NJW 2007, 2993 Rn. 7[]
  9. vgl. – zu § 6 Abs. 1 AVAG – BGH Beschluss vom 04.02.2010 – IX ZB 57/​09 , NJW-RR 2010, 571 Rn. 7 mwN[]
  10. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 09.06.2010 – XII ZR 183/​08 2[]
  11. vgl. BGHZ 170, 378 = NJW 2007, 2993 Rn. 4 ff. mwN zu § 91 a ZPO[]
  12. BGH, Beschluss vom 28.09.2011 – XII ZB 2/​11 , FamRZ 2011, 1933 Rn. 30[]
  13. vgl. dazu etwa BGH, Beschlüs­se vom 24.07.2019 – XII ZB 562/​18 , FamRZ 2019, 1800 Rn. 6; und vom 09.06.2010 – XII ZR 183/​08 2[]
  14. vgl. auch Wendl/​Dose Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 10. Aufl. § 9 Rn. 693[]
  15. vgl. BGH Beschluss vom 05.05.2011 – VII ZB 39/​10 NJW-RR 2011, 1217 Rn. 10 mwN[]
  16. BGH Beschluss vom 09.07.2014 – VII ZB 14/​14 , NJW-RR 2014, 1149 Rn. 13 mwN[]